Die Kinder von Wiesengrund · Band 9
Die Höhle, die verschwand
Eine Geschichte vom Zuhause — frei nach Gaston Bachelard
Dies ist ein Bilderbuch mit doppeltem Boden. Oben erzählt es leise von einem Jungen, dessen liebste Ecke im Haus — die Kammer unter der Treppe — einem Anbau weichen muss, und der danach in einem viel größeren Zimmer nicht mehr weiß, wo er hingehört. Darunter liegt ein Gedanke des Philosophen Gaston Bachelard: dass nicht die Quadratmeterzahl ein Zuhause ausmacht, sondern die kleinen Winkel darin — die Ecken, Höhlen und Verstecke, in denen die Einbildungskraft erst richtig Platz zum Wachsen findet. Das Buch zeigt davon bewusst nur einen Ausschnitt: eine Kammer, eine Decke, vier gezählte Schritte — nicht Bachelards ganzen Bilderreichtum aus Muschel, Nest, Schublade und Dachboden. Mehr dazu im Begleitteil „Zum Weiterdenken”.
Beim Vorlesen: Die Seite, auf der die Kammer unter den Werkzeugen der Bauleute verschwindet, und die Seite der schlaflosen ersten Nacht im neuen Zimmer sind die schwersten; lesen Sie dort langsam und lassen Sie die Stille stehen, die auch Paul aushalten muss. Niemand in dieser Geschichte handelt böswillig — gerade das macht Pauls Kummer so schwer zu erklären, auch für ihn selbst. Und wenn am Ende die Frage kommt, was einen Ort erst zu Hause macht, dann gehört sie dem Kind.
Zum Durchblättern














Wenn du an deinen liebsten kleinen Platz denkst — was macht ihn für dich zum sichersten Ort im ganzen Haus? Und glaubst du, du könntest so einen Platz auch woanders neu bauen, wenn du müsstest?
Zum Weiterdenken
Didaktische Idee
Ein Bilderbuch darüber, dass ein Zuhause nicht an der Größe eines Zimmers hängt, sondern an den kleinen, selbst bewohnten Winkeln darin — frei nach Gaston Bachelards „Poetik des Raumes” (1957).
Philosophischer Kern
Bachelard beschreibt das Haus sinngemäß als ersten Kosmos des Menschen: einen Ort, der die Träumerei beherbergt und den Träumenden beschützt. Sein zentraler Gedanke ist ein Paradox: Nicht die großen, offenen Räume geben dem Bewohnen seine Kraft, sondern die kleinsten — Ecken, Nischen, Nester, Muscheln, die Kammer unter der Treppe, die Schublade, der Winkel hinter dem Vorhang. Je enger und geschützter ein Raum ist, desto größer kann der Traum darin werden; diese Liebe zu geliebten Räumen nennt Bachelard „Topophilie”. Zuhause ist außerdem leiblich: Der Körper erinnert das erste Haus sein Leben lang — die Hand weiß noch, wo der Lichtschalter war, auch wenn der Kopf längst weiß, dass er dort nicht mehr ist. Wichtig für die Redlichkeit dieses Buches: Bachelard schreibt kein Erziehungsbuch für Kinder, sondern eine meditative, aus Dichtung und eigener Erinnerung gespeiste Philosophie für Erwachsene, deren Bilderfülle (Dachboden, Keller, Muschel, Vogelnest, Schublade) weit über eine einzelne Kammer hinausgeht. Das Buch übersetzt nur einen Ausschnitt dieses Denkens — den „Winkel” und die Wiedergewinnung von Enge — in eine erzählbare Geschichte. Paraphrase, kein Zitat.
Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte
| Maßstab | Figur | Kernanspruch | Aus dem Alltag | Denktradition |
|---|---|---|---|---|
| Zuhause als mehr Platz | Paul (und Papa) zu Beginn | Ein Zuhause wird besser, je größer und geräumiger es ist — ein neues, großes Zimmer muss ein Fortschritt sein. | Papas Begeisterung für den Anbau, in dem man Fußball spielen könnte. | Alltagsintuition; Wohnen als Quadratmeterfrage |
| Zuhause als Winkel der Träumerei | Die Kammer unter der Treppe | Nicht die Größe, sondern die bewohnbaren kleinen Ecken machen ein Haus zum Zuhause; je enger der Raum, desto größer kann der Traum darin sein. | Die Kammer unter der Treppe, in der Paul mit vier Schritten ein ganzes Königreich vermisst. | Gaston Bachelard, Poetik des Raumes (1957) |
| Wohnen als Grundzug des Menschseins | Das große neue Zimmer, in dem Paul nicht wohnt | Wohnen ist nicht bloß Unterkunft-Haben, sondern eine grundlegende Weise, wie der Mensch sich schonend bei den Dingen und in der Welt aufhält. | Pauls Unfähigkeit, sich im großen neuen Zimmer wirklich „aufzuhalten”, obwohl alle äußeren Bedingungen besser sind. | Martin Heidegger, Bauen Wohnen Denken (Vortrag 1951) |
| Zuhause als erlebter Raum | Pauls schlaflose erste Nacht | Räume sind nie neutral-geometrisch, sondern durch das Erleben strukturiert: Enge kann Geborgenheit geben, Weite kann beängstigen; das Haus ist der Mittelpunkt, von dem aus der Mensch die Welt ordnet. | Die schlaflose Nacht im zu großen, zu stillen neuen Zimmer. | Otto Friedrich Bollnow, Mensch und Raum (1963) |
| Zuhause als Anerkennung durch einen anderen Menschen | Opas wortloses Knien vor der Höhle | Ein Zuhause braucht nicht nur einen Raum, sondern auch die stille Anerkennung und Bindung durch einen anderen Menschen, der ohne Worte versteht. | Erst als Opa sich wortlos zu Pauls Decken-Höhle kniet, wird seine neue Ecke wirklich bewohnbar. | Zwischenmenschliche Grunderfahrung von stiller Anerkennung; bewusst ohne Denker-Etikett |
| Zuhause als gesellschaftlich hergestellter Raum (Gegenstimme) | Dass Paul überhaupt zwei Zimmer zur Verfügung hat | Räume sind nicht einfach da, damit man sie poetisch bewohnt — sie werden gesellschaftlich und wirtschaftlich hergestellt; wer arm ist oder keine sichere Wohnung hat, kann sich keinen Winkel einfach erträumen. | Nicht jedes Kind hat überhaupt eine Kammer unter der Treppe, geschweige denn ein zweites, neues Zimmer. | Henri Lefebvre, La production de l'espace (Die Produktion des Raums, 1974) |
| Zuhause als individuell verschiedenes Raumgefühl (Gegenstimme) | Ein Kind, das Enge fürchtet statt sie zu lieben | Nicht jedes Kind empfindet Enge als geborgen — manche Kinder erleben kleine, dunkle Räume eher als beängstigend; Bachelards Topophilie ist keine Regel für alle. | Paul liebt seine enge Kammer; ein anderes Kind könnte vor genau so einem Raum Angst haben. | Entwicklungspsychologische Beobachtung, kein einzelner Denker |
Leitfragen für das Gespräch
Zum Einstieg
- Was macht für dich ein Zimmer zu einem Zuhause — ist es die Größe, oder etwas anderes?
- Warum tut es Paul weh, dass die Kammer unter der Treppe verschwindet, obwohl er doch ein viel größeres Zimmer bekommt?
- Was macht Paul mit der Wolldecke am Schreibtisch — und warum hilft ihm das?
Zum Vertiefen
- Bachelard sagt, je kleiner ein Raum ist, desto größer kann der Traum darin werden. Kannst du das nachfühlen — warum könnte ein enger Ort manchmal mehr Sicherheit geben als ein weiter?
- Warum sucht Pauls Hand nachts nach einem Lichtschalter, der gar nicht mehr da ist? Was sagt das darüber, wie unser Körper sich Orte merkt?
- Niemand in der Geschichte handelt böse oder gemein. Warum ist Pauls Trauer trotzdem echt — und warum ist sie so schwer in Worte zu fassen?
Zum Streiten (ältere)
- Ist es kindisch, um ein kleines Zimmer zu trauern, wenn man dafür ein viel größeres bekommt? Oder ist der Kummer berechtigt?
- Der Philosoph Henri Lefebvre würde einwenden: Räume werden von Geld und Macht bestimmt, und nicht jedes Kind hat überhaupt eine Kammer zum Verlieren. Verändert das, wie du über Pauls Geschichte denkst?
- Hätten die Eltern etwas anders machen können — oder ist es unmöglich, jemandem im Voraus zu erklären, was ein Ort für einen anderen Menschen bedeutet?
- Braucht jeder Mensch einen eigenen kleinen Rückzugsort? Oder gibt es Menschen, denen Weite und Offenheit lieber sind als Enge?
Gestaffelte Aufgaben
Leicht — Male oder beschreibe deinen eigenen kleinen Winkel — einen Ort, an dem du dich besonders sicher fühlst. Wo ist er, und was macht ihn so besonders?
Mittel — Stell dir vor, Opa hätte als Kind auch so einen kleinen, geheimen Platz gehabt. Schreibe oder erzähle: Wie könnte sein Versteck ausgesehen haben, und was hätte er dort gemacht?
Bonus — Recherchiere Gaston Bachelards „Poetik des Raumes”. Erkläre in einem kurzen Text: Was meint Bachelard mit einem „Winkel”, der größer sein kann als eine ganze Wohnung? Und was unterscheidet sein Verständnis von Zuhause von der bloßen Wohnfläche in Quadratmetern?
Fächerübergreifende Anbindung
- Ethik/Philosophie: Zuhause, Raum und Geborgenheit; Bachelards Poetik des Raumes, Heideggers Begriff des Wohnens
- Deutsch: Sinnliches Erzählen von Verlust und Neuanfang; Motiv-Wiederholung (die vier Schritte) als erzählerisches Mittel
- Sachunterricht/Gesellschaftskunde: Wohnen, Umbauen und Familienalltag; wer hat überhaupt einen eigenen Rückzugsort? (Wohnverhältnisse, Kinderarmut)
- Kunst: Innenräume malen; Licht und Enge als Bildsprache; ein einzelner Farbakzent als Kontinuitätssymbol
- Religion: Rückzug, Stille und innere Sammlung; das Zuhause als Ort der Einkehr
Hintergrund für Lehrende
Gaston Bachelard
Bachelard war zunächst kein Dichter, sondern Wissenschaftsphilosoph: Jahrzehntelang untersuchte er, wie sich Physik und Chemie im 20. Jahrhundert von überholten Vorstellungen lösen mussten (u. a. „La formation de l'esprit scientifique”, 1938). Erst im letzten Drittel seines Werks wandte er sich einer ganz anderen Methode zu: der „Topoanalyse” — der systematischen Untersuchung der Schauplätze unseres intimen Lebens, wie er sie in der „Poetik des Raumes” (1957) betreibt. Statt Thesen zu beweisen, sammelt und liest er Bilder: Gedichte, Kindheitserinnerungen, Häuser. Ausgangspunkt ist dabei nicht das Argument, sondern die „Rêverie”, das wache Tagträumen, aus dem sich — anders als aus dem nächtlichen Traum — eine dichterische Bildwelt gewinnen lässt, die man mitfühlen kann, ohne sie wie ein Rätsel zu lösen. Diese Methode erklärt, warum Pauls Geschichte selbst kaum erklärt, sondern zeigt: Sie folgt Bachelards eigenem Weg, über ein einzelnes, konkretes Bild — eine Kammer, vier Schritte, eine raue Stelle im Holz — zum Gefühl vorzudringen, statt es zu benennen. Im ersten Kapitel der „Poetik des Raumes” beschreibt Bachelard zudem, dass der Körper das Elternhaus nie vergisst: Hand und Fuß erinnern sich an Türgriffe, Stufen und Schalter, lange nachdem der Verstand längst weiß, dass sie nicht mehr da sind — genau das Motiv, dem Pauls suchende Hand auf der leeren Wand (Seite 10) folgt. Wer dagegen die gesellschaftliche Seite des Beheimatetseins sucht — Wurzeln in Gemeinschaft, Herkunft und Verantwortung —, findet sie bei Simone Weil („L'Enracinement”, 1949); in dieser Reihe erzählt „An zwei Orten zu Hause” davon: dort das Ankommen zwischen zwei Orten, hier die stille Arbeit, mit der ein Kind einen einzigen Ort bewohnbar macht. (Paraphrase.)
Martin Heidegger
Martin Heidegger hielt 1951 den Vortrag „Bauen Wohnen Denken” (veröffentlicht 1954 in „Vorträge und Aufsätze”), in dem er Wohnen nicht als bloßes Haben-einer-Unterkunft versteht, sondern als einen Grundzug des Menschseins selbst: Der Mensch ist, indem er wohnt — das heißt, sich schonend bei den Dingen und in der Welt aufhält. Anders als Bachelards Poetik, die über Bilder und Erinnerung ins Gefühl vordringt, stellt Heidegger damit eine grundsätzlichere, ontologische Frage: nicht, wie sich ein Ort anfühlt, sondern was Sein und Wohnen überhaupt bedeuten. Bauen dient dem Wohnen, aber ein Gebäude allein macht noch kein Wohnen; erst die Art, wie ein Mensch sich an einem Ort aufhält, ihn pflegt und sich ihm anvertraut, macht ihn zum bewohnten Ort. Das erklärt, warum Paul im neuen, objektiv besseren Zimmer zunächst nicht „wohnt”, obwohl er darin schläft: Die äußere Unterkunft ist da, aber das innere Sich-Aufhalten fehlt noch. Erst als er sich unter der Wolldecke einen eigenen, kleinen Ort schafft, den er sich zu eigen macht, beginnt für ihn erneut, im heideggerschen Sinn, wirkliches Wohnen. Heideggers Text ist dicht, oft schwer zugänglich und in einem eigenwilligen Deutsch geschrieben; hier wird nur sein Grundgedanke — Wohnen als aktive, sorgende Beziehung zur Welt, nicht als passiver Besitz eines Raumes — behutsam paraphrasiert.
Otto Friedrich Bollnow
Der Pädagoge und Philosoph Otto Friedrich Bollnow unterscheidet in „Mensch und Raum” (1963) zwischen dem neutralen, geometrischen Raum der Physik und dem „erlebten Raum” des Menschen, der niemals gleichförmig ist: Manche Orte fühlen sich eng und geborgen an, andere weit und beängstigend, ganz unabhängig von ihrer tatsächlichen Größe in Quadratmetern. Das Haus ist für Bollnow der Mittelpunkt dieses erlebten Raums, von dem aus der Mensch die Welt überhaupt erst ordnet und sich in ihr orientiert; auch Schwellen und Türen — Übergänge zwischen drinnen und draußen — spielen bei ihm eine eigene Rolle. Für Paul erklärt dieser Gedanke präzise, warum sein neues, größeres Zimmer sich zunächst nicht wie ein Mittelpunkt, sondern wie eine leere, hallende Weite anfühlt: Der erlebte Raum hat sich nicht automatisch mit der gebauten Fläche mitvergrößert. Anders als Bachelards Bildersammlung aus Dichtung und Erinnerung oder Heideggers ontologische Seinsfrage verfährt Bollnow empirisch-beschreibend: Er beobachtet und ordnet systematisch, wie Menschen Räume tatsächlich erleben, ohne daraus eine Dichtungslehre oder eine Lehre vom Sein zu machen. Bollnows Werk ist damit ein eigenständiger phänomenologischer Entwurf, der Bachelards poetischeren Zugang um eine systematischere, pädagogisch orientierte Beschreibung ergänzt — alle drei Denker teilen aber die Grundüberzeugung, dass Wohnen zuerst eine Sache des Erlebens und erst danach eine Sache der Architektur ist. Alle Bezüge sind Paraphrase, kein wörtliches Zitat.
Henri Lefebvre
Der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre widerspricht in „La production de l'espace” (Die Produktion des Raums, 1974) einer rein gefühlsbetonten oder poetischen Raumphilosophie: Räume, so Lefebvre, fallen nicht einfach vom Himmel, damit Menschen sie sich träumend aneignen — sie werden gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch hergestellt, durch Baupläne, Eigentumsverhältnisse, Mieten und Macht. Wer arm ist, wohnungslos oder beengt zu mehreren in einem einzigen Zimmer lebt, kann sich nicht einfach eine Kammer unter der Treppe erträumen, wenn diese Kammer gar nicht existiert oder mit mehreren Menschen geteilt werden muss. Aus dieser Sicht bleibt Bachelards und Heideggers Denken — so wertvoll es für das Innenleben ist — blind für die Frage, wer sich einen eigenen Winkel überhaupt leisten kann. Für dieses Buch ist Lefebvres Einwand eine wichtige Erinnerung, keine Widerlegung: Pauls Kummer um seine Kammer ist echt, aber er hat das Glück, überhaupt zwei Räume zur Wahl zu haben. Die Frage, ob ein enger, geliebter Winkel ein Grundbedürfnis oder ein Privileg ist, lässt das Buch bewusst offen. Alle Bezüge sind Paraphrase, kein wörtliches Zitat.