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thauma. junior · Zuhause & die kleinen Winkel · Vorlesen ab ca. 7, Selbstlesen ab 9; Begleitmaterial Mittel-/Oberstufe.

Die Kinder von Wiesengrund · Band 9

Die Höhle, die verschwand

Eine Geschichte vom Zuhause — frei nach Gaston Bachelard

Dies ist ein Bilderbuch mit doppeltem Boden. Oben erzählt es leise von einem Jungen, dessen liebste Ecke im Haus — die Kammer unter der Treppe — einem Anbau weichen muss, und der danach in einem viel größeren Zimmer nicht mehr weiß, wo er hingehört. Darunter liegt ein Gedanke des Philosophen Gaston Bachelard: dass nicht die Quadratmeterzahl ein Zuhause ausmacht, sondern die kleinen Winkel darin — die Ecken, Höhlen und Verstecke, in denen die Einbildungskraft erst richtig Platz zum Wachsen findet. Das Buch zeigt davon bewusst nur einen Ausschnitt: eine Kammer, eine Decke, vier gezählte Schritte — nicht Bachelards ganzen Bilderreichtum aus Muschel, Nest, Schublade und Dachboden. Mehr dazu im Begleitteil „Zum Weiterdenken”.

Beim Vorlesen: Die Seite, auf der die Kammer unter den Werkzeugen der Bauleute verschwindet, und die Seite der schlaflosen ersten Nacht im neuen Zimmer sind die schwersten; lesen Sie dort langsam und lassen Sie die Stille stehen, die auch Paul aushalten muss. Niemand in dieser Geschichte handelt böswillig — gerade das macht Pauls Kummer so schwer zu erklären, auch für ihn selbst. Und wenn am Ende die Frage kommt, was einen Ort erst zu Hause macht, dann gehört sie dem Kind.

Zum Durchblättern

Alle 14 Doppelseiten – Bild und Vers.

Querformat 3:2, atmosphärisches Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, sichtbare Pinselspuren, feines Papierkorn, körnig und handgemalt; gedämpfte warme Erdtöne, niedrige Sättigung mit EINEM einzigen gesättigten Akzent: senfgelben Armstulpen an den Handgelenken, sonst keine zweite kräftige Farbe. Titelbild: ein etwa siebenjähriger Junge mit kurzem braunem, leicht zerzaustem Haar und offenem, sommersprossigem Gesicht (wenige Linien, KEINE Kulleraugen, kein Disney-Glanz) steht vor der halb geöffneten Haustür eines Wiesengrund-Hauses. Durch den Türspalt fällt warmes goldenes Licht auf eine niedrige, dreieckige Kammer unter der Treppe im Hintergrund — gerade zu erahnen: eine Taschenlampe an einem Nagel, ein Kissen, Kreidezeichnungen an der schrägen Wand. Der Junge trägt senfgelbe Armstulpen an beiden Handgelenken. Seelenvolle Stimmung, kein Vektor-/3D-/Render-Look.
Die Höhle, die verschwand Eine Geschichte vom Zuhause E I N B I L D E R B U C H · M I T P H I L O S O P H I S C H E M B E G L E I T M A T E R I A L
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; warme Erdtöne, EIN Akzent senfgelb (Pauls Armstulpen). Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Innenansicht der niedrigen, dreieckigen Kammer unter der Treppe: schräge Holzdecke, ein Kissen, eine Taschenlampe an einem Nagel, ein paar Kreidezeichnungen von Schiffen an der Wand. Paul duckt sich im Türrahmen, ein Fuß noch auf der untersten Stufe. Warmes, goldenes Lampenlicht im engen Raum. REIHEN-SUCHBILD: In der Ecke der Kammer, nahe der Taschenlampe, sitzt winzig, blass und fast weiß Theo, der Falter, kaum vom hellen Holz zu unterscheiden — kein Blickfang, nur für aufmerksame Augen.
Unter der Treppe im Haus in Wiesengrund war eine Kammer, so klein, dass Paul den Kopf einziehen musste. Von der Tür bis zur hintersten Ecke waren es genau vier Schritte — Paul hatte sie oft genug gezählt, um es auch im Dunkeln zu wissen. Drinnen roch es nach Holz und ein bisschen nach Staub, und die Decke war so schräg, dass nur er genau hineinpasste. Die Tür stand immer einen Spaltbreit offen.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; warme Erdtöne, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Paul sitzt mitten in der Kammer, Beine angezogen, die Taschenlampe wirft weiche, angedeutete Schattenformen an die schräge Decke — Umrisse von Schiffsmasten, Wellenlinien, einer kleinen Krone, nie real im Raum, nur als Schatten. Sein Gesicht konzentriert, glücklich, in sich gekehrt. Enger, warmer Bildausschnitt, viel Nähe.
Drinnen war die Kammer ein Schiff mit knarrendem Segel, eine Höhle tief unter dem Meer, ein Königreich, das nur ihm gehörte. Er kannte jede Ecke mit den Fingern, auch im Dunkeln: hier die raue Stelle im Holz, dort der Nagel, an dem die Taschenlampe hing. Draußen war die Welt groß und laut. Hier drinnen war sie genau richtig groß.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; warme Erdtöne, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Abendbrottisch im Wiesengrund-Haus: Paul, Mama und Papa sitzen zusammen, warmes Küchenlicht. Papa breitet begeistert die Arme aus, um die Größe des künftigen Zimmers zu zeigen. Mama streicht Paul übers Haar. Pauls Blick geht schräg zur halb offenen Tür unter der Treppe im Hintergrund; sein Lächeln ist da, aber sein Körper wirkt etwas angespannt.
Beim Abendessen erzählte Papa vom Anbau: ein neues, großes Zimmer sollte entstehen, mit einer neuen Treppe und ganz viel Platz. „Du bekommst ein viel schöneres Zimmer, Paul, so groß, dass du darin Fußball spielen könntest!”, sagte er und breitete die Arme aus. Mama lächelte und strich ihm übers Haar. Paul lächelte auch. Aber sein Blick ging zur Tür unter der Treppe, die einen Spalt offenstand.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; gedämpfte, helle Erdtöne mit Frühlingsanmutung, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Garten vor dem Wiesengrund-Haus. Paul, Mama, Papa und Opa (älterer Mann, grauer Schnurrbart, wollene Weste) stehen im Gras und blicken zur Hauswand hinauf, an der die Bauleute mit Kreide Linien markiert haben. Über dem Gartenzaun ist entsättigt und klein der Bolzplatz zu erahnen. Ruhige, helle, unaufgeregte Stimmung.
Am Samstag kam Opa dazu, und alle standen im Garten und schauten zum Haus hinauf, wo die Bauleute schon mit Kreide Linien an die Wand gemalt hatten. Die Luft roch nach Frühling und frisch gemähtem Gras. Irgendwo hinter der Hecke rief jemand vom Bolzplatz laut „Tor!”, ganz weit weg. Paul stand still und zählte im Kopf die Fenster, hinter denen seine Kammer lag.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; warme, etwas gedämpfte Erdtöne, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Letzter Abend in der Kammer: Paul kniet darin, eine Hand flach gegen die schräge Holzdecke gelegt, Augen halb geschlossen. Die Taschenlampe brennt noch, wirft weiches Licht; die Kreidezeichnungen an der Wand sind deutlich sichtbar, unberührt. Stille, konzentrierte, ein wenig wehmütige Stimmung, aber kein Weinen.
In den nächsten Tagen ging Paul jeden Abend noch einmal in die Kammer, auch wenn es nichts mehr zu tun gab. Er legte die flache Hand gegen die schräge Decke, dort, wo das Holz am wärmsten war. Er zählte im Dunkeln noch einmal die Schritte von der Tür bis zur hintersten Ecke — vier, genau vier. Die Taschenlampe ließ er an, so lange es ging. Am letzten Abend nahm er sie vom Nagel und legte sie zu seinen Buntstiften in die Schublade.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; staubige, kühlere Erdtöne, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Baustellen-Szene: Ein Teil der Wand unter der Treppe ist bereits offen, helle Ziegel- und Putzbrocken liegen im Bauschutt, feiner Staub in der Luft, ein Bauarbeiter im Hintergrund unscharf gemalt. Wo die Kammer war, ist jetzt eine offene, helle Lücke mit Blick auf den Rohbau der neuen Treppe. Paul steht am Rand des Flurs, etwas abseits, still, beobachtend. Die Erwachsenen im Hintergrund geschäftig, freundlich, nicht bedrohlich.
Dann kamen die Bauleute mit Werkzeug und Staub. Die Wand unter der Treppe fiel in großen, hellen Brocken, und wo die Kammer gewesen war, war plötzlich nur noch Licht und Luft und eine neue, breite Treppe im Rohbau. Die Bauleute lachten und klopften sich den Staub von den Ärmeln. Alle freuten sich. Nur Paul stand am Rand und sah zu, wie sein kleinstes Zimmer der Welt verschwand.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; helle, freundliche Erdtöne, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Pauls fertiges neues Zimmer: hell, groß, mit großem Fenster, noch recht leer. Mama dreht sich lachend mit ausgebreiteten Armen mitten im leeren Raum; Papa und Opa stehen lächelnd in der Tür. Paul läuft quer durch den leeren Raum, lächelt, aber seine Silhouette wirkt klein in dem großen hellen Raum.
Wochen später war der Anbau fertig. Pauls neues Zimmer war doppelt so groß wie das alte, mit einem großen Fenster und ganz viel Platz für alles. „Ist das nicht wunderbar?”, rief Mama und drehte sich einmal mitten im leeren Zimmer, die Arme weit ausgestreckt — als Kind, erzählte sie, habe sie sich immer ein Zimmer gewünscht, in das so viel Himmel passt. Opa nickte stolz. Paul lief einmal quer durch den Raum, von Wand zu Wand. Es war wirklich groß. Er lächelte, so gut er konnte.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; kühles Nachtblau mit viel leerem Raum, EIN Akzent senfgelb (blass im Dunkeln). Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Nachtszene im neuen Zimmer: Paul liegt wach im Bett, die Knie an die Brust gezogen, eine Hand flach auf der glatten Wand neben dem Bett. Nachtblaues, kühles Licht durchs große Fenster, der Raum wirkt leer und hallend, viel ungenutzter Raum um das Bett herum. Kein Nachtlicht in Reichweite, keine vertraute Textur in der Nähe.
Nachts, im Bett, lag Paul wach. Die Decke war so hoch, dass er sie kaum sehen konnte. Seine Hand tastete über die glatte, neue Wand neben dem Bett — nirgends eine raue Stelle, an der sie sich festhalten konnte. Der Raum war groß und still. Paul zog die Knie an und machte sich klein, so klein er konnte.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; kühle, ratlose Morgenstimmung, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Morgenszene: Mama sitzt auf der Bettkante, besorgt, fragend. Pauls Hand tastet suchend an der leeren Wand neben dem Bett, dort wo früher ein Lichtschalter gewesen wäre. Im Hintergrund lehnen ein neues Regal und ein neuer Sessel, unbenutzt, an der Wand. Pauls Gesicht ratlos, in sich gekehrt.
Am Morgen fragte Mama, ob ihm etwas fehle. Paul wusste es selbst nicht genau zu sagen. Seine Hand suchte im Dunkeln immer wieder die Stelle, an der früher der Lichtschalter gewesen war, obwohl er längst wusste, dass er dort nicht mehr war. Papa brachte ein neues Regal, einen neuen Sessel für die Ecke. Es half nichts. Das Zimmer blieb groß, und groß war nicht dasselbe wie zu Hause.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; warme, enger werdende Erdtöne, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Paul spannt eine dicke, sandfarbene Wolldecke vom Bettrand quer über den Schreibtisch bis zur Wand, sodass ein kleines, dunkles Zelt entsteht. Er kriecht gerade hinein, nur die Beine noch sichtbar. Nachmittagslicht im großen Zimmer draußen, warmes Dämmerlicht unter der Decke.
Eines Nachmittags nahm Paul die dicke Wolldecke von seinem Bett und spannte sie quer über den Schreibtisch, bis zur Wand. Darunter war es dunkel und eng, gerade groß genug für ihn. Er kroch hinein, zog die Knie an die Brust — und zum ersten Mal seit dem Wechsel ins neue Zimmer war eine Decke wieder nah genug, um sie mit der Hand zu berühren.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; warmes Taschenlampen-Gold im engen Dunkel, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Blick unter die Wolldecke: enger, warmer, von der Taschenlampe golden erleuchteter Raum, gerade groß genug für Paul. Er zeichnet mit einem Bleistift vier kurze Striche auf ein Blatt Papier, das auf seinen Knien liegt. Sein Gesicht konzentriert, ruhig, zum ersten Mal wieder zufrieden.
Er knipste seine Taschenlampe an, klein und golden im engen Dunkel, und zog mit einem Bleistift vier kurze Striche auf ein Blatt Papier — vier Schritte, von der einen Ecke zur anderen, genau wie früher. Es war nicht dieselbe Höhle. Aber unter der Decke, im engen, warmen Dunkel, fühlte es sich zum ersten Mal wieder nach etwas Bekanntem an.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; warmes, gedämpftes Abendlicht, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Opa kniet still vor der improvisierten Zelt-Decke am Schreibtisch, ohne zu sprechen, und schaut zu Paul hinein, der darunter hervorlugt. Mama steht in der Zimmertür im Hintergrund, eine Hand am Lichtschalter, ein stilles Lächeln. Das große Deckenlicht bereits aus, nur die Taschenlampe und ein Flurlicht leuchten.
Opa fand ihn dort, als er nach dem Abendessen noch einmal hereinschaute. Er kniete sich vor die Decke, ganz ohne zu fragen, warum, und blieb einfach eine Weile so, ohne ein Wort. Mama stand in der Tür und sah den beiden zu. Dann machte sie das große Deckenlicht aus und ließ die kleine Taschenlampe an.
Querformat 3:2, Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; ruhige, geborgene Nachttöne, EIN Akzent senfgelb. Figuren-Anker: kurzes braunes, leicht zerzaustes Haar, offenes sommersprossiges Gesicht. Paul schläft zusammengerollt unter der Wolldecke am Schreibtisch, die Taschenlampe neben ihm auf gedimmter Stufe. Durchs große Fenster im Hintergrund liegt ruhige Nacht über Wiesengrund. Die kleine Zelt-Höhle und das große, stille Zimmer sind beide im selben Bild zu sehen, wie zwei Maßstäbe nebeneinander. In der offenen Tür im Hintergrund steht still Papas Silhouette, eine Hand am Türrahmen, der Blick ruhig auf die schlafende Szene gerichtet — kein betonter Gesichtsausdruck, nur stille Anwesenheit. Ein einzelner warmer Lichtpunkt in der sonst dunklen Weite.
In dieser Nacht schlief Paul zum ersten Mal wieder tief, zusammengerollt unter der Wolldecke am Schreibtisch, die Taschenlampe warm neben sich auf leiser Stufe. Das große neue Zimmer lag still und weit um seine kleine Höhle herum. Direkt über seinem Gesicht hing die Decke so nah, dass er ihren warmen Geruch nach Wolle und ein wenig nach Dachboden roch, bis ihm die Augen zufielen. Später blieb Papa noch einen Moment leise in der offenen Tür stehen und sah zu ihm hinüber. Er sagte nichts. Gleich würde er ihn ins Bett hinübertragen. Noch nicht jetzt. Dann zog er die Tür behutsam bis auf einen Spalt zu — genau so, wie die Tür der alten Kammer immer einen Spalt offengestanden hatte. Und du? Glaubst du, jeder Mensch braucht so eine kleine, enge Ecke? Oder gibt es Menschen, die lieber viel Platz um sich haben?

Wenn du an deinen liebsten kleinen Platz denkst — was macht ihn für dich zum sichersten Ort im ganzen Haus? Und glaubst du, du könntest so einen Platz auch woanders neu bauen, wenn du müsstest?

θ · Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Zuhause & die kleinen Winkel

Didaktische Idee

Ein Bilderbuch darüber, dass ein Zuhause nicht an der Größe eines Zimmers hängt, sondern an den kleinen, selbst bewohnten Winkeln darin — frei nach Gaston Bachelards „Poetik des Raumes” (1957).

Philosophischer Kern

Bachelard beschreibt das Haus sinngemäß als ersten Kosmos des Menschen: einen Ort, der die Träumerei beherbergt und den Träumenden beschützt. Sein zentraler Gedanke ist ein Paradox: Nicht die großen, offenen Räume geben dem Bewohnen seine Kraft, sondern die kleinsten — Ecken, Nischen, Nester, Muscheln, die Kammer unter der Treppe, die Schublade, der Winkel hinter dem Vorhang. Je enger und geschützter ein Raum ist, desto größer kann der Traum darin werden; diese Liebe zu geliebten Räumen nennt Bachelard „Topophilie”. Zuhause ist außerdem leiblich: Der Körper erinnert das erste Haus sein Leben lang — die Hand weiß noch, wo der Lichtschalter war, auch wenn der Kopf längst weiß, dass er dort nicht mehr ist. Wichtig für die Redlichkeit dieses Buches: Bachelard schreibt kein Erziehungsbuch für Kinder, sondern eine meditative, aus Dichtung und eigener Erinnerung gespeiste Philosophie für Erwachsene, deren Bilderfülle (Dachboden, Keller, Muschel, Vogelnest, Schublade) weit über eine einzelne Kammer hinausgeht. Das Buch übersetzt nur einen Ausschnitt dieses Denkens — den „Winkel” und die Wiedergewinnung von Enge — in eine erzählbare Geschichte. Paraphrase, kein Zitat.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
Zuhause als mehr PlatzPaul (und Papa) zu BeginnEin Zuhause wird besser, je größer und geräumiger es ist — ein neues, großes Zimmer muss ein Fortschritt sein.Papas Begeisterung für den Anbau, in dem man Fußball spielen könnte.Alltagsintuition; Wohnen als Quadratmeterfrage
Zuhause als Winkel der TräumereiDie Kammer unter der TreppeNicht die Größe, sondern die bewohnbaren kleinen Ecken machen ein Haus zum Zuhause; je enger der Raum, desto größer kann der Traum darin sein.Die Kammer unter der Treppe, in der Paul mit vier Schritten ein ganzes Königreich vermisst.Gaston Bachelard, Poetik des Raumes (1957)
Wohnen als Grundzug des MenschseinsDas große neue Zimmer, in dem Paul nicht wohntWohnen ist nicht bloß Unterkunft-Haben, sondern eine grundlegende Weise, wie der Mensch sich schonend bei den Dingen und in der Welt aufhält.Pauls Unfähigkeit, sich im großen neuen Zimmer wirklich „aufzuhalten”, obwohl alle äußeren Bedingungen besser sind.Martin Heidegger, Bauen Wohnen Denken (Vortrag 1951)
Zuhause als erlebter RaumPauls schlaflose erste NachtRäume sind nie neutral-geometrisch, sondern durch das Erleben strukturiert: Enge kann Geborgenheit geben, Weite kann beängstigen; das Haus ist der Mittelpunkt, von dem aus der Mensch die Welt ordnet.Die schlaflose Nacht im zu großen, zu stillen neuen Zimmer.Otto Friedrich Bollnow, Mensch und Raum (1963)
Zuhause als Anerkennung durch einen anderen MenschenOpas wortloses Knien vor der HöhleEin Zuhause braucht nicht nur einen Raum, sondern auch die stille Anerkennung und Bindung durch einen anderen Menschen, der ohne Worte versteht.Erst als Opa sich wortlos zu Pauls Decken-Höhle kniet, wird seine neue Ecke wirklich bewohnbar.Zwischenmenschliche Grunderfahrung von stiller Anerkennung; bewusst ohne Denker-Etikett
Zuhause als gesellschaftlich hergestellter Raum (Gegenstimme)Dass Paul überhaupt zwei Zimmer zur Verfügung hatRäume sind nicht einfach da, damit man sie poetisch bewohnt — sie werden gesellschaftlich und wirtschaftlich hergestellt; wer arm ist oder keine sichere Wohnung hat, kann sich keinen Winkel einfach erträumen.Nicht jedes Kind hat überhaupt eine Kammer unter der Treppe, geschweige denn ein zweites, neues Zimmer.Henri Lefebvre, La production de l'espace (Die Produktion des Raums, 1974)
Zuhause als individuell verschiedenes Raumgefühl (Gegenstimme)Ein Kind, das Enge fürchtet statt sie zu liebenNicht jedes Kind empfindet Enge als geborgen — manche Kinder erleben kleine, dunkle Räume eher als beängstigend; Bachelards Topophilie ist keine Regel für alle.Paul liebt seine enge Kammer; ein anderes Kind könnte vor genau so einem Raum Angst haben.Entwicklungspsychologische Beobachtung, kein einzelner Denker

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Was macht für dich ein Zimmer zu einem Zuhause — ist es die Größe, oder etwas anderes?
  • Warum tut es Paul weh, dass die Kammer unter der Treppe verschwindet, obwohl er doch ein viel größeres Zimmer bekommt?
  • Was macht Paul mit der Wolldecke am Schreibtisch — und warum hilft ihm das?

Zum Vertiefen

  • Bachelard sagt, je kleiner ein Raum ist, desto größer kann der Traum darin werden. Kannst du das nachfühlen — warum könnte ein enger Ort manchmal mehr Sicherheit geben als ein weiter?
  • Warum sucht Pauls Hand nachts nach einem Lichtschalter, der gar nicht mehr da ist? Was sagt das darüber, wie unser Körper sich Orte merkt?
  • Niemand in der Geschichte handelt böse oder gemein. Warum ist Pauls Trauer trotzdem echt — und warum ist sie so schwer in Worte zu fassen?

Zum Streiten (ältere)

  • Ist es kindisch, um ein kleines Zimmer zu trauern, wenn man dafür ein viel größeres bekommt? Oder ist der Kummer berechtigt?
  • Der Philosoph Henri Lefebvre würde einwenden: Räume werden von Geld und Macht bestimmt, und nicht jedes Kind hat überhaupt eine Kammer zum Verlieren. Verändert das, wie du über Pauls Geschichte denkst?
  • Hätten die Eltern etwas anders machen können — oder ist es unmöglich, jemandem im Voraus zu erklären, was ein Ort für einen anderen Menschen bedeutet?
  • Braucht jeder Mensch einen eigenen kleinen Rückzugsort? Oder gibt es Menschen, denen Weite und Offenheit lieber sind als Enge?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Male oder beschreibe deinen eigenen kleinen Winkel — einen Ort, an dem du dich besonders sicher fühlst. Wo ist er, und was macht ihn so besonders?

Mittel — Stell dir vor, Opa hätte als Kind auch so einen kleinen, geheimen Platz gehabt. Schreibe oder erzähle: Wie könnte sein Versteck ausgesehen haben, und was hätte er dort gemacht?

Bonus — Recherchiere Gaston Bachelards „Poetik des Raumes”. Erkläre in einem kurzen Text: Was meint Bachelard mit einem „Winkel”, der größer sein kann als eine ganze Wohnung? Und was unterscheidet sein Verständnis von Zuhause von der bloßen Wohnfläche in Quadratmetern?

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik/Philosophie: Zuhause, Raum und Geborgenheit; Bachelards Poetik des Raumes, Heideggers Begriff des Wohnens
  • Deutsch: Sinnliches Erzählen von Verlust und Neuanfang; Motiv-Wiederholung (die vier Schritte) als erzählerisches Mittel
  • Sachunterricht/Gesellschaftskunde: Wohnen, Umbauen und Familienalltag; wer hat überhaupt einen eigenen Rückzugsort? (Wohnverhältnisse, Kinderarmut)
  • Kunst: Innenräume malen; Licht und Enge als Bildsprache; ein einzelner Farbakzent als Kontinuitätssymbol
  • Religion: Rückzug, Stille und innere Sammlung; das Zuhause als Ort der Einkehr

Hintergrund für Lehrende

Gaston Bachelard

Bachelard war zunächst kein Dichter, sondern Wissenschaftsphilosoph: Jahrzehntelang untersuchte er, wie sich Physik und Chemie im 20. Jahrhundert von überholten Vorstellungen lösen mussten (u. a. „La formation de l'esprit scientifique”, 1938). Erst im letzten Drittel seines Werks wandte er sich einer ganz anderen Methode zu: der „Topoanalyse” — der systematischen Untersuchung der Schauplätze unseres intimen Lebens, wie er sie in der „Poetik des Raumes” (1957) betreibt. Statt Thesen zu beweisen, sammelt und liest er Bilder: Gedichte, Kindheitserinnerungen, Häuser. Ausgangspunkt ist dabei nicht das Argument, sondern die „Rêverie”, das wache Tagträumen, aus dem sich — anders als aus dem nächtlichen Traum — eine dichterische Bildwelt gewinnen lässt, die man mitfühlen kann, ohne sie wie ein Rätsel zu lösen. Diese Methode erklärt, warum Pauls Geschichte selbst kaum erklärt, sondern zeigt: Sie folgt Bachelards eigenem Weg, über ein einzelnes, konkretes Bild — eine Kammer, vier Schritte, eine raue Stelle im Holz — zum Gefühl vorzudringen, statt es zu benennen. Im ersten Kapitel der „Poetik des Raumes” beschreibt Bachelard zudem, dass der Körper das Elternhaus nie vergisst: Hand und Fuß erinnern sich an Türgriffe, Stufen und Schalter, lange nachdem der Verstand längst weiß, dass sie nicht mehr da sind — genau das Motiv, dem Pauls suchende Hand auf der leeren Wand (Seite 10) folgt. Wer dagegen die gesellschaftliche Seite des Beheimatetseins sucht — Wurzeln in Gemeinschaft, Herkunft und Verantwortung —, findet sie bei Simone Weil („L'Enracinement”, 1949); in dieser Reihe erzählt „An zwei Orten zu Hause” davon: dort das Ankommen zwischen zwei Orten, hier die stille Arbeit, mit der ein Kind einen einzigen Ort bewohnbar macht. (Paraphrase.)

Martin Heidegger

Martin Heidegger hielt 1951 den Vortrag „Bauen Wohnen Denken” (veröffentlicht 1954 in „Vorträge und Aufsätze”), in dem er Wohnen nicht als bloßes Haben-einer-Unterkunft versteht, sondern als einen Grundzug des Menschseins selbst: Der Mensch ist, indem er wohnt — das heißt, sich schonend bei den Dingen und in der Welt aufhält. Anders als Bachelards Poetik, die über Bilder und Erinnerung ins Gefühl vordringt, stellt Heidegger damit eine grundsätzlichere, ontologische Frage: nicht, wie sich ein Ort anfühlt, sondern was Sein und Wohnen überhaupt bedeuten. Bauen dient dem Wohnen, aber ein Gebäude allein macht noch kein Wohnen; erst die Art, wie ein Mensch sich an einem Ort aufhält, ihn pflegt und sich ihm anvertraut, macht ihn zum bewohnten Ort. Das erklärt, warum Paul im neuen, objektiv besseren Zimmer zunächst nicht „wohnt”, obwohl er darin schläft: Die äußere Unterkunft ist da, aber das innere Sich-Aufhalten fehlt noch. Erst als er sich unter der Wolldecke einen eigenen, kleinen Ort schafft, den er sich zu eigen macht, beginnt für ihn erneut, im heideggerschen Sinn, wirkliches Wohnen. Heideggers Text ist dicht, oft schwer zugänglich und in einem eigenwilligen Deutsch geschrieben; hier wird nur sein Grundgedanke — Wohnen als aktive, sorgende Beziehung zur Welt, nicht als passiver Besitz eines Raumes — behutsam paraphrasiert.

Otto Friedrich Bollnow

Der Pädagoge und Philosoph Otto Friedrich Bollnow unterscheidet in „Mensch und Raum” (1963) zwischen dem neutralen, geometrischen Raum der Physik und dem „erlebten Raum” des Menschen, der niemals gleichförmig ist: Manche Orte fühlen sich eng und geborgen an, andere weit und beängstigend, ganz unabhängig von ihrer tatsächlichen Größe in Quadratmetern. Das Haus ist für Bollnow der Mittelpunkt dieses erlebten Raums, von dem aus der Mensch die Welt überhaupt erst ordnet und sich in ihr orientiert; auch Schwellen und Türen — Übergänge zwischen drinnen und draußen — spielen bei ihm eine eigene Rolle. Für Paul erklärt dieser Gedanke präzise, warum sein neues, größeres Zimmer sich zunächst nicht wie ein Mittelpunkt, sondern wie eine leere, hallende Weite anfühlt: Der erlebte Raum hat sich nicht automatisch mit der gebauten Fläche mitvergrößert. Anders als Bachelards Bildersammlung aus Dichtung und Erinnerung oder Heideggers ontologische Seinsfrage verfährt Bollnow empirisch-beschreibend: Er beobachtet und ordnet systematisch, wie Menschen Räume tatsächlich erleben, ohne daraus eine Dichtungslehre oder eine Lehre vom Sein zu machen. Bollnows Werk ist damit ein eigenständiger phänomenologischer Entwurf, der Bachelards poetischeren Zugang um eine systematischere, pädagogisch orientierte Beschreibung ergänzt — alle drei Denker teilen aber die Grundüberzeugung, dass Wohnen zuerst eine Sache des Erlebens und erst danach eine Sache der Architektur ist. Alle Bezüge sind Paraphrase, kein wörtliches Zitat.

Henri Lefebvre

Der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre widerspricht in „La production de l'espace” (Die Produktion des Raums, 1974) einer rein gefühlsbetonten oder poetischen Raumphilosophie: Räume, so Lefebvre, fallen nicht einfach vom Himmel, damit Menschen sie sich träumend aneignen — sie werden gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch hergestellt, durch Baupläne, Eigentumsverhältnisse, Mieten und Macht. Wer arm ist, wohnungslos oder beengt zu mehreren in einem einzigen Zimmer lebt, kann sich nicht einfach eine Kammer unter der Treppe erträumen, wenn diese Kammer gar nicht existiert oder mit mehreren Menschen geteilt werden muss. Aus dieser Sicht bleibt Bachelards und Heideggers Denken — so wertvoll es für das Innenleben ist — blind für die Frage, wer sich einen eigenen Winkel überhaupt leisten kann. Für dieses Buch ist Lefebvres Einwand eine wichtige Erinnerung, keine Widerlegung: Pauls Kummer um seine Kammer ist echt, aber er hat das Glück, überhaupt zwei Räume zur Wahl zu haben. Die Frage, ob ein enger, geliebter Winkel ein Grundbedürfnis oder ein Privileg ist, lässt das Buch bewusst offen. Alle Bezüge sind Paraphrase, kein wörtliches Zitat.