Zeitgenossen
Das Staunen hört bei der Antike nicht auf: Essays über die heutige Welt, gelesen mit denen, die am tiefsten darüber nachgedacht haben — tote Denker als Zeitgenossen.

Lob des Fleißes
Was gibt uns das Üben und Dranbleiben, das keine Abkürzung ersetzen kann?
In wenigen Wochen beginnt das neue Ausbildungsjahr, und das Handwerk wächst gegen den Trend: Während die künstliche Intelligenz die Schreibtischberufe nervös macht, gilt die Werkbank plötzlich wieder als Zukunftsort, und mancherorts melden sich spürbar mehr Jugendliche zur Lehre als im Vorjahr. Zugleich haben Forscher am MIT gemessen, dass ein Gehirn, das der Maschine das Schreiben überlässt, dabei merklich verstummt — „kognitive Schulden“ nennen sie, was sich da lautlos ansammelt. Es könnte also der Moment sein, ein verstaubtes Wort aus dem Regal zu nehmen und zu polieren: Fleiß — und zu fragen, was uns das Üben und Dranbleiben gibt, das keine Abkürzung ersetzen kann.

Ein Schweigen mit Anwalt
Kann Natur Träger von Rechten sein – oder verwechseln wir Schutz mit Personifizierung?

Ein Zehntel hinter dem Komma
Dürfen wir scharfe Grenzen ziehen, wo die Wirklichkeit nur ein Gefälle kennt – und wer trägt die Last, wenn ein einziges Korn über ein ganzes Leben entscheidet?

Die geliehene Stunde
Wem gehört unsere Zeit — und warum haben wir keine, obwohl wir ununterbrochen welche sparen?

Erzwungene Struktur
Ist die Mathematik etwas, das es gibt, ehe wir sie denken — eine Landschaft, die der Geist betritt und kartiert —, oder ist sie ein Bauwerk, das wir errichten, Stein für Stein, Setzung für Setzung? Und was, wenn diese ehrwürdige Alternative — entdeckt oder erfunden — gar keine echte ist, sondern ein Bild, das uns gefangen hält? Wohin müsste man blicken, um zu sehen, was sie verbirgt?

Auf den Schultern von Riesen
Warum lachen wir so leicht über das, was Menschen vor uns für wahr hielten, und nehmen die Wunder, die uns durch den Tag tragen – den Strom, die Impfung, das Wort, das in Sekunden um den Globus geht –, so achselzuckend hin, als stünden sie uns von Natur aus zu? Woher rührt die Sicherheit, mit der jede Gegenwart sich für den Gipfel hält, von dem aus alles Frühere im Halbdunkel liegt? Und was geschieht mit uns, wenn ein Ritus, ein Handwerk, ein Vers, den Generationen weitergaben, nur noch als Staub gilt, den man wegwischt – und nicht mehr als Stimme, die uns etwas zu sagen hätte?

Leben im Konjunktiv
Wer ist man, wenn man sich nicht festlegt? Ist die Eigenschaftslosigkeit – das Ich als offenes Projekt, das alle Türen offenhält – eine Freiheit oder eine Flucht? Und wie hält man das Mehrdeutige aus, ohne haltlos zu werden?

Der Sieger, der die Sache verlor
Eine Idee, die geteilt wird, wird nicht weniger, sondern mehr – kann man sie dann überhaupt „besitzen“? Und wenn der Streit ums Zuerst nicht der Wahrheit gilt, sondern dem Ruhm: Was sagt das über die Wissenschaft und über uns?

Wenn ich nur wollte
Was verbirgt der Satz, mit dem so viele kluge Köpfe ihr Leben aufschieben – „ich könnte ja, wenn ich nur wollte“? Polstert der Doktortitel bloß den Selbstwert, während das ewige Mögliche jede Entscheidung ersetzt, die nie fällt?

Das Zimmer, das man nie betritt
Wenn Algorithmen und KI die ersten Sekunden perfektionieren, um uns zu fesseln – sind wir dann noch Herren unserer Aufmerksamkeit, oder werden wir bewirtschaftet?

Sechshundertvierundzwanzig Versuche
Was macht ein Werk zur Kunst – die Schönheit, die Idee, oder der Mensch, der hinter ihm steht?

Die Pfähle, die blieben
Ist Eigentum ein heiliges Recht, ein nützliches Werkzeug – oder die erste große Ungerechtigkeit?

Der Mythos, der nie verlor
Was, wenn der Logos den Mythos nie besiegt hat — weil auch Wissenschaft, Nation, Geld und Fortschritt Erzählungen sind, ohne die wir keinen Tag überstehen?

Stiefel ohne Fuß
Was ist der Ursprung eines Kunstwerks — der Künstler, die Epoche, der Markt? Oder geschieht im Werk etwas, das niemandem gehört: Wahrheit?

Ein Fund, keine Erfindung
Wird Mathematik erfunden oder entdeckt?

Die Zahl, die niemand betrauert
Warum berührt ein einzelner Tod mit Gesicht tiefer als zwanzigtausend ohne — ist Mitgefühl an Sichtbarkeit gebunden, und welche Pflicht haben wir gegenüber Leid, das kein Bild wird?

Eine Fußnote, die lauter fragt
Was schulden wir den Tieren – und woran bemisst sich, wessen Leiden zählt?

Vor der Zellentür
Ist Strafe gerechte Vergeltung, nützliche Abschreckung – oder bloß die Fortsetzung der Macht mit anderen Mitteln?

Verwaltetes Sterben
Ist der selbstgewählte Tod der letzte Ausdruck menschlicher Freiheit – oder eine Grenze, die kein Mensch über sich ziehen darf?

Was den Nachbarn zum Feind macht
Warum zerfällt eine Nachbarschaft in Lager, die einander bekämpfen – und was, wenn überhaupt, kann den Frieden zwischen ihnen stiften?

Das vergessene Feuer. Über Pfingsten und die Frage, ob man eine Tradition bewahren kann, die man begründen muss
Was geht verloren, wenn ein Fest wie Pfingsten nur noch ein arbeitsfreier Tag ist – und ist die Verteidigung der Tradition mit Gründen nicht selbst schon das Zeichen, dass sie längst zerbrochen ist?

Das rostende Geländer
Trägt sich die Demokratie selbst – oder höhlt sie sich von innen aus?

Die Kinderkrankheit 67. Über ein Wort, das man teilt, ohne es zu meinen
Was geschieht, wenn ein Wort nur noch geteilt, aber nichts mehr gemeint wird – und ist der reine Unsinn vielleicht die reinste Form der Zugehörigkeit?

Die Glocke, die Prüfung und das Versprechen. Wozu noch Schule?
Wie steht es um unsere Schulen - und brauchen wir so etwas wie die Schule heute überhaupt noch?

Das Spiel spielt uns
Ist das Spiel bloßer Zeitvertreib – oder zeigt sich darin erst, wer wir sind?

Ein Echo ohne Stimme
Kann ein System Bedeutung verstehen – oder bleibt es bloße Syntax ohne Semantik?

Drei Schultern statt sechs
Nach welchem Maßstab verteilen wir Wohlstand und Lasten zwischen Jung und Alt, Arm und Reich?

Das scheue Tier
Braucht eine freie Gesellschaft eine geteilte Wirklichkeit – und wer verbürgt sie?

Kläger ohne Namen
Reicht unsere Verantwortung über unsere Lebenszeit hinaus?

Dressur, nicht Sicherheit
Macht uns ständige Beobachtung sicherer – oder verwandelt sie uns in fügsame Subjekte?

Das erste Wort über ein Leben
Ist die Verbesserung des Menschen Befreiung – oder Anmaßung über ein anderes Leben?

Brief von einer Großtante
Gibt es einen gerechten Krieg – und was schulden wir dem Frieden?

Tausend Folgende, ein Fremder
Sind wir in der vernetzten Welt einsamer denn je?

Der Gast, der zu früh kam
Brauchen wir die Arbeit – oder befreit uns ihr Ende?
Ein neuer Zeitgenosse erscheint, wenn es etwas zu sagen gibt.
Zum Lesen gibt es Musik → thauma.-Nocturnes
Und viermal im Jahr → Willemsens Jahreszeiten 2.0
Zugestellt
Ein Wort, wenn ein neuer Zeitgenosse erscheint — und viermal im Jahr, wenn eine Saison vorbei ist. Bis der E-Mail-Versand steht, trägt der RSS-Feed jede Ausgabe aus, ohne dass du eine Adresse hergeben musst.