Zum Inhalt springen
thauma.

Die philosophische Wochenzeitung von thauma.

Zeitgenossen

Geist & Maschine · Wahrheit & Öffentlichkeit · Macht & Gerechtigkeit · Mensch & Natur · Spiel & Sinn

Die Philosophie der Gegenwart – das Staunen hört bei der Antike nicht auf. Essays über die heutige Welt, gelesen mit denen, die am tiefsten darüber nachgedacht haben: tote Denker als Zeitgenossen. Ein neuer erscheint, wenn es etwas zu sagen gibt.

Wann wird aus Sand ein Haufen?
Macht & GerechtigkeitKW 37 · September 2026

Wann wird aus Sand ein Haufen?

Dürfen wir scharfe Grenzen ziehen, wo die Wirklichkeit nur ein Gefälle kennt – und wer trägt die Last, wenn ein einziges Korn über ein ganzes Leben entscheidet?

In diesen Spätsommerwochen fallen die Bescheide. An den Universitäten wird der Numerus clausus bekannt – und wer genau hinsieht, entdeckt, dass er gar keine feste Hürde ist, die von oben käme, sondern bloß die Note dessen, der als Letzter noch hineinkam: eine Linie, die erst hinterher gezogen wird, dort, wo die Plätze zu Ende sind. Wer 1,9 steht und die Grenze fällt auf 1,8, ist eine einzige Stelle hinter dem Komma auf der falschen Seite – und bleibt es. Zur selben Zeit streitet Europa über eine andere Linie: In Australien dürfen Kinder unter sechzehn seit vergangenem Dezember keine sozialen Netzwerke mehr betreten, das Europäische Parlament fordert dieselbe Grenze, ohne sie bislang zu ziehen – als wäre der Tag vor dem sechzehnten Geburtstag ein grundlegend anderer als der danach. Zwei Striche, an denen ganze Biografien hängen. Und unter ihnen, uralt und scheinbar harmlos, eine Frage, die die Griechen den Haufenschluss nannten: Wann wird aus Sand ein Haufen?

Mit:Bertrand RussellLudwig WittgensteinGottlob FregeAristotelesweiterlesen
Erzwungene Struktur
Geist & MaschineKW 36 · 2026

Erzwungene Struktur

Ist die Mathematik etwas, das es gibt, ehe wir sie denken — eine Landschaft, die der Geist betritt und kartiert —, oder ist sie ein Bauwerk, das wir errichten, Stein für Stein, Setzung für Setzung? Und was, wenn diese ehrwürdige Alternative — entdeckt oder erfunden — gar keine echte ist, sondern ein Bild, das uns gefangen hält? Wohin müsste man blicken, um zu sehen, was sie verbirgt?

Es hat sich etwas verschoben, leise, in den letzten Monaten, und wer es bemerkt, spürt einen Schauer, der älter ist als jede Schlagzeile. Künstliche Systeme bearbeiten inzwischen formale Probleme auf einem Niveau, das lange als ausschließlich menschlich galt — sie fügen Schluss an Schluss zu mehrschrittigen Beweisen, wie man es früher allein einem geübten Kopf zugetraut hätte. Zugleich erleben formale Beweisassistenten, Systeme, in denen jeder Schluss bis zur letzten logischen Schraube maschinell überprüfbar wird, einen stillen Boom: Mathematiker formalisieren ihre Sätze, damit eine Maschine sie Zeile für Zeile auf Lückenlosigkeit abklopft — und erfüllen damit, ohne es zu nennen, einen uralten Traum der Aufklärung, jenen von einer Sprache, in der sich Streitfragen nicht mehr durch Wortgefechte, sondern durch bloßes Rechnen entscheiden ließen. Und auch wenn man mit konkreten Triumphen vorsichtig sein muss, denn die Lage ändert sich schnell und vieles wird übertrieben — das Prinzipielle bleibt wahr: Die Tätigkeit, die uns als der reinste Akt des Geistes galt, das Beweisen, das zwingende Schließen aus dem Notwendigen, lässt sich offenbar in einem Mechanismus aus Silizium nachvollziehen, der nichts versteht und nichts staunt. Und damit kehrt eine uralte Frage mit neuer Dringlichkeit zurück, die man für eine müßige Schulstubenfrage halten konnte, solange nur Menschen Mathematik trieben: Wenn eine Maschine, die nichts meint, dieselben Wahrheiten findet — woher kommen diese Wahrheiten dann? Hat sie sie entdeckt, in einem Reich, das auch ohne uns bestünde? Oder hat sie nur ein Spiel zu Ende gespielt, dessen Regeln wir erfunden haben?

Mit:Kurt GödelDavid HilbertBertrand RussellLudwig WittgensteinGottlob FregeGottfried Wilhelm LeibnizWerner Heisenbergweiterlesen
Auf den Schultern von Riesen
Wahrheit & ÖffentlichkeitKW 35 · August 2026

Auf den Schultern von Riesen

Warum lachen wir so leicht über das, was Menschen vor uns für wahr hielten, und nehmen die Wunder, die uns durch den Tag tragen – den Strom, die Impfung, das Wort, das in Sekunden um den Globus geht –, so achselzuckend hin, als stünden sie uns von Natur aus zu? Woher rührt die Sicherheit, mit der jede Gegenwart sich für den Gipfel hält, von dem aus alles Frühere im Halbdunkel liegt? Und was geschieht mit uns, wenn ein Ritus, ein Handwerk, ein Vers, den Generationen weitergaben, nur noch als Staub gilt, den man wegwischt – und nicht mehr als Stimme, die uns etwas zu sagen hätte?

In der Schweiz hat man in jüngster Zeit das eigenständige Schulfach Geschichte verschwinden lassen – aufgelöst in das größere, glattere „Räume, Zeiten und Gesellschaften”; in St. Gallen weicht es einem Fach namens „Reflektiertes Denken”, als ließe sich Denken reflektieren, ohne zu wissen, woher man kommt. Es ist eine kleine Geste, fast eine Verwaltungsformalie, und gerade darin liegt ihre Genauigkeit: Sie zeigt eine Haltung, die sich für selbstverständlich hält. Dieselbe Haltung trägt die übrigen Zahlen des Jahres. Das Statistische Bundesamt meldete im März 2025 einen Rückgang der Studienanfänger in den Geisteswissenschaften um 22 Prozent in zwanzig Jahren, begleitet von einer schwindenden Lesekompetenz, die man halb spöttisch „TikTokisierung” nennt; der Berliner Senat strich 250 Millionen Euro aus dem Wissenschaftsetat, und die Freie Universität rechnet für 2026 mit einem konsumtiven Minus von 9,4 und einem investiven von 24,75 Prozent – es trifft, wie immer, die Fächer am härtesten, die keine Industrie-Drittmittel einwerben, ausgerechnet jene Geisteswissenschaften, deren Verankerung an den Technischen Universitäten einst eine bewusste Lehre aus der NS-Zeit war. Über all dem liegt der Ton, in dem die Gegenwart von sich spricht: Künstliche Intelligenz sei „here to stay”, werde dieses und jenes „ersetzen” – eine alternativlose Naturkraft, vor der man das Vergangene getrost abräumen darf. Es ist der Ton eines Erben, der das Vermögen ausgibt, ohne je gefragt zu haben, wer es erwirtschaftet hat.

Mit:Michel FoucaultHans-Georg GadamerAlfred North WhiteheadMichel de MontaigneBertrand RussellGottlob Fregeweiterlesen
Spiel & SinnKW 34 · August 2026

Leben im Konjunktiv

Wer ist man, wenn man sich nicht festlegt? Ist die Eigenschaftslosigkeit – das Ich als offenes Projekt, das alle Türen offenhält – eine Freiheit oder eine Flucht? Und wie hält man das Mehrdeutige aus, ohne haltlos zu werden?

Es gibt Bücher, die ihre eigentliche Zeit erst ein Jahrhundert später finden. Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1930 begonnen und nie vollendet, ist so eines. Sein Held Ulrich nimmt sich „ein Jahr Urlaub vom Leben“, weil er sich nicht festlegen will – kein Beruf, keine feste Meinung, keine Eigenschaft soll ihn fangen. Was 1930 die Diagnose eines untergehenden Kaiserreichs war, klingt heute wie eine Beschreibung von uns: Menschen, die ihr Ich als jederzeit revidierbares Projekt führen, zwischen Profilen und Rollen wechseln, alle Türen offenhalten – und zugleich eine Öffentlichkeit, die in immer härtere Lager der Eindeutigkeit zerfällt. Musil hat beides vorausgedacht. Die Frage, die sein Roman stellt, ist heute dringlicher denn je: Wer ist man, wenn man sich nicht festlegt?

Mit:Søren KierkegaardDavid HumeJean-Paul SartreMichel de MontaigneTheodor W. Adornoweiterlesen
Wahrheit & ÖffentlichkeitKW 33 · August 2026

Wem gehört eine Entdeckung?

Eine Idee, die geteilt wird, wird nicht weniger, sondern mehr – kann man sie dann überhaupt „besitzen“? Und wenn der Streit ums Zuerst nicht der Wahrheit gilt, sondern dem Ruhm: Was sagt das über die Wissenschaft und über uns?

Im Frühjahr dieses Jahres bestätigte das amerikanische Patentamt ein weiteres Mal, was die Forschung längst wusste: Die lukrativen Rechte an der Gen-Schere CRISPR liegen beim Broad Institute – während den Nobelpreis für Chemie 2020 zwei andere erhielten, Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier. Der Ruhm ging dahin, das Eigentum dorthin; beides ließ sich nicht versöhnen. Und in einem zweiten Streit haben die Gerichte letztinstanzlich entschieden, dass eine künstliche Intelligenz kein „Erfinder“ sein kann – Erfinden bleibe natürlichen Personen vorbehalten. Zwei moderne Urteile, eine sehr alte Frage, die der erste große Wissenschaftskrieg der Neuzeit schon mit aller Bitterkeit ausfocht: der zwischen Leibniz und Newton. Wem gehört eine Entdeckung?

Mit:Gottfried Wilhelm LeibnizFrancis BaconJohn LockeThomas HobbesGeorg Wilhelm Friedrich Hegelweiterlesen
Spiel & SinnKW 32 · August 2026

Wenn ich nur wollte

Was verbirgt der Satz, mit dem so viele kluge Köpfe ihr Leben aufschieben – „ich könnte ja, wenn ich nur wollte“? Polstert der Doktortitel bloß den Selbstwert, während das ewige Mögliche jede Entscheidung ersetzt, die nie fällt?

Dieser Sommer hat dem Phänomen einen Roman geschenkt: Eben ist bei Wagenbach Dario Ferraris „Die Pause ist vorbei“ erschienen, die Geschichte Marcellos, eines planlosen Geisteswissenschaftlers Anfang dreißig, der wie aus Versehen an ein Promotionsstipendium gerät. „Irgendwann ist jede Pause vorbei“, schreibt der Rezensent, „auch die, die man verlängerte Adoleszenz nennt und die gern und vor allem von geisteswissenschaftlichen Akademikern mittleren Rangs für sich in Anspruch genommen wird.“ Man kennt die Gestalt auch ohne Buch: promoviert, Mitte dreißig, im Beruf zuverlässig – und privat ein liebenswertes Chaos, das am Wochenende noch immer feiert, als wäre das Studium nie zu Ende gegangen. Über allem aber liegt ein Satz wie ein Kissen: Ich bin doch klug; wenn ich nur wollte, könnte ich alles. Die Frage, die unter ihm wartet, ist älter als jede Doktorprüfung: Was, wenn dieses „wenn ich wollte“ gar kein Wollen ist?

Mit:AristotelesSøren KierkegaardJean-Paul SartreFriedrich Nietzscheweiterlesen
Geist & MaschineKW 31 · Juli 2026

Wem gehören die ersten Sekunden?

Wenn Algorithmen und KI die ersten Sekunden perfektionieren, um uns zu fesseln – sind wir dann noch Herren unserer Aufmerksamkeit, oder werden wir bewirtschaftet?

Anfang Februar dieses Jahres hat die Europäische Kommission zum ersten Mal nicht ein Produkt, sondern eine Bauweise gerügt: Der Endlos-Feed von TikTok, urteilte sie, verstoße gegen das Digitale-Dienste-Gesetz – die unendliche Bahn, auf der der Daumen nie ankommt. Zugleich rüsten Meta, TikTok und YouTube ihre Werkzeuge auf, die ganze Reels samt „Hook“ erzeugen, jener ersten zwei, drei Sekunden, in denen sich entscheidet, ob wir bleiben; mehr als vier Millionen Werbetreibende lassen ihre Bilder inzwischen von generativer KI variieren, und für Ende 2026 plant Brüssel einen „Digital Fairness Act“ gegen „addictive design“. Die Frage, die unter dieser Gesetzesarbeit wartet, ist älter als jeder Algorithmus: Wem gehören die ersten Sekunden?

Mit:Theodor W. AdornoWalter BenjaminBlaise PascalAugustinus von Hippoweiterlesen
Spiel & SinnKW 30 · Juli 2026

Kann eine Maschine Kunst schaffen?

Was macht ein Werk zur Kunst – die Schönheit, die Idee, oder der Mensch, der hinter ihm steht?

Im März 2025 widmete Christie's zum ersten Mal in seiner Geschichte eine ganze Auktion ausschließlich Werken, die mit künstlicher Intelligenz erzeugt wurden; sie spielte mehr als 700.000 Dollar ein, beinahe die Hälfte der Bieter war jünger als vierzig. Im selben Jahr aber blieb der Bescheid des amerikanischen Copyright-Amts in Kraft, das einem preisgekrönten KI-Bild den Schutz verweigert hatte, weil ihm der menschliche Urheber fehle – sein Schöpfer focht die Verweigerung nun vor Gericht an. Und die ersten großen Plattenkonzerne, die Suno und Udio noch verklagt hatten, schlossen am Jahresende Frieden und Lizenzverträge mit ihnen. Wo das eine Haus zahlt, das andere die Urheberschaft bestreitet und das dritte sich arrangiert, drängt sich eine alte Frage in neuem Gewand auf: Kann eine Maschine Kunst schaffen?

Mit:Immanuel KantGeorg Wilhelm Friedrich HegelPlatonFriedrich Nietzscheweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 29 · Juli 2026

Wem gehört die Stadt?

Ist Eigentum ein heiliges Recht, ein nützliches Werkzeug – oder die erste große Ungerechtigkeit?

Während die Bodenpreise in den deutschen Großstädten seit Jahren davonziehen, wendet ein erheblicher Teil der Haushalte dort einen so großen Teil seines Einkommens fürs bloße Wohnen auf, dass kaum noch Luft bleibt. In Berlin nahm 2021 eine Mehrheit den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ an – ein Votum, das bis heute auf seine Einlösung wartet und über das seither um ein mögliches Vergesellschaftungs-Rahmengesetz gestritten wird. All das kreist um eine Frage, die so alt ist wie der erste Zaun: Wem, eigentlich, gehört die Stadt?

Mit:John LockeJean-Jacques RousseauKarl MarxAdam Smithweiterlesen
Mensch & NaturKW 28 · Juli 2026

Dürfen wir Tiere essen?

Was schulden wir den Tieren – und woran bemisst sich, wessen Leiden zählt?

Seit Jahren sinkt der Fleischkonsum in Deutschland langsam, doch beharrlich – während im Supermarktregal die pflanzlichen Alternativen wachsen und in Maastricht ein Unternehmen seinen Zulassungsantrag für kultiviertes Fleisch durch die europäischen Behörden zu schleusen versucht. Es ist, als rückte eine alte Gewissensfrage, lange in der Schublade des Sentimentalen verstaut, langsam ins Licht der Küche. Was eigentlich schulden wir den Tieren, die wir essen?

Mit:Jeremy BenthamImmanuel KantAristotelesArthur Schopenhauerweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 27 · Juli 2026

Warum strafen wir?

Ist Strafe gerechte Vergeltung, nützliche Abschreckung – oder bloß die Fortsetzung der Macht mit anderen Mitteln?

Über vierzig Prozent der aus deutschen Haftanstalten Entlassenen werden wieder straffällig, bei jungen Menschen liegt die Quote noch erheblich höher – und während unsere Rechtsordnung dem Strafvollzug die Resozialisierung zum Ziel setzt und das Bundesverfassungsgericht die bloße Vergeltung allenfalls als nachgeordneten Zweck gelten lässt, ruft die Politik regelmäßig nach härterem Wegsperren. Anderswo, in den Vereinigten Staaten, lockern einzelne Staaten – Maryland etwa – gerade ihre Strafgesetze und führen „second look“-Verfahren ein, mit denen lange Strafen nach Jahren noch einmal überprüft werden, weil sich die Härte als Abschreckung kaum bewährt hat. Hinter jeder dieser Zahlen, jeder dieser Reformen, steht eine Frage, die so alt ist wie die Mauer, die einen Menschen vom Rest der Welt trennt: Warum eigentlich strafen wir?

Mit:Immanuel KantJeremy BenthamMichel FoucaultFriedrich Nietzscheweiterlesen
Mensch & NaturKW 26 · Juni 2026

Gehört uns das eigene Sterben?

Ist der selbstgewählte Tod der letzte Ausdruck menschlicher Freiheit – oder eine Grenze, die kein Mensch über sich ziehen darf?

Sechs Jahre ist es nun her, dass das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe kippte und ein „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ in den Rang eines Grundrechts hob – und noch immer hat der Bundestag keine Nachfolgeregelung zustande gebracht; zwei Entwürfe scheiterten 2023, ein neuer Anlauf wird frühestens dieses Jahr abgestimmt. Derweil reisen Sterbewillige in die Schweiz, wo die Zahlen Jahr für Jahr steigen, und in Kanada streitet eine Kommission, ob auch der seelisch Leidende den Tod soll wählen dürfen. Hinter der zähen Gesetzesarbeit aber wartet eine Frage, die so alt ist wie die Philosophie selbst: Gehört uns das eigene Sterben?

Mit:SenecaImmanuel KantDavid HumeArthur SchopenhauerAlbert Camusweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 25 · Juni 2026

Was den Nachbarn zum Feind macht

Warum zerfällt eine Nachbarschaft in Lager, die einander bekämpfen – und was, wenn überhaupt, kann den Frieden zwischen ihnen stiften?

In der Nacht zum 10. Juni 2026 brannten in Belfast die Autos, und am Morgen kursierten im Netz Listen mit den Adressen von Migranten. Ausgelöst hatte alles ein Messerangriff zwei Tage zuvor: In der Kinnaird Avenue im Norden der Stadt wurde ein Mann in seinen Vierzigern, Stephen Ogilvie, so schwer verletzt, dass er ein Auge verlor; ein dreißigjähriger sudanesischer Asylbewerber wurde wegen versuchten Mordes angeklagt und in Untersuchungshaft genommen. Was als Trauer um ein Opfer begann, kippte binnen Stunden in die maskierte Menge, in brennende Häuser, verletzte Polizisten – und in die alte, nie ganz erloschene Frage: Wie wird aus dem Nachbarn ein Feind?

Mit:Thomas HobbesHannah ArendtGeorg Wilhelm Friedrich HegelJean-Jacques RousseauJohn Stuart Millweiterlesen
Spiel & SinnKW 24 · Juni 2026

Das vergessene Feuer. Über Pfingsten und die Frage, ob man eine Tradition bewahren kann, die man begründen muss

Was geht verloren, wenn ein Fest wie Pfingsten nur noch ein arbeitsfreier Tag ist – und ist die Verteidigung der Tradition mit Gründen nicht selbst schon das Zeichen, dass sie längst zerbrochen ist?

Es gibt unter den christlichen Hochfesten eines, das niemand mehr zu erklären weiß, und gerade darum sagt es am meisten über uns. Weihnachten hat sein Kind, seinen Stern, seinen Lichterglanz – Ostern wenigstens das Bild des leeren Grabes, einer Wiederkehr, die jeder versteht, der je einen Toten betrauert hat. Pfingsten aber, fünfzig Tage nach Ostern, hat nur Feuerzungen über den Köpfen verschreckter Männer und ein plötzliches Reden in fremden Sprachen, das die Menge auf der Straße für Trunkenheit hält. Es feiert, wenn man der Apostelgeschichte folgt, die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jünger, die Geburtsstunde der Kirche – aber fragt man heute am verlängerten Wochenende, was eigentlich gefeiert werde, so erntet man ein Schulterzucken und, mit Glück, das Wort „Heiliger Geist“, ausgesprochen wie eine Vokabel aus einer toten Sprache. Der Pfingstmontag ist arbeitsfrei, das weiß jeder; warum, das weiß fast keiner mehr. Man steht vor diesem Fest wie vor einem erloschenen Lagerfeuer, an dem noch die Asche liegt und die kreisförmige Anordnung der Steine, aber niemand mehr da ist, der sagen könnte, wozu man sich einst um diese Glut versammelte. Und in diesem Schulterzucken, harmloser als jeder Streit, öffnet sich die ganze große Frage: Was geben wir weiter, wenn wir Feste weitergeben – und merken wir den Verlust erst, wenn das Feuer schon aus ist?

Mit:Oswald SpenglerJohann Gottfried HerderHans-Georg GadamerImmanuel KantTheodor W. AdornoMax HorkheimerJürgen Habermasweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 24 · Juni 2026

Steht die Demokratie auf der Kippe?

Trägt sich die Demokratie selbst – oder höhlt sie sich von innen aus?

Im März dieses Jahres hat das schwedische V-Dem-Institut in seinem Demokratiebericht die Vereinigten Staaten zum ersten Mal seit über einem halben Jahrhundert von einer „liberalen" zu einer bloß „elektoralen" Demokratie herabgestuft – die Wahlen bleiben, der Schutz vor der Macht schwindet, und die Forscher nennen das Tempo dieses Abstiegs „beispiellos in der modernen Geschichte". Zur selben Zeit melden die US-Marshals, dass sich die ernsten Drohungen gegen Bundesrichter binnen weniger Jahre etwa verdoppelt haben, und eine Umfrage vom Januar findet 78 Prozent der Amerikaner, die ihre Demokratie ernsthaft bedroht sehen – quer durch die Lager, als ginge ein Riss durch das gemeinsame Haus. Man liest solche Zahlen an einem gewöhnlichen Morgen, und es ist, als richtete sich eine alte, fast verschämte Frage langsam wieder auf, eine Frage, die man für überwunden hielt: Trägt sich die Demokratie eigentlich selbst – oder höhlt sie sich, ganz ohne Panzer auf den Straßen, von innen aus?

Mit:PlatonMontesquieuJohn Stuart MillHannah Arendtweiterlesen
Spiel & SinnKW 23 · Juni 2026

Die Kinderkrankheit 67. Über ein Wort, das man teilt, ohne es zu meinen

Was geschieht, wenn ein Wort nur noch geteilt, aber nichts mehr gemeint wird – und ist der reine Unsinn vielleicht die reinste Form der Zugehörigkeit?

Es beginnt, wie alle Epidemien des Geistes, mit einem Husten, der nichts bedeutet. Ein Lehrer schlägt Seite siebenundsechzig auf, eine Matheaufgabe geht zufällig auf, und durch das Klassenzimmer rollt es: „Six – seven“, gedehnt, gesungen fast, begleitet von zwei offenen Handflächen, die in der Luft etwas Unsichtbares wiegen, als hielten sie zwei gleich schwere Nichtse gegeneinander. Im Oktober 2025 hat Dictionary.com diesen Laut zum Wort des Jahres gekürt – und dabei mit bemerkenswerter Aufrichtigkeit eingeräumt, dass man nicht zu sagen wisse, was er heiße: „bedeutungslos, allgegenwärtig, unsinnig“. Geboren aus einem Drill-Song des Rappers Skrilla, „Doot Doot (6 7)“, durchgereicht über einen Basketballer namens LaMelo Ball, der zufällig zwei Meter ein misst, und schließlich gezündet durch ein Kind, den „67 Kid“ Maverick Trevillian, der die Silben Ende März in eine Kamera brüllte. Skrilla selbst, der Urheber, hat es am schönsten gesagt: „Ich habe ihm nie eine Bedeutung gegeben, und ich möchte es auch nicht.“ Man steht davor wie vor einem Fieber, das ansteckt, ohne krank zu machen, und fragt sich, staunend, ob hier ein Sinn verloren geht – oder einer entsteht, den wir nur nicht mehr lesen können.

Mit:Ludwig WittgensteinAristotelesFriedrich NietzscheTheodor W. AdornoMax Horkheimerweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 23 · Juni 2026

Die Glocke, die Prüfung und das Versprechen. Wozu noch Schule?

Wie steht es um unsere Schulen - und brauchen wir so etwas wie die Schule heute überhaupt noch?

Es ist eine Zahl, die man nicht festlich verlesen, sondern nur betreten zur Kenntnis nehmen kann: Fast jeder dritte Fünfzehnjährige in Deutschland - dreißig Prozent - verfehlte bei der am 5. Dezember 2023 veröffentlichten PISA-Studie die Mindestanforderungen in Mathematik; das Land erreichte mit 475 Punkten den niedrigsten je gemessenen Wert, ein Verlust von rund einem ganzen Schuljahr binnen vier Jahren. Ein Jahr, einfach verdunstet. Man stelle sich das vor wie ein Klassenzimmer, in dem ein Drittel der Stühle besetzt ist und doch leer bleibt, in dem geläutet wird und niemand mehr recht weiß, wofür. Der IQB-Bildungstrend 2024 schreibt die Linie fort, nach unten, und über allem liegt jene alte, hartnäckige Wahrheit, dass in diesem Land noch immer die Herkunft mitschreibt, wenn ein Kind eine Prüfung schreibt. So sitzt man vor diesen Tabellen wie vor einem erloschenen Versprechen und fragt sich, leiser, als es die Bildungspolitik gern hätte: Wie steht es eigentlich um unsere Schulen - und brauchen wir so etwas wie die Schule heute überhaupt noch?

Mit:Michel FoucaultImmanuel KantHannah ArendtTheodor W. AdornoJean-Jacques Rousseauweiterlesen
Spiel & SinnKW 23 · Juni 2026

Warum ist uns ein Spiel so wichtig?

Ist das Spiel bloßer Zeitvertreib – oder zeigt sich darin erst, wer wir sind?

Am 11. Juni rollt in Mexico City der Ball, und mit ihm eine Maschinerie aus 3D-gescannten Spieleravataren, einer Abseitserkennung, die Zehn-Zentimeter-Margen ausmisst, und einer stabilisierten Kamera auf der Brust des Schiedsrichters, die uns sein Blickfeld auf die Stadionleinwand wirft. Achtundvierzig Mannschaften, drei Länder, neununddreißig Tage, in denen ein ganzer Kontinent den Atem anhalten wird – wegen eines Spiels. Aber warum eigentlich? Warum ist uns ausgerechnet das Spiel so wichtig, das doch, ehrlich besehen, um nichts geht?

Mit:Friedrich SchillerHans-Georg GadamerFriedrich NietzscheAristotelesweiterlesen
Geist & MaschineKW 22 · Juni 2026

Versteht die Maschine – oder rechnet sie nur?

Kann ein System Bedeutung verstehen – oder bleibt es bloße Syntax ohne Semantik?

Vom 2. August an greifen die Durchsetzungsbefugnisse des europäischen KI-Gesetzes, und im Mai hat Brüssel die eigenen Regeln im sogenannten Omnibus noch einmal entschlackt und Fristen verschoben; in San Francisco verspricht OpenAI für dieses Jahr den „KI-Forschungspraktikanten“, für 2028 den selbständig forschenden Apparat, während Dario Amodei in Davos die Schwelle zur Allzweck-Intelligenz schon in Sichtweite wähnt. Die Maschine antwortet flüssiger denn je, in ganzen Sätzen, mit dem Tonfall des Verstehens. Und genau da kehrt, mit neuer Dringlichkeit, eine alte Frage zurück: Versteht sie, was sie sagt – oder rechnet sie nur?

Mit:John SearleHilary PutnamLudwig Wittgensteinweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 22 · Juni 2026

Wer zahlt für wen?

Nach welchem Maßstab verteilen wir Wohlstand und Lasten zwischen Jung und Alt, Arm und Reich?

Am 5. Dezember hat der Bundestag das Rentenpaket beschlossen und das Niveau bis 2031 bei 48 Prozent festgeschrieben; im kommenden Juli steigen die Bezüge von gut 21 Millionen Rentnern um 4,24 Prozent, während der Beitragssatz, heute noch bei 18,6 Prozent, ab 2027 zu klettern beginnt – und während jüngere Unionsabgeordnete und Wirtschaftsweise vor einem Bruch der Generationengerechtigkeit warnen. Dahinter wartet, wie ein Gläubiger im Vorzimmer, die alte Frage: Wer zahlt eigentlich für wen?

Mit:John RawlsAdam SmithKarl Marxweiterlesen
Wahrheit & ÖffentlichkeitKW 21 · Mai 2026

Gibt es noch gemeinsame Fakten?

Braucht eine freie Gesellschaft eine geteilte Wirklichkeit – und wer verbürgt sie?

Im April 2025 hat Meta in den USA die unabhängige Faktenprüfung abgeschafft und durch „Community Notes“ ersetzt, jene gemeinschaftlich verfertigten Fußnoten, von denen das eigene Oversight Board inzwischen einräumt, dass sie der Desinformation zu langsam und zu lückenhaft begegnen. Und im Herbst zuvor hatten Deepfakes in Irlands Präsidentschaftswahl eine Schwelle berührt, jenseits derer das bloße Auge ins Wanken gerät: Ein gefälschtes Video ließ die spätere Siegerin ihren Rückzug verkünden, eingefasst in ein nachgebautes Nachrichtenstudio, in dem die geraubten Gesichter echter Sprecher das Erlogene „bestätigten“. Und wieder steht die alte, unbequeme Frage im Raum, diesmal ohne ihr gewohntes Echo: Gibt es noch gemeinsame Fakten?

Mit:Hannah ArendtMichel FoucaultJürgen HabermasFriedrich Nietzscheweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 20 · Mai 2026

Was schulden wir denen, die noch nicht geboren sind?

Reicht unsere Verantwortung über unsere Lebenszeit hinaus?

Im Mai 2026 fielen über Europa reihenweise Hitzerekorde, der deutsche Frühling war einer der wärmsten seit Messbeginn 1881, und in Karlsruhe wird noch in diesem Jahr ein neues Urteil über das Klimaschutzgesetz erwartet, während in New York über erste Resolutionen gerungen wird, die das ICJ-Gutachten von 2025 zur Generationengerechtigkeit politisch verbindlich machen sollen. Plötzlich klagen, urteilen, regieren wir im Namen von Menschen, die noch keinen Namen tragen. Und die alte Frage steht so nackt im Raum wie lange nicht: Was schulden wir denen, die noch nicht geboren sind?

Mit:John RawlsImmanuel KantHannah Arendtweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 19 · Mai 2026

Wie viel Sicherheit verträgt die Freiheit?

Macht uns ständige Beobachtung sicherer – oder verwandelt sie uns in fügsame Subjekte?

Anfang April lief die „freiwillige Chatkontrolle“ der EU aus, das Parlament ließ die Verlängerung im März scheitern – und doch wird über das dauerhafte Gesetz weiter verhandelt, während Bundesinnenminister Dobrindt für Bundespolizei und BKA die biometrische Suche im offenen Netz ausbauen will und die Gesichtserkennung der Behörden sich binnen eines Jahres vervielfacht hat. Im August greifen die nächsten Stufen des EU-AI-Acts, der das wahllose Auslesen von Gesichtern längst untersagt – während die Praxis ihm vorauseilt. Zwischen dem Versprechen, uns zu schützen, und der Geste, uns zu erfassen, stellt sich die alte Frage neu: Wie viel Sicherheit verträgt die Freiheit?

Mit:Jeremy BenthamMichel FoucaultThomas HobbesJohn Stuart Millweiterlesen
Mensch & NaturKW 18 · April 2026

Dürfen wir den Menschen verbessern?

Ist die Verbesserung des Menschen Befreiung – oder Anmaßung über ein anderes Leben?

In diesem Frühjahr haben gleich zwei junge Biotech-Firmen, Manhattan Genomics und Preventive, angekündigt, die Erbgut-Schere CRISPR an menschlichen Embryonen erproben zu wollen – an Embryonen also, die später Kinder, Erwachsene, Großeltern werden könnten. Zugleich verkaufen Startups wie Nucleus oder Herasight wohlhabenden Eltern „Polygen-Scores“, die Embryonen nach mutmaßlicher Intelligenz sortieren, und in den USA hat die Firma Life Biosciences die erste Erlaubnis erhalten, gealterte Zellen im lebenden Menschen wieder jünger zu programmieren – zunächst, um erblindenden Augen das Sehen zurückzugeben. Was als medizinisches Versprechen daherkommt, stellt eine sehr alte Frage neu: Dürfen wir den Menschen verbessern – und wer ist dann eigentlich „wir“?

Mit:Jürgen HabermasImmanuel KantFriedrich Nietzscheweiterlesen
Macht & GerechtigkeitKW 17 · April 2026

Kann ein Krieg gerecht sein?

Gibt es einen gerechten Krieg – und was schulden wir dem Frieden?

Im April hat das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI nachgezählt, und die Summe hat selbst die Auguren erschreckt: 2,89 Billionen Dollar gab die Welt 2025 für ihre Waffen aus, in Europa stieg der Posten um vierzehn Prozent, in Deutschland gar um ein Viertel – das Land, das ein halbes Jahrhundert lang von seiner Wehrhaftigkeit nichts wissen wollte, ist über Nacht zum größten Rüster des Kontinents geworden. Man redet wieder, fast beiläufig, von eigenen Atomwaffen für Europa und von Raketen, die weit über die Grenzen hinaus treffen. Und unter all den Haushaltszahlen und Prozentpunkten liegt, kaum ausgesprochen, eine sehr alte Frage, die plötzlich wieder atmet: Kann ein Krieg gerecht sein?

Mit:Augustinus von HippoThomas von AquinImmanuel Kantweiterlesen
Spiel & SinnKW 16 · April 2026

Vernetzt – und doch einsam?

Sind wir in der vernetzten Welt einsamer denn je?

Die Vodafone-Stiftung legte im Februar eine Studie mit dem schönen, traurigen Titel „Generation einsam?“ vor: Fast jeder zweite Jugendliche zwischen vierzehn und zwanzig nennt Einsamkeit eine alltägliche Last – und greift ausgerechnet zum Smartphone, um ihr zu entkommen. Eine US-Erhebung unter fast 65.000 Studierenden rechnete derweil vor, dass schon zwei Stunden täglich in den Netzwerken die Wahrscheinlichkeit erhöhen, sich verlassen zu fühlen, während Beratungsfirmen für 2026 die KI als Heilmittel gegen die Vereinzelung anpreisen. Man könnte meinen, nie sei ein Mensch weniger allein gewesen – und fragt sich doch: Sind wir in der vernetzten Welt einsamer denn je?

Mit:Blaise PascalSøren KierkegaardHannah Arendtweiterlesen
Geist & MaschineKW 15 · April 2026

Was wird aus uns, wenn die Maschinen die Arbeit übernehmen?

Brauchen wir die Arbeit – oder befreit uns ihr Ende?

Im Frühjahr 2026 las sich die Bilanz wie ein leises Beben: Knapp 50.000 Stellenstreichungen in den USA wurden in diesem Jahr ausdrücklich der künstlichen Intelligenz zugeschrieben, Block entließ viertausend von zehntausend Mitarbeitern, und die New Yorker Notenbank meldete, dass ausgerechnet junge Informatik-Absolventen mit sieben Prozent Arbeitslosigkeit dastehen — höher als der Durchschnitt, dem sie eigentlich entwachsen sollten. Während Sam Altman und Elon Musk schon das Grundeinkommen als Trostpflaster ausrufen, kippt die Statistik in eine ältere, beunruhigendere Frage. Brauchen wir die Arbeit — oder befreit uns ihr Ende?

Mit:Karl MarxHannah ArendtAdam Smithweiterlesen

Ein neuer Zeitgenosse erscheint, wenn es etwas zu sagen gibt.