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thauma. junior · Wissen & Ordnung · Bilderbuch zum gemeinsamen Lesen ab ca. 6; das philosophische Begleitmaterial (im PDF) richtet sich an Mittel- und Oberstufe.

Die Ordnung der Tiere

Wie jede Zeit die Welt neu sortiert

Dies ist ein Bilderbuch mit doppeltem Boden. Oben erzählt es warm und staunend von einem Kind, das seine Tiere ordnen will – und von einer alten Eule, die ihm zeigt, wie die Menschen die Tiere zu verschiedenen Zeiten ganz verschieden geordnet haben. Darunter aber steckt einer der schwierigsten Gedanken der neueren Philosophie: Michel Foucaults Einsicht, dass jede Epoche eine unsichtbare „Ordnung der Dinge“ hat, die im Voraus bestimmt, was überhaupt als Wissen und als wahr gelten kann.

Für das Kind trägt die Geschichte vor allem zweierlei: das Staunen („Menschen sahen die Welt einmal ganz anders!“) und einen Samen von Demut („auch wir könnten uns täuschen“). Das Buch fällt bewusst nicht in die Falle „früher irrten sie, heute wissen wir es“ – die früheren Ordnungen waren nicht dümmer, nur anders. Lesen Sie langsam; und wenn das Kind am Ende fragt, welche Ordnung denn nun stimmt, ist die ehrlichste Antwort die der Eule: dass die Tiere reicher sind, als ein einziges Netz sie je fangen kann. Der ausführliche philosophische Begleitteil findet sich im herunterladbaren PDF.

Zum Durchblättern

Alle 17 Doppelseiten – Bild und Vers.

Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 1).
Die Ordnung der Tiere Wie jede Zeit die Welt neu sortiert E I N B I L D E R B U C H · M I T P H I L O S O P H I S C H E M B E G L E I T M AT E R I A L
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 2).
Es gab einmal ein Kind, das die Tiere liebte – alle Tiere, die großen und die winzigen, die zottigen und die glatten. Eines Tages legte es alle seine Tiere vor sich hin und wollte sie ordnen. Doch je länger es schaute, desto schwerer fiel die Frage: Welche Tiere gehören eigentlich zusammen?
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 3).
Da ließ sich eine sehr alte Eule auf dem Fensterbrett nieder, mit einer kleinen runden Brille auf dem Schnabel. Sie hatte die Welt schon so lange angesehen, dass sie viele, viele Zeiten kannte. „Komm“, sagte sie und schlug ein großes, altes Buch auf, „ich zeige dir, wie die Menschen die Tiere früher geordnet haben.“
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 4).
In der ersten Zeit, sagte die Eule, ordneten die Menschen die Tiere danach, was sie ihnen bedeuteten. Hier die hilfreichen Tiere: das Rind, der Hund, die Biene. Dort die Tiere, vor denen man sich fürchtete: der Wolf, der Löwe. Und dort die heiligen Tiere, von denen man nur mit leiser Stimme sprach. hilfreich · gefürchtet · heilig
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 5).
„Aber ein Wolf und ein Löwe sind doch ganz verschieden!“, rief das Kind. „Für sie nicht“, sagte die Eule. „Für sie zählte nur: Wie steht das Tier zu uns Menschen? Und sie waren sich ganz sicher, dass dies die richtige Ordnung sei.“
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 6).
In einer anderen Zeit, blätterte die Eule weiter, stellten die Menschen alle Lebewesen auf eine einzige große Leiter – vom kleinsten Würmchen ganz unten bis hinauf zu den höchsten Tieren. Jedes hatte seine Sprosse. Und was einander ähnlich sah, das, glaubten sie, gehöre auch zusammen. Die Welt war wie ein großes Reimgedicht.
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 7).
„Das ist ja etwas völlig anderes als vorhin!“, staunte das Kind. Die Eule nickte. „Und auch diese Menschen waren sich vollkommen sicher, dass ihre Leiter die wahre Ordnung der Welt sei.“
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 8).
Wieder eine Zeit später, sagte die Eule, legten kluge Leute alle Tiere in eine riesige, ordentliche Tabelle. Sie sortierten nach dem, was man sehen konnte: Federn, Fell oder Schuppen? Wie viele Beine? Was für ein Schnabel, was für Zähne? Jedes Tier bekam einen Namen und ein sauberes Kästchen. Federn · Fell · Schuppen
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 9).
Dann schlug die Eule eine sehr sonderbare Seite auf. „In einem fernen, alten Buch“, sagte sie, „wurden die Tiere so geordnet: die Tiere, die dem Kaiser gehören. Die, die aus der Ferne wie Fliegen aussehen. Die, die gerade einen Krug zerbrochen haben.“ Das Kind musste so lachen, dass ihm die Tränen kamen. „Das ergibt doch gar keinen Sinn!“ „Und doch“, sagte die Eule leise, „war irgendwo irgendjemand ganz sicher.“ eine höchst sonderbare Ordnung
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 10).
Das Kind wurde nachdenklich. Jede Zeit hatte die Tiere anders geordnet. Und jede Zeit hatte ihre Ordnung für die einzig richtige gehalten.
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 11).
„Und wie ordnen wir die Tiere heute?“, fragte das Kind. „Heute“, sagte die Eule, „ordnet ihr nach dem, was man gerade nicht sehen kann: nach den Knochen im Innern und nach geheimen Stammbäumen – wer von wem abstammt. Darum sitzt bei euch der Wal neben der Kuh und der Vogel neben einer längst verschwundenen Echse, verbunden durch unsichtbare Fäden.“ Wer stammt von wem ab?
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 12).
„Dann ist DAS die richtige Ordnung!“, rief das Kind. „Die wahre! Endlich!“ Die Eule lächelte, wie nur sehr alte Eulen lächeln können.
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 13).
„Jede Zeit hält ihre Ordnung für die natürlichste der Welt.“
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 14).
„Auch die Menschen vor dir“, sagte die Eule, „waren so sicher wie du jetzt. Und ihre Ordnungen sehen heute überraschend aus, manche sogar zum Lachen. Dumm waren sie nie – sie sahen die Welt nur durch eine andere Ordnung. Und eines Tages wird ein Kind auf unsere Kästchen schauen und sich wundern, so wie du dich eben gewundert hast.“
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 15).
„Heißt das, keine Ordnung stimmt?“, fragte das Kind ein wenig erschrocken. „Nein“, sagte die Eule sanft. „Es heißt: Die Tiere sind reicher, als ein einziges Netz sie je fangen kann. Es gibt immer mehr als eine Art zu sehen, wie die Welt zusammengehört. Und das ist nicht traurig – das ist das Schönste daran.“
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 16).
„Dann“, sagte die Eule und klappte ihr Buch zu, „darfst du sie jetzt auf deine eigene Weise ordnen.“ Und das Kind ordnete die Tiere neu: die kuscheligen zu den kuscheligen, die mutigen zu den mutigen, und ganz nach vorn die, mit denen es am liebsten befreundet wäre.
Aquarell-Illustration aus dem Buch (Seite 17).
Als es einschlief, lagen die Tiere um es herum, in einer Ordnung, die es noch nie gegeben hatte. Und vielleicht – wer weiß – erfindet eines Tages ein anderes Kind eine Ordnung, die heute noch niemand sich vorstellen kann.

Wenn du alle Tiere der Welt ordnen müsstest – nach welcher Ordnung? Und was an unserem heutigen Wissen wird ein Kind in dreihundert Jahren wohl seltsam finden?

Didaktische Hinweise

So liest man dieses Buch

Lassen Sie das Kind zuerst selbst ordnen – ohne Vorgabe – und vergleichen Sie, wie viele verschiedene, jeweils sinnvolle Ordnungen entstehen. Drängen Sie am Ende nicht auf „die richtige“: Die Frage des Kindes „Stimmt dann gar nichts?“ beantwortet die Eule mit einem klaren Nein – die Wirklichkeit ist reicher als jede Ordnung, aber nicht beliebig. Besonders schön ist das Zukunfts-Spiel: Wie werden Kinder in dreihundert Jahren auf unsere Einteilungen blicken?

Drei Gesprächsimpulse danach:

  • Ordne selbst zehn Tiere – ganz ohne Vorgabe. Wie viele verschiedene, sinnvolle Ordnungen sind im selben Raum möglich?
  • Über die komische Kaiser-Tiere-Liste lachen wir. Was genau ist daran „falsch“ – und könnte unsere Ordnung einmal genauso komisch wirken?
  • Das Kind ruft: „Endlich die richtige Ordnung!“ Hat es recht?
  • Wenn jede Zeit anders ordnet – sind wir den früheren Menschen überlegen oder nur anders?
  • Wer entscheidet, in welche Schublade etwas – oder jemand – gehört, und mit welcher Macht?

Was Kinder hier üben:

Ordnen und Vergleichen; erkennen, dass es mehr als eine sinnvolle Ordnung gibt; Wandel von Fortschritt unterscheiden; staunen über fremde Sichtweisen – und die Demut, dass auch die eigene Ordnung eine Wahl ist.

Wichtig: nicht zu schnell auflösen. Ihr „Ich weiß es auch nicht – schön, oder?” ist die beste Antwort.