„Das größte Glück der größten Zahl“ klingt einleuchtend und ist es oft auch: Der Utilitarismus zählt jeden gleich und fragt nach Folgen statt nach Gewohnheiten. Sein bekanntester Einwand lautet, dass eine Summe sich nicht dafür interessiert, wie das Glück verteilt ist.
Diese Geschichte legt beides offen. Lene rechnet zuerst richtig und merkt dann, dass jede Rechnung eine Entscheidung darüber ist, was überhaupt gezählt wird. Dazu kommt ein Einwand, der aus keiner Theorie stammt, sondern von den Betroffenen: Wer Hilfe bekommt, wird sichtbar. Kant würde sagen, es geht um Würde. Die drei sagen es anders.
Zum Durchblättern












Haben die meisten immer recht?
Zum Weiterdenken
Didaktische Idee
Utilitaristisches Rechnen wird nicht widerlegt, sondern ausgeführt — bis an den Punkt, an dem sichtbar wird, dass die Wahl der Zählgrößen die eigentliche moralische Entscheidung ist. Verfahrensgerechtigkeit erscheint als Lösung, nicht Großzügigkeit.
Philosophischer Kern
Bentham: das größte Glück der größten Zahl; jeder zählt für einen. Mill: nicht nur Menge, auch Art des Glücks zählt. Kant: den Menschen nie bloß als Mittel. Rawls: Regeln so wählen, als wüsste man nicht, welchen Platz man einnimmt.
Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte
| Maßstab | Figur | Kernanspruch | Aus dem Alltag | Denktradition |
|---|---|---|---|---|
| Summe | Jeremy Bentham | Richtig ist, was insgesamt am meisten Nutzen stiftet. | 3 × Klassenfahrt wiegt schwerer als 28 × 14,70 Euro. | Klassischer Utilitarismus |
| Würde | Immanuel Kant | Niemand darf zum bloßen Posten in fremder Rechnung werden. | Fee will nicht Gegenstand einer Abstimmung sein. | Deontologie |
| Verfahren | John Rawls / Nima | Regeln vorher festlegen, ohne zu wissen, wen sie treffen — dann sind sie kein Almosen. | Der Tafelsatz, über den abgestimmt wird. | Gerechtigkeitstheorie |
Leitfragen für das Gespräch
Zum Einstieg
- Wie kommt Lene auf 14,70 Euro und auf 137,33 Euro?
- Warum ist ihr nach der ersten Abstimmung schlecht?
Zum Vertiefen
- Welche Größe fehlt in Lenes Rechnung — und warum lässt sie sich schlecht beziffern?
- Was unterscheidet die zweite Abstimmung von der ersten, obwohl wieder abgestimmt wird?
Zum Streiten (ältere)
- Darf eine Mehrheit über die Bedürfnisse einer Minderheit abstimmen?
- Ist es gerechter, allen gleich viel zu geben oder allen dasselbe zu ermöglichen?
Gestaffelte Aufgaben
Leicht — Rechnet beide Varianten mit eigenen Zahlen durch (Kassenstand, Klassengröße, Fahrtpreis) und formuliert in einem Satz, was eure Rechnung nicht erfasst.
Mittel — Schreibt eine Regel für eure Klassenkasse, die vor dem nächsten Bedarfsfall gilt. Testet sie an drei erfundenen Fällen.
Bonus — Vergleicht Wohltätigkeit und Rechtsanspruch am Beispiel von Bildungs- und Teilhabeleistungen: Warum bestehen Sozialstaaten auf Ansprüchen statt auf Spenden?
Fächerübergreifende Anbindung
- Ethik / Philosophie: Utilitarismus, Kants Würdeformel, Gerechtigkeitstheorien
- Sozialkunde / Politik: Mehrheitsprinzip, Minderheitenschutz, Sozialleistungen, Verfahren
- Mathematik: Verteilungsrechnungen, Prozente, Modellierung und ihre Grenzen
- Deutsch: Diskussion moderieren, Antrag formulieren, Protokoll
Hintergrund für Lehrende
Jeremy Bentham
1748–1832, Jurist und Sozialreformer. Sein Nutzenprinzip war fortschrittlich, weil es jeden gleich zählte — auch die, die in der Ständeordnung nicht zählten. Der Preis: Eine Summe verteilt nicht, sie addiert.
John Stuart Mill
1806–1873, schärfte den Utilitarismus, indem er zwischen höheren und niederen Freuden unterschied und den Schutz individueller Freiheit stark machte. In „Über die Freiheit“ warnt er ausdrücklich vor der „Tyrannei der Mehrheit“.
John Rawls
1921–2002. Sein Gedankenexperiment vom „Schleier des Nichtwissens“ fragt, welche Regeln man wählen würde, wenn man nicht wüsste, welchen Platz man in der Gesellschaft einnimmt. Nimas Vorschlag — Regel vorher, nicht Fall für Fall — ist genau dieser Gedanke in Klassenzimmergröße.
