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thauma. junior · Utilitarismus — größter Nutzen und seine VerteilungWiesengrund — sieben Jahre später · Band 10

Die Rechnung der Mehrheit

Sieben Jahre später · 412 Euro und drei Namen

„Das größte Glück der größten Zahl“ klingt einleuchtend und ist es oft auch: Der Utilitarismus zählt jeden gleich und fragt nach Folgen statt nach Gewohnheiten. Sein bekanntester Einwand lautet, dass eine Summe sich nicht dafür interessiert, wie das Glück verteilt ist.

Diese Geschichte legt beides offen. Lene rechnet zuerst richtig und merkt dann, dass jede Rechnung eine Entscheidung darüber ist, was überhaupt gezählt wird. Dazu kommt ein Einwand, der aus keiner Theorie stammt, sondern von den Betroffenen: Wer Hilfe bekommt, wird sichtbar. Kant würde sagen, es geht um Würde. Die drei sagen es anders.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: eine Kasse mit Scheinen und Münzen auf einem Klassenzimmertisch, daneben eine Liste mit Namen, im Hintergrund unscharf ein Stuhlkreis.
Die Rechnung der Mehrheit Sieben Jahre später · 412 Euro und drei Namen Wiesengrund — sieben Jahre später · Band 10
Schulflur mit Verkaufstisch, Jugendliche verkaufen Kuchen an jüngere Schüler, eine Kasse aus Blech.
Vierhundertzwölf Euro waren in der Kasse, und sie hatten sie selbst verdient: zwei Kuchenverkäufe, ein Flohmarkt, das Kaffeeausschenken beim Elternabend. Das Geld war für die Klassenfahrt gedacht. Genauer: Es sollte den Preis für alle senken. Vierhundertzwölf durch achtundzwanzig macht vierzehn Euro und siebzig Cent pro Person. Lene hatte es dreimal gerechnet und aufgeschrieben, weil sie Klassensprecherin war und weil ihr Zahlen ein gutes Gefühl gaben. Sie hatten immer eine eindeutige Antwort.
Lehrerzimmertür, ein Lehrer spricht leise mit einer Schülerin im Flur, beide ernst.
Am Donnerstag zog Herr Adam sie nach dem Unterricht kurz auf den Flur. „Drei aus der Klasse haben sich noch nicht angemeldet“, sagte er. „Es liegt am Geld. Ich sage keine Namen.“ Er sagte keine Namen. Lene wusste sie trotzdem, ungefähr, so wie alle in einer Klasse ungefähr alles wissen. „Die Kasse gehört euch“, sagte er. „Ihr könnt sie verteilen, wie ihr wollt. Ich würde nur darum bitten, dass ihr in Ruhe darüber redet.“ Auf dem Nachhauseweg rechnete Lene die zweite Möglichkeit: vierhundertzwölf durch drei. Hundertsiebenunddreißig Euro und dreiunddreißig Cent.
Nahaufnahme eines Rechenblatts: zwei Spalten mit Zahlen, eine Klammer, unten zwei unterstrichene Summen.
Sie schrieb beide Varianten untereinander. Variante A: alle bekommen 14,70. Der Preis sinkt von 195 auf 180,30. Für die drei bleibt es zu teuer. Variante B: die drei bekommen je 137,33. Sie können mitfahren. Für die anderen fünfundzwanzig ändert sich nichts. Sie sah es an und merkte, dass Variante A sich fair anfühlte und Variante B fair war, und dass sie nicht sagen konnte, warum das nicht dasselbe ist. Darunter schrieb sie eine dritte Zeile, die keine Rechnung war: Fragen, was die drei wollen.
Stuhlkreis im Klassenraum, viele Hände in der Luft, eine Schülerin steht vorn an der Tafel.
In der Klassenleiterstunde stellte sie beide Varianten vor, ohne Namen. Die Diskussion dauerte elf Minuten und war lauter, als sie erwartet hatte. „Wir haben das Geld alle zusammen verdient.“ — „Ja, aber wir fahren doch trotzdem.“ — „Wieso soll ich auf mein Geld verzichten?“ — „Es ist nicht dein Geld, es ist unseres.“ — „Genau, also durch achtundzwanzig.“ Dann stimmten sie ab: siebzehn für A, neun für B, zwei Enthaltungen. Lene schrieb die Zahlen an die Tafel und merkte, dass ihr schlecht war.
Schülerin allein am Küchentisch mit Taschenrechner und Buch, spätabends.
Zu Hause suchte sie nach etwas, das ihr die Rechnung abnimmt, und fand ein Kapitel über Utilitarismus. Jeremy Bentham, England, um 1800: Richtig ist, was das größte Glück der größten Zahl bewirkt. Jeder zählt für einen, niemand für mehr als einen. John Stuart Mill, sein Nachfolger, machte es komplizierter und besser: Es kommt nicht nur auf die Menge des Glücks an, sondern auf seine Art. Lene rechnete es nach Bentham durch: 28 Leute, die 14,70 sparen — oder 3 Leute, die überhaupt mitfahren. Sie brauchte keine Formel, um zu sehen, welche Summe größer ist. Für die einen ging es um einen Kinobesuch. Für die anderen um fünf Tage.
Nahaufnahme des Notizhefts: eine Skizze mit zwei Balken unterschiedlicher Höhe und einer Notiz am Rand.
Sie schrieb es auf und merkte beim Schreiben, dass sie etwas übersehen hatte. Die Rechnung zählte Euro. Sie zählte nicht, wie es ist, wenn alle wissen, wer die drei sind. Lene malte einen dritten Balken und wusste nicht, wie hoch er sein müsste. Beschämung hat keine Einheit. Am Rand notierte sie den Satz, der ihr in dem Kapitel aufgefallen war, von Kant, den sie eigentlich gar nicht gelesen hatte: dass man Menschen niemals bloß als Mittel behandeln soll, sondern immer zugleich als Zweck. Sie war sich nicht sicher, ob das hier passte. Sie ahnte nur, dass es um dasselbe ging.
Schulhof, zwei Mädchen sprechen unter vier Augen an einem Zaun, eine hat die Arme verschränkt.
Am Freitag sprach sie Fee an, unter vier Augen, was schwerer war, als sie gedacht hatte. „Ich weiß, dass es um dich geht, unter anderem. Ich will nicht über dich reden, ohne dich zu fragen.“ Fee sah sie an. „Und jetzt?“ „Was wäre dir lieber?“ „Dass keiner es weiß.“ Fee zog die Ärmel über die Hände. „Ich fahr lieber nicht mit, als dass die ganze Klasse abstimmt, ob sie mich mitnimmt.“ Lene nickte. Sie hatte sich vorgestellt, wie erleichtert Fee sein würde. Stattdessen stand sie vor jemandem, der lieber verzichtete, als vorgeführt zu werden, und musste ihre ganze schöne Rechnung noch einmal von vorn anfangen.
Klassenzimmer, eine Schülerin schreibt drei Varianten an die Tafel, im Vordergrund unscharf ein Rollstuhlreifen.
Nima half ihr, ohne dass sie ihn darum gebeten hatte. „Das Problem ist nicht die Rechnung“, sagte er. „Das Problem ist die Abstimmung. Wenn ihr abstimmt, ob jemand Hilfe kriegt, muss der Betroffene sich hinstellen und darauf warten. Das ist die Demütigung, nicht das Geld.“ Er wusste, wovon er redete. In der fünften Klasse hatte die Klasse abgestimmt, ob man den Ausflug ändert, damit er mitkann. „Und was dann?“, sagte Lene. „Regel vorher machen. Nicht Fall für Fall.“ Er zuckte mit den Schultern. „Dann ist es kein Almosen, sondern wie es eben ist.“
Zweite Abstimmung im Stuhlkreis, an der Tafel steht eine kurz formulierte Regel, mehrere Hände sind oben.
In der nächsten Klassenleiterstunde stand kein Name an der Tafel und keine Variante A oder B. An der Tafel stand ein Satz: Aus der Klassenkasse wird zuerst der Betrag gedeckt, der nötig ist, damit alle mitfahren können. Was übrig bleibt, wird durch alle geteilt. Sie stimmten ab: zweiundzwanzig dafür, vier dagegen, zwei Enthaltungen. Die vier, die dagegen waren, sagten ehrlich, warum, und Lene fand das besser als die Enthaltungen. Wer das Geld bekam, erfuhr niemand. Herr Adam wickelte es über das Sekretariat ab. Am Ende blieben 6,40 Euro pro Person übrig, was ungefähr für ein Eis reichte.
Klassenfahrt: eine Gruppe Jugendlicher auf einer Fähre oder am Ufer, Wind, niemand steht am Rand.
Auf der Fahrt war Fee dabei, und niemand redete darüber, und das war der ganze Punkt. Lene hat trotzdem weiter gerechnet, weil sie es nicht lassen kann. Sie weiß jetzt, dass eine Rechnung eine Behauptung darüber ist, was zählt — und dass die eigentliche Entscheidung schon getroffen ist, wenn man festlegt, welche Spalten es gibt. Auf der Rückfahrt fragte Nima, ob sie im nächsten Jahr wieder Klassensprecherin machen wolle. „Ja“, sagte sie. „Aber ich stell nicht mehr zwei Varianten zur Wahl, bevor ich mit denen geredet hab, um die es geht.“ Das ist, fand Nima, das Klügste, was in dieser Klasse seit Langem jemand gesagt hat.
Sehr helle, fast leere Seite: ein Blatt Papier mit einer einzigen Zeile Zahlen und einem Bleistiftstrich darunter; auf dem Blatt sitzt ein blasser, fast weißer Falter.
Und du? Wenn ihr das nächste Mal abstimmt: Wer ist von der Entscheidung am stärksten betroffen — und wurde er vorher gefragt? Und was zählt eure Rechnung nicht mit?

Haben die meisten immer recht?

Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Utilitarismus — größter Nutzen und seine Verteilung

Didaktische Idee

Utilitaristisches Rechnen wird nicht widerlegt, sondern ausgeführt — bis an den Punkt, an dem sichtbar wird, dass die Wahl der Zählgrößen die eigentliche moralische Entscheidung ist. Verfahrensgerechtigkeit erscheint als Lösung, nicht Großzügigkeit.

Philosophischer Kern

Bentham: das größte Glück der größten Zahl; jeder zählt für einen. Mill: nicht nur Menge, auch Art des Glücks zählt. Kant: den Menschen nie bloß als Mittel. Rawls: Regeln so wählen, als wüsste man nicht, welchen Platz man einnimmt.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
SummeJeremy BenthamRichtig ist, was insgesamt am meisten Nutzen stiftet.3 × Klassenfahrt wiegt schwerer als 28 × 14,70 Euro.Klassischer Utilitarismus
WürdeImmanuel KantNiemand darf zum bloßen Posten in fremder Rechnung werden.Fee will nicht Gegenstand einer Abstimmung sein.Deontologie
VerfahrenJohn Rawls / NimaRegeln vorher festlegen, ohne zu wissen, wen sie treffen — dann sind sie kein Almosen.Der Tafelsatz, über den abgestimmt wird.Gerechtigkeitstheorie

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Wie kommt Lene auf 14,70 Euro und auf 137,33 Euro?
  • Warum ist ihr nach der ersten Abstimmung schlecht?

Zum Vertiefen

  • Welche Größe fehlt in Lenes Rechnung — und warum lässt sie sich schlecht beziffern?
  • Was unterscheidet die zweite Abstimmung von der ersten, obwohl wieder abgestimmt wird?

Zum Streiten (ältere)

  • Darf eine Mehrheit über die Bedürfnisse einer Minderheit abstimmen?
  • Ist es gerechter, allen gleich viel zu geben oder allen dasselbe zu ermöglichen?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Rechnet beide Varianten mit eigenen Zahlen durch (Kassenstand, Klassengröße, Fahrtpreis) und formuliert in einem Satz, was eure Rechnung nicht erfasst.

Mittel — Schreibt eine Regel für eure Klassenkasse, die vor dem nächsten Bedarfsfall gilt. Testet sie an drei erfundenen Fällen.

Bonus — Vergleicht Wohltätigkeit und Rechtsanspruch am Beispiel von Bildungs- und Teilhabeleistungen: Warum bestehen Sozialstaaten auf Ansprüchen statt auf Spenden?

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Utilitarismus, Kants Würdeformel, Gerechtigkeitstheorien
  • Sozialkunde / Politik: Mehrheitsprinzip, Minderheitenschutz, Sozialleistungen, Verfahren
  • Mathematik: Verteilungsrechnungen, Prozente, Modellierung und ihre Grenzen
  • Deutsch: Diskussion moderieren, Antrag formulieren, Protokoll

Hintergrund für Lehrende

Jeremy Bentham

1748–1832, Jurist und Sozialreformer. Sein Nutzenprinzip war fortschrittlich, weil es jeden gleich zählte — auch die, die in der Ständeordnung nicht zählten. Der Preis: Eine Summe verteilt nicht, sie addiert.

John Stuart Mill

1806–1873, schärfte den Utilitarismus, indem er zwischen höheren und niederen Freuden unterschied und den Schutz individueller Freiheit stark machte. In „Über die Freiheit“ warnt er ausdrücklich vor der „Tyrannei der Mehrheit“.

John Rawls

1921–2002. Sein Gedankenexperiment vom „Schleier des Nichtwissens“ fragt, welche Regeln man wählen würde, wenn man nicht wüsste, welchen Platz man in der Gesellschaft einnimmt. Nimas Vorschlag — Regel vorher, nicht Fall für Fall — ist genau dieser Gedanke in Klassenzimmergröße.