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thauma. junior · Gerechtigkeit · ab 5

Das Flötenproblem

Ein Bilderbuch über Gerechtigkeit

Es gibt Fragen, die ein Kind früher versteht als mancher Erwachsene – und die Gerechtigkeit ist eine davon. Lange bevor wir Wörter wie „Anspruch" oder „Verteilung" lernen, spüren wir, wann etwas unfair ist; dieses kleine, untrügliche Radar ist von Anfang an da.

„Das Flötenproblem" nimmt dieses Gespür ernst. Drei Tiere finden eine Flöte, und jedes hat einen guten Grund, sie zu behalten – die eine hat sie gebaut, die andere kann auf ihr spielen, die dritte besitzt sonst gar nichts. Drei Gründe, alle warm, keiner überstrahlt die anderen. Das Buch entscheidet nicht; es lässt die Frage offen. In der Tradition von Amartya Sens berühmtem Flötenbeispiel.

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Alle 18 Doppelseiten – Bild und Vers.

Lichtung mit altem Ahornbaum, drei Tiere von fern.
Ein alter Ahorn steht im Hain und blickt ins muntre Spiel hinein. Er raschelt sacht und merkt genau, was heute kommt: ein Flötenbau.
Im Gras glänzt eine schlanke Flöte.
Im weichen Gras, im kühlen Klee, da liegt ein Rohr, so hell wie Schnee. So schlank, so glatt, so wunderhell, es schimmert wie ein klarer Quell.
Drei Tiere laufen herbei, Augen weit.
Drei Tiere laufen schnell herbei, und jede ruft: "Die Flöte – frei!" Sie stehen still im Sonnenschein, und jede will die Flöte – mein!
Lina die Biberin tritt vor, mit fleißigen Pfoten.
Da tritt die Biberin nach vorn und blickt aufs Rohr aus Schilf und Korn. "Ich schnitt das Rohr, ich rieb es rund. Ich baute sie. Das ist mein Grund."
Rückblick: Lina sägt und schmirgelt das Schilf.
Sie sägte, schliff und feilte lang, bis hell im Rohr ein Ton erklang. So wuchs ihr Werk von Licht zu Licht, bis hell die Flöte kam in Sicht.
Lina hält die Flöte hoch, Pfoten voller Späne.
"Aus meiner Hand, aus meinem Fleiß entstand dies Rohr, so glatt, so weiß. Ich gab ihr Form, ich gab ihr Klang." Der Ahorn lauscht den Tag entlang.
Mia die Amsel landet auf einem Zweig.
Da kommt die Amsel angeschwebt, die schon so manches Lied erlebt. "Gebt mir das Rohr", so ruft sie schön, "dann werdet ihr ein Wunder sehn."
Mia setzt die Flöte an den Schnabel.
Sie hebt das Rohr, sie setzt es an, ganz leicht und frei, so gut sie kann. Ein Ton steigt auf, so klar, so rein, er klingt durch Ast und Stamm und Stein.
Töne wirbeln durch den Wald, Tiere lauschen.
"Ich kenne jeden hellen Ton, ich spiele Lieder, kann sie schon. In meiner Brust wohnt jedes Lied." Der Ahorn lauscht und nichts entschied.
Ben die Maus tritt leise vor, kleine Pfoten.
Dann tritt die Maus ganz ruhig vor. Sie hebt den Blick, sie spitzt das Ohr. "Ich habe sonst kein einzig Ding, kein Rohr, kein Lied, und keinen Ring."
Ben mit leeren Pfötchen, aufrecht und klar.
Sie steht ganz aufrecht, ohne Scheu, und bittet schlicht und klar und treu. Sie senkt den Blick vor keinem Tier: "Ich hätte gern dies Rohr bei mir."
Bens Pfoten offen, ruhiger Blick.
"Ich trage nichts durch Wald und Flur und sage euch dies eine nur: Ich wünsche mir dies Rohr zu eigen, will offen meinen Wunsch euch zeigen."
Drei Tiere im Kreis, Flöte in der Mitte.
So stehen drei im weiten Kreis, und jeder Grund ist klar und leis. Die eine schnitt und baute sie. Die zweite weckt die Melodie.
Die Flöte glänzt allein in der Mitte.
Die dritte hält die Pfoten weit, für etwas Eignes, ganz bereit. Drei warme Gründe stehn im Licht. Der Ahorn sieht sie, wählt sie nicht.
Ahornbaum von unten, Krone im Himmel.
Der Ahorn wiegt sich, alt und weit. Er kennt so manche lange Zeit. Doch heute schweigt er, denkt und schaut, weil keiner ihm die Antwort baut.
Drei Tiere blicken einander an, Flöte unberührt.
"Wem", fragt der Baum, "gehört das Rohr? Der Hand? Dem Lied? Dem offnen Tor? Ich wiege mich, ich sag es nicht. Ich staune nur im Abendlicht."
Sonnenuntergang, drei Tiere klein, Baum groß.
Drei gute Gründe, klar und rein, und jeder könnte richtig sein. Der Ahorn fragt ganz ohne Zier: "Wer hat sie wohl? Ich frage hier."
Leere Lichtung, Flöte im letzten Licht, Blick zum Leser.
Die Flöte glänzt im letzten Schein. Drei Herzen warm, drei Stimmen fein. Nun ruht der Wald in tiefer Ruh. Und du? – Bist du sicher?

Didaktische Hinweise

So liest man dieses Buch

Diese Geschichte steht in der Tradition von Amartya Sens Flötenbeispiel: Drei Kinder streiten um eine Flöte – eines hat sie gebaut, eines kann darauf spielen, eines besitzt sonst gar nichts. Jeder Grund ist für sich gut und warm, und doch lässt sich keiner einfach über die anderen stellen. Sen zeigt damit, dass es nicht die eine offensichtliche Antwort auf die Frage gibt, was gerecht ist. Widerstehen Sie der Versuchung, schnell zu schlichten oder das Abwechseln vorzuschlagen – das nimmt dem Nachdenken die Kraft. Fragen Sie Ihr Kind stattdessen: Wer soll die Flöte haben? Und warum? Hören Sie zu, ohne zu bewerten. Das echte Geschenk ist nicht die Lösung, sondern das gemeinsame Staunen über eine Frage, die offen bleiben darf.

Drei Gesprächsimpulse danach:

  • „Was meinst du – wer hat recht? Und warum?"
  • „Was würde wohl ein anderes Tier dazu sagen?"
  • „Kann es vielleicht mehr als eine richtige Antwort geben?"

Was Kinder hier üben:

  • Perspektivübernahme – die Welt mit anderen Augen sehen.
  • aushalten, dass mehrere gute Sichten nebeneinanderstehen.
  • spüren, dass eine Frage offen bleiben darf – und das Staunen lieben.

Wichtig: nicht zu schnell auflösen. Ihr „Ich weiß es auch nicht – schön, oder?" ist die beste Antwort.