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thauma. junior · Kynismus — Bedürfnisse und UnabhängigkeitZehn Wege durch Wiesengrund · Band 3

Jaro und die Sonne

Was man einem geben kann, der schon alles hat

Als Alexander der Große vor dem Fass des Diogenes stand und ihm einen Wunsch freistellte, bat der Kyniker um nichts als den Schatten, den der König ihm gerade nahm: „Geh mir ein wenig aus der Sonne.“ Das ist keine bloße Frechheit, sondern eine Rechnung — Macht über einen hat nur, wer einem etwas geben oder nehmen kann. Dieses Buch überträgt sie auf einen Hinterhof. Es macht Jaro nicht zum Helden und Milan nicht zum Bösewicht; am Ende sitzen beide im selben Karton. Denn den Einwand kannte schon Hegel: Ohne die anderen, vor denen er auftritt, wäre der Mann im Fass nur ein Mann in einem Fass.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: Jaro sitzt in einem großen Pappkarton im Sonnenfleck eines Hinterhofs, Beine heraus, Augen zu.
Jaro und die Sonne Was man einem geben kann, der schon alles hat Zehn Wege durch Wiesengrund · Band 3
Hinterhof mit Hecke, Wäscheleine, Sonnenfleck auf den Platten; Jaro schleppt einen Karton.
Jaro hatte einen Karton gefunden. Er stellte ihn genau dorthin, wo die Sonne hinkam.
Jaro im Karton, Decke über den Knien, Pia legt Steine in einer Reihe daneben.
Drinnen war eine Decke. Draußen legte Pia ihre Steine der Größe nach. Es war ein guter Nachmittag.
Milan kommt durch die Hofeinfahrt, neues Fahrrad, Helm mit Streifen, Tasche voller Sachen.
Dann kam Milan. Milan hatte ein Fahrrad mit acht Gängen, einen Helm mit Streifen und eine Uhr, die piepen konnte.
Milan zeigt die piepende Uhr, Jaro schaut kurz hin, ohne aufzustehen.
„Guck mal“, sagte Milan. „Hab ich gesehen“, sagte Jaro.
Milan breitbeinig vor dem Karton stehend, sein Schatten fällt genau auf Jaro.
Milan stellte sich vor den Karton. Sein Schatten legte sich über Jaro. Die Sonne war weg.
Milan mit großer Geste: „Du kannst alles haben.“ Jaro sitzt ruhig, blinzelt.
„Du darfst mal auf mein Fahrrad“, sagte Milan. „Du darfst sogar die Uhr.“
Nahaufnahme von Jaros Gesicht im Schatten, ruhig, ein Auge zugekniffen.
Jaro dachte nach. Dann sagte er: „Geh mir ein bisschen aus der Sonne.“
Milan zwei Schritte zur Seite, verdutzt; das Licht fällt wieder auf Jaro und den Karton.
Milan machte zwei Schritte zur Seite. Er wusste nicht genau, warum. Die Sonne war wieder da.
Milan lehnt sein Fahrrad an die Wand und hockt sich neben den Karton, Helm in der Hand.
„Ist das nicht langweilig?“, fragte Milan. „Manchmal“, sagte Jaro. „Willst du auch rein?“
Beide Jungen und Pia im und am Karton, alle im Sonnenfleck, das Fahrrad steht vergessen an der Wand.
Der Karton war eng für zwei. Pia legte einen Stein auf jeden Rand. Die Uhr piepte irgendwann. Niemand ging hin.
Helle Seite mit einem Sonnenfleck; am Kartonrand sitzt ein fast weißer Falter.
Und du? Was hast du, das dir keiner geben musste? Und was würdest du dir wünschen, wenn du einen Wunsch frei hättest?

Was würdest du dir wünschen, wenn dir jemand alles anbietet?

Didaktische Hinweise

So liest man dieses Buch

Diese Geschichte hat zwei Böden. Oben lernt das Kind einen Satz, mit dem man sich Platz verschafft, ohne zu schreien. Darunter liegt die kynische Rechnung: Wer wenig braucht, ist schwer zu locken. Wichtig ist die letzte Doppelseite — Jaro bleibt nicht allein im Karton. Sonst würde aus Unabhängigkeit bloß Hochmut, und das ist der Einwand, den schon Hegel gegen Diogenes erhoben hat: Der Skandal braucht ein Publikum.

Drei Gesprächsimpulse danach:

  • Was hättest du geantwortet, als Milan sein Fahrrad angeboten hat?
  • Gibt es etwas, das dir gehört und das niemand dir geben oder wegnehmen kann?
  • Warum ist Milan wohl stehen geblieben, statt wegzugehen?

Was Kinder hier üben:

Freundlich Nein sagen — und merken, dass Angeben leichter zu ertragen ist, wenn man wenig braucht.

Wichtig: nicht zu schnell auflösen. Ihr „Ich weiß es auch nicht – schön, oder?” ist die beste Antwort.