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thauma. junior · Daoismus — wu wei, das nicht erzwingende TunZehn Wege durch Wiesengrund · Band 6

Merle und der Drachen, der nicht wollte

Vom Ziehen und vom Lassen

„Wu wei“ heißt nicht Nichtstun, sondern Handeln ohne Erzwingen: das Wasser, das den Stein umfließt und ihn am Ende doch schleift. Laozi hat diese Bewegung immer wieder am Weichen gezeigt, das über das Harte siegt. Kinder erleben das früh und ungern — beim Einschlafen, beim Schwimmenlernen, beim Drachensteigen. Diese Geschichte moralisiert nicht („sei geduldig“), sondern lässt Merle den Unterschied körperlich spüren: Der Drachen steigt in dem Moment, in dem sie aufhört, ihn nach oben zwingen zu wollen — und läuft dabei trotzdem.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: weites Feld über Wiesengrund, roter Drachen halb in der Luft, Merle mit beiden Fäusten an der Schnur.
Merle und der Drachen, der nicht wollte Vom Ziehen und vom Lassen Zehn Wege durch Wiesengrund · Band 6
Merle und Opa Fried gehen über den Feldweg, der Drachen unterm Arm, Herbstlicht.
Der Wind war da. Das Feld war leer. Merle hatte den roten Drachen dabei.
Merle rennt los, Drachen hüpft hinter ihr her, streift den Boden.
Merle rannte, so schnell sie konnte. Der Drachen hüpfte hinterher. Dann lag er im Gras.
Merle zieht mit beiden Händen kurz und ruckartig an der Schnur, Drachen kippt seitlich weg.
Merle zog fester. Der Drachen kippte zur Seite und fiel.
Merle rot im Gesicht, Schnur um die Faust gewickelt, Drachen im Gras.
„Er will nicht!“, rief Merle. Sie wickelte die Schnur um die Faust. Sie zog, bis der Arm wehtat.
Opa Fried hockt sich hin, zeigt auf den Bach am Feldrand, in dem ein Stein liegt.
Opa Fried zeigte auf den Bach. Ein Stein lag mitten drin. Das Wasser ging außen herum.
Nahaufnahme Wasser um den Stein, kleine Wirbel, glattgeschliffene Kanten.
„Der Stein ist hart“, sagte Opa Fried. „Das Wasser ist weich. Guck, wer gewinnt.“ Der Stein war ganz rund.
Merle lockert die Schnur, Schultern sinken, sie schaut nach oben statt auf den Drachen.
Merle machte die Hand auf. Die Schnur wurde locker. Sie guckte nicht mehr auf den Drachen, sondern nach oben.
Der Drachen hebt schief ab, Merle läuft ruhig mit, ohne zu reißen.
Der Wind kam von hinten. Merle lief mit, ganz ruhig. Der Drachen ging hoch.
Drachen hoch am Himmel, Schnur in leichtem Bogen, Merle klein darunter, Mund offen.
Er stieg und stieg. Merle tat fast nichts. Sie tat nur nichts Falsches.
Merle und Opa Fried sitzen im Gras, Schnur zwischen zwei Fingern, Abendlicht.
Später saßen sie im Gras. Die Schnur lag zwischen zwei Fingern. „Manchmal muss man ziehen“, sagte Opa Fried. „Und manchmal warten.“
Helle Seite, eine lose Schnur in Wellenlinie; darauf sitzt ein blasser Falter.
Und du? Was ist besser geworden, als du aufgehört hast zu drücken? Und wo musst du weiter ziehen?

Was gelingt dir besser, wenn du weniger festhältst?

Didaktische Hinweise

So liest man dieses Buch

Achten Sie auf Seite 10: „Sie tat nur nichts Falsches.“ Darin steckt der ganze Daoismus — wu wei ist keine Passivität, sondern das Weglassen des Erzwingens. Der Satz von Opa Fried am Schluss ist bewusst zweiseitig: Diese Geschichte empfiehlt nicht, alles laufen zu lassen. Kinder, die zu allem „egal“ sagen, brauchen das Gegenteil. Gemeint ist die Unterscheidung, wann Kraft hilft und wann sie im Weg steht.

Drei Gesprächsimpulse danach:

  • Was hast du schon einmal kaputt gemacht, weil du zu fest gedrückt hast?
  • Wobei hilft Warten — und wobei hilft es gar nichts?
  • Warum ist der Stein im Bach rund geworden?

Was Kinder hier üben:

Spüren, wann Kraft nützt und wann sie schadet — Geduld ohne Aufgeben.

Wichtig: nicht zu schnell auflösen. Ihr „Ich weiß es auch nicht – schön, oder?” ist die beste Antwort.