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thauma. junior · Wirklichkeit · ab 6

Die Schatten an der Wand

Ein Bilderbuch über die Wirklichkeit

Was ist wirklich? Eine der ältesten Fragen der Philosophie – und doch lässt sie sich einem Kind in einem einzigen Bild erzählen. Vier kleine Tiere sitzen in einer warmen Höhle und kennen die Welt nur als Schatten, die an der Wand vorüberziehen. Sie geben jedem Schatten einen Namen und halten ihn für die Sache selbst – so wie wir alle das für wahr halten, was wir gerade vor Augen haben.

Eines der Tiere aber dreht sich um und entdeckt, dass hinter den Schatten ein Feuer brennt – und dahinter ein heller Saum, ein Ausgang. „Die Schatten an der Wand" erzählt Platons berühmtes Höhlengleichnis neu, bürstet es aber sanft gegen den Strich: Es verrät nicht, dass „draußen" das Wahre ist, sondern lässt staunend offen, ob nicht hinter jedem Licht noch mehr verborgen liegt.

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Alle 16 Doppelseiten – Bild und Vers.

Geborgene Höhle bei Nacht, in der Mitte ein warmes oranges Lagerfeuer; vier kleine Tiere sitzen rundum, friedlich.
Tief in der Höhle, warm und sacht, da brennt ein Feuer durch die Nacht. Vier kleine Tiere sitzen dicht im weichen, goldnen Feuerlicht.
An der gewölbten Höhlenwand erscheinen weiche, runde Schattenbilder; die Tiere blicken gebannt zur Wand.
Und an der Wand, so groß und breit, da tanzt ein Spiel zu jeder Zeit: Die Schatten ziehen, dunkel, rund, und tun den Tieren Bilder kund.
Ein Schatten in Vogelform gleitet über die Wand; Mole der Maulwurf deutet freudig hin.
„Ein Vogel!", ruft der Maulwurf laut, „den hab ich oft schon angeschaut. Er zieht vorbei, ganz still, ganz nah. So war er gestern auch schon da."
Ein Schatten wie ein Krug und ein Zweig auf der Wand; Tilla das Kaninchen benennt sie zufrieden.
„Ein Krug, ein Zweig!", sagt Tilla sacht, „die kenn ich gut, bei Tag und Nacht. Die Wand erzählt uns Tag für Tag, was alles in der Welt sein mag."
Alle vier Tiere zufrieden vor der Schattenwand, vertraut und geborgen.
So kennen sie die ganze Welt: als Schatten, wie sie's selbst erzählt. Sie geben jedem einen Namen und fügen alles in den Rahmen.
Fipp das Eichhörnchen sitzt nachdenklich, schaut nicht zur Wand, sondern zur Seite, wo es heller flackert.
Doch Fipp, das kleine Eichhorn, dacht: „Was hat den Schatten wohl gemacht? Woher kommt das, was dort sich regt? Wer ist es, der die Bilder legt?"
Fipp dreht sich langsam um, weg von der Wand, dem warmen Feuerschein entgegen; die anderen schauen noch zur Wand.
Und Fipp, ganz leise, dreht sich um, schaut nicht zur Wand, bleibt gar nicht stumm: „Schaut her! Hier hinter uns, ganz sacht, da glüht ein Licht durch unsre Nacht!"
Fipp entdeckt das Lagerfeuer als Lichtquelle; vor dem Feuer ziehen kleine Dinge vorbei, die die Schatten werfen.
Das Feuer brennt, so warm, so klar, und vor dem Feuer, wunderbar, zieht etwas hin, und immer mehr wirft jedes Ding die Schatten her.
Fipp staunt: ein kleiner echter Zweig wird vorm Feuer vorbeigetragen und wirft den Schatten an die Wand.
„Der Schatten-Zweig dort an der Wand kommt von dem Zweig in einer Hand! Der Schatten kommt von etwas her – doch dieses Etwas ist noch mehr."
Mole, Tilla und Bo drehen sich zögernd mit um; Tilla noch unsicher, Bo neugierig.
Da dreht sich Bo, der Bär, herum, und Tilla zaudert, scheu und stumm. Der Maulwurf blinzelt in den Schein – so neu, so hell, das dringt herein.
Tilla das Kaninchen schaut etwas ängstlich zur vertrauten Wand zurück, wird aber sanft vom Feuerlicht gewärmt.
„Mir war die Wand so lieb, so nah", sagt Tilla, „und nun ist das da. Doch schön ist auch dies neue Licht – nur fort von hier, das mag ich nicht."
Bo der Bär entdeckt hinter dem Feuer, weiter hinten, einen schmalen, hellen Lichtsaum – einen Ausgang.
Da zeigt der Bär: „Schaut, dort am Rand – dort, hinter allem, liegt ein Land! Ein heller Saum, ein warmes Tor – so etwas sah ich nie zuvor."
Die vier Tiere blicken gemeinsam staunend zum fernen, warmen Lichtsaum am Höhlenausgang; das Feuer wärmt sie weiter.
Sie schauen alle, still und sacht, zum Saum aus Licht in ihrer Nacht. Was liegt wohl dort, so weit, so weit? Kein Tier weiß es um diese Zeit.
Mole der Maulwurf nachdenklich, ohne Scham; er hatte die Schatten benannt und staunt nun mit den anderen.
Der Maulwurf spricht, ganz ohne Scham: „Wie schön die Wand mir immer kam! Kein Tier war dumm – uns war vertraut nur das, was wir bisher geschaut."
Die Tiere stehen zwischen Feuer und Lichtsaum; offen, ob sie hinausgehen – ein Moment des Staunens, keine Belehrung.
Vielleicht ist dort ein neuer Rand. Vielleicht auch dort das wahre Land. Vielleicht liegt hinter Tor und Licht noch mehr, verhüllt vor unsrer Sicht.
Naher, warmer Blick: die vier Tiere dicht beieinander am Feuer, halb der Wand, halb dem fernen Lichtsaum zugewandt; staunend, geborgen.
Sie rücken eng ans Feuer hin, und denken still: Was steckt darin? Die Wand, das Licht, das Tor so weit – wer kennt schon ganz die Wirklichkeit? Und du? – Bist du sicher?

Didaktische Hinweise

So liest man dieses Buch

Diese Geschichte steht in der Tradition von Platons berühmtem Höhlengleichnis (aus seinem Werk „Der Staat" / „Politeia", 7. Buch). Dort sitzen Menschen gefesselt in einer Höhle und sehen ihr Leben lang nur Schatten an der Wand – und halten diese Schatten für die ganze Wirklichkeit. Erst wer sich umdreht, entdeckt das Feuer dahinter und schließlich den Ausgang ins Licht. Wichtig und ehrlich gesagt: Platon selbst war überzeugt, dass es jenseits der Schatten eine „wahrere" Welt gibt, und dass der Weg nach draußen der Weg zur einzig echten Wirklichkeit ist – er hat die Frage also entschieden. Dieses Buch tut das bewusst NICHT. Es bürstet Platon hier sanft gegen den Strich: Es lässt offen, ob „draußen" wirklich das Ganze ist – denn vielleicht liegt ja auch hinter dem Ausgang noch mehr, und man kann nie ganz sicher sein, schon alles gesehen zu haben. Keines der Tiere ist dumm, weil es die Schatten für echt hielt – das tun wir alle mit dem, was wir gerade sehen. Widerstehen Sie der Versuchung, zu sagen „die Schatten sind nur Schein, draußen ist die Wahrheit". Fragen Sie Ihr Kind lieber: Woher wüsstest du, ob du schon alles gesehen hast? Und sagen Sie ruhig selbst einmal: „Ich weiß es auch nicht – schön, oder?" Die Schlussfrage „Und du? – Bist du sicher?" ist kein Test, sondern eine Einladung zum Staunen.

Drei Gesprächsimpulse danach:

  • Was meinst du – wer hat recht? Und warum?
  • Was würde wohl ein anderes Tier dazu sagen?
  • Kann es vielleicht mehr als eine richtige Antwort geben?

Was Kinder hier üben:

  • Perspektivübernahme – die Welt mit anderen Augen sehen.
  • aushalten, dass mehrere gute Sichten nebeneinanderstehen.
  • spüren, dass eine Frage offen bleiben darf – und das Staunen lieben.

Wichtig: nicht zu schnell auflösen. Ihr „Ich weiß es auch nicht – schön, oder?" ist die beste Antwort.