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thauma. junior · Platonismus — Schein, Wirklichkeit und der RückkehrerWiesengrund — sieben Jahre später · Band 5

Was hinter dem Bild ist

Sieben Jahre später · Kito fährt hin

Platons Höhlengleichnis ist das bekannteste Bild der Philosophie: Menschen sehen Schatten an einer Wand und halten sie für die Welt. Wer hinausgeht, wird geblendet — und wird bei seiner Rückkehr ausgelacht.

Der zweite Teil wird meist übersehen und ist der wichtigere. Diese Geschichte erzählt ihn: Kito findet heraus, wie ein Bild zustande kommt, und scheitert daran, es den anderen mitzuteilen. Und weil das Gleichnis leicht zur Arroganz verführt („ich sehe die Wahrheit, ihr seht Schatten“), bekommt Kito den Einwand, den er braucht — von seiner Schwester, die ihn fragt, ob sein Foto vom Bauzaun eigentlich weniger gemacht sei als das vom See.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: ein Jugendlicher steht mit dem Fahrrad vor einem Bauzaun; dahinter ein graugrünes Baggerloch. In seiner Hand ein Handy, auf dem derselbe Ort türkisblau leuchtet.
Was hinter dem Bild ist Sieben Jahre später · Kito fährt hin Wiesengrund — sieben Jahre später · Band 5
Schulflur, mehrere Jugendliche halten ihre Handys nebeneinander, auf allen dasselbe leuchtend türkisfarbene Seebild.
Das Bild kam im April und war innerhalb von zwei Tagen überall. Ein See, türkis wie ein Schwimmbad, dahinter helle Felswände, davor ein Steg aus dunklem Holz. Standort: Kiesgrube Wiesengrund-Nord, vierzig Radminuten. „Das ist bei uns?“, sagte Lasse ungefähr sechsmal an diesem Tag. Marla, die den Klassen-Account führte, hatte es als Erste geteilt. Bis Freitag hatten drei Leute aus der Zehnten dasselbe Motiv gepostet, alle vom selben Punkt aus, alle mit demselben Steg im Vordergrund. Kito sah es sich lange an. Ihn interessierte nicht der See. Ihn interessierte, warum alle vier Bilder von genau derselben Stelle aufgenommen waren.
Landstraße, ein Jugendlicher fährt mit dem Rad an Feldern entlang, Gegenwind, in der Ferne ein Kieswerk.
Am Samstag fuhr er hin. Vierzig Minuten waren es nicht; es waren fünfundfünfzig, weil der Weg am Kieswerk gesperrt war und er außen herum musste. Die letzten dreihundert Meter schob er das Rad über Schotter. Es roch nach nassem Stein und ein bisschen nach Diesel. Dann stand er davor. Das Wasser war grau mit einem Stich ins Grüne. Am Ufer lagen Betonbrocken. Ein Bauzaun lief einmal um das ganze Loch, mit einem Schild: Lebensgefahr. Steilufer. Betreten verboten. Den Steg gab es. Er war zwei Meter lang, nicht zehn, und er endete im Nichts.
Nahaufnahme des Handys vor der echten Szenerie: dasselbe Motiv, oben türkis und weit, unten grau und eng.
Kito hielt sein Handy hoch und suchte den Punkt. Er fand ihn nach zehn Minuten: rechts neben dem Steg, tief in die Hocke, das Handy fast auf Kieshöhe. Von dort verschwand der Bauzaun hinter der Böschung. Von dort war das Kieswerk außerhalb des Bildes. Von dort füllte das Wasser den ganzen unteren Rand. Er machte ein Foto. Es sah aus wie das Bild — nur das Grau blieb grau. Er probierte den Filter, den Marla benutzte. Das Wasser wurde türkis. Es war kein Trick. Es war nur eine Entscheidung, wo man sich hinhockt, und eine zweite, welche Farbe man wählt.
Jugendzimmer, zwei Bilder nebeneinander an einer Pinnwand: dasselbe Motiv in zwei Fassungen, dazwischen ein Zettel mit einer Frage.
Am Sonntag postete er beide Fotos nebeneinander: das türkisfarbene und das, wenn man aufsteht. Darunter schrieb er zwei Sätze: „Ist derselbe Ort. Der Unterschied ist die Hocke.“ Er rechnete mit Erstaunen. Er bekam: 4 Likes. Marla schrieb: „Und? Ist trotzdem schön.“ Lasse schrieb: „Warum machst du alles kaputt?“ Ein Junge aus der Zehnten schrieb: „Deine Fotos sind halt einfach schlechter.“ Kito legte das Handy weg und merkte, dass er sich wie ein Idiot fühlte, obwohl er der Einzige war, der hingefahren war.
Bibliothek, aufgeschlagenes Buch mit einer schematischen Zeichnung der platonischen Höhle: Feuer, Mauer, Träger mit Figuren, angekettete Menschen.
In der Bücherei fand er die Zeichnung, bevor er den Text las: eine Höhle im Schnitt. Hinten sitzen Menschen, seit ihrer Kindheit angekettet, den Blick auf die Wand vor sich. Hinter ihnen brennt ein Feuer. Zwischen Feuer und Gefangenen tragen andere Figuren vorbei. Was die Angeketteten sehen, sind Schatten. Sie geben ihnen Namen. Sie sind gut darin, vorherzusagen, welcher Schatten als Nächstes kommt, und der Beste darin gilt als der Klügste. Platon, siebtes Buch der Politeia, vor etwa 2400 Jahren. Einer wird befreit. Er geht hinaus, wird vom Licht geblendet, sieht die Dinge selbst. Und dann kommt der Teil, den Kito zweimal las: Er geht zurück. Er erzählt es. Sie lachen ihn aus.
Nahaufnahme einer Notizbuchseite: links eine Skizze der Höhle, rechts eine Skizze eines Handy-Displays, dazwischen ein Gleichheitszeichen mit Fragezeichen.
Kito zeichnete das Schema ab und schrieb daneben, was ihm dazu einfiel. Die Wand: das Display. Das Feuer: irgendwas, das entscheidet, was oben liegt. Die Träger, die Figuren vorbeitragen: Marla in der Hocke. Er merkte, dass der Vergleich an einer Stelle hinkte, und das war die interessanteste Stelle: Platons Gefangene sind angekettet. Niemand in seiner Klasse ist angekettet. Sie könnten alle hinfahren. Fünfundfünfzig Minuten. Sie fahren nur nicht. Unter das Schema schrieb er: Warum nicht?
Café oder Küche, eine junge Frau mit Kamera auf dem Tisch redet mit einem Jugendlichen, beide über zwei ausgedruckte Fotos gebeugt.
Ruth war zu Hause, Semesterferien. Sie studierte Fotografie und war der einzige Mensch, dem er die Sache erzählen konnte, ohne dass sie „hör auf zu grübeln“ sagte. Sie sah sich beide Bilder an. Lange. „Und du meinst, deins ist das wahre.“ „Meins zeigt den Bauzaun.“ „Deins zeigt den Bauzaun im Vordergrund, weil du fandest, dass er wichtig ist. Du hast dich hingestellt, du hast ausgeschnitten, du hast ausgelöst.“ Sie tippte auf sein Foto. „Das hier ist auch gemacht, Kito. Es ist nur mit einer anderen Absicht gemacht.“
Dieselbe Szene, näher: die junge Frau hält die Kamera hoch und deutet auf den Sucher, der Junge sieht skeptisch.
„Dann ist es also egal“, sagte Kito. „Dann ist alles nur ein Bild.“ „Nein.“ Ruth stellte die Kamera ab. „Das ist der Kurzschluss, den alle machen. Wenn jedes Bild gemacht ist, heißt das nicht, dass alle gleich viel wert sind. Es heißt, dass du fragen musst: Wer hat es gemacht, wofür, und was ist rausgefallen?“ Sie schob ihm das türkisfarbene Foto hin. „Was ist hier rausgefallen?“ „Der Zaun. Das Schild. Das Kieswerk.“ „Und bei deinem?“ Kito überlegte lange. „Dass es da wirklich schön ist“, sagte er dann. „Wenn die Sonne draufsteht, ist das Wasser fast türkis.“
Ein Jugendlicher hockt am Ufer und fotografiert; neben ihm liegt ein Blatt mit einer handschriftlichen Bildunterschrift.
Am nächsten Samstag fuhr er wieder hin, diesmal mit Lasse, der eigentlich nicht wollte. Sie hockten sich an die Stelle. Lasse machte das türkisfarbene Bild und war zufrieden. Dann standen sie auf, und Lasse sagte: „Oh.“ Nur „Oh“. Aber Kito nahm es mit wie einen Pokal. Sie machten ein drittes Foto, von dem sie beide fanden, dass es das ehrlichste sei: der Steg, das Wasser, und ganz am rechten Rand ein Stück Bauzaun. Darunter schrieben sie: „Kiesgrube Nord. Schön von hier unten. Verboten von überall.“ Es bekam elf Likes. Marla schrieb einen Daumen. Das war, wie Kito wusste, ihre Art, etwas zuzugeben.
Klassenzimmer, an der Wand hängen drei Ausdrucke desselben Ortes nebeneinander, davor stehen mehrere Jugendliche und diskutieren.
Im Juni ertrank in einer anderen Kiesgrube, sechzig Kilometer weiter, ein Sechzehnjähriger. Die Zeitung schrieb, das Ufer sei steiler gewesen, als es aussah. Danach hängten sie die drei Bilder im Klassenraum nebeneinander: das türkisfarbene, das mit dem Bauzaun, das dritte. Herr Lauer wollte einen Aushang daraus machen, „Gefahren im Netz“. Kito bat ihn, es zu lassen. Er hätte nicht genau sagen können, warum. Erst abends fiel ihm die Formulierung ein: weil es nicht um Gefahr geht, sondern darum, dass jedes Bild von irgendwo aus gemacht ist. Wenn man das einmal weiß, sieht man nicht mehr weniger. Man sieht mehr — nur nicht mehr so leicht.
Sehr helle, fast leere Seite: ein leerer Bilderrahmen aus dünner Linie, in der unteren Ecke ein winziges Stück Bauzaun angedeutet; auf dem Rahmen sitzt ein blasser, fast weißer Falter.
Und du? Nimm das letzte Bild, das dich beeindruckt hat: Von wo aus wurde es gemacht — und was lag knapp außerhalb? Und die unbequeme Frage: Was schneidest du weg, wenn du selbst etwas postest?

Von wo aus ist das gemacht, was du gerade glaubst?

Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Platonismus — Schein, Wirklichkeit und der Rückkehrer

Didaktische Idee

Das Höhlengleichnis wird auf visuelle Medien übertragen und dann gegen seine eigene Selbstgewissheit geprüft: Der Aufgestiegene ist nicht im Besitz der Wahrheit, sondern im Besitz einer weiteren Perspektive — die er begründen muss.

Philosophischer Kern

Platon, Politeia VII: Die Gefangenen halten Schatten für die Sache selbst. Der Befreite wird geblendet, gewöhnt sich, erkennt — und wird bei der Rückkehr verlacht. Erkenntnis ist ein Weg, kein Besitz, und sie ist sozial riskant.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
Aufstieg zur SachePlatonHinter den Erscheinungen liegt das, was wirklich ist; wer es sieht, hat die Pflicht zurückzukehren.Kito fährt hin und postet beide Bilder.Ideenlehre
Bilder sind gemachtRuth (mit Susan Sontag)Jedes Foto ist Auswahl: Standort, Ausschnitt, Moment, Bearbeitung. Auch das entlarvende Bild.Der Bauzaun im Vordergrund war eine Entscheidung.Bildkritik
Kein RelativismusRuth gegen den KurzschlussDass alles gemacht ist, heißt nicht, dass alles gleich wahr ist — man muss nach Absicht und Auslassung fragen.„Was ist hier rausgefallen?“Erkenntnistheorie

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Was genau unterscheidet das türkisfarbene Bild vom Ort, wie Kito ihn vorfindet?
  • Warum reagieren die anderen gereizt, statt überrascht zu sein?

Zum Vertiefen

  • Platons Gefangene sind angekettet — Kitos Klasse nicht. Was hält sie trotzdem fest?
  • Was meint Platon damit, dass der Rückkehrer geblendet wird?

Zum Streiten (ältere)

  • „Dann ist alles nur ein Bild.“ Warum ist dieser Satz falsch — oder ist er richtig?
  • Hat Kito ein Recht, anderen ihr schönes Bild zu nehmen?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Fotografiert denselben Ort in eurer Umgebung dreimal so, dass er attraktiv, abweisend und sachlich wirkt. Nur Standort, Ausschnitt und Tageszeit dürfen sich ändern.

Mittel — Analysiert ein reales Reiseziel-Foto (Social Media) und benennt drei Dinge, die außerhalb des Bildes liegen könnten. Prüft, ob ihr es belegen könnt.

Bonus — Lest den Höhlengleichnis-Abschnitt in Auszügen im Original (Politeia 514a–517a) und ordnet jedem Element der Höhle ein Element heutiger Bildmedien zu — inklusive der Stellen, an denen die Zuordnung scheitert.

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Höhlengleichnis, Erkenntnistheorie, Relativismus
  • Kunst / Medienbildung: Bildausschnitt, Perspektive, Bearbeitung, Bildaussage
  • Deutsch: Gleichnis als Textform, Beschreibung, Bildunterschrift
  • Geografie: Kiesabbau, Renaturierung, Gefahren an Baggerseen

Hintergrund für Lehrende

Platon

428/427–348/347 v. Chr. Das Höhlengleichnis steht im siebten Buch der „Politeia“ und dient dort der Erziehungsfrage: Wer soll regieren? Platons Antwort — die, die hinausgegangen sind und zurückkommen — ist selbst umstritten und wurde oft als elitär kritisiert.

Susan Sontag

In „Über Fotografie“ (1977) zeigt sie, dass Fotos nicht abbilden, sondern interpretieren: Jede Aufnahme ist eine Entscheidung über Ausschnitt und Moment. Ihr Argument nimmt Ruths Einwand vorweg.

Hans Blumenberg

Hat in „Höhlenausgänge“ (1989) die Wirkungsgeschichte des Gleichnisses untersucht: Die Höhle ist nicht nur Irrtum, sondern auch Schutz. Wer heraustritt, verliert Geborgenheit — was erklärt, warum Aufklärung so oft als Zumutung erlebt wird.