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thauma. junior · Skepsis — prüfen statt glaubenZehn Wege durch Wiesengrund · Band 4

Woher weißt du das?

Selma und der Satz, der herumging

Montaigne ließ „Que sais-je?“ — Was weiß ich? — in seinen Ring gravieren, und die antike Skepsis machte aus dem Zögern eine Kunst: erst prüfen, dann urteilen, und wo nichts feststeht, das Urteil offen lassen. Für ein fünfjähriges Kind ist das keine Erkenntnistheorie, sondern der Unterschied zwischen „Ich hab gehört“ und „Ich hab gesehen“. Diese Geschichte lässt Selma nicht klüger sein als die anderen; sie fällt fast selbst darauf herein. Und sie endet nicht mit einer Entschuldigung, sondern mit dem unaufgeregtesten Satz, den ein Kind lernen kann: Ich weiß es noch nicht.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: Schulhof, Kinder in Gruppen, eine Sprechblase wandert wie ein Papierflieger von Mund zu Mund.
Woher weißt du das? Selma und der Satz, der herumging Zehn Wege durch Wiesengrund · Band 4
Wiesengrunder Schulhof mit Kastanie und Bank; Nuri steht allein am Zaun, den Ranzen noch auf.
Nuri war neu. Er stand am Zaun und sagte nichts. Es war seine dritte Woche.
Tomma flüstert Selma hinter der Hand etwas zu, andere Kinder drehen die Köpfe.
„Der nimmt Sachen mit“, flüsterte Tomma. „Echt?“, sagte Selma. „Klar“, sagte Tomma.
Der Satz als kleine Zeichnung, wie er von Kind zu Kind hüpft, über den ganzen Hof.
Der Satz lief weiter. Von Tomma zu Selma. Von Selma zu Ida. Von Ida zu allen.
Nuri sitzt allein auf der Bank, um ihn herum ein leerer Kreis, die anderen spielen weiter weg.
Um Nuri wurde ein Kreis frei. Niemand hatte ihn gezogen. Er war trotzdem da.
Selma zu Hause am Küchentisch, Milchglas, sie schaut in ihre Hände.
Abends dachte Selma an den Kreis. Sie hatte den Satz weitergesagt. Sie hatte Nuri nie etwas nehmen sehen.
Nächster Morgen, Selma vor Tomma auf dem Hof, ernst, nicht wütend.
„Woher weißt du das?“, fragte Selma. Tomma zuckte mit den Schultern. „Hab ich gehört.“
Kette von Kindern, jedes zeigt auf ein anderes, am Ende zeigt eines ins Leere.
Von wem? Von Ida. Und Ida von Lasse. Und Lasse hatte es von jemandem, der es auch nur gehört hatte.
Selma steht still mitten im Hof, um sie herum verschwimmt der Lärm.
Der Satz war überall gewesen. Gesehen hatte ihn keiner.
Selma setzt sich neben Nuri auf die Bank, zwischen ihnen ein Abstand, sie hält ihm einen Apfel hin.
Selma setzte sich auf die Bank. „Ich hab was über dich gesagt“, sagte sie. „Ich wusste es gar nicht.“ Nuri sah sie an.
Beide auf der Bank, jetzt näher, Nuri zeigt Selma etwas in seinem Ranzen — einen Stapel Sammelkarten.
„Was sammelst du?“, fragte Selma. Es dauerte, bis Nuri den Ranzen aufmachte. Dann dauerte es lange, bis sie fertig geguckt hatten.
Helle Seite, eine leere Sprechblase; darin sitzt ein blasser Falter.
Und du? Was hast du heute über jemanden gehört? Hast du es gesehen — oder nur gehört?

Woher weißt du eigentlich, was du weißt?

Didaktische Hinweise

So liest man dieses Buch

Die schwierigste Stelle ist Seite 6: Selma merkt es selbst, ohne dass ein Erwachsener sie ertappt. Widerstehen Sie beim Vorlesen der Versuchung, daraus eine Lehre zu machen („Man darf nicht tratschen“). Die Geschichte übt eine Fertigkeit, keine Regel: die Rückfrage. Kinder, die früh gelernt haben, „Woher weißt du das?“ zu fragen, fragen es später auch dort, wo es unbequemer wird.

Drei Gesprächsimpulse danach:

  • Woher weißt du, dass etwas stimmt?
  • Was ist der Unterschied zwischen „Ich hab gehört“ und „Ich hab gesehen“?
  • Was hättest du zu Tomma gesagt?

Was Kinder hier üben:

Nachfragen, bevor es weitererzählt — und aushalten, dass „Ich weiß es noch nicht“ eine gute Antwort ist.

Wichtig: nicht zu schnell auflösen. Ihr „Ich weiß es auch nicht – schön, oder?” ist die beste Antwort.