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Der ontologische Gottesbeweis

Ist „Sein“ ein Prädikat?

Der von Anselm von Canterbury formulierte und von Descartes erneuerte ontologische Gottesbeweis schließt von der bloßen Idee eines vollkommensten Wesens auf dessen notwendige Existenz. Leibniz hielt diesen Beweis für gültig, sofern man zuvor die Möglichkeit Gottes sichert; Kant erklärte ihn 1781 in der „Kritik der reinen Vernunft“ für unmöglich, weil „Sein“ kein reales Prädikat sei. Das folgende Gespräch lässt beide aufeinandertreffen, wie es zu Lebzeiten nie geschah.

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Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

Descartes hat Recht behalten: Im Begriff des ens perfectissimum, des allervollkommensten Wesens, liegt die Existenz bereits eingeschlossen, denn Existenz ist eine Vollkommenheit. Ich gebe nur zu bedenken, dass Descartes zu schnell war. Der Beweis ist nicht apodiktisch, sondern bloß hypothetisch, solange wir nicht gezeigt haben, dass ein solches Wesen überhaupt möglich ist, dass also der Begriff sich nicht selbst widerspricht. Diese Lücke habe ich geschlossen: Da Gott die Summe aller positiven, einfachen Vollkommenheiten ist und positive Qualitäten einander nicht widersprechen können, ist der Begriff widerspruchsfrei. Ist die Möglichkeit aber einmal gesichert, so folgt aus ihr beim notwendigen Wesen unmittelbar die Wirklichkeit. Allein bei Gott gilt: Wenn er möglich ist, so existiert er.

Immanuel Kant

Immanuel Kant

Sie haben den Beweis sorgfältiger gemacht als Descartes, Herr von Leibniz, und doch teilt er dessen Grundfehler. Ich bestreite den entscheidenden Satz: dass Existenz eine Vollkommenheit, mithin ein reales Prädikat sei. „Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d.i. ein Begriff von irgend etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne.“ Es ist bloß die Position eines Dinges. Hundert wirkliche Taler enthalten nicht das Mindeste mehr als hundert mögliche Taler; sonst wäre der Begriff, den ich denke, nicht der vollständige Begriff des Gegenstandes. Im Begriff fügt das Wörtlein „ist“ dem Subjekt nichts hinzu, es setzt nur das Subjekt mit allen seinen Prädikaten als gegeben. Existenz vermehrt also den Inhalt eines Begriffs niemals.

Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

Ihr Taler-Beispiel trifft das gemeine Dasein endlicher Dinge, nicht aber den einzigen Fall, um den es geht. Bei hundert Talern, ja bei allem Kontingenten, ist die Existenz in der Tat dem Begriff äußerlich; sie hängt am zureichenden Grunde außerhalb des Dinges. Eben darum ist Existenz hier kein Prädikat. Gott aber ist das ens necessarium, dessen Grund in seinem eigenen Wesen liegt. Bei ihm allein gehört das Dasein zur Essenz selbst, wie bei der Dreieckseigenschaft die Winkelsumme. Sie haben das einzige Wesen, bei dem mein Satz gilt, mit einer Münze widerlegt, die ihn gar nicht betrifft.

Immanuel Kant

Immanuel Kant

Der Einwand verschiebt den Streitpunkt nur, er löst ihn nicht. Sie sagen, beim notwendigen Wesen gehöre das Dasein zur Essenz. Aber dieser ganze Satz bleibt ein Urteil über den Begriff: Wenn ein notwendiges Wesen existiert, dann existiert es notwendig. Das ist identisch und leer. Sie können den Gegenstand jederzeit samt seiner Existenz wieder aufheben, ohne den geringsten Widerspruch. Hebe ich das Subjekt mitsamt allen Prädikaten auf, so bleibt nichts übrig, was widersprochen werden könnte. „Es ist also ein Gott“ analytisch aus dem Begriff zu folgern hieße, ein synthetisches Dasein aus einem bloßen Gedanken herauszuziehen. Aus Begriffen aber lässt sich nur Mögliches, nie Wirkliches gewinnen.

Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

Doch bedenken Sie, was Sie mit dieser Aufhebung tun. Sie räumen mir zu Anfang ein, der Begriff des vollkommensten Wesens sei wenigstens widerspruchsfrei denkbar, also möglich. Nun ist nach den ewigen Wahrheiten alles Mögliche bestrebt, zur Existenz zu gelangen, und das vollkommenste unter allem Möglichen muss existieren, weil ihm sonst gerade die Vollkommenheit der notwendigen Existenz fehlte. Wollen Sie es aufheben, müssen Sie entweder seine Möglichkeit leugnen, dann widersprechen Sie sich; oder Sie lassen es möglich und existenzlos zugleich, dann denken Sie ein notwendiges Wesen als kontingent. Beides ist unmöglich. Der Schlüssel liegt in der Möglichkeit, und die haben Sie mir nicht streitig gemacht.

Immanuel Kant

Immanuel Kant

Eben dort sitzt der verborgene Sprung. Sie nehmen an, der Begriff eines notwendigen Wesens sei nicht nur logisch widerspruchsfrei, sondern bezeichne einen real möglichen Gegenstand. Logische Möglichkeit aber, die bloße Widerspruchsfreiheit der Merkmale, verbürgt keine reale Möglichkeit, kein wirkliches Objekt. Dass positive Realitäten sich nie widersprechen, mag sein, doch daraus folgt nicht, dass ihre Vereinigung einen denkbaren Gegenstand möglicher Erfahrung ergibt. Und ein „absolut notwendiges Wesen“ ist ein Begriff, von dessen realer Möglichkeit wir schlechterdings keinen Begriff haben, ein Wort, dessen Bedeutung uns niemals durch Anschauung gegeben wird. Ihre ganze Schlusskette ruht auf einer Möglichkeit, die Sie nur logisch, nicht real ausweisen können.

Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

So gestehen Sie immerhin, dass der Beweis bündig wäre, ließe sich die reale Möglichkeit Gottes dartun, und mir scheint, das vermag der Verstand, der die einfachen Vollkommenheiten klar erfasst. Doch ich sehe, worauf Sie hinauswollen: Sie binden alle Realität an mögliche Erfahrung, und Gott liegt jenseits aller Anschauung. Damit verlegen Sie den Streit von der Logik in Ihre ganze Architektonik des Verstandes. Das ist redlich, aber es ist ein neuer Schauplatz. Auf dem alten, dem rein begrifflichen, behaupte ich: Wer die Möglichkeit zugibt, hat schon die Existenz zugegeben.

Immanuel Kant

Immanuel Kant

Und genau dorthin, in die Grenzbestimmung des Verstandes, gehört der Streit auch. Mein Schluss ist nicht, Gott existiere nicht, sondern: aus bloßen Begriffen lässt sich sein Dasein weder beweisen noch widerlegen. Die berühmte Beweisart aus lauter Begriffen ist „verlorene Mühe und Arbeit“. Was die spekulative Vernunft hier verliert, gewinnt freilich die praktische zurück: Gott bleibt ein notwendiges Postulat der Sittlichkeit. Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen. Ihren Schlussstein aber, die Identität von Möglichkeit und Existenz, kann ich nur dem einzig wahrhaft notwendigen Wesen zugestehen, das wir niemals begrifflich vor Augen stellen.

Fazit

Kants Kritik, „Sein“ sei kein reales Prädikat, gilt seither als das klassische Argument gegen den ontologischen Gottesbeweis und prägte die gesamte nachfolgende Metaphysik. Leibniz' Pointe, dass alles auf der vorgängig zu sichernden Möglichkeit Gottes beruht, blieb gleichwohl der wunde Punkt der Debatte und wurde im 20. Jahrhundert in der modallogischen Fassung des Beweises (Gödel, Plantinga) erneut aufgegriffen.