Die Stimme im Garten
Wo ist die Zeit, wenn das Vergangene nicht mehr und das Künftige noch nicht ist - und der Augenblick keine Dauer hat?
Ein Mann sitzt weinend unter einem Feigenbaum in einem Garten zu Mailand, im Spätsommer 386, zerrissen zwischen dem Leben, das er führt, und dem, nach dem er sich sehnt - und über die Mauer dringt eine Kinderstimme, die singt, immer wieder dieselbe Zeile. Aurelius Augustinus (Thagaste 354 - Hippo 430), der spätere Bischof, wird diesen Augenblick zum Wendepunkt seiner Bekenntnisse machen. Doch ehe wir der Stimme folgen, halten wir bei einer einfacheren Frage, die das ganze elfte Buch jener Bekenntnisse verschlingen wird. Geh mit mir in diesen Garten, hör die Melodie - und am Ende wirst du die Zeit nicht mehr draußen suchen, sondern an einem unheimlichen Ort. Oder du wirst zweifeln, ob sie dort überhaupt zu finden ist.
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Die Silbe, die schon verklungen ist
Hör die Stimme über der Mauer. Sie singt eine kurze Zeile, zwei lateinische Worte, getragen über mehrere Töne hinweg - und du weißt sofort, ob die Melodie lang war oder kurz. Niemand zweifelt daran: Klänge haben Dauer, der eine zieht sich, der andere ist gleich vorbei. So selbstverständlich wie das Atmen. Nun aber zähl nach, was in dem Augenblick wirklich da ist, in dem du die Länge zu messen meinst. Die erste Silbe ist schon verklungen, während die zweite klingt; sprich die zweite, ist die erste nicht mehr. Du willst zwei Längen vergleichen - aber nie liegen sie beide zugleich vor dir. Die eine ist gewesen, die andere noch nicht ganz. Worauf legst du dann das Maß? Merk dir diese Melodie. An ihr wird gleich der Boden wegbrechen.
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Drei Türen, hinter denen nichts wohnt
Greif nach der Zeit, wie du nach drei Räumen greifst: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Öffne die erste Tür - der Raum ist leer, das Vergangene ist nicht mehr, es ist gewesen. Öffne die dritte - auch leer, das Künftige ist noch nicht, es steht aus. Bleibt die mittlere, die Gegenwart, der einzige Raum, der zu sein scheint. Doch press ihn zusammen: Ein Jahr ist gegenwärtig? Nein, die meisten Monate liegen schon hinter dir oder noch vor dir. Der Monat? Die Tage zerfallen ebenso. Der Tag, die Stunde, der Atemzug - immer weiter teilst du, und immer rutscht das Jetzt durch deine Finger, bis ein Punkt bleibt, der keine Ausdehnung mehr hat. Augustinus zieht den Schluss kühl: Was keine Dauer hat, kann keine Länge haben. Die Gegenwart, der einzige Ort, an dem die Zeit wirklich ist, schrumpft auf einen Augenblick ohne Raum. Drei Türen - und hinter keiner wohnt die Zeit.
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Du weißt es - bis dich einer fragt
Jetzt kommt die erste leise Übelkeit, und Augustinus selbst spricht sie aus, im elften Buch der Bekenntnisse, um 397 geschrieben: Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht. Kein kokettes Achselzucken - ein Riss mitten durch das Vertrauteste, das es gibt. Du lebst in der Zeit, misst sie tausendmal am Tag, sagst, der Ton war doppelt so lang, der Weg dauerte eine Stunde. Und doch: das, was du da misst, ist im Augenblick des Messens nicht vorhanden. Das Vergangene ist fort, das Künftige aus, die Gegenwart ohne Dauer. Du misst etwas, das nicht ist. Hier hält das Denken den Atem an. Entweder die Zeit ist gar nicht - oder sie ist anderswo, als du je gesucht hast.
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Wo die Melodie wirklich vergeht
Kehr zur Stimme im Garten zurück, und diesmal hör genauer hin. Während sie singt, hältst du den Anfang der Zeile fest - nicht draußen, in der Luft, wo der erste Ton längst verflogen ist, sondern in dir, im Gedächtnis. Und du erwartest den Schluss, ehe er erklingt, gespannt nach vorn. Im Singen selbst spannt sich deine Aufmerksamkeit aus: Erinnerung trägt das Verklungene mit, Erwartung greift dem Kommenden vor, und nur der schmale Übergang dazwischen ist gegenwärtig. Die ganze Melodie ist nie draußen versammelt - sie versammelt sich in dir, als gegenwärtige Erinnerung des Vergangenen, gegenwärtige Anschauung des Jetzt, gegenwärtige Erwartung des Künftigen. Hier kippt das Staunen in eine Antwort, die unheimlicher ist als die Frage: Du misst nicht die Töne. Du misst den Eindruck, den die vergehenden Töne in dir zurücklassen, während sie vergehen.
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Die Seele, die zerdehnt wird
Sieh, was sich damit auftut. Die Zeit, sagt Augustinus, ist eine Erstreckung - distentio animi, eine Ausdehnung der Seele selbst. Nicht eine Bewegung der Gestirne draußen, nicht ein Behälter, in dem die Dinge schwimmen: ein Sich-Spannen des Geistes über Erinnertes, Geschautes und Erwartetes hinweg. Das Wort distentio trägt einen Doppelsinn, den er hört: Ausspannung - und Zerrissenheit. Denn dieselbe Seele, die das Lied zusammenhält, wird von der Zeit zerdehnt, in viele Augenblicke auseinandergezogen, fortgerissen aus dem stehenden Jetzt der Ewigkeit, nach dem das unruhige Herz sich sehnt. Spürst du die Verwandlung? Die harmlose Frage nach der Länge eines Tons hat dich nach innen geführt, an den einzigen Ort, an dem Zeit überhaupt ist: in dich. Geh nicht nach außen, schreibt er in einer früheren Schrift, kehre in dich selbst zurück; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit. Die Stimme im Garten sang nie nur über die Mauer. Sie sang in dir.
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Tolle, lege - und der Preis der Wende nach innen
Nun erst kehrt der weinende Mann unter dem Feigenbaum wieder. Die Kinderstimme singt: Tolle, lege - nimm und lies. Augustinus, so berichtet er es, schlägt den Brief des Paulus auf, liest die erste Zeile, auf die sein Blick fällt, und es ist, schreibt er sinngemäß, als ströme ihm ein Licht der Gewissheit ins Herz. Kein äußerer Zwang hat ihn gewendet, sondern ein Vorgang im Innersten - so wie die Zeit, so wie die Wahrheit. Damit hat das Abendland eine Architektur: das Selbst als Ort, an dem Zeit, Erkenntnis und Gott aufeinandertreffen, der innere Mensch als der eigentliche Schauplatz. Husserl wird die Analyse des inneren Zeitbewusstseins darauf bauen, Heidegger seine Zeitlichkeit - beide nennen Augustinus ihren Gläubiger. Doch hat die Wende nach innen einen Preis. Wenn die Zeit nur in der Seele ist - was ist dann die Bewegung der Sterne, die liefe, ob du sie misst oder nicht? Du hast die Zeit gefunden. Aber vielleicht hast du sie zugleich aus der Welt verbannt.
Hast du die Zeit wirklich in der Seele gefunden - oder nur die Erfahrung der Zeit, und das ist nicht dasselbe? Der härteste Einwand trifft nicht Augustins Frömmigkeit, sondern das Herzstück seiner späten Lehre, und er hat einen Namen: Julian von Aeclanum, sein zäher Gegner im Pelagianischen Streit. Julian warf ihm vor, mit Erbsünde und unverdienter Erwählung einen Gott zu konstruieren, der vor aller Schuld verdammt und den freien Willen, den Augustinus in De libero arbitrio selbst verteidigt hatte, am Ende kassiert. Und die Pointe sitzt tief: Eine Erwählung vor allem Verdienst hebt die Zurechenbarkeit auf, die jede Rede von Schuld erst trägt - genau dort bricht auch seine schöne Lösung, das Böse sei bloß ein Mangel an Gutem und Folge des fehlgeleiteten Willens, in sich zusammen, wo der Wille gar nicht mehr frei, sondern von der Gnade vorentschieden ist. Hannah Arendt fügte hinzu, was die Massa-damnata-Lehre und das compelle intrare, das Hereinzwingen der Donatisten, an Theologie der Gewalt freisetzten. Man muss einräumen, was die Gegenseite richtig sieht: Niemand hat die Tiefe des inneren Menschen so ausgeleuchtet wie Augustinus, und seine subjektive Zeit ist phänomenologisch unwiderlegt. Nur droht ebendieser innere Mensch in der Gnadenlehre zur Marionette einer unerforschlichen Erwählung zu werden, deren Gerechtigkeit Augustinus zuletzt nur noch im Schweigen vor dem Abgrund des göttlichen Ratschlusses retten kann. Also frag dich, ehe du den Garten verlässt: Wenn dein Innerstes der Ort der Wahrheit ist - wer hat dann entschieden, was du dort findest, du oder eine Gnade, die dich vorentschieden hat?
