Die Linie, die du nie gesehen hast
Die Sonne ging unzählige Male auf. Berechtigt dich irgendetwas davon zu glauben, dass sie morgen wieder aufgeht?
Zwei Elfenbeinkugeln auf grünem Tuch, ein Stoß, ein Klick — die eine läuft an, die andere rollt davon. Du hast das tausendmal gesehen, du würdest jede Wette darauf eingehen. David Hume (Edinburgh 1711 — Edinburgh 1776), der heiterste Skeptiker der Aufklärung, setzt sich neben dich an den Billardtisch und stellt eine harmlos klingende Frage: Wo, genau, hast du gesehen, dass die erste Kugel die zweite bewegen musste? Nicht dass sie es tat — das hast du gesehen. Sondern dass sie es musste. Geh mit ihm diesem Klick nach, von der Kugel zur aufgehenden Sonne, von der Sonne zu deinem festesten Wissen über die Welt — und am Ende wirst du gesehen haben, dass die Notwendigkeit, auf die du dein ganzes Leben baust, nirgends in den Dingen liegt. Oder du wirst zweifeln, ob du das wirklich gesehen hast.
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Die Quittung, die jeder Gedanke vorlegen muss
Beginne harmlos, bei dir selbst. Denk an die Farbe Scharlach, an den Geruch von heißem Wachs, an den Schmerz, wenn du dir in den Finger schneidest. Jedes dieser Bilder, sagt Hume, ist nur die blassere Kopie von etwas, das dir die Sinne zuerst mit voller Wucht geliefert haben: dem grellen Rot, dem beißenden Duft, dem stechenden Schnitt. Das Lebendige, Unmittelbare nennt er „impression“, den Sinneseindruck; die verblasste Erinnerung daran „idea“, die Vorstellung. Und nun macht er daraus eine Zollschranke für jeden Begriff, der sich ins Denken schleichen will: Zeig mir den Eindruck, aus dem du stammst — die Quittung. Probier es. Substanz? Seele? Unendlichkeit? Wo war je der eine Sinneseindruck, der dir „Substanz“ ins Auge brannte? Findet ein Wort keine solche Quittung, dann, sagt der freundliche Schotte mit feinem Lächeln, ist es kein Begriff, sondern leerer Schall. Merk dir diese Schranke. Gleich führst du den festesten aller Begriffe hindurch — und er hat keine Quittung.
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Der Klick, in dem die Notwendigkeit fehlt
Zurück an den Billardtisch, denn hier liegt das Werkzeug. Eine Kugel rollt auf die andere zu, berührt sie, die zweite springt davon. Du sagst sofort: Ursache und Wirkung. Die erste hat die zweite bewegen müssen — eine notwendige Verknüpfung. Jetzt lege Humes Quittungs-Schranke an genau dieses „müssen“ an und such den Eindruck dazu. Du siehst die erste Kugel rollen: ein Eindruck. Du siehst die Berührung: ein Eindruck. Du siehst die zweite davonrollen: ein Eindruck. Aber das Band dazwischen, die Kraft, das Muss, das die zwei Bilder zu Ursache und Wirkung verschweißt — leg den Finger darauf. Du kannst es nicht. Zwischen Stoß und Lauf klafft, so genau du auch hinsiehst, nur ein Nacheinander: erst dies, dann das. Die Linie, die du zwischen beiden ziehst, hat dir kein Auge geliefert. Du hast sie nie gesehen.
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Nur ein Und-dann, tausendmal
Hier kommt die erste leise Übelkeit. Vielleicht, denkst du, lag es am einen Mal — sieh genauer, sieh öfter hin, dann tritt die Verknüpfung schon hervor. Also schaust du hundert Stöße an, tausend. Und jedes Mal genau dasselbe: Kugel trifft Kugel, Kugel läuft an. Nie, kein einziges Mal, schiebt sich zwischen die beiden Bilder ein drittes, das die Kraft, das Müssen zeigte. Was die Wiederholung dir liefert, ist nicht ein neues, tieferes Sehen — es ist nur dasselbe Nacheinander, noch einmal und noch einmal. Hume nennt diese bloße Aneinanderreihung, dieses ständige Beisammen ohne sichtbares Band, „constant conjunction“, die ständige Verknüpfung. Mehr ist in den Dingen nicht. Und doch — und das ist das Unheimliche — fühlst du beim tausendsten Stoß die Erwartung stärker denn je. Etwas in dir hat sich verändert. Nur nicht draußen, auf dem grünen Tuch. Da liegt noch immer bloß: und dann, und dann, und dann.
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Die Sonne, die nichts verspricht
Treib es weiter, hinaus aus dem Billardzimmer, hinauf zum größten Schluss, den Menschen ziehen. Die Sonne ist aufgegangen an jedem Morgen, seit es Augen gibt, die sie sahen — Milliarden Male, ohne eine Ausnahme. Daraus, sagt Hume mit unerschütterlicher Ruhe, folgt logisch nichts über morgen. Denn jeder solche Schluss von Gestern auf Morgen hängt an einem unausgesprochenen Pfeiler: dass die Natur gleichförmig bleibt, dass die Zukunft der Vergangenheit gleicht. Frag nach der Quittung für diesen Pfeiler. Beweisen lässt er sich nicht — eine Welt, in der morgen alles anders läuft, ist widerspruchsfrei denkbar, du kannst sie dir ohne Stocken ausmalen. Aus Erfahrung begründen lässt er sich auch nicht: Das hieße zu sagen, die Gleichförmigkeit habe bisher gegolten, also gelte sie weiter — und genau das, das Weitergelten, war ja zu beweisen. Du drehst dich im Kreis. Der Boden, auf dem alle Wissenschaft steht, jeder Schritt vor die Tür, trägt dich — und ist unter dir nicht festgemacht. Jetzt kippt das Staunen in Schwindel.
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Die Gewohnheit, die führt, wo die Vernunft schweigt
Steh in diesem Schwindel und frag das Naheliegende: Wenn die Vernunft den Schluss auf morgen nicht trägt — was dann? Du erwartest ja den Sonnenaufgang, du weichst dem heranrollenden Wagen aus, du wettest auf den nächsten Klick, mit ganzer Sicherheit. Hume nimmt dir die Rechtfertigung und reicht dir zugleich die Erklärung: Es ist die Gewohnheit, „custom“, jene stille Macht, die sich in dir festgesetzt hat, während draußen tausendmal nur das Nacheinander lag. Die ständige Verknüpfung hat nicht die Dinge verändert, sondern dich: Sobald die erste Kugel rollt, gleitet dein Geist von selbst zur erwarteten zweiten — und diese innere Gleitbewegung, dieses Gedrängtsein der Vorstellung, das verwechselst du mit einer Kraft draußen. Die Notwendigkeit, die du in der Welt zu sehen glaubtest, ist eine Projektion deiner eigenen Gewohnheit, nach außen geworfen. „Gewohnheit ist die große Führerin des menschlichen Lebens“, schreibt er 1748 in der Enquiry. Nicht die Vernunft führt dich durch den Tag. Die Vernunft, heißt es im Treatise von 1739 sinngemäß zugespitzt, ist und soll nur die Sklavin der Affekte sein — sie rechnet aus, was die Gefühle wollen, sie befiehlt es nicht.
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Der heitere Mann, der ohne festes Ich starb
Sieh, was an dieser Stelle fällt — und was bleibt. Mit derselben Schranke, die die Notwendigkeit zerlegte, geht Hume nach innen, sucht den Eindruck, der dein beständiges Ich verbürgt, dein durch alle Jahre gleiches Selbst. Er findet ihn nicht: immer nur Wärme, Schmerz, ein Gedanke, ein Bild — Perzeptionen, die kommen und gehen, nie das Ich, das sie hätte. Du bist, sagt er, ein „bundle of perceptions“, ein Bündel wechselnder Eindrücke ohne festen Kern. Und derselbe Schnitt trennt zwei Reiche, die man ewig verwechselt hatte: aus Sätzen darüber, was ist, folgt nie ein Satz darüber, was sein soll — kein Berg von Tatsachen gebiert von sich aus eine einzige Pflicht. So bleibt am Ende eine Welt ohne sichtbare Bänder, ein Ich ohne festen Boden, eine Moral ohne Beweis. Der Preis? Erstaunlich klein, an Hume gemessen. Als ihn 1776 der fromme James Boswell am Sterbebett aufsuchte, gespannt, ob der berüchtigte Zweifler nun doch nach dem Jenseits greife, erklärte ihm der todkranke Hume gelassen und gut gelaunt: Nach dem Tod nicht zu sein, schmerze ihn so wenig, wie es ihn geschmerzt habe, vor seiner Geburt nicht gewesen zu sein. Sein Freund Adam Smith hat die Heiterkeit dieses Mannes bezeugt. Wer kein festes Ich findet, das man verlieren könnte, hat dem Tod schon etwas von seinem Schrecken genommen — im Sterben blieb der Denker seinem Gedanken treu.
Hast du wirklich gesehen, dass die Notwendigkeit nur Gewohnheit ist — oder hat Humes eigenes Werkzeug sich selbst zerschnitten? Der schärfste Einwand kommt von Immanuel Kant, den, wie er bekannte, gerade Hume „aus dem dogmatischen Schlummer“ weckte. Kant dreht den Spieß um: Kausalität sei keine nachträglich abgelesene Gewohnheit, sondern eine Bedingung dafür, dass es überhaupt eine geordnete Folge von Eindrücken gibt, aus der ein Hume seine Skepsis schöpfen könnte. Ohne die Kategorie der Ursache zerfiele deine Erfahrung in ein bloßes Gestöber unverbundener Bilder — kein „und dann“, an dem sich eine Gewohnheit bilden könnte. Und es trifft Hume an der Wurzel: Wer fordert, jeder Begriff müsse seine Eindrucks-Quittung vorlegen, sägt am eigenen Ast, denn die „Gewohnheit“ selbst, das Ich, das Kausalprinzip — keines davon ist ein Eindruck; der Maßstab fällt unter sein eigenes Verdikt. Thomas Reid und später P. F. Strawson setzten nach: Ein „Bündel von Perzeptionen“ ohne ein einheitstiftendes Subjekt wäre gar nicht als jemandes Wahrnehmungen erkennbar — wessen Bündel? Hume selbst hat im Anhang zum Treatise reumütig eingestanden, hier in ein Labyrinth geraten zu sein, das er nicht aufzulösen vermöge. Was die Kritik richtig sieht: Hume erklärt brillant, warum wir induktiv schließen, rechtfertigt aber nie, dass wir es zu Recht tun — beim Billard, beim Diner, beim Wetten auf den Sonnenaufgang suspendiert er den Zweifel sofort. Die Diagnose ist messerscharf, die Therapie eine sanfte Kapitulation vor der Psychologie. Also: Hat Hume den Boden unter dem Wissen weggezogen — oder nur gezeigt, dass wir ihn nie betreten, sondern immer schon auf ihm gestanden haben?
