Die Jacke, die dich anschaut
Treiben die Ideen die Geschichte voran — oder bloß die Hände, die jeden Morgen das Brot, die Kohle, den Stahl herstellen, von dem alle leben?
In einem Wintermantel steckt mehr Geschichte als in den meisten Büchern. Karl Marx (Trier 1818 — London 1883) saß jahrelang im Lesesaal des British Museum, hustend, verschuldet, drei seiner Kinder hatte er begraben, und starrte auf das gewöhnlichste Ding der Welt: eine Ware, einen Rock, ein Pfund Garn. Er wollte wissen, warum das, was Menschen mit ihren Händen machen, sich am Ende über sie stellt wie ein fremder Herr. Geh mit ihm in eine Fabrikhalle, leg die Hand auf den warmen Stoff, der eben den Webstuhl verlassen hat — und am Ende wirst du gesehen haben, wie hinter dem freien Tausch eine stille Aneignung liegt. Oder du wirst zweifeln, ob das, was du gesehen hast, ein Gesetz war oder nur ein Verdacht.
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Das Brot vor dem Gedanken
Bevor irgendjemand denkt, betet, Recht spricht oder ein Gedicht schreibt, hat er gegessen. Steh früh auf in einer beliebigen Stadt eines beliebigen Jahrhunderts und zähl, was geschehen sein muss, ehe dein Tag beginnt: jemand hat das Korn gesät, gemahlen, gebacken; jemand hat die Kohle aus dem Schacht geholt, die deinen Ofen heizt; jemand hat den Faden gesponnen, aus dem dein Hemd ist. Diese Hände kommen vor allem anderen. Marx dreht damit einen Satz um, den seine Zeit fromm im Munde führte — der Geist, die Idee, das Bewusstsein regiere die Welt. Nein, sagt er: das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein, so steht es im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859. Wie eine Gesellschaft ihr Brot herstellt — das ist der Boden, auf dem alles andere erst wächst. Merk dir diesen Boden. Wir werden gleich sehen, was sich darüber wölbt.
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Das obere Stockwerk, das sich von selbst versteht
Über die Halle, in der die Hände arbeiten, leg nun ein zweites Stockwerk, durchsichtig, schwebend: dort sitzen der Richter mit seinem Gesetzbuch, der Pfarrer mit seinem Trost, der Abgeordnete mit seiner Rede über die Freiheit, der Professor mit seiner Theorie. Marx nennt den unteren Raum die Basis, das obere Geschoss den Überbau. Und nun das Beunruhigende: Frag, wessen Ordnung dieses obere Stockwerk eigentlich heiligt. Das Gesetz schützt das Eigentum — derer, die etwas besitzen. Die herrschende Moral nennt fleißig, wer stillhält. „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets die Ideen der herrschenden Klasse“, heißt es sinngemäß in der Deutschen Ideologie. Was sich als ewige Wahrheit gibt, als gesunder Menschenverstand, als Gottes Wille — Marx hört darin zuerst eine Frage: Wem nützt es? Der Boden trägt nicht nur das Haus. Er hat es nach seinem Bild gebaut.
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Der Rock, für den keiner mehr schwitzt
Jetzt das harmloseste Ding: ein Rock im Schaufenster, ein Preisschild daran, zwölf Taler. Sauber, fertig, für sich. Niemand sieht ihm an, dass eine Näherin sechzehn Stunden über ihm saß, dass die Wolle von einem Schäfer kommt, das Garn von einer Spinnerin, das Eisen der Nadel von einem Bergmann. All diese Menschen, all diese Mühe, all diese durchwachten Nächte sind in den zwölf Talern verschwunden, eingeschmolzen in eine bloße Zahl. Der Rock tritt dir gegenüber wie ein selbstständiges Wesen, das mit anderen Dingen verkehrt — so viel Rock gleich so viel Brot gleich so viel Geld. Hier liegt die erste leise Übelkeit: Ein Verhältnis zwischen Menschen erscheint dir als ein Verhältnis zwischen Sachen. Marx nennt das, im ersten Band des Kapital von 1867, den Fetischcharakter der Ware. Wie der Wilde sein selbstgeschnitztes Holz anbetet, beten wir die Ware an, die wir selbst gemacht haben — und vergessen die Hände.
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Der ehrliche Tausch, in dem etwas fehlt
Treib es weiter, und zwar an der Stelle, wo alles ganz gerecht aussieht. Ein Arbeiter geht zum Fabriktor und verkauft das Einzige, was er hat: seine Arbeitskraft, für einen Tag. Niemand zwingt ihn mit der Peitsche, er unterschreibt frei, er bekommt seinen Lohn — genug, um sich am Abend satt zu essen und am nächsten Morgen wiederzukommen. Ein sauberer Tausch unter Gleichen, sagt das obere Stockwerk. Aber geh mit Marx in die Halle hinein und sieh auf die Uhr. In den ersten Stunden erarbeitet der Mann den Wert, der seinem Lohn entspricht. Dann schlägt die Uhr — und er hört nicht auf. Er webt weiter, vier, fünf, sechs Stunden, und alles, was in dieser Zeit entsteht, gehört nicht ihm, sondern dem, dem die Webstühle gehören. Diesen Überschuss nennt Marx den Mehrwert. Der Profit, sagt er, ist kein Diebstahl im Dunkeln, kein böser Einzelner — er entspringt der unbezahlten Mehrarbeit, mitten im hellen, freien, rechtmäßigen Tausch. Genau dort, wo niemand ein Unrecht sieht, sitzt es.
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Wenn die eigene Hand zum fremden Herrn wird
Hier kippt die Beobachtung in Schwindel. Folge dem Stoff, den die Näherin webt: Je mehr sie schafft, desto reicher wird die Welt der Dinge ihr gegenüber — und desto ärmer sie selbst. Ihr eigenes Produkt steht ihr fremd entgegen, sie kann es nicht kaufen, es gehört einem anderen, es wird zur Macht über sie, die ihren nächsten Lohn diktiert. Die Arbeit, die den Menschen zum Menschen macht, wird ihm zur Qual, der er entflieht, sobald die Sirene heult. Marx hat das schon jung gesehen, in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844: Der Arbeiter ist entfremdet — von seinem Produkt, von seiner Tätigkeit, von den anderen, am Ende von sich selbst, von dem, was er hätte sein können. Das ist kein Gefühl, keine Laune. Es ist die Lage eines Wesens, dem die eigene Lebensäußerung als etwas Feindliches gegenübertritt. Der Mensch wird, wie es heißt, zum Anhängsel der Maschine — sie gibt den Takt, er folgt. Das Werk steht über dem, der es schuf.
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Das Gespenst, das nicht ruht, und sein Preis
Sieh nun die ganze Architektur: ein Boden aus Hände-Arbeit, ein Haus aus Recht und Ideen, das ihn rechtfertigt, eine Maschine, die aus jedem Arbeitstag heimlich mehr presst, als sie zahlt. Marx hält das nicht für ewig. Wachsen die Kräfte der Produktion — die Maschinen, das Wissen, die große Industrie — über die alten Verhältnisse hinaus, so geraten Boden und Haus in Widerspruch, und es kommt, sagt er, zur Revolution. „Ein Gespenst geht um in Europa“, beginnt das Manifest der Kommunistischen Partei von 1848, das er mit Engels schrieb — das Gespenst einer Welt, in der das Eigentum an den Maschinen niemandem mehr allein gehört. Und der Mann selbst? Er bezahlte mit Armut, Exil, Krankheit, mit Kindern, die er nicht ernähren konnte. Doch er war kein dogmatischer Prophet: Als sich Jünger auf ihn beriefen, soll er, überliefert durch Engels' Briefe, entnervt gesagt haben: „Was mich betrifft, so bin ich kein Marxist.“ Die Welt sollte verändert, nicht in eine Formel stillgestellt werden. Hier steht die offene Tür — und davor ein harter Verdacht: Vielleicht ist die ganze Rechnung mit dem Mehrwert genauso ein Gespenst.
Hast du ein Gesetz der Geschichte gesehen — oder ein mächtiges Bild, das sich selbst zu beweisen scheint? Der schärfste Einwand zielt nicht auf Marx' Mitleid mit den Arbeitern, das ihm niemand bestreitet, sondern auf das Fundament, auf dem die ganze Rechnung ruht: die Arbeitswertlehre. Der Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk hielt ihm 1896, in „Zum Abschluß des Marxschen Systems“, vor, der dritte Band des Kapital widerlege den ersten — der Wert solle aus der Arbeitszeit kommen, doch die wirklichen Preise richten sich nicht danach, und das „Transformationsproblem“ vom Wert zum Preis bleibe ungelöst. Die Grenznutzenlehre seit Jevons und Menger zog dem Mehrwert den Boden weg, und der Marxist Piero Sraffa zeigte 1960, dass sich Preise und Profite ganz ohne den Wertbegriff bestimmen lassen — der Mehrwert erschiene dann als überflüssige Zwischenstufe. Dazu Karl Poppers Verdikt: Der historische Materialismus sei als Prophetie nicht falsifizierbar; blieben die Voraussagen aus — die Verelendung, der Zusammenbruch im reichsten Industrieland —, rettete man die Theorie durch Zusatzannahmen, statt sie aufzugeben. Was diese Kritiker richtig sehen: Eine Diagnose, die alles erklärt und sich gegen jede Widerlegung immunisiert, hört auf, Wissenschaft zu sein. Und doch hat keiner von ihnen den Verdacht je ganz zum Schweigen gebracht, dass im glatten, freien Tausch jemand mehr gibt, als er zurückbekommt. Also: Hast du Ausbeutung gesehen — oder nur ein Wort dafür, dass dir der Preis zu niedrig schien?
