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Das Pendel, das nie zur Ruhe kommt

Schopenhauer und der blinde Wille hinter der Welt

Ist das, was uns von innen treibt, der schlichte Kern der ganzen Welt — oder nur das eine Stück Natur, das wir zufällig von der Rückseite kennen?

Frankfurt, kurz nach acht: ein wohlhabender Privatgelehrter steht auf, schreibt drei Stunden, spielt eine halbe auf der Flöte, isst im selben Gasthof, geht mit einem weißen Pudel dieselbe Runde, immer dieselbe — und in diesem Mann der äußersten Ordnung tobt der Verdacht, dass unter aller Ordnung etwas Ordnungsloses drängt. Arthur Schopenhauer (Danzig 1788 — Frankfurt 1860) hat sein Leben lang gegen einen einzigen Gegner geschrieben, den er in der eigenen Brust fand. Leg jetzt zwei Finger an deinen Hals und spür den Puls: dieses Klopfen, das du nicht befiehlst und nicht stillstellst. Wir gehen dem nach, Schlag für Schlag — und am Ende wirst du gesehen haben, dass dasselbe blinde Drängen die ganze Welt bewegt. Oder zweifeln, ob du dich nicht von einem einzigen Innenblick hast verführen lassen.

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KI-Erzählstimme, kein Originalton — ein Porträt im Geiste des Denkers.

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    Die Welt hinter dem Glas

    Sieh aus dem Fenster, ganz beiläufig: eine Straße, ein Baum, ein Mensch, der vorübergeht. Du meinst, da draußen sei die Welt, und du schautest hinein. Geh näher und prüf es. Das Bild des Baumes hängt nicht am Baum — es entsteht in dir, in einem Auge, einem Nerv, einem Gehirn, das Farbe aus Licht macht und Tiefe aus zwei flachen Bildern rechnet. Nimm die Zeit weg, in der du den Menschen gehen siehst, nimm den Raum weg, in dem der Baum steht, nimm das Vorher-Nachher der Ursachen weg — und es bleibt kein Rest von Welt, nur Dunkelheit. Genau dahin führt der erste Satz, mit dem Schopenhauer sein Hauptwerk eröffnet, 1819: „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Kein Subjekt ohne sein Objekt, kein Objekt ohne ein Subjekt, für das es dasteht — beide hängen aneinander wie die zwei Seiten einer Scheibe. Du siehst nie hinter das Glas. Du siehst das Glas. Merk dir diese Scheibe; gleich suchen wir die einzige Stelle, an der sie durchlässig wird.

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    Die einzige Tür, die nach innen geht

    Du bist gefangen in lauter Außenseiten — und doch gibt es eine Ausnahme, eine einzige, und sie bist du selbst. Heb deine Hand. Du kannst sie von außen ansehen: fünf Finger, Haut, ein Ding unter Dingen, an Raum und Zeit gebunden wie der Baum. Aber du kennst sie noch auf einem zweiten Weg, von dem niemand außer dir etwas weiß. Du musst nicht hinsehen, um zu wissen, dass sie sich hebt — du willst es, und sie hebt sich, und das Wollen ist nicht die Ursache der Bewegung, es ist dieselbe Sache, von innen erlebt. Hier, sagt Schopenhauer, springt das Schloss auf, vor dem Kant kapitulierte. Kant hatte das „Ding an sich“ für immer hinter das Glas verbannt, unerkennbar. Schopenhauer findet die eine undichte Stelle: deinen eigenen Leib, den du zugleich als Vorstellung siehst und als Willen spürst. Was du dort von innen fühlst, dieses dumpfe, namenlose Treiben — das ist nicht bloß ein Bild der Welt mehr. Das ist die Welt von ihrer Rückseite.

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    Der Schluss vom Puls auf das All

    Jetzt der Sprung, der alles trägt — oder alles riskiert. Du kennst dieses Drängen an genau einer Stelle: in dir. Aber warum solltest du allein eine Rückseite haben und der ganze Rest der Welt keine? Es wäre, sagt Schopenhauer, grundlos, dem Stein, der fällt, der Pflanze, die zum Licht wächst, dem Tier, das jagt, ein anderes Inneres zuzuschreiben als das, das du in dir findest. Also dehnt er das eine erlebte Innen über alles aus: Was im Magneten zum Pol strebt, was im Wasser nach unten will, was in dir hungert und begehrt und liebt — es ist ein und dasselbe, ein einziger, blinder, grund- und zielloser Wille, der durch jede Gestalt hindurchdrängt. Nicht viele Willen, einer; denn Vielheit braucht Raum und Zeit, und die liegen vor dem Glas, nicht dahinter. Spür den Puls von vorhin noch einmal. Schopenhauer sagt dir: das ist nicht dein Puls. Das ist der Puls der Welt, der durch dich hindurchschlägt. Achte gut auf diesen Schritt — an ihm wird sich später alles entscheiden.

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    Warum der Wille nie satt wird

    Frag diesen Willen, was er will, und du bekommst keine Antwort, denn er hat kein Ziel — er will nur, will überhaupt, will weiter. Und daraus folgt etwas Bitteres, das du an dir selbst nachprüfen kannst. Jedes Wollen entspringt einem Mangel: du willst, weil dir etwas fehlt, und solange es fehlt, leidest du daran. Erreichst du es endlich — den Posten, die Liebe, das Haus — erlischt mit dem Wunsch sein kurzes Glück, und ehe du dich freuen kannst, drängt der Wille schon zum Nächsten. Bleibt aber einmal nichts mehr zu wollen, kein Mangel, kein Ziel, dann stürzt die Leere herein, die wir Langeweile nennen, und auch sie ist eine Qual. Sieh das Pendel einer alten Uhr: nach links das Leiden des unerfüllten Wollens, nach rechts die Langeweile des erfüllten — und niemals in der Mitte stehend, niemals zur Ruhe. „Alles Leben ist Leiden“, schreibt Schopenhauer sinngemäß im 56. Abschnitt seines Hauptwerks. Das ist nicht die Klage eines Verbitterten. Das ist, behauptet er, die Bauart des Daseins selbst.

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    Der Riss im Schleier

    Hier kommt die Wende, und sie kommt von einer unerwarteten Seite — nicht durch mehr Wollen, sondern durch dessen plötzliches Verstummen. Du stehst vor einem Bild, einer Landschaft, hörst eine Melodie — und für einen Atemzug willst du nichts. Du begehrst das Bild nicht, besitzt es nicht, fragst nicht, was es nützt. Du bist nur noch reines, schmerzloses Anschauen, ein „Weltauge“, wie Schopenhauer es nennt, das sieht, ohne zu wollen. In diesem Augenblick reißt der Schleier, den er mit einem alten indischen Bild den Schleier der Maja nennt — als erster großer westlicher Denker nahm er die Upanischaden und den Buddhismus ernst und las in ihnen seine eigene Diagnose bestätigt. Was du dahinter erblickst: dass der Andere kein Anderer ist. Im Mitleid, sagt er, erkennst du im fremden Leiden unmittelbar denselben einen Willen, der auch durch dich schlägt — die Trennung in Ich und Du war nur Raum und Zeit, nur Vorstellung. Und die Musik ist ihm das tiefste: sie bildet nicht Dinge ab, sondern den Willen selbst, sein Drängen und Stillen, unmittelbar. Für einen Moment steht das Pendel still.

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    Die Treppe stillgestellt — und ihr Preis

    Sieh, wohin die Treppe führt, deren erste Stufe das Mitleid war: über die Kunst, die nur Pausen schenkt, hinaus zur Verneinung des Willens zum Leben selbst — der Asket, der das Drängen in sich bis zum Schweigen bringt, eine Annäherung an das, was der Buddhismus Nirwana nennt. Nicht Selbstmord; der bejaht den Willen noch, indem er die Bedingungen verflucht. Sondern das stille Erlöschen des Wollens, das letzte Stehenbleiben des Pendels. Doch nun der Preis des Mannes hinter der Lehre. Schopenhauer predigte die Verneinung des Willens und blieb selbst ein heftig Wollender: ehrgeizig, jähzornig, eitel auf seinen Ruhm, der erst spät kam. 1821 stieß er in Berlin im Streit eine Näherin, Caroline Marquet, die in seinem Vorraum schwatzte, die Treppe hinab; ein jahrelanger Prozess verurteilte ihn, ihr lebenslang eine Rente zu zahlen. Als sie zwanzig Jahre später starb, notierte er der Überlieferung nach trocken auf die Sterbeurkunde: „Obit anus, abit onus“ — die Alte stirbt, die Last geht fort. Der Prophet der Willenslosigkeit, der seine Last bis zuletzt zählte. Mach ihn dafür nicht zum Heuchler: dass einer die Krankheit kennt, an der er selber leidet, macht die Diagnose nicht falsch.

Nachklang

Hast du wirklich den Kern der Welt gespürt — oder nur den einen Fall, den du von innen kennst, vorschnell zum Maß aller Dinge gemacht? Genau hier liegt der stärkste Einwand, und er trifft nicht den Pessimismus, sondern dessen Fundament: den Schluss vom eigenen Leib auf das All. Schon Schopenhauers Zeitgenosse G. E. Schulze und nach ihm die Neukantianer hielten ihm vor, dass er Kant gerade dort verrät, wo er sich auf ihn beruft. Denn das Ding an sich soll jenseits von Raum und Zeit liegen — also auch jenseits von Einheit und Vielheit. Es dann „einen“ Willen zu nennen, schmuggelt die Zählbarkeit, das principium individuationis, das Schopenhauer selbst streng auf die Erscheinung beschränkt, durch die Hintertür wieder herein. D. W. Hamlyn, Patrick Gardiner und Bryan Magee haben den Stoß verschärft: Dein innerer Zugang zum eigenen Wollen ist selber Erscheinung — du erfährst deinen Willen ja in der Zeit, im inneren Sinn, als ein Nacheinander von Regungen, und gerade nicht das nackte Ding an sich. Damit bricht der Schritt vom Puls auf das All, den Schopenhauer ehrlich nur als Analogie ausgab, in sich zusammen. Bertrand Russell setzte hinzu, der Pessimismus folge aus dieser Metaphysik logisch ohnehin nicht. Und doch sieht die Gegenseite eine Wahrheit, die kein System wegredet: dass wir die Welt tatsächlich an einer einzigen Stelle von innen kennen, und dass diese Stelle nicht denkt, sondern begehrt. Also: Schlägt durch deinen Puls der Wille der Welt — oder nur dein eigener, einsam in seiner Haut?

Arthur Schopenhauer

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Arthur Schopenhauer

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