Die Hand, die den Stein hebt
Muss alles, was sich bewegt, von einem Ersten bewegt sein — oder ist die Kette der Ursachen einfach grundlos und endlos?
Ein schwergewichtiger, schweigsamer junger Mann sitzt in den Hörsälen von Paris und Köln, und die Mitschüler halten ihn für begriffsstutzig; sie sollen ihn der Überlieferung nach den „stummen Ochsen von Sizilien“ genannt haben, während sein Lehrer Albertus Magnus widersprach: Das Brüllen dieses Ochsen werde einst in der ganzen Welt zu hören sein. Thomas von Aquin (Roccasecca 1225 — Fossanova 1274) wollte beweisen, was die meisten für reine Glaubenssache hielten: dass die nackte Vernunft, ohne ein einziges Mal zu glauben, aus dem gewöhnlichsten Faktum der Welt bis zu Gott aufsteigen könne. Heb mit mir einen Stein vom Boden — und geh mit, Glied um Glied, eine Kette rückwärts, an deren Ende du etwas sehen wirst, das sich selbst nicht mehr bewegt. Oder zweifeln, ob die Kette dich wirklich dorthin zwang.
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Der Stein, der nicht von selbst steigt
Leg eine Hand auf einen Stein, der auf dem Boden liegt. Er rührt sich nicht. Tage, Jahre könntest du warten — von allein steigt er nicht in die Luft. Erst wenn du ihn hebst, kommt Bewegung in ihn: aus dem bloßen Daliegen-Können wird wirkliches Steigen. Genau das nennt Thomas, im Anschluss an Aristoteles, den „der Philosoph“, den Übergang von der Möglichkeit zur Wirklichkeit. Der Stein war oben zu sein nur der Möglichkeit nach; deine Hand macht es wirklich. Und merk dir die stille Selbstverständlichkeit darin: Der Stein gibt sich die Höhe nicht selbst. Was bloß die Anlage zu etwas hat, kann sich diese Anlage nicht aus eigener Kraft erfüllen — das Kalte wird nicht von sich aus warm, das Dunkle nicht von sich aus hell. Es braucht etwas, das schon ist, was das andere erst werden soll. Eine Hand, ein Feuer, ein Licht. Halt dieses Bild fest. Aus diesem schlichten Heben baut Thomas seinen ganzen Aufstieg.
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Was treibt die Hand, die treibt?
Jetzt dreh den Blick um und frag nach deiner eigenen Hand. Sie hob den Stein — aber sie hob ihn nicht aus dem Nichts heraus. Muskeln zogen an, Sehnen spannten, vorher ein Nervenreiz, davor ein Wille, davor Hunger oder Absicht; und der Wille selbst ward bewegt von etwas, das ihn lockte. Du bist die Hand, die hebt, und zugleich der Stein, den etwas anderes hob. Das ist der Riss, den Thomas in das harmlose Bild treibt: Alles, was bewegt wird, sagt er, wird von einem anderen bewegt — nichts geht aus eigener Kraft von der bloßen Möglichkeit ins Wirkliche über. Der erwärmte Topf erwärmt das Wasser, doch ihn erwärmte das Feuer, das Feuer entzündete ein Funke. Zieh den Faden von Glied zu Glied zurück. Jedes, das schiebt, wird selbst geschoben. Nirgends in dieser Reihe steht etwas, das aus sich heraus anfinge — bisher.
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Die Kette, die rückwärts läuft
Geh den Faden weiter zurück, und es kommt die erste leise Beunruhigung. Glied hängt an Glied, jedes empfängt seinen Stoß von dem vorigen und gibt ihn ans nächste weiter — wie eine Reihe von Eisenbahnwaggons, die ruckt, weil der vordere zieht, der vom nächsten gezogen wird. Kein Waggon zieht aus eigener Kraft. Und nun stell dir vor — nein: zähl die Glieder ab, eines, zehn, tausend, und keines ist je das erste. Solange jedes nur weitergibt, was es empfängt, ist die Bewegung an keiner Stelle wirklich begründet, sondern nur durchgereicht. Es ist wie mit einem Wort, das jeder nur zitiert: Hat es nie einer zuerst gesprochen, ist es nie gesprochen worden. Thomas sagt nicht, die Reihe sei zeitlich zu lang. Er sagt etwas Schärferes: Ohne ein erstes, selbst nicht geschobenes Glied bewegte überhaupt kein zweites — und damit auch kein letztes, auch nicht dieser Stein hier in deiner Hand.
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Der Schwindel des grundlosen Stoßes
Hier kippt das Vertraute in Schwindel. Denk dir die Kette unendlich, ohne Anfang, in den Nebel zurück, wo nie ein erstes Glied beginnt. Und doch ruckt, vor deinen Augen, der Stein. Etwas geschieht jetzt, real, fühlbar — eine Bewegung, die da ist. Spür den Widerspruch im eigenen Urteil: Da bewegt sich etwas, und du kommst, Glied um Glied rückwärts gehend, an keine Quelle, aus der die Bewegung käme. Reine Weitergabe ohne einen, der zuerst gibt. Es ist, als läge in einer endlosen Reihe von Spiegeln ein Licht, das keine Lampe hat — überall Widerschein, nirgends eine Flamme. Genau diesen Augenblick will Thomas dich nicht überleben lassen, ohne dass du eine Wahl triffst: Entweder die ganze Bewegung, die du gerade siehst, hat keinen Grund und wäre also gar nicht — oder irgendwo, jenseits aller geschobenen Glieder, steht etwas, das schiebt, ohne geschoben zu sein.
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Das Unbewegte, das alles bewegt
Und nun der Schnitt. Wenn die Bewegung wirklich ist — und sie ist es, der Stein steigt ja —, dann kann die Kette nicht überall nur weiterreichen. Irgendwo muss sie aufsetzen auf etwas, das nicht mehr empfängt, sondern nur gibt: einen ersten Beweger, der selbst unbewegt ist. Nicht das erste Glied einer Reihe in der Zeit, sondern der ruhende Grund unter aller Bewegung, hier und jetzt, in diesem Augenblick, in dem deine Hand sich hebt. Etwas, das ganz Wirklichkeit ist und keine bloße Möglichkeit mehr in sich trägt, die noch erfüllt werden müsste — reiner Akt, ohne ein Davor. Und dann setzt Thomas, ruhig, fast beiläufig, den Satz, mit dem er den ersten der Fünf Wege beschließt: ein solcher erster, unbewegter Beweger, „und diesen verstehen alle als Gott“ (so der erste Weg der Summa theologiae). Aus dem gehobenen Stein ist, Glied um Glied, ein Gott geworden — ohne dass ein einziges Mal von Offenbarung die Rede war.
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Der Bau, der Preis und das jähe Schweigen
Sieh die Architektur, die sich auftut, und ihren Preis. Fünf solcher Wege legt Thomas an — aus der Bewegung, der Wirkursache, der Zerbrechlichkeit der Dinge, den Stufen des Seins, der Zweckmäßigkeit der Natur —, fünf Pfade, die alle aus dem Gewöhnlichsten aufsteigen zu einem Punkt. Dahinter trägt eine tiefere These: dass etwas ist, ist nie dasselbe wie, was es ist; nur in Gott fallen Wesen und Dasein zusammen, er allein ist das Sein selbst. Über ihn, sagt Thomas, lässt sich weder gleichlautend noch ganz fremd reden, nur analog. Und sein vielleicht ruhigster Satz, aus der Summa theologiae: Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vollendet sie — die Vernunft wird nicht überwunden, sie wird gekrönt. Der Preis aber kam von ihm selbst. Am 6. Dezember 1273, während einer Messe, hörte Thomas mitten im Werk plötzlich auf zu schreiben; was er erfahren habe, soll er gesagt haben, lasse alles Geschriebene wie Stroh erscheinen. Die Summa theologiae blieb unvollendet. Wenige Monate später, Anfang 1274, starb er auf dem Weg zum Konzil. Was den großen Ordner so jäh verstummen ließ, eine Erschöpfung, ein Schlaganfall, ein anderes Leiden — das hat seine eigene Herkunft und macht aus dem stummen Ochsen keinen Märtyrer seines Werks.
Hast du Gott gesehen — oder nur einen Wechsel des Wortes, an der Stelle, wo das Denken müde wurde? Den schwersten Einwand führt nicht Thomas' frühe Spötter, sondern Immanuel Kant. Aus dem Begriff der bedingten, geschobenen Welt, sagt Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“, lasse sich kein notwendiges höchstes Wesen zwingend ableiten, weil Existenz kein reales Prädikat ist: Dass etwas sein muss, folgt aus keinem Begriff. Heimlich, so Kant, borge das kosmologische Argument immer die Logik des ontologischen — und beide scheitern an derselben Grenze der Vernunft. Schon vor ihm hatte Wilhelm von Ockham die ganze Begriffsmaschinerie unter Verdacht gestellt, auf der Thomas baut: Die vermeintlich notwendigen Brücken zwischen Welt und Gott seien in Wahrheit Glaubensartikel, und die Fünf Wege verlören damit ihre beweisende Kraft. Und der feinste Stachel: Hat Thomas das Ergebnis — den Gott der Offenbarung — nicht stets schon gekannt und die Vernunft nur nachträglich dorthin geführt? Dann bliebe die gepriesene Eigenständigkeit der ratio die einer wohldressierten Magd, die genau dort haltmacht, wo der Glaube es verlangt. Was die Kritik richtig sieht, ist hart: Der Schritt vom „ersten Beweger“ zu „und diesen verstehen alle als Gott“ ist kein Schluss mehr, sondern eine Taufe. Bleibt also die Frage, die Thomas selbst am 6. Dezember 1273 wie Stroh erschien: Zwingt dich der gehobene Stein wirklich bis zu Gott — oder nur bis zu einem Anfang, dem du erst danach seinen Namen gibst?
