Das Wort, das einen Ziegel bringt
Liegt die Bedeutung eines Wortes in dem, was du dabei innerlich meinst — oder gibt es dieses Innen gar nicht, und das Wort ist nur, was es draußen unter Menschen tut?
Auf einer Baustelle ruft einer „Platte!“, und ein zweiter, ohne aufzusehen, reicht ihm eine Platte. Nichts daran ist rätselhaft, nichts geheimnisvoll. Genau hier aber, bei diesem armseligen, fast lächerlichen Ruf, beginnt der späte Ludwig Wittgenstein (Wien 1889 — Cambridge 1951) seine zweite Philosophie — und macht aus einer Selbstverständlichkeit einen Abgrund. Denn er hatte als junger Mann schon einmal alles erklärt: Im „Tractatus logico-philosophicus“ (1921) war jeder Satz ein gestochenes logisches Bild der Welt, und am Ende stand das Schweigen. Dann verwarf er es, sein eigenes Werk. Geh mit auf die Baustelle, hör den Ruf, sieh den Ziegel kommen. Und am Ende wirst du erkannt haben, dass die Bedeutung der Worte nicht in deinem Kopf wohnt, sondern in dem, was wir miteinander tun. Oder daran zweifeln, ob dann überhaupt noch irgendetwas „richtig“ heißen kann.
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Der Ruf, der einen Ziegel bringt
Steig auf das Gerüst. Unter dir ein Maurer und sein Gehilfe, mehr Sprache brauchen sie nicht: vier Worte — „Würfel“, „Säule“, „Platte“, „Balken“. Der Maurer ruft „Platte!“, der Gehilfe bringt eine Platte. Frag dich, was hier eigentlich geschieht. Du bist versucht zu sagen: Der Ruf ist der Name eines Dings, ein Etikett, das auf dem Stein klebt, und der Gehilfe liest es ab. So lehrt es das Schulbuch, so dachte auch Augustinus, als er beschrieb, wie er als Kind Sprechen lernte: Die Erwachsenen zeigten auf Dinge, sprachen den Laut — und so heftete sich jeder Klang an seinen Gegenstand. Mit genau diesem Bild eröffnet Wittgenstein die „Philosophischen Untersuchungen“ (posthum 1953). Aber sieh genauer hin: Der Gehilfe schlägt nichts nach. Er handelt. „Platte!“ ist kein Etikett, das auf einem Stein klebt — es ist ein Griff, an dem ein Ziegel durch die Luft fliegt. Das Wort tut etwas. Merk dir diesen fliegenden Stein. An ihm wird sich alles entscheiden.
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Der junge Mann, der die Welt schon einmal abgebildet hatte
Bevor wir weitergehen, musst du wissen, wovon dieser Mann sich losreißt — nämlich von sich selbst. Im Schützengraben des Ersten Weltkriegs, ein Notizbuch in der Manteltasche, hatte Wittgenstein ein Buch geschrieben, das die ganze Philosophie zu beenden meinte. Der Satz, lehrte der „Tractatus“, ist ein Bild: So wie eine Zeichnung Punkt für Punkt einer Schlacht entspricht, entspricht ein sinnvoller Satz Glied für Glied einem möglichen Sachverhalt in der Welt. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (Tractatus 5.6). Was kein Bild abgeben kann — Ethik, Gott, der Sinn des Ganzen — davon lässt sich nicht sprechen; es zeigt sich nur. Daher der berühmte letzte Satz, Satz 7: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Halt dieses Bild neben den fliegenden Ziegel. Dort: das Wort als stilles Abbild, das der Welt von außen gegenübersteht. Hier: das Wort als Werkzeug mitten im Handgemenge. Zwischen beiden liegt ein Leben — und der Riss geht jetzt auf.
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Der Faden, der reißt: das Wort ohne Wesen
Jetzt die erste leise Übelkeit. Du glaubst, jedes Wort trage einen Kern in sich, ein gemeinsames Etwas, das alle seine Fälle teilen — sonst wäre es ja sinnlos. Nimm das Wort „Spiel“ und such diesen Kern. Schach: Wettkampf, Regeln, ein Sieger. Aber das Kind, das einen Ball gegen die Wand wirft und wieder fängt — wo ist der Gegner, wo der Sieg? Ein Ringelreihen: keiner gewinnt, alle drehen sich. Patience: du gegen dich selbst. Zieh einen Faden von Fall zu Fall und sieh, wie er reißt: Mal teilen zwei den Wettkampf, mal das Geschick, mal das bloße Vergnügen — aber kein einziger Zug läuft durch alle hindurch. „Spiele“ bilden, sagt Wittgenstein, eine Familie: Der Großvater und der Enkel haben dieselbe Nase, der Enkel und die Tante denselben Gang — doch ein Gesicht, das allen gehört, gibt es nicht. Familienähnlichkeiten. Das Wesen, das du gesucht hast, war nie da. Und doch gebrauchst du das Wort jeden Tag mühelos richtig. Wie kann das sein?
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Das Tagebuch, in das niemand sehen darf
Treib es an die Grenze. Wenn die Bedeutung kein öffentliches Wesen braucht — dann liegt sie vielleicht ganz in dir, in deinem Innern, wo niemand hinsieht. Mach die Probe, die Wittgenstein dir stellt (Untersuchungen §258). Du spürst eine bestimmte, namenlose Empfindung und beschließt: Die nenne ich „E“. Du führst ein geheimes Tagebuch, und an jedem Tag, an dem das Gefühl wiederkehrt, schreibst du „E“. Eine Sprache nur für dich, aus deinem privaten Innenraum geboren. Und nun frag: Woher weißt du am dritten Tag, dass es wieder dasselbe „E“ ist und nicht ein anderes, ähnliches Gefühl? Du erinnerst dich an das erste Mal — aber prüfen kannst du diese Erinnerung an nichts. Es gibt keine zweite Instanz, kein Maß außer dir, das zwischen „ist richtig“ und „kommt mir nur richtig vor“ unterschiede. „Was immer mir richtig erscheinen wird“, schreibt er, „das ist richtig.“ Und das heißt: Hier lässt sich von richtig gar nicht mehr reden. Der Stein, den du in dein Inneres wirfst, fällt in einen Schacht ohne Boden — du hörst ihn nie auftreffen.
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Der Schnitt: Bedeutung ist, was das Wort tut
Das ist der Höhepunkt, an dem die Intuition kippt. Eine Regel zu befolgen — auch nur das Wort „E“ richtig zu wiederholen — heißt, zwischen richtig und falsch unterscheiden zu können. Diese Unterscheidung braucht ein Maß außerhalb deiner selbst. Im privaten Innenraum gibt es das nie. Also kann es keine private Sprache geben (Untersuchungen §§243–271). Und nun fällt die ganze alte Annahme: Bedeutung wohnt nicht hinter der Stirn, in einem stillen Theater der Vorstellungen, das jeder für sich bespielt. Sie wohnt dort, wo der Ziegel fliegt — zwischen Maurer und Gehilfe, in einer geteilten, regelgeleiteten Praxis. „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Geh zurück auf das Gerüst und sieh es mit neuen Augen: Dass „Platte!“ etwas bedeutet, liegt nicht in einem Bild im Kopf des Maurers, sondern darin, dass hier, in dieser eingespielten Lebensform aus Händen, Steinen und Rufen, ein Ziegel kommt, wenn man ruft. Sprache ist kein Spiegel der Welt mehr. Sie ist ein Werkzeug im Gebrauch — und Bedeutung das, was es ausrichtet.
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Die Leiter, die man wegwirft — und der glühende Schürhaken
Sieh die Architektur, die sich auftut, und ihren Preis. Zwei Wittgensteins stehen sich gegenüber: der frühe, der die Welt in ein logisches Bild bannte, und der späte, der dieses Bild zertrümmert zugunsten der Sprachspiele — der vielen Tätigkeiten, in die Worte verwoben sind. Schon der „Tractatus“ kannte die seltsame Geste der Selbstaufhebung: Wer ihn verstanden hat, schreibt Wittgenstein am Ende, erkennt seine Sätze als unsinnig — „er muss die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist“. Philosophie war ihm beide Male keine Lehre, sondern eine Tätigkeit, ein „Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“ (Untersuchungen §109) — Therapie, nicht Theorie. Wie ernst ihm das war, zeigt eine Szene: Am 25. Oktober 1946 traf er im Cambridger Moral Sciences Club auf Karl Popper, der behauptete, es gebe echte philosophische Probleme, keine bloßen Sprachverwirrungen. Augenzeugen berichten, Wittgenstein habe erregt einen glühenden Schürhaken vom Kamin ergriffen; was genau geschah, blieb umstritten. Er lebte karg, verschenkte sein ererbtes Vermögen, suchte den Anstand, nicht das Behagen. Das gute Leben, fand er, lässt sich nicht sagen. Es zeigt sich im Tun — wie der Ziegel, der kommt, wenn man ruft.
Hast du wirklich gesehen, dass Bedeutung im öffentlichen Gebrauch liegt — oder hast du dir nur den Boden weggezogen, auf dem „richtig“ überhaupt steht? Der schärfste Einwand kommt nicht von außen, sondern aus Wittgensteins eigenem Werk, freigelegt von Saul Kripke in „Wittgenstein on Rules and Private Language“ (1982). Kripke liest aus dem Regelfolgen ein „skeptisches Paradox“ heraus: Keine Tatsache — kein Bild im Kopf, keine vergangene Übung — legt je fest, was es heißt, einer Regel korrekt zu folgen. Du hast bisher tausend Zahlen addiert; was zwingt dich, beim nächsten Mal weiter zu addieren statt etwas anderes zu tun, das mit all deinen bisherigen Fällen genauso verträglich wäre? Wenn aber nichts es festlegt, droht „Bedeutung als Gebrauch“ in puren Bedeutungsskeptizismus zu kippen, der nur noch durch Übereinkunft der Gemeinschaft gehalten wird. Und genau hier setzt der Relativismus-Verdacht an, den Ernest Gellner früh und später Crispin Wright verfeinerten: Bindet sich Wahrheit an Lebensformen, und ist keine Lebensform von außen kritisierbar, dann fehlt der normative Maßstab, den das Privatsprachenargument doch gerade reklamierte — die Grenze zwischen „ist richtig“ und „gilt bei uns als richtig“ verschwimmt aufs Neue, nur diesmal im Wir statt im Ich. Die Gegenseite sieht etwas Wahres: Niemand bestreitet ernsthaft, dass wir Sprache praktisch teilen und meistern. Doch erklärt das Teilen schon die Normativität, oder verschiebt es das Rätsel nur von der einsamen Stirn in den Stamm? Wenn die Gemeinschaft das letzte Maß ist — wer korrigiert dann eine ganze Gemeinschaft, die sich irrt?
