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Macht & GerechtigkeitKW 17 · April 2026

Kann ein Krieg gerecht sein?

Gibt es einen gerechten Krieg – und was schulden wir dem Frieden?

Im April hat das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI nachgezählt, und die Summe hat selbst die Auguren erschreckt: 2,89 Billionen Dollar gab die Welt 2025 für ihre Waffen aus, in Europa stieg der Posten um vierzehn Prozent, in Deutschland gar um ein Viertel – das Land, das ein halbes Jahrhundert lang von seiner Wehrhaftigkeit nichts wissen wollte, ist über Nacht zum größten Rüster des Kontinents geworden. Man redet wieder, fast beiläufig, von eigenen Atomwaffen für Europa und von Raketen, die weit über die Grenzen hinaus treffen. Und unter all den Haushaltszahlen und Prozentpunkten liegt, kaum ausgesprochen, eine sehr alte Frage, die plötzlich wieder atmet: Kann ein Krieg gerecht sein?

🎧 Hörfassung – vorgelesen

Es ist eine Frage, die man lange für erledigt hielt, so wie man eine Großtante für verstorben hält, von der dann ein Brief kommt. Nach 1945 schien sie befriedet, eingehegt in Paragraphen und Charta-Artikel, abgelegt im Archiv der humanistischen Selbstverständlichkeiten. Krieg, das war fortan das Unrecht schlechthin, allenfalls die Verteidigung noch erlaubt, und auch die mit schlechtem Gewissen. Dass die Frage zurückkehrt, liegt nicht an den Philosophen, sondern an den Panzern, die wieder rollen, an einer Aggression im Osten, die kein Begriffsspiel ist, und an der Einsicht, dass Wegsehen kein moralischer Zustand ist, sondern nur eine bequemere Form der Mittäterschaft.

Wer wissen will, woher das Konzept des gerechten Krieges kommt, muss zu einem Mann zurück, der den Untergang seiner Welt mit eigenen Augen sah. Augustinus schrieb, während die Goten Rom plünderten, und er traute dem Frieden der Schwerter so wenig wie dem Frieden der Bequemen. Krieg, sagte er, ist immer ein Übel, aber es gibt ein größeres: die Ungerechtigkeit, die niemand hindert. Der wahrhaft Fromme führe Krieg traurig, nicht triumphierend; die Gesinnung entscheide, nicht der Sieg. Es ist ein unbequemer Gedanke, denn er nimmt dem Gerechten die Unschuld und lässt ihn dennoch handeln – als müsse man die Hände schmutzig machen, um sie nicht in den Schoß zu legen.

Achthundert Jahre später hat Thomas von Aquin daraus eine Ordnung gebaut, beinahe ein Rechenwerk der Gewissen. Drei Dinge brauche der gerechte Krieg: die legitime Autorität, die ihn führt – kein Privatmann, kein Abenteurer; den gerechten Grund, eine wirkliche Schuld auf der Gegenseite; und die rechte Absicht, die nicht das Verderben sucht, sondern den Frieden. Die spätere Lehre hat das verfeinert zu jenen Kriterien, mit denen heute jedes Strategiepapier hantiert: letztes Mittel, Verhältnismäßigkeit, Aussicht auf Erfolg. Man hört diese Worte in den Hinterzimmern von Brüssel, ohne dass jemand den Heiligen nennt, der sie ersann. Und doch zucken sie zusammen, sobald man sie an die Wirklichkeit hält: Wann ist ein Mittel wirklich das letzte? Wer misst die Verhältnismäßigkeit eines Todes?

Dann tritt Kant auf, und er stört die fromme Buchhaltung. In seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ von 1795 verlangt er nüchtern, dass stehende Heere mit der Zeit ganz aufhören sollen – denn sie bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg, allein durch ihr Dasein, und treiben einander in jene Wette der Aufrüstung, an deren Ende der Krieg billiger erscheint als der ewige Friedensstand. Wer Kant heute liest, vor den Tabellen von SIPRI, dem wird unheimlich zumute: Genau das beschreibt er, das Misstrauen, das sich selbst bewaffnet, die Sicherheit, die ihre eigene Bedrohung herstellt. Aber Kant ist kein naiver Pazifist. Er gründet den Frieden nicht auf das Gefühl, sondern auf das Recht, auf eine republikanische Verfassung der Staaten und einen Bund freier Völker. Frieden ist ihm kein Naturzustand, der eintritt, wenn man die Waffen weglegt – er muss gestiftet werden, mühsam, gegen die Trägheit der Geschichte.

So stehen sie nun gegeneinander, und das Schöne ist, dass keiner ganz recht behält. Augustinus und Thomas geben dem Bedrängten das Schwert in die Hand und sagen: Es gibt eine Schuld des Nichthandelns, ein Unrecht, das wehrlos zu lassen selbst zum Unrecht wird. Kant antwortet: Gewiss – aber jede Rüstung, die ihr aufhäuft, jeder Etat, der um fünfundzwanzig Prozent steigt, ist ein Versprechen, das ihr dem nächsten Krieg gebt, nicht dem Frieden. Der eine warnt vor der Feigheit, die sich Tugend nennt; der andere vor der Wehrhaftigkeit, die sich selbst vergisst und zum Selbstzweck wird. Zwischen beiden sitzt eine Gesellschaft, die in einem Jahr mehr Gerät bestellt als in einer Generation und doch spürt, dass Sicherheit, die nur aus Stahl besteht, eine arme Sicherheit ist.

Vielleicht ist die ehrlichste Antwort die, dass die Frage falsch gestellt ist, wenn sie ein Ja oder Nein erwartet. Es gibt keinen gerechten Krieg, wie es ein gerechtes Urteil gibt, sauber, abgeschlossen, mit gutem Gewissen zu unterschreiben. Es gibt nur den weniger ungerechten und den Menschen, der die Last trägt, das zu entscheiden, und sie trägt, ohne sich freizusprechen. Augustinus' Trauer, Thomas' Maß, Kants Misstrauen gegen die eigene Waffe – das ist kein Ratgeber, sondern ein Gewissen. Was wir dem Frieden schulden, ist am Ende vielleicht nur dies: ihn nie für selbstverständlich zu halten, weder wenn wir rüsten noch wenn wir ruhen, und die alte Frage offen zu lassen, damit sie uns weiter beunruhigt. Denn ein Volk, das aufhört, sie zu stellen, hat den Frieden schon verloren – ob mit Waffen oder ohne.

Kernnoten der Denker

Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.

Augustinus von Hippo

Augustinus legt den Grund der abendländischen Lehre vom gerechten Krieg: Krieg ist stets ein Übel, kann aber zugelassen sein, um ein größeres Unrecht abzuwehren. Entscheidend ist für ihn nicht der Sieg, sondern die rechte, auf Frieden gerichtete Gesinnung – der Gerechte führe ihn traurig, nie triumphierend.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin systematisiert das bellum iustum in drei Bedingungen: legitime Autorität (auctoritas principis), gerechter Grund (causa iusta) und rechte Absicht (recta intentio), die den Frieden sucht und nicht das Verderben. Daraus erwachsen die späteren Kriterien des letzten Mittels und der Verhältnismäßigkeit.

Immanuel Kant

Kant verlangt in „Zum ewigen Frieden“ (1795) die allmähliche Abschaffung stehender Heere, weil sie durch bloße Existenz andere bedrohen und einen Rüstungswettlauf in den Krieg treiben. Frieden ist ihm kein Naturzustand, sondern muss durch republikanische Verfassungen und einen Völkerbund rechtlich gestiftet werden.

Quellen

Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.

  • Augustinus von Hippo, Contra Faustum Manichaeum (Gegen Faustus den Manichäer), Buch XXII (um 397–398). Buch 22, Kap. 74–79 (locus classicus der bellum-iustum-Lehre)primär
  • Augustinus von Hippo, De civitate Dei (Vom Gottesstaat), Buch XIX (413–426). Buch 19, Kap. 7 ('iniquitas partis adversae iusta bella ingerit gerenda sapienti' – Krieg als Übel; der Weise/Gerechte führe ihn klagend)primär
  • Thomas von Aquin, Summa theologiae, Secunda secundae (II-II) (um 1271–1272). q. 40, a. 1 (auctoritas principis, causa iusta, recta intentio)primär
  • Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf (1795). 3. Präliminarartikel (Abschaffung stehender Heere); Definitivartikel (republikanische Verfassung, Völkerbund)primär
  • Michael Walzer, Just and Unjust Wars: A Moral Argument with Historical Illustrations (dt. Ausgabe: 'Gibt es den gerechten Krieg?', Stuttgart: Klett-Cotta 1982) (1977). Standardwerk zur modernen Theorie des gerechten Krieges (letztes Mittel, Verhältnismäßigkeit)sekundär
  • Gerhard Beestermöller, Thomas von Aquin und der gerechte Krieg. Friedensethik im theologischen Kontext der Summa Theologiae (1990). Kommentar zu ST II-II q. 40sekundär