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Mensch & NaturKW 18 · April 2026

Dürfen wir den Menschen verbessern?

Ist die Verbesserung des Menschen Befreiung – oder Anmaßung über ein anderes Leben?

In diesem Frühjahr haben gleich zwei junge Biotech-Firmen, Manhattan Genomics und Preventive, angekündigt, die Erbgut-Schere CRISPR an menschlichen Embryonen erproben zu wollen – an Embryonen also, die später Kinder, Erwachsene, Großeltern werden könnten. Zugleich verkaufen Startups wie Nucleus oder Herasight wohlhabenden Eltern „Polygen-Scores“, die Embryonen nach mutmaßlicher Intelligenz sortieren, und in den USA hat die Firma Life Biosciences die erste Erlaubnis erhalten, gealterte Zellen im lebenden Menschen wieder jünger zu programmieren – zunächst, um erblindenden Augen das Sehen zurückzugeben. Was als medizinisches Versprechen daherkommt, stellt eine sehr alte Frage neu: Dürfen wir den Menschen verbessern – und wer ist dann eigentlich „wir“?

🎧 Hörfassung – vorgelesen

Es ist eine eigentümlich stille Revolution, diese hier. Sie kündigt sich nicht mit Donner an, sondern mit Broschüren, mit freundlichen Webseiten, auf denen lächelnde Paare in helle IVF-Kliniken treten, um aus einer Handvoll Embryonen den „besten“ zu wählen. Man redet von Gesundheit, von Vorsorge, von Chancen – und meint doch etwas Größeres, das sich hinter den glatten Worten nur halb verbirgt: die Aussicht, den Menschen nicht mehr bloß zu heilen, sondern zu entwerfen. Wer hier zusieht, sieht einer Schwelle beim Verschwinden zu, die jahrtausendelang als unverrückbar galt – jener zwischen dem, was uns zustößt, und dem, was wir machen.

Drei Bewegungen laufen zusammen. Da ist die Erbgut-Schere, die das genetische Buch nicht mehr nur liest, sondern korrigiert, und zwar in Zellen, deren Veränderungen sich vererben würden, an alle Kinder und Kindeskinder, die niemand fragen kann. Da ist die Embryonenauswahl nach Wahrscheinlichkeiten, die aus dem Zufall der Zeugung ein Ranking macht, auch wenn die Vorhersagekraft solcher Intelligenz-Scores wackelig bleibt und vor allem an europäischen Datensätzen geeicht ist. Und da ist der Traum vom Aufhalten des Alterns, die partielle Reprogrammierung gealterter Zellen, die in Mäusen graues Fell wieder dunkel färbte und nun, erstmals von der amerikanischen Behörde erlaubt, am Menschen versucht wird. Jede dieser Bewegungen für sich klingt nach Fortschritt. Zusammen klingen sie nach einer neuen Definition dessen, was ein gelungenes Leben sei – und das wird unruhig, wenn man es zu Ende denkt.

Jürgen Habermas hat schon vor über zwei Jahrzehnten geahnt, worum es geht. In „Die Zukunft der menschlichen Natur“ beschreibt er nicht die Angst vor dem Monster, sondern eine feinere Sorge: dass ein Mensch, dessen Anlagen ein anderer nach seinen Vorstellungen programmiert hat, sich nicht mehr ganz als Urheber seines eigenen Lebens verstehen kann. Zwischen dem Gewachsenen und dem Gemachten verschiebt sich etwas, leise, und mit ihm die Symmetrie zwischen den Generationen – das Kind wird zum Produkt eines fremden Willens, ehe es selbst einen Willen hat. Es ist, als spräche jemand das erste Wort über ein Leben, das diese Sprache nie wird zurücknehmen können.

Immanuel Kant würde an dieser Stelle den Finger heben, und sein Einwand ist von kalter Klarheit: Der Mensch ist Zweck an sich selbst, niemals bloß Mittel. Ein Embryo, der ausgesucht, optimiert, auf Leistung getrimmt wird, droht zur Sache zu werden, zum Mittel für die Wünsche anderer – für die Sehnsucht der Eltern nach dem klugen Kind, für die Eitelkeit einer Zeit, die Makellosigkeit mit Glück verwechselt. Würde, sagt Kant, hat keinen Preis; was einen Preis hat, lässt sich gegen anderes eintauschen. Und genau das geschieht, wenn ein Mensch nach Punkten geordnet wird, als wäre er ein Angebot unter mehreren.

Doch man tut der Sache unrecht, wenn man nur warnt. Friedrich Nietzsche, gern als Stichwortgeber des Machbarkeitswahns missbraucht, dachte differenzierter, als die Schlagworte glauben machen. Seine Selbstüberwindung, sein Übermensch zielen nicht auf bessere Gene, sondern auf eine geistige Tat: Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll – durch Haltung, durch Schaffen, durch das Ja zum eigenen Schicksal, nicht durch eine Pipette. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass man ausgerechnet ihn anruft, um die Auslagerung der Selbstwerdung an die Labortechnik zu adeln; vielleicht hätte er in der Sehnsucht nach dem fehlerfreien Kind eher die Müdigkeit erkannt, das Sicherheitsbedürfnis, das er den „letzten Menschen“ nannte.

So stehen sie nebeneinander, diese Stimmen, und keine hat einfach recht. Die Verbesserung des Menschen verspricht Befreiung – von Krankheit, von frühem Tod, von der Roheit des biologischen Zufalls. Und sie droht zugleich, sich zur Anmaßung über ein anderes Leben auszuwachsen, das wir formen, bevor es da ist und Nein sagen könnte. Vielleicht liegt das eigentlich Beunruhigende nicht in der Technik, sondern in der Frage, die sie uns zurückwirft: ob wir den Menschen noch lieben können, wie er ist, wenn wir gelernt haben, ihn herzustellen, wie wir ihn wollen. Eine Antwort verschieben wir, wie so oft, auf später – auf die Generation, die wir gerade entwerfen.

Kernnoten der Denker

Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.

Jürgen Habermas

In „Die Zukunft der menschlichen Natur“ warnt Habermas, dass gezielte genetische Programmierung die Selbstverständigung des Menschen als Urheber seines Lebens und die Symmetrie zwischen den Generationen untergräbt: Das Gemachte verdrängt das Gewachsene, und ein fremder Wille schreibt sich unwiderruflich in ein noch nicht selbstbestimmtes Leben ein.

Immanuel Kant

Nach Kant ist der Mensch Zweck an sich selbst und besitzt Würde, die keinen Preis kennt; ihn vorgeburtlich nach Anlagen auszuwählen oder zu optimieren, droht ihn zum bloßen Mittel für fremde Wünsche herabzusetzen und damit gegen den Selbstzweckcharakter der Person zu verstoßen.

Friedrich Nietzsche

Nietzsches Selbstüberwindung und der Übermensch meinen eine geistig-schöpferische Tat des Einzelnen, nicht biologische Züchtung; gegen die Sehnsucht nach dem fehlerfreien, sicheren Kind ließe sich mit ihm eher der Verdacht auf den bequemen „letzten Menschen“ wenden als eine Rechtfertigung technischer Menschenoptimierung.

Quellen

Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.

  • Jürgen Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? (2001). Hauptteil II (Argument der Selbstverständigung als Urheber des eigenen Lebens; Verhältnis des Gewachsenen zum Gemachten und Symmetrie der Generationen)primär
  • Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785). Zweiter Abschnitt, 'Reich der Zwecke' (AA IV, 428: Mensch als Zweck an sich, nicht bloß Mittel; AA IV, 434–435: 'Was einen Preis hat … was dagegen … Würde')primär
  • Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen (1883–1885). Zarathustras Vorrede (Teil I, 1883), §3 ('Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll') und §5 (der 'letzte Mensch')primär
  • Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, II. Teil, 'Von der Selbst-Überwindung' (1884). Kapitel 'Von der Selbst-Überwindung' (Selbstüberwindung als geistig-schöpferische Tat, nicht biologische Züchtung)primär
  • Michael J. Sandel, The Case against Perfection. Ethics in the Age of Genetic Engineering (dt. 'Plädoyer gegen die Perfektion. Ethik im Zeitalter der genetischen Technik') (2007). Kap. zur Kritik an Enhancement und Designer-Kindern (das 'Gegebene' / 'giftedness of life' gegen die Logik der Verbesserung)sekundär