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Macht & GerechtigkeitKW 23 · Juni 2026

Die Glocke, die Prüfung und das Versprechen. Wozu noch Schule?

Wie steht es um unsere Schulen - und brauchen wir so etwas wie die Schule heute überhaupt noch?

Es ist eine Zahl, die man nicht festlich verlesen, sondern nur betreten zur Kenntnis nehmen kann: Fast jeder dritte Fünfzehnjährige in Deutschland - dreißig Prozent - verfehlte bei der am 5. Dezember 2023 veröffentlichten PISA-Studie die Mindestanforderungen in Mathematik; das Land erreichte mit 475 Punkten den niedrigsten je gemessenen Wert, ein Verlust von rund einem ganzen Schuljahr binnen vier Jahren. Ein Jahr, einfach verdunstet. Man stelle sich das vor wie ein Klassenzimmer, in dem ein Drittel der Stühle besetzt ist und doch leer bleibt, in dem geläutet wird und niemand mehr recht weiß, wofür. Der IQB-Bildungstrend 2024 schreibt die Linie fort, nach unten, und über allem liegt jene alte, hartnäckige Wahrheit, dass in diesem Land noch immer die Herkunft mitschreibt, wenn ein Kind eine Prüfung schreibt. So sitzt man vor diesen Tabellen wie vor einem erloschenen Versprechen und fragt sich, leiser, als es die Bildungspolitik gern hätte: Wie steht es eigentlich um unsere Schulen - und brauchen wir so etwas wie die Schule heute überhaupt noch?

🎧 Hörfassung – vorgelesen

Beginnen wir nicht mit der Empörung, sondern mit dem Verdacht, und niemand hat ihn schärfer formuliert als Michel Foucault. In „Überwachen und Strafen" von 1975 stellt er die Schule in eine Reihe, die zusammenzucken lässt: neben das Gefängnis, die Kaserne, die Fabrik. Lauter Einschließungsmilieus, die nach demselben Grundriss gebaut sind. Da ist die Glocke, die den Tag in Takte zerschneidet und den Körper an eine Zeit gewöhnt, die ihm nicht gehört. Da ist die Sitzordnung, die Reihung, die jeden an seinen Platz weist und ihn dort sichtbar macht. Und da ist, im Herzen der Maschine, die Prüfung - das examen -, jene unscheinbare Zeremonie, in der sich Macht und Wissen küssen: Sie misst, sie vergleicht, sie reiht ein, sie normiert. Foucault nennt das Ergebnis die Herstellung „gelehriger Körper". Eine Schule, die sortiert, bevor sie bildet. Liest man die dreißig Prozent durch diese Brille, so erscheinen sie nicht als Panne, sondern fast als Programm: Die Institution funktioniert tadellos - nur misst sie längst nicht mehr Können, sondern bloß noch, wer übrigbleibt.

Und hier öffnet sich, fast von selbst, die radikalere Frage, die unsere Gegenwart der Schule ins Gesicht hält. Wenn die Schule ohnehin vor allem diszipliniert, normiert und sortiert - wozu dann noch das Gebäude, der Gleichtakt, die Glocke, in einer Zeit, in der das Wissen ortlos geworden ist? Jede Definition, jede Jahreszahl, jeder Beweis liegt eine Handbewegung entfernt, und die künstliche Intelligenz beantwortet die Frage, ehe man sie zu Ende gedacht hat. Schon 1971 hat Ivan Illich in „Deschooling Society" die „Entschulung der Gesellschaft" gefordert und an die Stelle der Anstalt offene Lernnetze gesetzt, in denen jeder lernt, was er braucht, von dem, der es kann. Es ist eine verführerische Vision, und sie hat heute, im Lichtschein der Bildschirme, etwas beinahe Selbstverständliches. Wozu noch hingehen, wenn alles herkommt?

Doch hier muss man innehalten, und Immanuel Kant tritt mit einem Satz dazwischen, der die ganze Verführung zum Stehen bringt: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht." Was Kant meint, lässt sich nicht herunterladen. Mündigkeit - jener „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" - ist kein Wissen, das man abruft, sondern ein Vermögen, das man erwirbt, mühsam, an Widerstand, im langsamen Gebrauch des eigenen Verstandes. Man kann sich Fakten googeln; den Mut, sie zu prüfen, kann man sich nicht googeln. Genau hier zeigt die Verfügbarkeit ihre Leere. Theodor W. Adorno hat sie „Halbbildung" genannt: das Wissen, das nur noch zirkuliert, ohne in einem Subjekt anzukommen, Information ohne Erfahrung, Anhäufung ohne Verwandlung. Das Netz ist die vollendete Halbbildung - allwissend und gedächtnislos zugleich.

Wozu also Schule, wenn nicht zur Wissensausgabe? Hannah Arendt gibt in „Die Krise in der Erziehung" die strengste und schönste Antwort. Erziehung, schreibt sie, ist der Punkt, „an dem wir entscheiden, ob wir die Welt genug lieben, um die Verantwortung für sie zu übernehmen". Die Schule reicht keine Daten aus; sie führt die Neuankömmlinge, die Kinder, in eine Welt ein, die älter ist als sie und sie überdauern wird - sie ist der geschützte Ort zwischen dem privaten Dunkel des Hauses und der grellen Öffentlichkeit, an dem das Alte dem Neuen übergeben wird. Ein Generationenversprechen also, kein Dienstleistungsvertrag. Und schon Jean-Jacques Rousseau hatte im „Emile" verlangt, vom Kinde her zu denken statt es abzurichten - die Schule nicht als Dressur, sondern als Schonraum eines Werdens. Beide sagen, gegen Foucault und doch ihn ernst nehmend: Die Anstalt mag sortieren - ihr eigentlicher Sinn aber ist die Übergabe der Welt.

Bleibt der wundeste Punkt, jener, an dem die schöne Übergabe an die Wirklichkeit stößt. Denn dieselbe Schule, die Welt verspricht, verteilt sie ungleich; Pierre Bourdieu hat gezeigt, wie sie unter dem Schein der Leistung die Herkunft reproduziert und das ererbte kulturelle Kapital in verdiente Noten umlügt. Die deutsche Schule, in der noch immer der Bildungsstand der Eltern auf dem Zeugnis mitschreibt, ist der lebende Beweis: Sie hält ihr Versprechen am wenigsten dort, wo sie am meisten gebraucht würde. Und so stehen am Ende die beiden Wahrheiten nebeneinander, und keine darf die andere erschlagen. Foucault hat recht: Diese Schule diszipliniert, normiert, sortiert. Kant, Arendt und Adorno haben recht: Es gibt eine Bildung, die kein Netz ersetzt - die Mündigkeit eines Menschen, die Übergabe einer gemeinsamen Welt. Vielleicht ist die ehrlichste Lehre der erloschenen Zahlen weder Abschaffung noch Verteidigung, sondern eine Rückkehr zur einzigen Frage, die zählt: nicht ob wir die Schule noch brauchen, sondern wozu - und ob wir die Welt noch genug lieben, um sie weiterzugeben. Die Glocke läutet. Es liegt an uns, ob sie noch etwas meint.

Kernnoten der Denker

Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.

Michel Foucault

In „Überwachen und Strafen" deutet Foucault die Schule als Disziplinarinstitution neben Gefängnis, Kaserne und Fabrik: Einschließung, Zeittakt, räumliche Anordnung. Im Zentrum steht die Prüfung (examen) als Mikrophysik der Macht, die normiert, rangiert und „gelehrige Körper" erzeugt - die Schule sortiert, ehe sie bildet.

Immanuel Kant

„Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung." Mündigkeit als Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit ist kein abrufbares Wissen, sondern ein erworbenes Vermögen - man kann sich Fakten googeln, den Mut zu ihrer Prüfung nicht.

Hannah Arendt

In „Die Krise in der Erziehung" ist die Schule kein Ort der Wissensausgabe, sondern der Einführung der neuen Generation in eine gemeinsame, ältere Welt - ein Generationenversprechen, das die Frage stellt, ob wir die Welt genug lieben, um Verantwortung für sie zu übernehmen.

Theodor W. Adorno

Adornos „Theorie der Halbbildung": bloß zirkulierende, verfügbare Information ist noch keine Bildung. Wissen, das nicht im Subjekt ankommt, bleibt Anhäufung ohne Verwandlung - das Internet als vollendete Halbbildung, allwissend und gedächtnislos.

Jean-Jacques Rousseau

Im „Emile" denkt Rousseau vom Kinde her statt von der Abrichtung: Erziehung als Schonraum eines Werdens, nicht als Dressur - die Schule als geschützter Ort, an dem ein Mensch sich entfalten darf, ehe die Welt ihn formt.

Quellen

Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.

  • Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (1975). Dritter Teil, „Disziplin", Kap. „Die richtige Dressur" und „Die Prüfung" (frz. Surveiller et punir, dt. Suhrkamp 1976)primär
  • Immanuel Kant, Über Pädagogik / Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1803 / 1784). „Über Pädagogik", Einleitung (Akademie-Ausgabe Bd. IX); Aufklärungsschrift, Eingangssatzprimär
  • Hannah Arendt, Die Krise in der Erziehung (in: Zwischen Vergangenheit und Zukunft) (1958). Essay „Die Krise in der Erziehung", Schlusspassage zur Verantwortung für die Weltprimär
  • Theodor W. Adorno, Theorie der Halbbildung (1959). In: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Soziologische Schriften Iprimär
  • Jean-Jacques Rousseau, Emile oder Über die Erziehung (1762). Buch I-II, Konzept der „negativen Erziehung" und des Denkens vom Kinde herprimär
  • Ivan Illich, Deschooling Society (Entschulung der Gesellschaft) (1971). Kap. 1 u. 6, Konzept der „Lernnetze" (learning webs)primär
  • Pierre Bourdieu / Jean-Claude Passeron, Die Illusion der Chancengleichheit / Die Reproduktion (1964 / 1970). Zur Reproduktion sozialer Herkunft durch das Bildungssystem (kulturelles Kapital)sekundär
  • OECD / ZIB (Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien), PISA 2022 - Ergebnisse für Deutschland (2023). Pressemitteilung vom 5.12.2023: Mathematik 475 Punkte (Tiefstand), 30 % unter Mindeststandard, -25 Punkte ggü. 2018sekundär
  • IQB - Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, IQB-Bildungstrend 2024 (2025). Sekundarstufe I: ca. 34 % verfehlen Mindeststandard Mittlerer Schulabschluss in Mathematik; Rückgang um 24 Punkte seit 2018sekundär