Dogma & Kritik
Das Paradox der Toleranz
Muss eine tolerante Gesellschaft die Intoleranten dulden?
Toleranz scheint ein Wert ohne Schattenseite zu sein – bis sie auf jene trifft, die sie selbst verneinen. Wer auch die Feinde der Freiheit grenzenlos gewähren lässt, liefert die offene Gesellschaft womöglich genau jenen Kräften aus, die sie abschaffen wollen; wer aber den Intoleranten die Freiheit entzieht, übt selbst Intoleranz und untergräbt das Prinzip, das er zu schützen vorgibt. Die Falle ist begrifflicher Natur: Toleranz als unbedingter Grundsatz hebt sich selbst auf, sobald ihr Schutz nur durch ihre Verletzung zu haben ist. Jede gezogene Grenze verlangt eine Instanz, die entscheidet, wer noch dazugehört und wer nicht – und damit verschiebt sich die Frage von der Toleranz zur Macht, sie zu definieren. So bleibt offen, ob Toleranz ein absolutes Recht oder ein wechselseitiges Versprechen ist, das nur dem gilt, der es seinerseits hält.
Die maßgeblichen Positionen
Das Paradox der Toleranz
Karl Popper →Grenzenlose Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz.
Popper argumentiert in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, dass eine Gesellschaft, die auch die Intoleranten uneingeschränkt duldet, am Ende von diesen samt der Toleranz selbst zerstört wird. Er fordert deshalb das Recht, die Intoleranten notfalls zu unterdrücken – jedoch erst, wenn diese sich rationalem Argument verweigern und zur Gewalt greifen. Die Stärke liegt in der nüchternen Logik der Selbstverteidigung; die Schwäche darin, dass die Grenze zwischen gefährlicher Intoleranz und bloß unbequemer Meinung notorisch unscharf bleibt.
Das Schadensprinzip
John Stuart Mill →Macht über den Einzelnen darf nur ausgeübt werden, um Schaden an anderen abzuwenden.
Mill begründet in „On Liberty“ die weitestmögliche Meinungs- und Lebensfreiheit, die einzig dort endet, wo konkreter Schaden für andere entsteht – nicht schon bei Anstoß oder Abscheu. Auch die falsche, ja abstoßende Ansicht verdient Schutz, weil die Wahrheit nur im freien Widerstreit der Meinungen lebendig bleibt. Überzeugend ist die Verlagerung des Kriteriums vom Inhalt der Rede auf ihre realen Folgen; doch was als „Schaden“ zählt, ist gerade im Fall aufstachelnder Intoleranz heftig umstritten.
Grenzen der Toleranz im liberalen Gerechtigkeitssystem
John Rawls →Die Gerechten dürfen die Freiheit der Intoleranten nur einschränken, wenn ihre eigene Sicherheit wirklich bedroht ist.
Rawls hält in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ fest, dass eine gerechte Verfassung selbst die Intoleranten zu tolerieren hat, solange diese die Grundordnung nicht ernsthaft gefährden – das Prinzip gleicher Freiheit gilt auch für ihre Gegner. Eingeschränkt werden darf erst, wenn die Toleranten begründet um die eigene Sicherheit fürchten müssen. Das wahrt die Konsistenz des Liberalismus; offen bleibt, wer den Punkt bestimmt, an dem die Bedrohung „ernsthaft genug“ für ein Eingreifen wird.
Warum es offen bleibt
Die Frage bleibt strittig, weil jede Grenzziehung ein Urteil darüber voraussetzt, was als bedrohliche Intoleranz gilt – und dieses Urteil lässt sich nicht neutral fällen, sondern stets von einer Mehrheit, die ihrerseits irren oder ihre Macht missbrauchen kann. Zugleich verschiebt sich die Schwelle des Erträglichen mit jeder historischen Lage: Was die eine Epoche als gefährliche Hetze unterdrückt, feiert die nächste womöglich als legitime Kritik. So pendelt die Antwort unausweichlich zwischen der Selbstpreisgabe einer wehrlosen Toleranz und der Selbstwidersprüchlichkeit einer Toleranz, die im Namen der Freiheit Zwang ausübt.
Denker, die an dieser Frage rangen
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