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Dogma & Kritik

Schein und Sein – die Grenze der Erkenntnis

Erkennen wir die Welt, wie sie ist – oder nur, wie sie uns erscheint?

Die Frage zielt auf einen Verdacht, der jede Erkenntnis von innen aushöhlt: Wir haben zu den Dingen keinen Zugang außer durch unsere Sinne und unseren Verstand – doch eben dieser Zugang könnte das, was er zu zeigen vorgibt, in Wahrheit erst erzeugen. Sobald wir prüfen wollen, ob unser Bild der Welt mit der Welt selbst übereinstimmt, geraten wir in eine Falle: Wir müssten die Wirklichkeit ein zweites Mal, diesmal unvermittelt, danebenhalten – aber genau dieses unvermittelte Danebenhalten ist uns für immer verwehrt, denn jeder Vergleich wäre selbst wieder eine Wahrnehmung. So lässt sich die Erscheinung niemals von außen mit dem Ansich konfrontieren; wir sitzen gleichsam im Inneren unseres eigenen Erkenntnisapparats fest und kennen die Welt nur in der Sprache, die dieser Apparat spricht. Die Schwierigkeit ist daher nicht bloß, dass wir uns täuschen könnten, sondern dass wir prinzipiell keine Instanz besitzen, vor der sich Schein und Sein scheiden ließen.

Die maßgeblichen Positionen

Ideenlehre und Höhlengleichnis

Platon

Die Sinnenwelt ist nur Schatten; das wahre Sein erkennt allein die Vernunft in den unwandelbaren Ideen.

Platon deutet die Spaltung von Schein und Sein als Rangordnung der Wirklichkeit selbst: Die wahrnehmbaren Dinge sind vergängliche Abbilder der ewigen, unsinnlichen Ideen, an denen sie nur teilhaben. Der gefesselte Höhlenbewohner hält die Schatten für das Ganze, bis er aufsteigt und im Sonnenlicht die Idee des Guten schaut – Erkenntnis ist Befreiung von der bloßen Meinung. Die Stärke liegt im Aufweis, dass das Veränderliche kein festes Wissen trägt; doch bleibt dunkel, wie die Sinnendinge an den Ideen „teilhaben“ und woher die Vernunft ihren übersinnlichen Zugang nehmen soll.

Transzendentaler Idealismus

Immanuel Kant

Wir erkennen die Dinge nur als Erscheinungen, geformt durch Raum, Zeit und die Kategorien des Verstandes – das „Ding an sich“ bleibt unerkennbar.

Kant vollzieht die „kopernikanische Wende“: Nicht unsere Erkenntnis richtet sich nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände der Erfahrung werden erst durch die apriorischen Formen der Anschauung und die Verstandeskategorien hervorgebracht. Damit ist objektives, allgemeingültiges Wissen über die Erscheinungswelt möglich, das „Ding an sich“ aber liegt grundsätzlich jenseits aller möglichen Erfahrung. Die Lösung rettet die Wissenschaft und zieht zugleich eine scharfe Grenze; sie handelt sich jedoch den Vorwurf ein, ein prinzipiell unerkennbares Ansich überhaupt noch als Ursache der Erscheinungen anzusetzen.

Die Welt als Wille und Vorstellung

Arthur Schopenhauer

Die Welt ist als Vorstellung bloße Erscheinung, doch ihr inneres Wesen, das Ding an sich, erfahren wir unmittelbar im eigenen Leib als blinden Willen.

Schopenhauer übernimmt Kants Unterscheidung, durchbricht aber dessen Sperre: Das Ding an sich bleibe nicht völlig verschlossen, denn von innen, im eigenen Wollen und Leiden des Leibes, sei uns das Wesen der Welt unmittelbar gegeben – ein einziger, grund- und zielloser Wille. Die wahrgenommene Vielheit der Dinge ist nur seine in Raum und Zeit zersplitterte Erscheinung. Überzeugend ist der Versuch, die Grenze der Erkenntnis von innen statt von außen zu überschreiten; fraglich bleibt, ob die Selbstwahrnehmung des Leibes wirklich das Ansich trifft oder nicht selbst schon Erscheinung in der Zeit ist.

Immaterialismus (esse est percipi)

George Berkeley

Hinter den Wahrnehmungen verbirgt sich keine unwahrnehmbare Materie; zu sein heißt, wahrgenommen zu werden.

Berkeley löst das Problem, indem er seine Voraussetzung leugnet: Wenn wir von den Dingen nur Sinnesqualitäten kennen, ist die Annahme einer nie wahrnehmbaren „Materie“ hinter ihnen ein leerer, sogar widersprüchlicher Begriff. Es gibt allein Geister und ihre Ideen – die Kluft zwischen Schein und Sein verschwindet, weil es kein verborgenes Sein mehr gibt. Die Konsequenz besticht durch ihre Strenge und ist schwer zu widerlegen; doch muss Berkeley Gott als allgegenwärtigen Geist einsetzen, der die Beständigkeit der unbeobachteten Dinge verbürgt, und vielen erscheint der Preis – das Verschwinden der Außenwelt – zu hoch.

Warum es offen bleibt

Die Frage bleibt strittig, weil ihr eine unhintergehbare Asymmetrie zugrunde liegt: Jeder Versuch, unser Bild der Welt mit der Welt selbst zu vergleichen, muss sich erneut unseres Erkenntnisapparats bedienen und kann den Standpunkt außerhalb aller Erfahrung nie einnehmen. Ob man die Grenze des Erkennbaren wie Kant zieht, sie wie Schopenhauer von innen zu durchstoßen sucht oder sie wie Berkeley für eine bloße Verwechslung erklärt – stets bleibt offen, ob ein „Ansich“ jenseits der Erscheinung überhaupt sinnvoll behauptet werden kann. Die moderne Debatte um wissenschaftlichen Realismus, Wahrnehmungstheorie und die Simulationshypothese zeigt, dass dieser uralte Verdacht in immer neuer Gestalt fortwirkt.

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