Problem
Das Theodizee-Problem
Warum lässt ein guter, allmächtiger Gott das Übel zu?
Drei Sätze, die sich gegenseitig zu widerlegen scheinen, lassen sich kaum zugleich behaupten: Gott ist allmächtig, Gott ist vollkommen gütig – und es gibt Übel in der Welt. Schon Epikur soll die Falle gestellt haben: Will Gott das Übel verhindern und kann es nicht, ist er ohnmächtig; kann er es und will es nicht, ist er missgünstig; will und kann er es, woher kommt dann das Übel? Die Schärfe liegt darin, dass jede Rettung eines der drei Prädikate zu beschädigen droht – wer Gottes Güte wahrt, riskiert seine Allmacht, wer beides wahrt, muss das Leid umdeuten, bis es kein Leid mehr heißt. Besonders das scheinbar sinnlose Übel, das niemanden bessert und nichts ausgleicht, das Leiden des unschuldigen Kindes, widersteht jeder Verrechnung. Das Theodizee-Problem ist daher weniger eine Frage nach Gott als ein Test der Begriffe selbst: Wie weit lässt sich „Güte“ dehnen, ehe sie nichts mehr bedeutet?
Die maßgeblichen Positionen
Beste aller möglichen Welten
Gottfried Wilhelm Leibniz →Gott wählte aus unendlich vielen möglichen Welten die mit dem größtmöglichen Maß an Vollkommenheit – das Übel ist der unvermeidliche Preis dieses Optimums.
Leibniz prägte 1710 in der „Théodicée“ den Begriff selbst und unterschied metaphysisches, physisches und moralisches Übel: Endlichkeit, Schmerz und Sünde gehören als Schatten zu einer Welt, die im Ganzen reicher und geordneter ist als jede Alternative. Die Konstruktion ist rational eindrucksvoll, doch sie erkauft Gottes Güte mit einer kühlen Buchhaltung, die das konkrete Leid in eine Gesamtbilanz auflöst – Voltaire verspottete sie nach dem Erdbeben von Lissabon im „Candide“ als zynischen Trost.
Privatio boni und Willensfreiheit
Augustinus von Hippo →Das Übel ist keine eigene Substanz, sondern Mangel an Gutem – und das moralische Böse entspringt nicht Gott, sondern dem freien, abgewendeten Willen des Geschöpfs.
Augustinus, geprägt von Plotin, bestreitet dem Übel überhaupt eine positive Wirklichkeit: Es ist privatio boni, eine Beraubung des Seins wie Finsternis die Abwesenheit von Licht. Gott schuf den Menschen frei, und erst der Missbrauch dieser Freiheit lässt das Böse entstehen, sodass Gott für die Schöpfung gut bleibt, ohne Urheber der Sünde zu sein. Stark gegen das moralische Übel, gerät die Lehre beim natürlichen Leid – Seuchen, Naturkatastrophen – in Bedrängnis, das kein freier Wille verschuldet hat.
Skeptische Unauflösbarkeit
David Hume →Aus einer Welt voller Leid lässt sich ein zugleich allmächtiger und gütiger Schöpfer nicht erschließen – die Theodizee überschreitet die Grenzen vernünftiger Erkenntnis.
In den „Dialogen über natürliche Religion“ lässt Hume die epikureische Frage neu erklingen und zeigt, dass die beobachtbare Mischung aus Ordnung und Grausamkeit ebenso gut auf einen indifferenten oder begrenzten Urheber deuten könnte. Er bestreitet nicht, dass Glaube und Übel logisch vereinbar wären, untergräbt aber den Versuch, von der Welt aus auf einen vollkommenen Gott zu schließen. Die Stärke ist die schonungslose Nüchternheit; ihr Preis ist, dass sie das Problem nicht löst, sondern als unentscheidbar stehen lässt.
Warum es offen bleibt
Das Problem bleibt offen, weil jede Lösung an einem anderen Prädikat zahlt: Wer die Allmacht relativiert, rettet die Güte; wer das Übel als Mangel oder Mittel deutet, riskiert, das reale Leiden zu verharmlosen; wer beides festhält, landet bei Humes Eingeständnis der Unwissenheit. Zwischen logischem Theodizee-Problem – ob Glaube und Übel überhaupt widerspruchsfrei sind – und evidentiellem – ob das Ausmaß sinnlosen Leids den Glauben unwahrscheinlich macht – verläuft bis heute die schärfste Front. Und keine Verrechnung, sei sie noch so kunstvoll, hat dem stummen Einwand des einzelnen, ungerechtfertigten Leids je vollständig standgehalten.
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