Hat das Leben einen Sinn?
Vier Denker, die der Frage nicht ausgewichen sind, sondern sie bis an den Rand getrieben haben — vom Verdacht, das Leben sei sinnloser Drang, bis zum Trotz, der ohne Hoffnung auskommt. Keiner reicht den anderen die Hand; und doch antworten sie auf dieselbe Not.
Im Grunde der Welt waltet kein vernünftiger Plan, sondern Wille: ein blinder, zielloser Drang, der sich selbst verzehrt. Jedes erfüllte Begehren gebiert sogleich ein neues, und so pendelt das Dasein zwischen Schmerz und Langeweile wie ein Uhrwerk ohne Zifferblatt. Einen Sinn, den uns die Schöpfung schuldete, gibt es nicht. Trost liegt einzig in der Verneinung dieses Willens — im Mitleid, in der versunkenen Betrachtung der Kunst, in der Stille der Askese, wo das mahlende Rad einen Augenblick stillsteht.
Du wirst den Sinn nicht finden, indem du ihn wie ein Naturgesetz betrachtest — er ist nichts Allgemeines, sondern das, woran der Einzelne sich bindet. Der Ästhet zerstreut sich im Genuss und verzweifelt; der Ethiker beugt sich dem Pflichtgesetz und scheitert an der eigenen Schuld. Erst der Sprung in den Glauben, das Wagnis vor Gott, das keine Vernunft mehr stützt, hebt den Einzelnen in seinen Sinn. Wer aber zuvor noch absolute Gewissheit fordert, hat das Wesen des Glaubens schon verfehlt — denn der Glaube beginnt genau dort, wo der Beweis endet.
Gott ist tot, und mit ihm der ganze Himmel der fertigen, übergebenen Sinne. Doch das ist Befreiung, nicht bloß Verlust: Der Mensch soll dem Leben treu bleiben und endlich selber dichten, was bisher angebetet wurde. Prüfe dich an der ewigen Wiederkehr — wolltest du dieses Leben, mit all seinem Leiden, unendlich oft? Wer „ja“ sagen kann, braucht kein Jenseits als Trost. Der Sinn wird nicht entdeckt wie ein verborgener Schatz; er wird geschaffen, vom Stärkeren, der aus seinem Leben ein Werk macht.
Es gibt nur eine wirklich ernste philosophische Frage: den Selbstmord. Denn die Welt schweigt auf unser Verlangen nach Sinn — dieser Zusammenstoß zwischen dem Menschen, der fragt, und dem gleichgültigen Universum, das nicht antwortet, ist das Absurde. Aber ich weigere mich, das Absurde durch einen Glaubenssprung zu betrügen, wie Kierkegaard es tut; das wäre Selbstmord der Vernunft. Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen: Im hellsichtigen Aufbegehren, ohne Hoffnung auf ein Jenseits, im bloßen Festhalten an der Aufgabe liegt die einzige Würde, die uns bleibt.
Zusammenführung
Vom Pessimismus, der den Sinn leugnet und zur Verneinung rät, über den Glaubenssprung, der ihn nur im Wagnis findet, zur Selbst-Schöpfung, die ihn dichtet, bis zum absurden Trotz, der ohne ihn lebt — vier Wege, und keiner ohne Riss. Schopenhauers Verneinung ist selbst noch eine Wertung des Lebens; Kierkegaards Sprung entzieht sich jeder Prüfung und damit jedem Gespräch; Nietzsches „Schaffe deinen Sinn“ droht in bloße Willkür zu kippen, sobald jeder Maßstab fehlt; und Camus' Sisyphos lebt vielleicht heimlich von einer Hoffnung, die er mit dem Mund verleugnet. Dass die Frage nach so viel Scharfsinn offenbleibt, ist kein Versagen der Denker — es ist die Auskunft selbst.



