Vollgelaufene Keller unterm Rekordlicht
Wohin verschwindet ein Land, das einen Tag lang protestiert und dreißig Tage schweigt?
Eines der zehn wärmsten Frühjahre seit 1881, meldet der Wetterdienst — 9,9 Grad im Mittel —, und alles, was es hervorbrachte, stieg auf und kam nicht wieder herunter: die Streiks, die Anträge, die FDP. Drei Monate, in denen die Waldbrandgefahr im Osten schon im März auf Stufe vier von fünf kletterte: ein Land, das nicht brannte, sondern glomm. Ein Rückblick auf die Saison der Verdunstung.
Frühlingslicht
Helles, hoffnungsvolles Klavier mit einem Hauch Streicher — für die Jahreszeiten-Seiten.
Am 29. Mai trat der Deutsche Wetterdienst vor das Land und verlas das Abschlusszeugnis: 9,9 Grad im Flächenmittel, 2,2 Grad über dem alten Soll, eines der zehn wärmsten Frühjahre seit Beginn der Aufzeichnungen 1881. Dazu rund 692 Sonnenstunden, fast die Hälfte mehr als üblich, und nur 126 Liter Regen auf den Quadratmeter, gut zwei Drittel des Gewohnten. Man kennt diese Bilanzen inzwischen; sie werden vorgetragen wie die Zeugnisse eines hochbegabten Kindes, auf das stolz zu sein sich niemand mehr traut. Der März hatte vorgelegt: 195 Sonnenstunden, drei Viertel über dem Mittel, „außergewöhnlich sonnig, sehr mild, niederschlagsarm“, wie das Amt dichtete, und im selben Atemzug die Meldung, die Waldbrandgefahr habe „bereits früh im Jahr“ die Stufe vier von fünf erreicht, im Osten des Landes. Stufe vier. Im März. Das Land lag da wie Anmachholz — gebrannt hat es nicht, es glomm. Am 28. März fror Oberstdorf bei minus 15,5 Grad, damit niemand sage, es fehle an Gegenargumenten. Und alles, was diese Saison an Feuchtigkeit, Empörung und Aufmerksamkeit besaß, stieg auf und kam nicht wieder herunter. Der Wetterbericht führt für diesen Vorgang ein nüchternes Wort, und es ist das Wort des Frühjahrs: Verdunstung.
Aufbegehrt wurde durchaus, sogar fristgerecht. Am 5. März standen rund 50.000 Schülerinnen und Schüler auf den Straßen, über hundert Kundgebungen gegen die geplante Wehrpflicht — die Terminrevolte ist die einzige Form des Aufstands, die sich mit der Schulpflicht verträgt. Dann kam der 6. März und mit ihm die Stille; die Sache zog dorthin um, wo Sachen wohnen, in die Ausschüsse. Am 8. Mai, ausgerechnet am Tag der Befreiung, traten die Kinder wieder an, in über hundert Städten, doch nun zählte man die Menge nur noch nach mehreren Tausend. Von fünfzigtausend auf einige Tausend in neun Wochen: Auch die Empörung hat in diesem Land ihre Verdunstungsrate, und sie braucht dafür keine Rekordsonne. Ihr genügt ein Terminkalender.
Am 9. März — der Weltfrauentag war tags zuvor gewesen, ein Sonntag, da stört er keinen Betrieb — rief das Töchterkollektiv mit seiner Initiative „Enough!“ zum Streik der unbezahlten Sorgearbeit: angestoßen aus Chemnitz, getragen in mehr als fünfzig deutschen Städten, unter einem Hashtag, der versprach, ohne uns stehe alles still. Es stand dann nicht alles still, und gerade darin lag die Beweisführung. Wer unbezahlte Arbeit niederlegt, dem fehlt der Tarifvertrag, der das Fernbleiben regelt; wo nichts gezahlt wird, kann amtlich nichts ruhen. Gestreikt wurde trotzdem, einen Tag lang, von Menschen, deren Arbeit erst auffällt, wenn sie fehlt. Am Tag danach fiel sie wieder nicht auf. Man hatte gegen die Unsichtbarkeit die Öffentlichkeit angerufen, und die Öffentlichkeit ließ ausrichten, sie sei in einer Sitzung.
Diogenes von Sinope, der Mann im Tonkrug, hätte an beiden Streiktagen seine hündische Freude gehabt und uns die dreißig Tage danach um die Ohren geschlagen. Seine ganze Lehre ist eine Rechnung: Wer viel braucht, ist erpressbar; ein Land, das einen Tag bellt und dann verstummt, hat der Welt nur mitgeteilt, wie viel es zu verlieren fürchtet — Gehalt, Vertrag, den Ruf im Treppenhaus. Als ihm ein Kind vorführte, dass man aus der hohlen Hand trinken kann, warf er den Becher fort: ein Ding weniger, an dem man ihn hätte packen können. Bloß: Der Wurf hatte Zuschauer, sonst wüssten wir nichts von ihm; Bedürfnislosigkeit mit Publikum ist schon wieder ein Geschäftsmodell. Und ausgerechnet Kant, der diesem Land seine Betriebsanleitung schrieb — räsonniert, soviel ihr wollt, nur gehorcht —, würde im Takt aus Protesttag und Schweigemonat keinen Defekt erkennen, sondern Vollzug: Aufklärung nach Dienstschluss, ordnungsgemäß.
Gewählt wurde auch, am 8. März in Baden-Württemberg, und für heutige Verhältnisse geradezu enthusiastisch: 69,6 Prozent Beteiligung, fast sechs Punkte mehr als beim letzten Mal. Die Grünen 30,2, die CDU 29,7 — ein Fotofinish der Besonnenen. Die AfD 18,8, die SPD 5,5, ein Wimpernschlag überm Strich. Und die FDP: 4,4 Prozent, draußen. Seit 1952 hatte sie ununterbrochen in diesem Landtag gesessen, vierundsiebzig Jahre, länger als die meisten Ehen, älter als das Farbfernsehen, und nun verließ sie das Haus ohne Knall, ohne Abschiedsbrief, wie ein Aggregatzustand endet: nicht durch Beschluss, sondern durch Temperatur. Auch Parteien verdunsten jetzt. Erst sinkt der Pegel, dann steht das Etikett auf einem leeren Glas.
Überhaupt fällt in diesem Land beides nur noch auf dieselbe Weise, der Regen und die Beteiligung: nicht mehr flächig, nicht mehr als wochenlanger Landregen, sondern alles an einem Tag, an einem Ort, in einer Wucht, die kein Boden aufnimmt. Am 25. März gingen über Utzenfeld im Südschwarzwald 35,2 Liter an einem einzigen Tag nieder, mitten in einem März, der sonst ein Drittel zu trocken blieb; im ganzen Frühjahr kamen 126 Liter zusammen, und was kam, kam in Güssen. Genauso die Bürgerschaft: 69,6 Prozent an einem einzigen Sonntag, fünfzigtausend an einem einzigen Donnerstag, fünfzig Städte an einem einzigen Montag — dazwischen politische Dürre. Man darf das Starkregendemokratie nennen: Die Jahresmenge wird noch erreicht, aber sie versickert nicht mehr, sie läuft ab oder steigt auf. Die Hydrologie baut dagegen Rückhaltebecken. Die Politik hat den Ausschuss.
Im Ausschuss lagert zum Beispiel jetzt der Achtstundentag. Am 22. Mai debattierte der Bundestag über Anträge der Linken und der Grünen, ihn im Arbeitszeitgesetz zu erhalten; die Koalition versicherte, niemand wolle ihn abschaffen, man wolle lediglich „mehr Flexibilität“ bei der Wochenarbeitszeit. Flexibilität — ein Wort aus der Gymnastik, verschrieben an Leute, die nach der Spätschicht liegen möchten. Es wird in diesem Land nichts mehr abgeschafft; es wird gelockert, geöffnet, modernisiert, und irgendwann trägt das Alte seinen Namen nur noch als Andenken. Beide Anträge wurden überwiesen, in den Ausschuss für Arbeit und Soziales, wo der Achtstundentag nun Gesellschaft hat: Die Wehrpflicht wartet dort ebenfalls. Es ist der klimatisierteste Raum der Republik. Nichts verdunstet, nichts reift. Es hält sich.
Albert Camus hätte für diese Saison ein unfreundliches Wort: Rückfall. Die Revolte war ihm kein Ereignis, sondern ein Zustand, ein Nein, das sich jeden Morgen neu bejahen muss. „Ich empöre mich, also sind wir“ — das Wir dieses Satzes wird an einem Streiktag gestiftet und stirbt an dreißig Feierabenden. Sisyphos, sein Hausheiliger, ist ja nicht glücklich, weil er oben ankommt, sondern weil er wieder hinabsteigt; ein Land, das nach einem Tag heimgeht, hat den Gipfel für das Gebirge gehalten. Ehe wir uns von ihm richten lassen, sei erinnert: Der Richter ist vorbestraft. Zur algerischen Frage, der Frage seines Lebens, schwieg Camus selbst, jahrelang, und Paris hat es ihm nie verziehen. Der strengste Prediger der täglichen Revolte war ihr prominentester Aussetzer. Das entkräftet den Befund nicht. Es beweist nur, wie bequem das Sofa ist, von dem aus er uns erreicht.
Der Ernst der Welt erreichte uns derweil als Dezimalzahl: 2,9 Prozent Inflation im April, der zweite Anstieg in Folge, dahinter, so das Statistische Bundesamt, der Ölpreis des Iran-Kriegs. Kraftstoffe binnen Jahresfrist um gut ein Viertel teurer, leichtes Heizöl um mehr als die Hälfte, Energie im Ganzen um ein Zehntel. Andere Epochen hatten Kriegsberichterstatter, wir haben Preistafeln: hüfthoch beleuchtet, von der Straße lesbar, mehrmals täglich aktualisiert, Entwarnung nicht vorgesehen. Man tankt, hält das Handy an das Gerät und hat an der Weltlage teilgenommen. Es ist die einzige Front, an der dieses Land vollzählig erscheint, und niemand muss dazu aufrufen.
Blaise Pascal kannte den Mechanismus, er hat ihm nur einen frommeren Namen gegeben: divertissement, Zerstreuung — alles Unglück der Menschen, so seine berühmte, hier sinngemäß wiedergegebene Wendung, komme daher, dass sie nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben können. Der Protesttag, das wäre seine Lesart, ist der seltene Moment, in dem ein Land sein Zimmer betritt und sein Elend ansieht; die dreißig Tage danach sind kein Frieden, sondern die Flucht zurück in den Betrieb, ins Nachrichtenrauschen, an den Spieltisch. Die Macht muss dem einen Tag nichts entgegensetzen als Geduld — die Zerstreuung erledigt die restlichen dreißig unentgeltlich. „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern“, hat er notiert; es war wenigstens ein ehrliches Schweigen. Unseres verkleidet sich als Ruhe. Nur führt Pascals Ausgang eben nicht auf die Straße zurück, sondern in die Kapelle — wer die Welt für ein Wartezimmer hält, kann ihr schlecht vorwerfen, dass sie sich darin die Zeit vertreibt.
Wie es drinnen aussieht, in den Zimmern, vermaßen im März gleich zwei Studien binnen achtundvierzig Stunden. Am 24. März „Falsche Freunde“, vorgelegt von Krankenkasse und Uniklinik: Unter den Jugendlichen mit depressiver Symptomatik sagt ein Drittel, ein Chatbot verstehe sie besser als ein Mensch; rund acht Prozent aller Minderjährigen setzen die Maschine gezielt gegen Einsamkeit ein; ein Drittel der Belasteten vertraut ihr an, was sonst niemand erfährt. Besser als ein Mensch — man lese das langsam, wie einen Beipackzettel. Tags darauf die Trendstudie „Jugend in Deutschland“, 2.012 Befragte zwischen 14 und 29, und die Forscher nennen sie die einsamste junge Generation, die wir je hatten. Ein Fünftel will auswandern. Auswandern hieß einmal Schiffskoffer und Rückkehrschwur; heute ist es ein stiller Tab im Browser, ein Ländervergleich nach Feierabend. Die Jugend plant ihre Verdunstung inzwischen persönlich: aufsteigen, abziehen, über fremden Böden niedergehen.
Heraklit, der Dunkle, bestreitet die Frage dieser Saison im Ganzen. Wohin ein Land verschwinde? Falsche Frage: Welches Land? Man steigt nicht zweimal in denselben Strom, und was wir Deutschland nennen, ist kein Ding mit Versteck, sondern Feuer, „nach Maßen aufflammend und nach Maßen erlöschend“ — zu prüfen sei der Takt, nicht der Verbleib. Ein Tag Lärm, dreißig Tage Stille: vielleicht kein Skandal, sondern ein Maß. Nur kehren, heißt es in einem ihm zugeschriebenen Wort, die Schlafenden aus der gemeinsamen Welt in ihre je eigene zurück, und ob unter dem Schweigen der Streit weiterglimmt oder längst erloschen ist, sieht man von außen nicht. Das ist das Bequeme an dieser Lehre: Sie kann nicht danebenliegen. Der Aufstand bestätigt sie, das Einschlafen auch. Eine Formel, die alles trifft, trifft nichts Bestimmtes — aber sie wärmt, und Wärme war in diesem Frühjahr wahrlich kein Mangel.
Am 19. April, einem Sonntag, wurde der FC Bayern zum fünfunddreißigsten Mal Deutscher Meister, 4:2 gegen Stuttgart, nach dem dreißigsten von vierunddreißig Spieltagen; die restlichen vier waren rechnerische Höflichkeit. Am selben 19. April fielen über Röbel an der Müritz 83,4 Liter auf den Quadratmeter, die höchste Tagessumme des gesamten Frühjahrs — wo so viel Wasser an einem Nachmittag niedergeht, laufen Keller voll. So verteilt diese Saison ihre Zuständigkeiten: Das Bundesland Bayern steuerte auf sein trockenstes Frühjahr seit 1881 zu, für Flüssigkeit sorgte dort zuletzt verlässlich nur der Fußball. Ein Städtchen in Mecklenburg bekam an einem Tag, was einem Monat zugestanden hätte; ein Verein in München zum fünfunddreißigsten Mal, was rechnerisch längst feststand. Das eine nennt man Wetter, das andere Spannung. Zu verwechseln sind sie nicht mehr: Das Wetter überrascht wenigstens noch.
Mitte Mai kam noch einmal die Gegenrede. Vom 11. bis zum 15. schob sich Frost ins Land, im Harz und im Allgäu fiel Schnee — die Eisheiligen erschienen pünktlich wie sonst nur der Gebührenbescheid. Zwei Wochen später, am 30. Mai, meldete der Oberrheingraben 34 Grad. Vom Schneegriesel zum Hochsommer in gut zwei Wochen: Der Übergang, diese mitteleuropäische Kulturleistung, das Lauwarme, das Allmähliche, wird offenbar eingestellt wie eine Buslinie, die sich nicht mehr rechnet. Ich habe am 12. Mai die Heizung wieder aufgedreht und am 30. die Rollläden heruntergelassen, und dazwischen lag kein Frühling, sondern ein Schnitt. Das Klima kennt nur noch Sofortvollzug. Allein im Ausschuss, heißt es, sei die Witterung stabil.
Beim Eurovision Song Contest im Mai sang Sarah Engels für Deutschland ein Lied namens „Fire“ und wurde Dreiundzwanzigste. Zwölf Punkte im Ganzen — vier aus Portugal, vier aus Italien, zwei aus Belgien, zwei aus Bulgarien: eine Ausbeute, so übersichtlich, dass man jedem Punkt persönlich hätte danken können, mit Karte. Gewonnen hat Bulgarien, zum ersten Mal überhaupt, mit einem Stück namens „Bangaranga“, und man gönnt es von Herzen. Die Allegorie liegt zu günstig, um sie liegen zu lassen: Ein Land, dessen Wälder im März auf Stufe vier glommen, schickt ein „Feuer“ nach Europa, und es zündet nicht. Wir kriegen das Brennen nicht mehr hin, nicht einmal als Schlager.
Michel de Montaigne, der freundlichste Skeptiker des Bestands, zieht der ganzen Anklage die Prämisse weg. Ein Land verschwindet nicht, sagt er, es kehrt nur dorthin zurück, wo es die meiste Zeit ohnehin wohnt: in die Gewohnheit, die er in den Essais als verstohlene, gewaltsame Lehrmeisterin beschreibt — sie gewöhnt uns an den Zorn so geräuschlos wie an das Weitermachen. Er hat dreißig Jahre Religionskrieg erlebt, nicht dreißig Tage Stille, und misstraute beidem, dem Lärm wie der Ruhe; wer Schweigen reflexhaft für Verrat hält, so sein Einwand an alle Dauerbürger nach Art Rousseaus, malt nicht mehr, der richtet nur. Es ist die menschenfreundlichste Stimme dieser Saison, und die folgenloseste. Denn seine Gelassenheit hatte eine Adresse: Turm, Gut, Bibliothek; als in Bordeaux die Pest umging, blieb der Bürgermeister Montaigne bekanntlich draußen. „Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem Hintern“ — gewiss. Aber es sitzt sich verschieden, je nachdem, wem der Stuhl gehört.
Wohin also verschwindet ein Land, das einen Tag protestiert und dreißig schweigt? Heim, sagt Diogenes, zu seinen Dingen. In die Gewohnheit, sagt Montaigne. In die Zerstreuung, sagt Pascal. In den Takt, sagt Heraklit. In den Rückfall, sagt Camus. Der Wetterdienst, der nüchternste unter den Beteiligten, sagt: nach oben. Nichts davon ist weg, es ist nur nicht mehr greifbar. Dampf unterschreibt keine Anträge, Dampf bildet keine Sperrminorität, Dampf hat kein Aktenzeichen. Aber der Kreislauf, das ist seine stille Drohung, ist geschlossen: Was aufsteigt, kommt wieder herunter. Irgendwann. Woanders. Alles auf einmal. Wer besichtigen will, wie das aussieht, fahre nach Röbel.
Dort, an der Müritz, stand nach dem 19. April das Wasser in den Kellern, die Empörung eines ganzen Himmelsvierteljahrs an einem einzigen Nachmittag. Vielleicht pumpt da noch immer einer, Eimer um Eimer, die Treppe hinauf ins prämierte Licht, 692 Sonnenstunden, plus achtundvierzig Prozent. Oben verdunstet alles: das Wasser, der Fluch, der Vorsatz. Der Himmel nimmt es entgegen wie ein Ausschuss — zuständig, geräumig, auf unbestimmte Zeit. Man möchte ihm zurufen, es komme wieder, es sei nur überwiesen. Aber das weiß er. Er wohnt hier.
Kernnoten der Denker
Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.
Diogenes' Rechnung — wer viel braucht, ist erpressbar, und ein Land, das nach einem Protesttag heimgeht, hat nur seinen Bedarf ausgemessen — ist die schärfste Diagnose dieser Saison, aber sie hat zwei Löcher. Erstens brauchte seine Bedürfnislosigkeit Publikum: Ohne Zuschauer kein Becher-Wurf, keine Alexander-Anekdote, keine Wirkung; Autarkie als Inszenierung ist selbst eine Abhängigkeit, nur eine elegantere. Zweitens skaliert sie nicht — eine Republik aus Tonkrug-Bewohnern finanziert keine Pflegeversicherung, gegen die hier gestreikt werden musste. Der stärkste Einwand kommt von Kant: Räsonniert, soviel ihr wollt, nur gehorcht — der Takt aus Protesttag und Schweigemonat ist kein Verrat an der Aufklärung, sondern exakt die Aufklärung, auf die dieses Land geeicht wurde; ein einzelner Hund kann diese Betriebsanleitung anbellen, aber nicht außer Kraft setzen.
Heraklit bestreitet die Saisonfrage selbst: Kein Ding namens Land kann verschwinden, es gibt nur Feuer, nach Maßen aufflammend und nach Maßen erlöschend — zu prüfen sei der Takt, nicht das Versteck. Das ist die tiefste Antwort des Hefts und zugleich die billigste zu habende: Eine Lehre, die Aufstand wie Einschlafen gleichermaßen bestätigt, kann nicht danebenliegen und trifft deshalb nichts Bestimmtes. Sein Vertrauen auf die verborgene Harmonie (eine Zuschreibung, kein gesichertes Fragmentzitat) hat einen blinden Fleck: Ob unter dem Schweigen der Streit weiterglimmt oder erloschen ist, lässt sich prinzipiell nicht prüfen — ein bequemer Trost für jeden, der gerade schweigt. Gegen Arendts Einwand, das Politische lebe vom Erscheinen vor anderen, hält er nur das Unsichtbare, und Unsichtbares hat noch keine Mehrheit gewonnen.
Camus fällt das strengste Urteil über diesen Frühling: Revolte ist Zustand, nicht Ereignis; ein Wir, das sich am Streiktag stiftet („Ich empöre mich, also sind wir“) und an dreißig Feierabenden stirbt, hat den Gipfel mit dem Gebirge verwechselt. Doch der Richter ist vorbestraft: Zur algerischen Frage, der Frage seines Lebens, schwieg Camus selbst jahrelang — der Prediger der täglichen Erneuerung war ihr prominentester Aussetzer. Und Sartres Einwand bleibt unbezahlt: Revolte ohne Organisation ist Gesinnung; die schönste Empörung hat noch keinen Ausschuss überstimmt, dafür bräuchte es die schmutzigen Hände, die Camus sich nicht machen wollte. Sein Maß rettet die Seele des Protests — verhindert hat es noch nichts.
Montaigne zieht der Saisonfrage die Prämisse weg: Ein Land verschwindet nicht, es kehrt in die Gewohnheit zurück, jene verstohlene, gewaltsame Lehrmeisterin der Essais, die uns an den Zorn so schnell gewöhnt wie an das Weitermachen — und gegen Rousseaus Dauerbürger verteidigt er das Recht der Erschöpften, auch einmal heimzugehen. Das ist die menschenfreundlichste Stimme des Hefts und die folgenloseste: Wer Schweigen nie für Verrat hält, kann Verrat am Ende nicht mehr erkennen. Seine Gelassenheit hatte zudem eine Adresse — Turm, Gut, Bibliothek; als in Bordeaux die Pest umging, blieb der Bürgermeister Montaigne draußen. Gelassenheit ist eben auch eine Immobilienfrage, und wer den Übergang zum Wohnsitz erklärt, muss nie irgendwo ankommen.
Pascals divertissement ist der genaueste Begriff für die dreißig stillen Tage: kein Frieden, sondern organisierte Flucht vor dem, was der Protesttag sichtbar machte — die Macht muss nichts widerlegen, nur warten, die Zerstreuung erledigt den Rest. Aber seine Alternative führt nicht auf die Straße zurück, sondern in die Kapelle: Wer die Welt für ein Wartezimmer Gottes hält, kann ihr schlecht vorwerfen, dass sie sich darin die Zeit vertreibt. Und die Diagnose frisst ihre eigenen Kinder: Wer jede Betriebsamkeit Flucht nennt, nennt auch Miete, Pflege und Kinderabholen Flucht — der Mann hatte Renten und fromme Freunde, er konnte sich sein Zimmer leisten. Bleibt sein härtester Satz gegen uns: Das ewige Schweigen der unendlichen Räume ist wenigstens ehrlich; unseres verkleidet sich als Ruhe.
Quellen
Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.
- Deutscher Wetterdienst, Deutschlandwetter im Frühjahr 2026 (Pressemitteilung) (2026). dwd.de, Pressemitteilung vom 29.5.2026
- Deutscher Wetterdienst, Deutschlandwetter im März 2026 (Pressemitteilung) (2026). dwd.de, Pressemitteilung vom 30.3.2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis), Inflationsrate im April 2026 bei +2,9 % (Pressemitteilung PD26_161_611) (2026). destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_161_611.html, 12.5.2026
- Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Amtliches Endergebnis der Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg (2026). statistik-bw.de, Landtagswahl vom 8.3.2026
- Deutscher Bundestag, Kontroverse über mögliche Aufweichung des Achtstundentages (Plenardebatte, Anträge Drs. 21/5396 und 21/5781) (2026). bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw21-de-arbeitszeit-1178888, 22.5.2026
- DFL Deutsche Fußball Liga, FC Bayern München vorzeitig Deutscher Meister 2026 (35. Titel) (2026). bundesliga-gruppe.de, 19.4.2026
- Netzwerk Friedenskooperative, Schulstreiks gegen die Wehrpflicht am 5.3. und 8.5.2026 (2026). friedenskooperative.de/aktion/schulstreiks-gegen-die-wehrpflicht-am-5-3
- Campact e.V., Aufruf zum Frauenstreik am 9. März – Töchterkollektiv/„Enough!“ (2025/2026). campact.de/blog/2025/12/aufruf-zum-frauenstreik
- DAK-Gesundheit / Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Falsche Freunde – Studie zu KI-Chatbots bei Kindern und Jugendlichen (2026). dak.de/presse/bundesthemen/kinder-jugendgesundheit/dak-suchtstudie-untersucht-jugendtrend-ki-chatbots-erhoehen-riskanten-medienkonsum_164470, 24.3.2026
- Universität Potsdam / Simon Schnetzer, Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ (2.012 Befragte, 14–29 Jahre) (2026). uni-potsdam.de, Veröffentlichung vom 25.3.2026
- ESC kompakt, Platz 23 für Deutschland beim ESC 2026 – Sarah Engels, „Fire“; Sieg Bulgariens (DARA, „Bangaranga“) (2026). esc-kompakt.de/platz-23-fuer-deutschland-beim-esc-2026-woher-kamen-die-12-punkte-fuer-sarah-engels
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