Sartres berühmtestes Beispiel handelt von einem jungen Mann, der zwischen seiner kranken Mutter und dem Widerstand wählen muss. Keine Lehre, kein Ratgeber, kein Gefühl nimmt ihm die Entscheidung ab; er ist, wie Sartre sagt, zur Freiheit verurteilt. Und weil das schwer auszuhalten ist, erfinden wir Ausreden — die „mauvaise foi“, der Selbstbetrug, mit dem wir so tun, als hätten die Umstände entschieden.
Bruno ist dreizehn und tut genau das. Die Geschichte verurteilt ihn dafür nicht; sie zeigt, wie plausibel der Selbstbetrug im Moment wirkt und wie er sich anfühlt, wenn er auffliegt. Der Gegeneinwand kommt von seinem Vater — und trifft Sartre an der wundesten Stelle: Nicht jede Lage ist wirklich frei, und wer das übersieht, hält Überforderung für Charakterschwäche.
Zum Durchblättern












Was wählst du, wenn du nicht wählst?
Zum Weiterdenken
Didaktische Idee
Sartres These wird an einem alltäglichen Terminkonflikt geprüft und anschließend sozial relativiert: Freiheit ist real, aber ungleich verteilt. Die Klasse arbeitet den Unterschied zwischen Ausrede, Lüge und Selbstbetrug heraus.
Philosophischer Kern
Sartre, „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“ (1945): Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt; es gibt keine Instanz, die die Entscheidung abnimmt. Mauvaise foi (Unaufrichtigkeit): so tun, als sei man Ding oder Rolle, um der eigenen Freiheit auszuweichen.
Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte
| Maßstab | Figur | Kernanspruch | Aus dem Alltag | Denktradition |
|---|---|---|---|---|
| Radikale Freiheit | Jean-Paul Sartre | Auch Nichtentscheiden ist eine Entscheidung, für die man einsteht. | Der Samstag, an dem Bruno liegen bleibt. | Existenzialismus |
| Situation | Simone de Beauvoir | Freiheit ist immer in Verhältnisse eingebettet; Herkunft, Geschlecht, Klasse verändern den Spielraum. | „Wenn die Schicht liegt, wie sie liegt, dann liegt sie so.“ | Existenzialismus / Feminismus |
| Ausrede und Aufrichtigkeit | Alltagsethik | Eine ehrliche Absage schafft eine Beziehung, in der man antworten kann; Verschwinden zerstört sie. | Elas „Okay“ am Donnerstag. | Praktische Ethik |
Leitfragen für das Gespräch
Zum Einstieg
- Welche Möglichkeiten hätte Bruno am Montag gehabt?
- Was macht die Halsschmerzen für die Ausrede so brauchbar?
Zum Vertiefen
- Warum sagt Sartre dem jungen Mann nicht, was richtig ist?
- Was unterscheidet eine Lüge von mauvaise foi?
Zum Streiten (ältere)
- „Nicht wählen heißt auch wählen“ — gilt das immer?
- Der Vater sagt, Freiheit sei ungleich verteilt. Schwächt das Sartres Anspruch oder korrigiert es ihn?
Gestaffelte Aufgaben
Leicht — Formuliert drei Absagen für Brunos Situation: eine feige, eine unhöfliche und eine, mit der beide Seiten leben können.
Mittel — Analysiert eine eigene aufgeschobene Entscheidung: Was war die Ausrede, und welcher wahre Kern hat sie getragen?
Bonus — Lest Sartres Schüler-Beispiel im Original-Auszug und diskutiert de Beauvoirs Begriff der Situation dagegen: Wo wird Freiheit zur Überforderung?
Fächerübergreifende Anbindung
- Ethik / Philosophie: Existenzialismus, Freiheit, Verantwortung, Selbstbetrug
- Deutsch: Innerer Monolog, Ausrede als Sprechhandlung, Dialoganalyse
- Sozialkunde: Handlungsspielräume, soziale Ungleichheit, Zeitarmut
- Psychologie: Vermeidungsverhalten, Rationalisierung
Hintergrund für Lehrende
Jean-Paul Sartre
1905–1980. Der Vortrag „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“ von 1945 machte seine Philosophie populär und wurde von ihm später selbst als Vereinfachung kritisiert. Das Beispiel des Schülers stammt aus diesem Text und ist bis heute das meistdiskutierte Dilemma der Existenzphilosophie.
Simone de Beauvoir
Schärfte den Begriff der Situation: Freiheit vollzieht sich nie im Leeren, sondern gegen Widerstände, die ungleich verteilt sind. Ihre Analyse in „Das andere Geschlecht“ zeigt, wie stark gesellschaftliche Rollen den Spielraum bestimmen — ein Einwand, den Brunos Vater in einfacher Sprache formuliert.
Mauvaise foi
Sartres Beispiel des Kellners, der seine Rolle übertrieben spielt, findet sich in „Das Sein und das Nichts“ (1943). Selbstbetrug ist danach kein Lügen gegenüber anderen, sondern die Kunst, sich selbst als unfrei zu behandeln.
