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thauma. junior · Existenzialismus — Freiheit, Wahl und SelbstbetrugWiesengrund — sieben Jahre später · Band 9

Bruno wählt nicht

Sieben Jahre später · Samstag, 15 Uhr

Sartres berühmtestes Beispiel handelt von einem jungen Mann, der zwischen seiner kranken Mutter und dem Widerstand wählen muss. Keine Lehre, kein Ratgeber, kein Gefühl nimmt ihm die Entscheidung ab; er ist, wie Sartre sagt, zur Freiheit verurteilt. Und weil das schwer auszuhalten ist, erfinden wir Ausreden — die „mauvaise foi“, der Selbstbetrug, mit dem wir so tun, als hätten die Umstände entschieden.

Bruno ist dreizehn und tut genau das. Die Geschichte verurteilt ihn dafür nicht; sie zeigt, wie plausibel der Selbstbetrug im Moment wirkt und wie er sich anfühlt, wenn er auffliegt. Der Gegeneinwand kommt von seinem Vater — und trifft Sartre an der wundesten Stelle: Nicht jede Lage ist wirklich frei, und wer das übersieht, hält Überforderung für Charakterschwäche.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: ein Jugendlicher sitzt auf einer Bordsteinkante zwischen zwei Straßen; links führt ein Weg zu einem beleuchteten Gebäude, rechts zu einem Sportplatz.
Bruno wählt nicht Sieben Jahre später · Samstag, 15 Uhr Wiesengrund — sieben Jahre später · Band 9
Schulflur, ein Mädchen hält einem Jungen eine Konzertkarte hin, im Hintergrund ein Aushang mit Programm.
Ela gab ihm die Karte am Montag, in der großen Pause, mit dem Programmzettel dabei. Vorspiel der Musikschule, Samstag, 15 Uhr, Aula. Sie spielte das dritte Stück, allein, vier Minuten lang, an denen sie seit Februar arbeitete. „Du musst nicht bis zum Schluss bleiben“, sagte sie. Das hieß: Du musst bleiben. „Klar komm ich“, sagte Bruno.
Umkleidekabine, der Mannschaftskapitän schreibt Namen auf eine Aufstellung, ein Junge sieht zu.
Am Mittwoch schrieb Timur die Aufstellung fürs Auswärtsspiel. Es ging um den Aufstieg, es war das vorletzte Spiel, und Bruno stand auf der Sechs, weil Jonas gesperrt war. „Samstag, Abfahrt 13:30 am Sportplatz“, sagte Timur. Bruno sah auf den Zettel. Er sah lange genug hin, dass Timur „Alles klar?“ fragte. „Alles klar“, sagte Bruno.
Jugendzimmer, ein Handy auf dem Bett zeigt zwei nebeneinanderliegende Kalendereinträge zur selben Uhrzeit.
Zu Hause legte er die Karte auf den Schreibtisch und den Aufstellungszettel daneben. 15:00 Uhr Aula. 15:00 Uhr Anpfiff, vierzig Kilometer weiter. Es gab keine Lösung, in der beides ging, und er suchte trotzdem drei Tage lang danach: Ob das Konzert Verspätung haben könnte. Ob Jonas' Sperre aufgehoben wird. Ob Elas Stück vielleicht das erste ist. Er fragte niemanden. Fragen hätte bedeutet, dass es eine Entscheidung gibt.
Frühstückstisch am Samstagmorgen, ein Junge stochert im Müsli, die Uhr an der Wand zeigt 9:20.
Am Samstag wachte er mit Halsschmerzen auf. Sie waren echt. Nicht sehr, aber echt: dieses Kratzen, das man auch am Vortag schon halb gespürt hat und ignoriert. Er blieb liegen und beobachtete sich dabei, wie der Hals mit jeder Viertelstunde ein bisschen mehr wehtat. Um halb elf schrieb er Timur: „krank, sorry, halsschmerzen.“ Um elf schrieb er Ela: „mir gehts nicht gut, ich schaff das konzert glaub nicht.“ Beide antworteten schnell und freundlich, und das war das Schlimmste.
Ein Junge liegt angezogen auf dem Bett, das Handy auf der Brust, an der Wand die Uhr, es ist 15:05.
Um fünf nach drei lag Bruno angezogen auf dem Bett. Das Spiel lief. Das Konzert lief. Er lag in einem Zimmer, in dem nichts passierte, und war der Einzige, der wusste, dass er nicht krank genug war. Er hatte nicht gelogen. Er hatte Halsschmerzen. Er hatte nur nicht gesagt, dass er auch mit diesen Halsschmerzen hätte spielen oder zuhören können. Um 15:40 kam ein Foto von Timur: 1:2, Freistoßtor. Um 16:20 schrieb Elas Mutter, es sei wunderbar gewesen. Beide waren nett zu ihm. Beide hatten damit recht, und beide lagen falsch.
Vater und Sohn in der Küche, der Vater kommt in Arbeitskleidung herein, der Sohn sitzt am Tisch.
Sein Vater kam um sechs von der Schicht und sah ihn an. „Warst du nicht bei dem Spiel?“ „Ich war krank.“ „Aha.“ Sein Vater stellte die Brotdose in die Spüle. „Und beim Konzert?“ „Auch krank.“ Eine Pause, in der man das Wasser laufen hörte. „Weißt du“, sagte sein Vater, „ich hab lange gedacht, das Schlimme sei, sich falsch zu entscheiden. Ist es nicht. Das Schlimme ist, wenn man so tut, als hätte man sich gar nicht entschieden.“
Bibliotheksecke, ein Jugendlicher liest in einem Taschenbuch mit vergilbten Seiten, auf dem Cover ein Porträtfoto.
Am Montag suchte er in der Bücherei nach etwas über Entscheidungen und fand einen schmalen Vortragstext von 1945. Jean-Paul Sartre erzählte darin von einem Schüler, der zu ihm kam: Der Vater war Kollaborateur, der Bruder gefallen, die Mutter lebte allein und nur für ihn. Der junge Mann konnte bei ihr bleiben — oder nach England gehen und kämpfen. Er wollte, dass Sartre ihm sagt, was richtig ist. Sartre sagte es ihm nicht. Er sagte: Sie sind frei, wählen Sie. Und an einer anderen Stelle stand der Satz, wegen dem Bruno das Buch zuklappte und wieder aufmachte: Nicht wählen heißt auch wählen.
Nahaufnahme eines aufgeschlagenen Buchs, ein Satz ist mit Bleistift unterstrichen, daneben ein Klebezettel mit einem Wort.
Es gab noch einen Begriff, den er sich notierte: mauvaise foi. Unaufrichtigkeit, Selbstbetrug. Sartres Beispiel war ein Kellner, der so übertrieben Kellner spielt, dass man merkt: Er tut, als wäre er nichts als seine Rolle — damit er nicht frei sein muss. Bruno musste an seine Halsschmerzen denken. Sie waren echt gewesen. Das war der Trick daran. Man braucht für einen guten Selbstbetrug immer etwas Wahres, sonst funktioniert er nicht. Er schrieb auf den Klebezettel: Ich war nicht krank. Ich wollte, dass es der Samstag entscheidet.
Küchentisch abends, Vater und Sohn, zwischen ihnen zwei Tassen; der Vater redet, der Junge hört zu.
Er erzählte seinem Vater davon, weil sonst niemand da war. „Der schreibt, man ist immer frei“, sagte Bruno. „Auch wenn man nichts macht.“ Sein Vater dachte nach, länger als sonst. „Bei dir stimmt das“, sagte er dann. „Du hattest zwei Sachen, die beide schön waren, und musstest eine absagen. Das ist Luxus, auch wenn es sich nicht so anfühlt.“ Er drehte die Tasse. „Bei mir stimmt es nicht immer. Wenn die Schicht liegt, wie sie liegt, dann liegt sie so. Da kann ich frei sein, so viel ich will.“ „Also hat er unrecht?“ „Er hat recht für den Teil, den du in der Hand hast“, sagte sein Vater. „Und er tut so, als wäre das immer alles.“
Schulhof, ein Junge steht bei einem Mädchen mit Cellokasten und redet; sie hört zu, ohne zu lächeln.
Bruno brauchte bis Donnerstag, um es Ela zu sagen. „Ich war nicht richtig krank. Ich wollte nicht entscheiden.“ Ela stellte den Cellokasten ab. „Und was hättest du gewählt, wenn du hättest wählen müssen?“ Das war die Frage, vor der er sich seit Samstag drückte. „Das Spiel“, sagte er. Sie nickte. „Okay.“ Sie war beleidigt, aber weniger als vorher, und Bruno verstand erst später, warum: Eine Absage ist ein Satz, den man beantworten kann. Ein Verschwinden nicht. Beim nächsten Vorspiel im Dezember saß er in der zweiten Reihe. Es war kein Ausgleich. Es war einfach das nächste Mal.
Sehr helle, fast leere Seite: eine schmale Weggabelung als Linienzeichnung, an der Gabelung ein kleiner Wegweiser ohne Beschriftung; darauf sitzt ein blasser, fast weißer Falter.
Und du? Wann hast du zuletzt gehofft, dass sich eine Sache von selbst erledigt? Und was hast du damit — ohne es zuzugeben — entschieden?

Was wählst du, wenn du nicht wählst?

Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Existenzialismus — Freiheit, Wahl und Selbstbetrug

Didaktische Idee

Sartres These wird an einem alltäglichen Terminkonflikt geprüft und anschließend sozial relativiert: Freiheit ist real, aber ungleich verteilt. Die Klasse arbeitet den Unterschied zwischen Ausrede, Lüge und Selbstbetrug heraus.

Philosophischer Kern

Sartre, „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“ (1945): Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt; es gibt keine Instanz, die die Entscheidung abnimmt. Mauvaise foi (Unaufrichtigkeit): so tun, als sei man Ding oder Rolle, um der eigenen Freiheit auszuweichen.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
Radikale FreiheitJean-Paul SartreAuch Nichtentscheiden ist eine Entscheidung, für die man einsteht.Der Samstag, an dem Bruno liegen bleibt.Existenzialismus
SituationSimone de BeauvoirFreiheit ist immer in Verhältnisse eingebettet; Herkunft, Geschlecht, Klasse verändern den Spielraum.„Wenn die Schicht liegt, wie sie liegt, dann liegt sie so.“Existenzialismus / Feminismus
Ausrede und AufrichtigkeitAlltagsethikEine ehrliche Absage schafft eine Beziehung, in der man antworten kann; Verschwinden zerstört sie.Elas „Okay“ am Donnerstag.Praktische Ethik

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Welche Möglichkeiten hätte Bruno am Montag gehabt?
  • Was macht die Halsschmerzen für die Ausrede so brauchbar?

Zum Vertiefen

  • Warum sagt Sartre dem jungen Mann nicht, was richtig ist?
  • Was unterscheidet eine Lüge von mauvaise foi?

Zum Streiten (ältere)

  • „Nicht wählen heißt auch wählen“ — gilt das immer?
  • Der Vater sagt, Freiheit sei ungleich verteilt. Schwächt das Sartres Anspruch oder korrigiert es ihn?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Formuliert drei Absagen für Brunos Situation: eine feige, eine unhöfliche und eine, mit der beide Seiten leben können.

Mittel — Analysiert eine eigene aufgeschobene Entscheidung: Was war die Ausrede, und welcher wahre Kern hat sie getragen?

Bonus — Lest Sartres Schüler-Beispiel im Original-Auszug und diskutiert de Beauvoirs Begriff der Situation dagegen: Wo wird Freiheit zur Überforderung?

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Existenzialismus, Freiheit, Verantwortung, Selbstbetrug
  • Deutsch: Innerer Monolog, Ausrede als Sprechhandlung, Dialoganalyse
  • Sozialkunde: Handlungsspielräume, soziale Ungleichheit, Zeitarmut
  • Psychologie: Vermeidungsverhalten, Rationalisierung

Hintergrund für Lehrende

Jean-Paul Sartre

1905–1980. Der Vortrag „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“ von 1945 machte seine Philosophie populär und wurde von ihm später selbst als Vereinfachung kritisiert. Das Beispiel des Schülers stammt aus diesem Text und ist bis heute das meistdiskutierte Dilemma der Existenzphilosophie.

Simone de Beauvoir

Schärfte den Begriff der Situation: Freiheit vollzieht sich nie im Leeren, sondern gegen Widerstände, die ungleich verteilt sind. Ihre Analyse in „Das andere Geschlecht“ zeigt, wie stark gesellschaftliche Rollen den Spielraum bestimmen — ein Einwand, den Brunos Vater in einfacher Sprache formuliert.

Mauvaise foi

Sartres Beispiel des Kellners, der seine Rolle übertrieben spielt, findet sich in „Das Sein und das Nichts“ (1943). Selbstbetrug ist danach kein Lügen gegenüber anderen, sondern die Kunst, sich selbst als unfrei zu behandeln.