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thauma. junior · Konfuzianismus — Form, Pflicht und ihre GrenzeWiesengrund — sieben Jahre später · Band 7

Die Sachen, die man trotzdem tut

Sieben Jahre später · Sonntags um vier

Konfuzius traute den großen Gefühlen weniger als den kleinen Formen. „Li“ — Sitte, Ritus, Anstand — ist bei ihm kein leeres Zeremoniell, sondern das Gefäß, in dem Zuneigung überhaupt transportabel wird. Man verbeugt sich nicht, weil man fühlt; man lernt fühlen, indem man es tut.

Westliche Ohren hören darin schnell Zwang, und dieser Verdacht ist nicht unbegründet: Dieselbe Lehre hat jahrhundertelang Hierarchien abgesichert. Diese Geschichte stellt beides nebeneinander. Ilja erlebt, dass die Form ihn trägt, als ihm die Worte fehlen — und er bekommt die Frage gestellt, die man einer Pflicht immer stellen muss: Wem dient sie?

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: ein Jugendlicher steht mit einer Thermoskanne in der Hand vor einer Heimzimmertür mit Namensschild, die Hand am Türgriff.
Die Sachen, die man trotzdem tut Sieben Jahre später · Sonntags um vier Wiesengrund — sieben Jahre später · Band 7
Flur eines Pflegeheims, Linoleum, Handlauf an der Wand, am Ende ein Fenster mit Nachmittagslicht.
Der Flur roch nach Desinfektionsmittel und nach Mittagessen, und beides gehörte inzwischen für Ilja zum Sonntag wie das Aufstehen. Zimmer 214. Immer um vier, weil um halb fünf das Abendbrot kam und Oma Vera dann unruhig wurde. Er brachte Tee mit, in derselben Thermoskanne wie früher. Das Heim hatte Tee. Aber die Kanne war von zu Hause, und seine Mutter hatte irgendwann gesagt: Nimm sie mit, sie kennt sie. Seit dem Sturz im März war das nicht mehr sicher. Manche Sonntage kannte Oma Vera ihn. Manche nicht.
Heimzimmer, eine alte Frau sitzt im Sessel am Fenster, ein Jugendlicher gießt Tee in zwei Tassen, zwischen ihnen ein kleiner Tisch.
„Guten Tag“, sagte Ilja und gab ihr die Hand, wie immer. Sie nahm sie und sah ihn freundlich an, so wie man eine Krankenschwester ansieht. „Ich bin's, Ilja.“ „Ja“, sagte sie. Das konnte alles heißen. Er goss Tee ein, zwei Tassen, und stellte ihre auf den Untersetzer, den sie von zu Hause mitgenommen hatten. Dann saßen sie. Zwanzig Minuten. Manchmal fragte sie etwas, das nicht passte. Manchmal erzählte sie von ihrer Schwester, die 1961 gestorben war, im Präsens. Ilja antwortete, als wäre alles in Ordnung, weil das Widersprechen sie aufregte und ihm nichts brachte.
Ein Jugendlicher radelt an einem Bolzplatz vorbei, auf dem gespielt wird; er sieht hin, fährt aber weiter.
Am ersten Sonntag im Mai war Turnier auf dem Bolzplatz. Ilja fuhr um Viertel vor vier daran vorbei. Sie hatten zwei Spieler zu wenig. Tarik rief seinen Namen. „Kann nicht!“, rief er zurück, ohne stehen zu bleiben, und ärgerte sich zweihundert Meter weiter darüber, wie brav das geklungen hatte. Im Zimmer 214 erkannte Oma Vera ihn an diesem Tag nicht. Er saß zwanzig Minuten neben einer alten Frau, die höflich zu ihm war, trank Tee und dachte die ganze Zeit an den Bolzplatz. Auf dem Rückweg war das Turnier vorbei.
Küche zu Hause, Mutter und Sohn beim Abwasch, keiner sieht den anderen an.
„Warum eigentlich jeden Sonntag?“, fragte er beim Abwasch. Seine Mutter reichte ihm einen Teller. „Weil sie sonst allein ist.“ „Sie merkt es doch gar nicht.“ „Manchmal merkt sie es.“ „Und wenn nicht?“ Seine Mutter stellte das Wasser ab, was sie nur tat, wenn ein Satz kommen sollte, den sie sich überlegt hatte. „Dann merken wir es“, sagte sie. „Es geht nicht nur um sie.“ Ilja fand den Satz erst nichtssagend und dann, drei Tage später, unangenehm genau.
Schulbibliothek, ein Jugendlicher liest in einem Buch mit chinesischen Schriftzeichen am Rand und schreibt zwei Wörter ab.
Im Ethikunterricht ging es um Regeln, und Herr Lauer erwähnte einen Chinesen, der vor 2500 Jahren gelebt hatte. Konfuzius, Kong Fuzi, um 551 bis 479 v. Chr. Er hatte kein Buch geschrieben; was von ihm überliefert ist, sammelten Schüler in den „Gesprächen“, Lunyu. Zwei Begriffe schrieb Ilja ab. Li: die Form, die Sitte, der richtige Umgang — vom Gruß bis zum Trauerritual. Ren: Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit, das eigentliche Ziel. Und dann den Satz, der ihn traf: dass die Form ohne Menschlichkeit leer sei — aber die Menschlichkeit ohne Form eben auch nicht ankomme.
Nahaufnahme eines Notizhefts: zwei chinesische Schriftzeichen abgemalt, daneben eine deutsche Übersetzung und ein Fragezeichen.
Ilja versuchte, es auf Zimmer 214 anzuwenden, und merkte, dass es zu gut passte. Er fühlte an vielen Sonntagen gar nichts. Er saß da, weil man da saß. Genau das hatte er für Heuchelei gehalten. Konfuzius drehte es um: Nicht das Gefühl erzeugt die Form, sondern die Form hält den Platz frei, an dem das Gefühl wieder auftauchen kann. Wer wartet, bis er sich fühlt, kommt nie. Er schrieb hinter das zweite Zeichen: Was, wenn nichts mehr auftaucht? Darauf hatte das Buch keine Antwort, und Ilja fand später, dass es ehrlicher war als eine.
Ein Sonntagnachmittag im Heimzimmer: die alte Frau greift nach der Hand des Jugendlichen, er sieht überrascht auf.
Am dritten Sonntag im Juni war sie klar. Sie sagte seinen Namen, gleich als er hereinkam, und fragte nach der Schule und nach seiner Mutter und ob das mit dem Fahrrad repariert sei. Dann hielt sie seine Hand länger fest als sonst und sagte: „Du kommst immer.“ Ilja bekam eine halbe Minute lang kein Wort heraus. „Ja“, sagte er dann. Sie nickte, als wäre eine Rechnung aufgegangen, und redete über das Wetter. Zehn Minuten später war sie wieder woanders, mitten im Jahr 1961, bei ihrer Schwester. Auf dem Heimweg fuhr Ilja langsamer als sonst.
Zwei Jugendliche am Küchentisch bei Kaffee, das ältere Mädchen redet mit Nachdruck, der Junge hört zu.
Ronja, seine Cousine, war fünfzehn und fuhr seit einem halben Jahr nicht mehr mit. „Frag dich mal, wem das nützt“, sagte sie. „Sie hat nichts davon, an den meisten Tagen. Du hast nichts davon. Deine Mutter hat was davon: ein gutes Gewissen.“ „Das ist nicht —“ „Doch, ist es. Die ganze Nummer mit den Pflichten funktioniert immer gleich. Es gibt eine Form, alle machen mit, keiner fragt nach. Und wer nicht mitmacht, ist herzlos.“ Sie schob ihre Tasse weg. „Konfuzius hat auch begründet, warum Frauen gehorchen und Söhne den Vätern folgen. Das war dieselbe Idee: Jeder auf seinem Platz, dann ist Ordnung.“ Ilja hatte darauf keine Antwort. Sie hatte recht, was die Geschichte anging. Er wusste nur, dass sie in Zimmer 214 nicht recht hatte.
Heimflur, ein Jugendlicher und ein Mädchen im Türrahmen; das Mädchen zögert, der Junge hält die Tür auf.
Im Juli fuhr er wieder allein, aber er hatte Ronjas Frage im Kopf und stellte sie sich jeden Sonntag neu. Wem nützt das heute? An manchen Tagen war die Antwort: Oma Vera, sie hat mich erkannt. An anderen: mir, weil ich sonst nicht wüsste, wohin mit mir. An wieder anderen ehrlich: niemandem, es war einfach eine halbe Stunde. Einmal nahm er Ronja mit. Sie blieb an der Tür stehen und wollte nicht hinein. „Ich kann das nicht“, sagte sie. „Musst du auch nicht“, sagte Ilja, und es war das erste Mal, dass er sich in dieser Sache erwachsener vorkam als sie.
Ein Jugendlicher sitzt allein in einem leeren Heimzimmer, das Bett ist frisch bezogen, auf dem Tisch steht die Thermoskanne.
Oma Vera starb im Oktober, an einem Dienstag, ohne dass etwas Besonderes vorausgegangen wäre. Am Sonntag darauf fuhr Ilja hin, weil sein Körper um halb vier von selbst aufstand. Das Zimmer war leer und frisch bezogen. Er stellte die Thermoskanne auf den Tisch, saß zwanzig Minuten und ging wieder. Bei der Beerdigung gab er allen die Hand, auch Leuten, die er nicht kannte. Es war das Einzige, was er tun konnte, und es war überraschend viel. Ronja stand neben ihm und machte es genauso. Auf dem Rückweg sagte sie: „Vielleicht ist der Unterschied, ob man's macht, weil man muss, oder weil man sonst nichts hat, was man machen kann.“
Sehr helle, fast leere Seite: eine Thermoskanne und zwei Tassen, eine davon umgedreht; auf dem Kannengriff sitzt ein blasser, fast weißer Falter.
Und du? Welche Sache machst du regelmäßig, ohne dass du dabei etwas fühlst? Wem nützt sie — und was wäre stattdessen da, wenn du sie sein ließest?

Was tust du, wenn dir die Worte fehlen?

Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Konfuzianismus — Form, Pflicht und ihre Grenze

Didaktische Idee

Der Begriff „li“ wird an einer Situation erprobt, in der Gefühl und Handlung auseinanderfallen. Anschließend prüft die Klasse die Machtseite von Ritualen — ohne die Erfahrung zu entwerten, dass Formen tragen können.

Philosophischer Kern

Konfuzius, Lunyu: Li (Form, Ritus) und Ren (Menschlichkeit) gehören zusammen. Eine Form ohne Menschlichkeit ist leer; Menschlichkeit ohne Form findet keinen Ausdruck und erreicht den anderen nicht.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
Form trägtKonfuziusDie Übung geht dem Gefühl voraus; wer wartet, bis er fühlt, handelt nie.Ilja gibt die Hand, obwohl er nichts empfindet.Konfuzianismus
Form herrschtRonja (mit feministischer Kritik)Rituale stabilisieren Hierarchien; „jeder auf seinem Platz“ war jahrhundertelang ein Herrschaftsprogramm.„Wer nicht mitmacht, ist herzlos.“Ideologiekritik
Pflicht aus AchtungImmanuel KantMoralischer Wert liegt gerade dort, wo man aus Pflicht handelt und nicht aus Neigung.Der Sonntag, an dem Oma Vera ihn nicht erkennt.Deontologie

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Welche kleinen Formen kommen in der Geschichte vor?
  • Was ändert sich für Ilja an dem Sonntag, an dem seine Großmutter klar ist?

Zum Vertiefen

  • „Es geht nicht nur um sie.“ Wie ist der Satz der Mutter gemeint?
  • Warum ist die Form bei einer Beerdigung besonders wichtig?

Zum Streiten (ältere)

  • Ronja sagt, die Sonntagsbesuche nützten vor allem dem Gewissen der Erwachsenen. Stimmt das?
  • Ist eine Pflicht, die niemand bemerkt, überhaupt eine Pflicht?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Notiert fünf Rituale aus eurem Alltag (Begrüßung, Geburtstag, Essen, Abschied). Markiert, welche euch etwas geben und welche nur Aufwand sind.

Mittel — Schreibt Ronjas und Iljas Positionen als Streitgespräch mit je drei Argumenten und einer Erwiderung.

Bonus — Recherchiert, wie konfuzianische Rollenlehren in China historisch zur Absicherung von Hierarchien genutzt wurden — und wie moderne Neokonfuzianer darauf antworten.

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Konfuzianismus, Pflichtenethik, Ritual und Moral
  • Religion: Rituale, Trauerkultur, Umgang mit Sterben
  • Deutsch: Innere Handlung, Dialog, Leerstellen im Text
  • Sozialkunde: Pflege, Demenz, Angehörige, Generationenvertrag

Hintergrund für Lehrende

Konfuzius

Um 551–479 v. Chr., Beamter und Lehrer im Staat Lu. Die „Gespräche“ (Lunyu) sind eine Sammlung von Aussprüchen, die Schüler nach seinem Tod zusammentrugen. Sein Programm ist erstaunlich unmetaphysisch: Es geht um das gelingende Zusammenleben, nicht um das Jenseits.

Immanuel Kant

Setzt an derselben Stelle an wie diese Geschichte, aber mit umgekehrtem Vorzeichen: Handlungen aus Neigung sind angenehm, aber nicht moralisch bemerkenswert. Erst wo jemand tut, was richtig ist, obwohl ihm nicht danach ist, zeigt sich der moralische Gehalt.

Kritik am Konfuzianismus

Seit der Bewegung des 4. Mai 1919 gilt der Konfuzianismus in China vielen als Fundament einer starren Ordnung, die Frauen, Jüngere und Untergebene festlegte. Neokonfuzianische Autorinnen und Autoren versuchen seither zu trennen, was an „li“ Beziehungspflege ist und was Herrschaftstechnik war.