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thauma. junior · Epikureismus — notwendige und eingebildete BedürfnisseWiesengrund — sieben Jahre später · Band 2

Rosa und die Liste

Sieben Jahre später · Was am Ende reicht

Epikur gilt als Schlemmer und aß Brot und Käse. Sein Glück ist nicht das Mehr, sondern das Genug: Er unterscheidet notwendige Bedürfnisse (Hunger, Kälte, Freundschaft, ein ruhiger Kopf) von solchen, die uns eingeredet werden — und behauptet, das Elend beginne dort, wo die zweite Sorte unbegrenzt wächst.

Für Zwölfjährige ist das keine Theorie, sondern der Alltag der Klassenchats. Diese Geschichte predigt keinen Verzicht; Rosa darf die Schuhe wollen, und sie bekommt sie am Ende sogar in die Hand. Was sich ändert, ist die Rechnung, mit der sie hinschaut. Und weil Selbstgenügsamkeit schnell zur Pose wird, bekommt Rosa den Einwand dazu — von dem Freund, der ihre Rechnung nicht bezahlen kann.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: ein zwölfjähriges Mädchen steht vor einem Schaufenster mit Sportschuhen, in der Hand ein zusammengefaltetes Blatt Papier, im Glas spiegelt sich die Straße.
Rosa und die Liste Sieben Jahre später · Was am Ende reicht Wiesengrund — sieben Jahre später · Band 2
Klassenzimmer nach dem Unterricht, Handys auf dem Tisch, drei Mädchen beugen sich über ein Display mit Schuhbildern.
Die Liste stand nicht auf Papier. Sie stand in Rosas Kopf und war trotzdem sehr genau. Ganz oben: die Schuhe. Hellgrau mit dem abgesetzten Keil, achtundneunzig Euro, in Wiesengrund nur im Laden am Markt zu bekommen. Mia hatte sie seit Ostern. Dann zwei weitere aus der Parallelklasse. Dann, in einer Woche, in der Rosa nicht hinsah, offenbar alle. In drei Wochen war Klassenfahrt. Rosa führte Buch über ihr Geld, seit sie sieben war. Sie wusste auf den Cent genau, dass sie einundvierzig Euro hatte. Sie wusste auch, dass sie ihre Eltern nicht fragen würde.
Hofladen von innen, Kisten mit Äpfeln, ein Mädchen mit Schürze wiegt Kartoffeln ab, eine ältere Frau zeigt ihr etwas an der Waage.
Also fragte sie Frau Behrend im Hofladen, ob sie samstags aushelfen könne. Frau Behrend sah sie an, wie man jemanden ansieht, den man seit dem Kinderwagen kennt. „Sechs Euro die Stunde. Vier Stunden. Kisten schleppen, Waage, Wechselgeld. Kannst du rechnen?“ „Ja.“ „Dann Samstag um acht.“ Vierundzwanzig Euro pro Samstag. Bis zur Klassenfahrt waren es drei Samstage. Zweiundsiebzig plus einundvierzig macht hundertdreizehn. Rosa rechnete es im Gehen, dreimal, und jedes Mal kam heraus, dass es reichte.
Ein Mädchen schleppt eine schwere Apfelkiste durch einen Hof, Regen, die Haare kleben an der Stirn.
Der erste Samstag war lang. Um halb neun regnete es. Um zehn tat ihr der Rücken weh. Um elf kam ein Mann, der die Kartoffeln zurückgeben wollte, weil sie ihm zu klein waren, und redete mit ihr, als sei sie schuld an der Größe von Kartoffeln. Um zwölf gab ihr Frau Behrend eine Scheibe Brot mit Butter und Salz und sagte, sie solle sich fünf Minuten hinsetzen. Rosa saß auf der Kiste hinter dem Ladentisch, hörte den Regen und aß das Brot. Es war, dachte sie, das beste Brot, das sie je gegessen hatte, und dieser Gedanke kam ihr sofort verdächtig vor.
Zwei Zwölfjährige sitzen im Bushäuschen, ein Mädchen hält einen Kassenzettel, ein Junge schaut auf sein Handy.
Sie erzählte Jonte davon, im Bushäuschen, wo sie sich seit der ersten Klasse trafen. „Vierundzwanzig Euro“, sagte sie. „Für vier Stunden. Weißt du, wie viele Stunden in den Schuhen stecken? Über sechzehn.“ „Und?“ „Nichts und. Ich hab nur vorher nie gewusst, wie sich achtundneunzig Euro anfühlen.“ Jonte sagte eine Weile nichts. Dann: „Meine Mutter arbeitet neun Stunden für so was.“ Er sagte es ohne Bitterkeit, mehr wie eine Wetterlage. Rosa sah auf ihren Kassenzettel und merkte, dass sie nicht wusste, was sie darauf antworten sollte, ohne dass es falsch klang.
Ein Mädchenzimmer, an der Wand eine handgeschriebene Liste an einer Pinnwand, daneben ein Sparbuch und ein Taschenrechner.
In der zweiten Woche schrieb Rosa die Liste zum ersten Mal wirklich auf. Oben die Schuhe. Darunter, weil es ehrlich sein sollte: dass Mia sie fragt, wo sie die her hat. Dass niemand auf dem Gruppenfoto auf ihre Füße guckt und wegsieht. Dass sie dazugehört, ohne etwas dafür sagen zu müssen. Sie las es durch und stellte fest, dass drei von vier Punkten gar nichts mit Schuhen zu tun hatten. Das machte die Schuhe nicht überflüssig. Aber es machte die Liste auf einmal zu einer Liste über sie selbst, und das war ein unangenehmes Gefühl, ungefähr so, wie sich selbst auf einem Video reden zu hören.
Bibliotheksecke, ein Mädchen liest in einem aufgeschlagenen Buch, daneben ein Zettel mit drei untereinandergeschriebenen Wörtern.
In der Bücherei suchte sie eigentlich etwas über Geld. Sie fand ein Kapitel über einen Griechen, der vor zweitausenddreihundert Jahren in einem Garten vor Athen lebte, zusammen mit Freunden, Frauen und Sklaven, was damals ungewöhnlich war. Epikur, hieß er. Er galt als der große Genießer, und tatsächlich aß er meistens Brot und tranken sie Wasser; einmal schrieb er, er brauche für ein Festmahl nur ein Töpfchen Käse. Er teilte die Wünsche in drei Sorten: die natürlichen und notwendigen (Essen, Trinken, Schutz, Freundschaft), die natürlichen, aber nicht notwendigen (das gute Essen), und die leeren — Ruhm, Reichtum, Ansehen. Die letzten, schrieb er, kennen keine Grenze. Deshalb machen sie nie satt.
Nahaufnahme der Liste, drei Punkte sind durchgestrichen, einer bleibt stehen; darunter in anderer Handschrift eine neue Zeile.
Rosa nahm ihre Liste und schrieb hinter jeden Punkt, in welche Sorte er gehörte. Schuhe: nicht notwendig, aber natürlich, so wie gutes Essen natürlich ist. Dass Mia fragt: leer. Dass niemand auf meine Füße guckt: leer. Dazugehören: das war der Punkt, an dem sie hängenblieb. Denn Freundschaft stand bei Epikur ganz oben, direkt neben Essen und Trinken. „Von allem, was die Weisheit für das Glück des ganzen Lebens bereitstellt“, hatte er geschrieben, „ist der Besitz der Freundschaft das Größte.“ Nur: Ist Dazugehören dasselbe wie Freundschaft? Rosa saß da und wusste, dass es das nicht war, und wusste nicht, wie man das auseinanderbekommt, wenn man zwölf ist und in drei Wochen im selben Bus sitzt.
Schulhof, ein Junge dreht sich im Weggehen halb um und sagt etwas über die Schulter, ein Mädchen bleibt mit offenem Mund stehen.
Am Donnerstag erzählte sie Jonte davon, ein bisschen zu begeistert. „Er sagt, die leeren Wünsche kennen keine Grenze. Man muss sie gar nicht erfüllen, man muss nur merken, dass sie leer sind, dann —“ „Rosa.“ Jonte packte seinen Ranzen zu. „Du hast hundertdreizehn Euro und kannst dich entscheiden, sie nicht auszugeben. Das ist was anderes, als keine hundertdreizehn Euro zu haben.“ Er sagte es ruhig, und genau das machte es schlimm. „Wenn du drauf verzichtest, ist das Philosophie. Wenn ich verzichte, ist das einfach so.“ Er hängte sich den Ranzen um. „Sag mir nicht, ich soll meine Wünsche kleiner machen. Sag es denen, die sie euch verkaufen.“
Hofladen am dritten Samstag, das Mädchen zählt an der Kasse Geldscheine, im Fenster hängt ein Zettel „Aushilfe gesucht“.
Am dritten Samstag zählte Rosa ihr Geld: hundertdreizehn Euro und vierzig Cent. Sie ging zum Laden am Markt. Die Schuhe standen im Fenster, hellgrau mit dem Keil. Sie sahen kleiner aus als in ihrem Kopf. Rosa stand fünf Minuten davor und rechnete nicht mehr in Euro, sondern in Samstagen: sechzehn Stunden Kisten, Waage, Wechselgeld. Dann ging sie hinein und probierte sie an. Sie saßen gut. Sie waren wirklich schön. Sie kaufte sie nicht. Nicht, weil sie plötzlich über solchen Dingen stand, sondern weil ihr auf dem Weg zur Kasse eingefallen war, dass sie am Zettel im Fenster von Frau Behrend vorbeigekommen war: Aushilfe gesucht.
Zwei Jugendliche auf einer Klassenfahrt am Ufer eines Sees, beide mit unauffälligen Schuhen, das Mädchen lacht über etwas außerhalb des Bildes.
Sie erzählte Jonte von dem Zettel. Er sagte, er überlege es sich. Zwei Wochen später stand er samstags neben ihr an der Waage und war entschieden schneller im Kopfrechnen, was Rosa ärgerte und freute. Auf der Klassenfahrt trug sie ihre alten Schuhe. Mia fragte nichts. Niemand guckte auf dem Gruppenfoto auf ihre Füße, so wie niemand je auf die Füße von irgendwem guckt. Am letzten Abend saßen sie am See, und irgendwer hatte Brot und irgendwer Salz, und Rosa dachte an den Regensamstag hinter dem Ladentisch. Die Schuhe kaufte sie im Herbst, von ihrem eigenen Geld, und sie freute sich darüber. Nur die Liste im Kopf war seitdem kürzer, und das war der eigentliche Unterschied.
Sehr helle, fast leere Seite: ein zusammengefaltetes Blatt Papier mit einer kurzen Liste, daneben ein Stück Brot; auf dem Papier sitzt ein blasser, fast weißer Falter.
Und du? Schreib deine eigene Liste — und dann hinter jeden Punkt, ob er notwendig, angenehm oder leer ist. Und die schwerere Frage: Welche Punkte auf deiner Liste kann sich jemand in deiner Klasse nicht leisten?

Wovon wirst du eigentlich satt?

Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Epikureismus — notwendige und eingebildete Bedürfnisse

Didaktische Idee

Epikurs Bedürfnis-Dreiteilung wird zum Werkzeug, das die Schülerinnen und Schüler auf ihre eigene Konsumliste anwenden — und anschließend selbst auf soziale Ungleichheit hin befragen.

Philosophischer Kern

Epikur, Brief an Menoikeus: Wünsche sind entweder natürlich und notwendig, natürlich und nicht notwendig oder leer. Nur die notwendigen Wünsche haben eine Grenze — leere Wünsche wachsen ins Unendliche und können deshalb nie befriedigt werden.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
GenugEpikurGlück ist die Abwesenheit von Schmerz und Unruhe, nicht die Menge des Besitzes.Brot mit Salz hinter dem Ladentisch.Hellenistische Ethik
StatuskonkurrenzThorstein Veblen / Pierre BourdieuKonsum ist ein Zeichen: Man kauft Zugehörigkeit und Abgrenzung, nicht Ware.Drei von vier Punkten auf Rosas Liste betreffen nicht die Schuhe.Soziologie
Wer kann wählen?Jonte (im Sinne von Marx und Amartya Sen)Freiwilliger Verzicht setzt Wohlstand voraus; ohne Wahl ist Genügsamkeit nur Mangel.„Wenn du verzichtest, ist das Philosophie.“Sozialphilosophie

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Warum will Rosa die Schuhe — nennt alle Gründe, die der Text angibt.
  • Was verändert sich, als sie den Preis in Arbeitsstunden umrechnet?

Zum Vertiefen

  • Epikur zählt Freundschaft zu den notwendigen Gütern. Ist Dazugehören dasselbe wie Freundschaft?
  • Warum kauft Rosa die Schuhe im Herbst doch — und ist das ein Widerspruch zu ihrer Einsicht?

Zum Streiten (ältere)

  • „Sag mir nicht, ich soll meine Wünsche kleiner machen. Sag es denen, die sie euch verkaufen.“ Wie weit trägt dieser Einwand?
  • Ist Genügsamkeit eine Tugend oder ein Luxus?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Führe eine Woche lang eine Wunschliste und ordne jeden Eintrag einer der drei epikureischen Sorten zu.

Mittel — Rechnet den Preis von drei beliebten Produkten in Arbeitsstunden zum Mindestlohn um. Diskutiert, was die Zahl mit eurer Kaufentscheidung macht — und was nicht.

Bonus — Untersucht eine Werbekampagne: Welches der drei Bedürfnisse wird angesprochen, und mit welchen Mitteln wird ein leerer Wunsch als notwendiger dargestellt?

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Hedonismus, Bedürfnistheorie, Glücksbegriff
  • Wirtschaft / Sozialkunde: Konsum, Statuskonsum, Kaufkraft, Mindestlohn
  • Deutsch: Innere Perspektive, Dialoggestaltung, Argumentation
  • Mathematik: Dreisatz, Umrechnung Preis in Arbeitszeit

Hintergrund für Lehrende

Epikur

341–270 v. Chr., lehrte in einem Garten vor Athen, zu dem — für die Zeit ungewöhnlich — Frauen und Sklaven Zutritt hatten. Sein Ruf als Schlemmer ist eine antike Verleumdung: Überliefert ist ein Mann, der Brot und Wasser als Grundnahrung nahm und schrieb, wer wenig brauche, dem fehle selten etwas.

Seneca über Epikur

„Nicht wer zu wenig hat, sondern wer mehr begehrt, ist arm.“ Der Satz stammt aus Senecas Briefen und zitiert die epikureische Pointe: Armut ist ein Verhältnis zwischen Besitz und Verlangen, nicht eine Zahl.

Amartya Sen

Hat den Begriff der Verwirklichungschancen geprägt: Entscheidend ist nicht, was jemand besitzt, sondern was er tatsächlich tun und werden kann. Jontes Einwand trifft genau diesen Punkt — dieselbe Handlung (Verzicht) bedeutet Verschiedenes, je nachdem, ob eine Alternative bestand.