Zum Inhalt springen
thauma.
Alle Bücher
thauma. junior · Stoa — die Dichotomie der KontrolleWiesengrund — sieben Jahre später · Band 1

Was Emil nicht in der Hand hat

Sieben Jahre später · Die Sichtung, die ausfiel

Diese Reihe erzählt dieselben Kinder wie die Bilderbücher ab fünf, nur sieben Jahre später. Aus Emil, der wegen eines verregneten Ausflugs gegen seinen Rucksack trat, ist ein Zwölfjähriger geworden, dem etwas genommen wird, das er sich erarbeitet hat.

Der philosophische Kern ist derselbe geblieben und doch schwerer: Epiktet beginnt sein Handbüchlein mit einem einzigen Schnitt — manches steht in unserer Macht, anderes nicht — und behauptet, fast alles Unglück entstehe aus der Verwechslung. Für ein Kind ist das Regen. Für einen Zwölfjährigen ist es Ungerechtigkeit, und da wird die Lehre angreifbar. Deshalb bekommt sie in dieser Fassung Widerspruch, und zwar von der Person, die Emil am wenigsten überhören kann. Wer die Geschichte im Unterricht einsetzt: Der Didaktik-Teil am Ende ist auf genau diesen Streit gebaut, nicht auf die Zustimmung.

Zum Durchblättern

Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: ein zwölfjähriger Junge in Laufkleidung steht allein am Rand einer roten Tartanbahn, die Startnummer noch ungefaltet in der Hand, im Hintergrund unscharf ein Wettkampf.
Was Emil nicht in der Hand hat Sieben Jahre später · Die Sichtung, die ausfiel Wiesengrund — sieben Jahre später · Band 1
Früher Morgen, leere Laufbahn im Nebel, ein einzelner Läufer in der Kurve, Atemwolken.
Sechs Wochen lang war Emil um Viertel nach sechs aufgestanden. Nicht, weil ihn jemand geweckt hätte, sondern weil er es sich selbst gesagt hatte: sechs Wochen, jeden zweiten Tag, egal wie das Wetter ist. Er lief die 800 Meter in zwei Minuten und siebenundzwanzig Sekunden. Das war schnell. Das war so schnell, dass Trainer Kelm beim Stoppen zweimal auf die Uhr sah, was bei ihm einem Jubelschrei entsprach. Am Samstag war die Sichtung für den Bezirkskader. Emil hatte sich den Tag seit Februar in den Kalender geschrieben, in Großbuchstaben, obwohl er ihn niemals hätte vergessen können.
Wettkampfbüro, ein Klemmbrett mit Meldeliste, Emils Finger fährt eine Namensspalte entlang, sein Name fehlt.
Am Samstag um halb neun stand sein Name nicht auf der Liste. Eine Frau mit Klemmbrett fuhr die Spalte zweimal ab, dann noch einmal von unten. „Barth? Hab ich nicht.“ Die Meldung war nicht rausgegangen. Irgendwo zwischen dem Verein und dem Verband war ein Formular liegengeblieben, in einem Postfach, das niemand geöffnet hatte. „Und jetzt?“, fragte Emil. „Jetzt kannst du zusehen“, sagte die Frau, nicht unfreundlich. „Nachmelden geht nicht. Ist die Regel.“ Emil stand in der Halle, in Laufkleidung, aufgewärmt, und begriff langsam, dass es nichts gab, wogegen er laufen konnte.
Ein Junge tritt wütend gegen seine Sporttasche, sie rutscht über den Hallenboden; ein Trainer steht daneben, die Hände in den Jackentaschen.
Er trat gegen seine Tasche, dass sie über den halben Hallenboden schlitterte. „Das ist ungerecht!“, schrie er. Es hallte, und ein paar Köpfe drehten sich. Trainer Kelm hob die Tasche auf und stellte sie neben Emil ab. „Ja“, sagte er. „Es ist ungerecht.“ Emil hatte mit vielem gerechnet. Damit nicht. Erwachsene sagten sonst, halb so schlimm, oder nächstes Mal, oder jetzt beruhig dich erst mal. „Und jetzt?“, sagte Kelm. „Was, und jetzt?“ „Genau das.“ Kelm sah auf die Bahn. „Ungerecht ist es. Die Frage ist, was du davon in der Hand hast.“
Tribüne von hinten, ein Junge sitzt allein zwischen leeren Sitzreihen, unten auf der Bahn läuft ein Feld durch die Kurve.
Emil sah zu. Der, der gewann, hieß Toprak und lief zwei Minuten einunddreißig. Emil rechnete es dreimal nach, weil er sich nicht traute, es beim ersten Mal zu glauben. Vier Sekunden langsamer als er. Vier Sekunden, die Toprak in den Kader brachten und ihn nicht. Auf dem Heimweg sagte er nichts. Zu Hause legte er die Startnummer, die niemand ausgegeben hatte, auf den Schreibtisch und ließ sie liegen, damit sie ihn ärgerte. Es funktionierte. Sie ärgerte ihn drei Tage lang, jedes Mal, wenn er hereinkam.
Wohnzimmer einer alten Frau, Bücherregal, sie zieht ein sehr schmales Buch heraus und hält es einem Jungen hin, zwei Tassen auf dem Tisch.
Am Mittwoch schickte ihn seine Mutter mit einem Topf Suppe zu Frau Osei, die zwei Häuser weiter wohnte und früher Lehrerin gewesen war. Sie fragte, wie es beim Laufen sei. Emil wollte „gut“ sagen und erzählte es dann doch, alles, auch das mit der Tasche. Frau Osei hörte zu, ohne den Kopf schiefzulegen. Dann stand sie auf und zog ein Buch aus dem Regal, das so dünn war, dass er es zuerst für ein Heft hielt. „Der Mann, der das geschrieben hat“, sagte sie, „kam als Sklave nach Rom und hat sein Leben lang gehinkt. Nimm es mit. Wenn es dir nichts sagt, bring es zurück.“
Nahaufnahme: ein aufgeschlagenes schmales Buch auf einem Schreibtisch, daneben ein karierter Zettel, auf dem ein Strich zwei Spalten trennt.
Das Buch fing ohne Umschweife an. Manches, stand da, steht in unserer Macht: unsere Urteile, unser Streben, das, was wir tun. Anderes steht nicht in unserer Macht: der Körper, der Besitz, der Ruf, das Ansehen — kurz, alles, was nicht unser eigenes Werk ist. Epiktet hieß der Mann. Er hatte keine Zeile selbst veröffentlicht; ein Schüler hatte mitgeschrieben. Emil las den Satz zweimal, dann nahm er einen karierten Zettel und zog einen Strich in die Mitte. Es kam ihm albern vor, wie eine Hausaufgabe, die man sich selbst gibt. Er machte es trotzdem, weil es besser war, als die Startnummer anzustarren.
Der beschriebene Zettel formatfüllend von oben: links eine kurze Liste, rechts eine längere, die Handschrift eines Zwölfjährigen.
Rechts, wo das stand, was ihm nicht gehörte, wurde die Liste lang: das Postfach im Verein. Die Regel, dass man nicht nachmelden kann. Topraks Zeit. Ob jemand ihn für den Jungen hielt, der geheult hat. Der ganze verdammte Samstag. Links blieb erst mal nichts. Dann schrieb er: mein Training. Wie ich mit Kelm rede. Ob ich Montag wieder da bin. Und, nach einer Pause, weil es ihm peinlich war: ob ich mich bei Toprak melde. Es war eine kurze Liste. Aber sie war seine, und das war der Unterschied, den er noch nicht in Worte fassen konnte.
Zwei Jugendliche auf einer Mauer vor der Sporthalle, das Mädchen redet mit Nachdruck, der Junge hört zu, zwischen ihnen der Zettel.
Seine Cousine Ida hörte sich das an und war nicht beeindruckt. „Das ist bequem“, sagte sie. „Du schreibst alles, was dich ärgert, nach rechts, und dann bist du ganz ruhig. Und der Verein? Schickt nächstes Jahr wieder keine Meldung raus, weil es keinem wehtut.“ „Ich kann das nicht ändern.“ „Du kannst eine Mail schreiben. Du kannst fragen, wer zuständig ist. Du kannst darum bitten, dass zwei Leute die Liste gegenlesen.“ Sie sah ihn an. „Innere Ruhe ist super. Aber wenn alle immer nur innerlich ruhig werden, bleibt draußen alles genau so.“ Emil merkte, dass sie recht hatte und dass sein Buch trotzdem recht hatte, und dass ihm niemand erklärt hatte, wie beides zugleich gehen soll.
Ein Junge sitzt am Küchentisch vor einem Laptop und tippt sehr konzentriert eine kurze Mail; daneben liegt der Zettel mit den zwei Spalten.
Er schrieb die Mail am Donnerstagabend. Vier Sätze. Er löschte sie zweimal, weil die erste Fassung wütend klang und die zweite kroch. Die dritte war sachlich: Meine Meldung ist nicht rausgegangen. Ich hätte gern, dass die Meldungen künftig von zwei Leuten geprüft werden. Ich würde das auch selbst nachhalten, wenn ich darf. Die Antwort kam am Montag und war kürzer als seine Mail. Der Vorstand hatte es besprochen. Ab sofort gab es eine Liste, die zwei Leute abzeichneten. Die Sichtung bekam er dadurch nicht zurück. Emil merkte, dass ihn das immer noch ärgerte — und dass der Ärger jetzt eine Größe hatte, statt einfach alles auszufüllen.
Sechs Wochen später: eine Laufbahn im Abendlicht, ein Junge geht nach dem Rennen langsam aus, im Hintergrund die Anzeigetafel.
Sechs Wochen später gab es einen Nachsichtungslauf. Emil lief zwei Minuten sechsundzwanzig, eine Sekunde schneller als je zuvor, und wurde Vierter. Genommen wurden drei. Er ging die Bahn aus, langsam, die Hände im Nacken, und wartete darauf, dass es ihn zerreißt. Es zerriss ihn nicht. Es tat weh, ordentlich sogar, aber es war ein Schmerz mit Rändern. Auf dem Rückweg fragte Kelm, ob er im Winter das Krafttraining mitmachen wolle. „Ja“, sagte Emil. Das Buch brachte er im Dezember zurück. Frau Osei fragte nicht, ob es geholfen habe. Sie stellte es zurück ins Regal, an dieselbe Stelle, und sagte: „Behalt dir die zwei Spalten. Die kannst du dein Leben lang brauchen — vor allem, wenn du dich fragst, ob du dir eine Sache zu schnell nach rechts geschrieben hast.“
Sehr helle, fast leere Seite: ein karierter Zettel mit einem senkrechten Strich in der Mitte, beide Spalten leer; darauf sitzt ein blasser, fast weißer Falter.
Und du? Was von dem, was dich diese Woche geärgert hat, stand wirklich nicht in deiner Macht? Und was davon hast du nach rechts geschrieben, weil links etwas zu tun gewesen wäre?

Was hast du zu schnell für unabänderlich erklärt?

Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Stoa — die Dichotomie der Kontrolle

Didaktische Idee

Die Dichotomie der Kontrolle wird nicht als Lebensweisheit vorgeführt, sondern als These, gegen die eine zweite Figur argumentiert. Die Klasse entscheidet nicht zwischen Epiktet und Ida, sondern bestimmt, wo die Grenze im konkreten Fall verläuft.

Philosophischer Kern

Epiktet, Encheiridion 1 und 5: In unserer Macht stehen Urteil, Streben, Begehren, Vermeiden; nicht in unserer Macht Körper, Besitz, Ruf, Ämter. Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen über die Dinge.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
Innere FreiheitEpiktetWer nur das begehrt, was in seiner Macht steht, ist unerschütterlich.Emil hört auf, gegen den Samstag anzurennen.Stoa
Verhältnisse ändernIda (mit Nietzsche und Marx im Rücken)Innere Ruhe kann Anpassung an Ohnmacht sein und lässt die Ursachen unangetastet.Die Mail an den Vorstand, das Vier-Augen-Prinzip.Ideologiekritik
ZwischenreichMartha NussbaumDas meiste ist weder ganz in noch ganz außerhalb unserer Macht; die scharfe Zweiteilung verfehlt das Leben.Ob Emil genommen wird, hängt von Training UND Zufall ab.Gegenwartsphilosophie

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Was ist am Samstagmorgen genau passiert — und wer trägt welchen Teil daran?
  • Warum sagt Trainer Kelm nicht, es sei halb so schlimm?

Zum Vertiefen

  • Epiktet zählt den „Ruf“ zu dem, was uns nicht gehört. Stimmt das in einer Zeit, in der Rufe online entstehen?
  • Emils linke Spalte ist kurz. Was gehört noch hinein, was er übersehen hat?

Zum Streiten (ältere)

  • „Innere Ruhe ist super. Aber wenn alle innerlich ruhig werden, bleibt draußen alles gleich.“ — Widerlegt das die Stoa oder ergänzt es sie?
  • Ist Gelassenheit gegenüber Ungerechtigkeit eine Tugend oder ein Zugeständnis?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Lege für die kommende Woche selbst zwei Spalten an. Trage jeden Abend eine Sache ein — und markiere am Sonntag, welche Zuordnung du heute anders treffen würdest.

Mittel — Schreibe Emils Mail in zwei Fassungen: eine, die nur Wut ausdrückt, und eine, die etwas verändert. Vergleicht in der Gruppe, was die zweite anders macht.

Bonus — Recherchiert Epiktets Biografie (Sklave in Rom, später Schulgründer in Nikopolis) und diskutiert Nietzsches Verdacht, die stoische Freiheit sei „die Freiheit des Sklaven“. Belegt beide Seiten am Text.

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Stoische Ethik, Willensfreiheit, Verantwortung
  • Deutsch: Perspektivwechsel, Argumentationsaufbau, sachliche Beschwerde-Mail
  • Sozialkunde: Vereinsstrukturen, Beschwerdewege, Verfahrensgerechtigkeit
  • Sport: Umgang mit Rückschlägen, Trainingsplanung, Fairness

Hintergrund für Lehrende

Epiktet

Um 50 bis 135 n. Chr., als Sklave nach Rom gekommen, später Freigelassener und Lehrer in Nikopolis. Seine Vorlesungen sind nur durch die Mitschriften seines Schülers Arrian überliefert. Das „Handbüchlein“ (Encheiridion) ist deren Kurzfassung — ein Text, der nie Trost verspricht, sondern Training.

Martha Nussbaum

Hat in „The Therapy of Desire“ den Preis der stoischen Unerschütterlichkeit benannt: Wer lernt, geliebte Menschen als geliehen zu betrachten, wird ruhiger — und ärmer an Bindung. Ihre Kritik trifft nicht Emils Zettel, wohl aber jeden, der ihn auf Menschen anwendet.

Friedrich Nietzsche

Sah in der stoischen Selbstbeherrschung den Verdacht eines Arrangements mit der eigenen Ohnmacht. Idas Einwand ist im Kern dieser Verdacht, übersetzt in die Sprache eines Sportvereins.