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thauma. junior · Buddhismus — Vergänglichkeit und AnhaftenWiesengrund — sieben Jahre später · Band 8

Was Hanna nicht festhalten kann

Sieben Jahre später · Die letzten sechs Wochen

Die zweite der vier edlen Wahrheiten benennt als Ursache des Leidens nicht die Vergänglichkeit selbst, sondern das Anhaften: den Griff, mit dem wir festhalten, was ohnehin geht. Für Zwölfjährige ist der Wegzug einer besten Freundin die genaueste Form dieser Erfahrung.

Diese Geschichte redet den Abschied nicht klein, und sie empfiehlt keine Kühle. Der wichtigste Einwand steht mitten im Text: Wer nichts festhält, riskiert auch nichts — und eine Freundschaft, die man von vornherein lockerlässt, ist womöglich gar keine. Hanna findet keinen Zustand der Gelassenheit. Sie findet einen Unterschied: zwischen dem, was sie an den sechs Wochen retten wollte, und dem, was sie in ihnen erlebt hat.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: zwei Zwölfjährige liegen auf einem Steg über dunklem Wasser, Köpfe nebeneinander, zwischen ihnen ein aufgeschlagenes Notizheft.
Was Hanna nicht festhalten kann Sieben Jahre später · Die letzten sechs Wochen Wiesengrund — sieben Jahre später · Band 8
Jugendzimmer mit Umzugskartons an der Wand, zwei Mädchen sitzen auf dem Boden, eines hält einen Kalender.
Sie erfuhren es an einem Mittwoch im Juni: Linas Vater bekam die Stelle in Rostock, die Wohnung war schon unterschrieben, der Umzug war für den 12. August geplant. Sechs Wochen und vier Tage. Hanna rechnete es sofort aus, im Kopf, während Lina noch redete. Das war ihre Art, mit Dingen umzugehen: erst die Zahl, dann das Gefühl. An diesem Abend legte sie ein Heft an. Auf die erste Seite schrieb sie: 44 Tage. Darunter: Was wir noch machen.
Nahaufnahme einer Heftseite mit einer nummerierten Liste, einige Punkte sind abgehakt.
Die Liste hatte sechsundzwanzig Punkte. Einmal die Nacht am See durchmachen. Das alte Baumhaus reparieren. Die Serie zu Ende gucken, alle drei Staffeln. Ins Freibad, wenn keiner da ist, also um sieben Uhr früh. Ein Foto an jeder Stelle machen, die ihnen wichtig war. Hanna führte Buch. Sie hakte ab. „Wir schaffen das alles“, sagte sie. Lina sagte: „Okay.“ Und dann, nach einer Pause: „Muss das alles sein?“ „Wir haben nur noch vierunddreißig Tage.“ „Ja“, sagte Lina. „Deswegen.“
Zwei Mädchen im Freibad bei Morgenlicht, eines fotografiert, das andere schaut weg und wirkt abwesend.
Es lief nicht gut. Im Freibad um sieben war das Wasser sechzehn Grad und Lina schlecht gelaunt, weil sie die Nacht zuvor gepackt hatte. Hanna machte trotzdem das Foto, weil es auf der Liste stand. Am Baumhaus fehlten zwei Bretter, und sie stritten darüber, ob man die kaufen oder klauen sollte, was in Wahrheit kein Streit über Bretter war. Die Serie schafften sie bis Staffel zwei. An Tag 19 sagte Lina: „Ich hab das Gefühl, wir arbeiten unsere Freundschaft ab.“ Hanna klappte das Heft zu und tat, als sei nichts. Zu Hause weinte sie und wusste selbst nicht genau, worüber.
Klassenzimmer, ein Lehrer verteilt Kopien, auf denen ein kurzer Text steht; die Schüler sind mäßig interessiert.
Im Ethikunterricht teilte Herr Cordes einen Text aus, der eine halbe Seite lang war. Es war eine alte Geschichte: Eine Frau namens Kisagotami trägt ihr totes Kind durch die Stadt und bittet jeden, es zu heilen. Man schickt sie zum Buddha. Der sagt: Bring mir ein Senfkorn aus einem Haus, in dem noch nie jemand gestorben ist. Sie geht von Tür zu Tür. Senfkörner haben alle. Ein Haus ohne Toten findet sie nicht. Unter dem Text stand ein Satz, den Hanna abschrieb: Alles Zusammengesetzte vergeht. Sie fand die Geschichte zuerst grausam. Erst zwei Tage später fiel ihr auf, dass die Frau nicht getröstet wird, sondern beschäftigt — und dass das etwas anderes ist.
Jugendzimmer nachts, ein Mädchen liegt wach, das Heft mit dem Countdown liegt aufgeschlagen auf dem Boden.
In der Nacht las sie nach, was Herr Cordes an die Tafel geschrieben hatte. Die erste der vier edlen Wahrheiten: Es gibt Leiden. Die zweite: Es entsteht aus dem Durst, aus dem Greifen, aus dem Festhalten. Nicht die Vergänglichkeit macht das Leid, sondern der Griff. Hanna sah auf ihr Heft mit den sechsundzwanzig Punkten und begriff, dass sie sechs Wochen lang versucht hatte, sich für später etwas zurückzulegen — Fotos, Erlebnisse, Beweise —, statt in diesen sechs Wochen zu sein. Sie hakte nichts mehr ab. Sie legte das Heft aber auch nicht weg. Es lag noch wochenlang neben dem Bett, wie ein Werkzeug, das man nicht mehr braucht und nicht wegwirft.
Zwei Mädchen sitzen auf einer Mauer und essen Pommes, keine Kamera, kein Heft, sie lachen.
Die letzten zwölf Tage waren anders, und Hanna hätte nicht sagen können, was genau sie geändert hatte. Sie verabredeten nichts Großes mehr. Sie saßen auf der Mauer beim Kiosk. Sie fuhren zweimal an den See, ohne Fotos. Sie redeten über eine Lehrerin, über Linas neue Schule, über nichts. Einmal sagte Lina: „Wir werden uns weniger schreiben, als wir denken.“ „Ich weiß“, sagte Hanna, und es tat weh, und sie widersprach trotzdem nicht. Das war, glaubte sie später, der Moment, in dem der Abschied angefangen hatte zu funktionieren.
Umzugstag: ein Lastwagen, offene Klappe, zwei Mädchen umarmen sich kurz und ohne Dramatik zwischen Kartons.
Am 12. August war es heiß und alles ging schnell. Umzugsleute arbeiten zügig; das Zimmer war um elf leer, ein Rechteck heller Tapete, wo das Bett gestanden hatte. Sie umarmten sich zwischen zwei Kartons, weil dazwischen Platz war, und es dauerte vielleicht vier Sekunden. Dann rief Linas Mutter, und dann fuhren sie. Hanna stand auf dem Gehweg, bis das Auto um die Ecke war, weil man das so macht, und ging dann nach Hause und stellte fest, dass sie Hunger hatte, was ihr unpassend vorkam.
Küchentisch, ein Mädchen und ein großer stiller Mann, zwei Teller, niemand redet.
Onkel Bo kochte an diesem Abend und sagte nichts über den Umzug. Erst beim Abräumen sagte er: „Als du sieben warst, hast du am Strand geheult, weil das Meer die Burg geholt hat. Weißt du noch, was du am nächsten Tag gemacht hast?“ „Eine neue gebaut.“ „Weiter oben.“ Hanna verdrehte die Augen. „Ich weiß, was du sagen willst.“ „Ich sag gar nichts“, sagte Onkel Bo. „Ich hab nur festgestellt, dass du weiter oben gebaut hast. Nicht: gar nicht mehr.“
Schulhof im September, ein Mädchen sitzt allein und schreibt eine Nachricht, das Display zeigt einen langen unbeantworteten Chatverlauf.
Der Herbst gab Lina recht. Sie schrieben täglich, dann jeden zweiten Tag, dann sonntags. Ende Oktober vergaß Hanna zum ersten Mal zurückzuschreiben und merkte es erst am Abend. Sie erschrak. Dann kam der Gedanke, den sie sich nicht erlaubt hatte: dass es leichter war, wenn sie nicht dauernd nachrechnete, wie viel noch übrig war von dem, was sie mal gewesen waren. Es war keine schöne Erkenntnis. Aber sie war die erste seit dem 12. August, bei der ihr nicht die Kehle eng wurde. Im Chat schrieb sie: „Hab dich heute vergessen. Sorry.“ Lina antwortete: „Ich dich gestern auch.“
Winterlicher Bahnsteig, zwei Mädchen begrüßen sich, eine mit Rucksack, hinter ihnen ein einfahrender Zug.
In den Weihnachtsferien kam Lina für vier Tage. Es war die erste halbe Stunde seltsam und danach nicht mehr. Sie liefen an den See, der zugefroren war, und Lina erzählte von einer Freundin in Rostock, und Hanna merkte, dass ihr das nur zwei Sekunden lang wehtat. Am Bahnsteig sagte Lina: „Nächstes Jahr Sommerferien, du kommst zu mir.“ „Ja“, sagte Hanna. Sie schrieb es nicht auf. Das Heft mit den sechsundzwanzig Punkten hat sie behalten. Auf der letzten Seite steht seit dem Winter ein einziger Satz, in ihrer Handschrift: Nicht alles, was aufhört, war umsonst.
Sehr helle, fast leere Seite: ein aufgeschlagenes leeres Notizheft, daneben ein abgebrochener Bleistift; auf der Heftseite sitzt ein blasser, fast weißer Falter.
Und du? Was versuchst du gerade festzuhalten — und macht das Festhalten es besser oder schwerer? Und was hättest du lieber erlebt, statt es zu dokumentieren?

Was hältst du gerade fester, als es dir guttut?

Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Buddhismus — Vergänglichkeit und Anhaften

Didaktische Idee

Die zweite edle Wahrheit wird an einer Alltagserfahrung geprüft: Nicht der Verlust selbst, sondern der Umgang mit ihm erzeugt einen Teil des Leidens. Zugleich wird die Grenze der Lehre markiert — Bindung ohne Anhaften ist leichter gesagt als gelebt.

Philosophischer Kern

Vier edle Wahrheiten (Dhammacakkappavattana-Sutta): Es gibt Leiden (dukkha); es entsteht aus dem Durst / Greifen (tanha); es kann enden; es gibt einen Weg. Dazu anicca: Alles Zusammengesetzte ist vergänglich.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
Anhaften lösenBuddhaLeiden entsteht aus dem Festhalten an dem, was ohnehin vergeht.Die Liste mit 26 Punkten macht die letzten Wochen schwerer.Buddhismus
Verletzlichkeit gehört dazuMartha NussbaumWer sich vor Verlust schützt, verliert die Fähigkeit zu lieben; Bindung ist notwendig riskant.Hanna widerspricht Lina nicht — und es tut trotzdem weh.Gegenwartsphilosophie
WeiterbauenOnkel Bo (mit der Sandburg von früher)Vergänglichkeit entwertet das Bauen nicht; sie verändert nur den Ort.„Weiter oben. Nicht: gar nicht mehr.“Praktische Lebensklugheit

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Warum legt Hanna überhaupt eine Liste an?
  • Was meint Lina mit „Wir arbeiten unsere Freundschaft ab“?

Zum Vertiefen

  • Die Kisagotami-Geschichte enthält keinen Trost. Warum hilft sie trotzdem?
  • Was ist der Unterschied zwischen Loslassen und Gleichgültigwerden?

Zum Streiten (ältere)

  • Ist es besser, eine Freundschaft von Anfang an lockerer zu nehmen, wenn man weiß, dass sie endet?
  • Kann man Vergänglichkeit akzeptieren, ohne zynisch zu werden?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Schreibt auf, was ihr vom letzten Sommer noch wisst — und dann, was davon fotografiert wurde. Vergleicht die beiden Listen.

Mittel — Verfasst Hannas Heft-Eintrag an Tag 19 und noch einmal an Tag 44 aus ihrer Sicht. Was hat sich in der Sprache verändert?

Bonus — Lest die Kisagotami-Erzählung im Original (Therigatha / Kommentarliteratur) und vergleicht sie mit einem westlichen Trosttext (z. B. Seneca, Trostschrift an Marcia). Welche Strategie wählt jeder Text?

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Buddhismus, Vergänglichkeit, Umgang mit Verlust
  • Religion: Vier edle Wahrheiten, Trauerrituale im Vergleich
  • Deutsch: Tagebuch und Liste als Textformen, Zeitgestaltung im Erzähltext
  • Medienbildung: Dokumentieren statt Erleben, Erinnerungsspeicher Handy

Hintergrund für Lehrende

Buddha (Siddhartha Gautama)

Etwa 5. bis 4. Jahrhundert v. Chr. Die Lehrreden wurden jahrhundertelang mündlich weitergegeben, bevor sie im Pali-Kanon schriftlich fixiert wurden. Der Kern ist eine Diagnose, keine Metaphysik: Woher kommt das Leiden, und was lässt sich daran ändern?

Kisagotami

Die Erzählung vom Senfkorn stammt aus der Kommentarliteratur zum Pali-Kanon. Ihre Pointe ist pädagogisch: Die Trauernde wird nicht belehrt, sondern losgeschickt — und findet die Einsicht an den Türen der anderen selbst.

Martha Nussbaum

Argumentiert in „Upheavals of Thought“, dass Emotionen Urteile über das enthalten, was uns wichtig ist. Wer sich gegen Verlust immunisiert, erklärt implizit, dass ihm nichts wichtig sei — der Preis der Unerschütterlichkeit.