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thauma. junior · Daoismus — wu wei, das nicht erzwingende TunWiesengrund — sieben Jahre später · Band 6

Was Merle nicht erzwingen konnte

Sieben Jahre später · Vom Üben und vom Lassen

„Wu wei“ heißt nicht Nichtstun, sondern Handeln ohne Erzwingen. Laozi zeigt es am Wasser: Es ist weich, weicht aus, und schleift den Stein trotzdem rund. Für Zwölfjährige ist das kein fernöstliches Rätsel, sondern eine Alltagserfahrung — beim Einschlafen, beim Vokabellernen, beim Sport.

Die Geschichte hütet sich vor der Esoterik-Version („lass einfach los“). Merles Trainerin vertritt die harte Gegenposition, und sie hat Belege: Können entsteht durch Wiederholung, auch gegen den eigenen Widerwillen. Was Merle am Ende lernt, ist keine Entscheidung zwischen beidem, sondern ein Gespür dafür, wann Kraft trägt und wann sie im Weg steht.

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Alle 12 Doppelseiten – Bild und Vers.

Titelbild: eine Zwölfjährige steht am Anfang einer Turnbahn, Hände an den Oberschenkeln, Blick auf die Matte; die Halle ist leer.
Was Merle nicht erzwingen konnte Sieben Jahre später · Vom Üben und vom Lassen Wiesengrund — sieben Jahre später · Band 6
Turnhalle, ein Mädchen in der Rückwärtsbewegung eines Flickflacks, die Trainerin steht sichernd daneben.
Der Flickflack war seit Oktober ihre Sache. Absprung, Rückwärtssprung auf die Hände, Abdruck, Landung. Vier Bewegungen, die eine einzige sein müssen. Merle konnte alle vier. Sie konnte sie nur nicht hintereinander, ohne dass ihr Körper an genau derselben Stelle bremste — im Moment, in dem sie sich nach hinten fallen lassen musste, ohne zu sehen, wohin. „Nicht denken“, sagte Trainerin Yildiz. „Machen.“ Das war das Problem. Merle dachte. Jedes Mal genau da.
Eine Turnerin fliegt sauber durch den Flickflack, im Vordergrund unscharf ein Mädchen, das zusieht.
Nele konnte es seit März. Sie hatte es nicht besser geübt und nicht öfter. Es war einfach an einem Dienstag da gewesen, und danach war es immer da. Merle hatte ihre Wiederholungen gezählt: seit Oktober vierhundertelf Versuche. Sie führte darüber ein Heft, was Yildiz gut fand und Nele albern. Seit Ostern wurde es schlechter statt besser. Sie bremste jetzt schon beim Anlauf. Zweimal war sie seitlich weggekippt, einmal so, dass sie auf der Matte liegenblieb und die Decke ansah, bis niemand mehr fragte, ob alles okay sei.
Nachtszene: ein Mädchen liegt wach im Bett, die Augen offen, der Wecker zeigt 1:40 Uhr.
Dann kam das Wettkampfwochenende, und Merle konnte nicht schlafen. Sie lag um eins wach und um halb zwei und rechnete aus, wie viele Stunden noch übrig waren, was die Sache verschlimmerte. Sie versuchte, sich zum Einschlafen zu zwingen. Sie versuchte, an nichts zu denken, was ungefähr so funktioniert wie der Versuch, sich selbst zu kitzeln. Um Viertel nach zwei fiel ihr auf, dass es dasselbe Problem war wie in der Halle. Je fester sie wollte, desto weiter weg war es.
Wettkampfhalle, ein Mädchen steht nach einem misslungenen Versuch neben der Matte, im Hintergrund die Kampfrichtertische.
Beim Wettkampf brach sie den Flickflack ab. Nicht dramatisch. Sie lief an, bremste, ging aus der Bahn. Zwei Zehntel Abzug, ein Platz im Mittelfeld, keine Katastrophe für irgendwen außer für sie. Yildiz sagte im Bus: „Nächste Woche machst du zwanzig am Stück. Mit Hilfestellung. Dann sitzt es.“ Merle nickte und wusste, dass es nicht sitzen würde, und wusste auch nicht, wie sie das erklären sollte, ohne dass es nach Ausrede klang.
Feldweg mit einem alten Mann und einer Jugendlichen, beide gehen langsam; am Wegrand ein schmaler Bach.
Am Sonntag ging sie mit Opa Fried an den Bach, weil er nicht mehr allein ging und weil sie nicht zu Hause sein wollte. Er fragte, was los sei. Sie erzählte es, ausführlicher, als sie vorhatte. Am Bach blieb er stehen und zeigte in die Strömung. Da lag ein Stein, ungefähr so groß wie ein Fußball, das Wasser ging außen herum. „Den kennst du noch“, sagte er. Sie kannte ihn. Sie war fünf gewesen und hatte einen Drachen nicht in die Luft bekommen, und er hatte ihr denselben Stein gezeigt. „Er ist runder geworden“, sagte Merle.
Nahaufnahme des Wassers um einen glattgeschliffenen Stein, kleine Wirbel, klarer Kies darunter.
Zu Hause suchte sie nach dem, was Opa Fried damals gesagt hatte, und fand ein schmales Buch mit einundachtzig kurzen Abschnitten: Daodejing, zugeschrieben einem Laozi, über den fast nichts sicher ist, vielleicht 2500 Jahre alt. Einer der Abschnitte handelte vom Wasser: Nichts auf der Welt ist weicher als das Wasser, und doch gibt es nichts, das das Harte besser bezwingt. Ein anderer benutzte ein Wort, das sie sich aufschrieb: wu wei. Nicht Nichtstun, stand in der Anmerkung, sondern Handeln, das nicht erzwingt. Die Kunst, nichts Falsches dazuzutun. Merle dachte an ihre vierhundertelf Versuche und daran, dass sie in jedem einzelnen etwas dazugetan hatte: Wollen.
Turnhalle, ein Mädchen sitzt auf der Matte und schreibt in ein Heft; die Bahn im Hintergrund ist leer.
In der nächsten Woche machte sie keine zwanzig Flickflacks. Sie machte fünf, mit Hilfestellung, und hörte dann auf. Danach übte sie eine halbe Stunde nur den Absprung, ohne Rotation, bis er ihr langweilig wurde. Am Ende saß sie auf der Matte und schrieb in ihr Heft: heute nicht weiter gekommen, aber auch nicht schlechter. Yildiz sah das und war nicht begeistert. „Du kommst mit Weglassen nicht in die Kür.“ „Ich komme mit Erzwingen aber auch nicht rein.“ „Das nennt man Trainingsplan, Merle. Nicht Zwang.“
Trainerin und Turnerin stehen sich in der Halle gegenüber, die Trainerin hält ein Klemmbrett, das Mädchen die Arme verschränkt.
Yildiz hatte ihre Gründe, und sie waren gut. „Alles, was du kannst, kannst du durch Wiederholung. Auch das Rad, auch den Handstand. Da hattest du auch keine Lust, und heute machst du es im Schlaf.“ Sie klopfte auf das Klemmbrett. „Wenn ich jedem freistelle, wann er sich bereit fühlt, turnt hier im Winter keiner mehr.“ „Ich sag ja nicht, dass ich weniger üben will.“ „Was sagst du dann?“ Merle brauchte lange für die Antwort, und sie war ihr selbst zu ungenau: „Dass ich beim Üben aufhören muss, es unbedingt zu wollen. Und ich weiß nicht, wie man das plant.“
Halle im Abendlicht, ein Mädchen läuft locker an und turnt einen Flickflack, niemand steht sichernd daneben.
Es passierte an einem Donnerstag, kurz vor Schluss, als Yildiz schon die Matten wegräumte. Merle war nicht in Stimmung. Sie lief an, weil sie noch fünf Minuten hatte und weil es egal war, und irgendwo zwischen Absprung und Handaufsatz vergaß sie, sich zu beobachten. Dann stand sie. Sie machte ihn gleich noch einmal, um sicherzugehen, dass es kein Zufall war, und beim zweiten Mal war das Wollen wieder da und der Flickflack schief. Beim dritten Mal ließ sie es. Sie ging in die Umkleide und war so glücklich, wie man nur ist, wenn einem etwas gelingt, das man sich nicht abringen konnte.
Trainingsheft aufgeschlagen: eine Seite mit Strichlisten, daneben in anderer Handschrift ein kurzer Satz, unterstrichen.
Im Heft steht seitdem eine zweite Spalte. Links die Wiederholungen, wie Yildiz es will. Rechts, seit Mai: wie es sich angefühlt hat. Merle hat gemerkt, dass die guten Tage fast nie die mit den meisten Versuchen sind, aber immer welche mit vielen Versuchen davor. „Das Wasser“, hatte Opa Fried am Bach gesagt, „drückt nicht. Es hört nur nicht auf.“ Sie hat es sich aufgeschrieben, weil es beides enthält, worüber sie mit Yildiz gestritten hat, und weil sie ahnt, dass es der einzige Satz ist, mit dem beide recht behalten. Den Flickflack turnt sie jetzt in der Kür. Manchmal geht er schief. Dann macht sie weiter, statt zu rechnen.
Sehr helle, fast leere Seite: ein runder Kiesel, um den in dünner Linie eine Wasserbewegung angedeutet ist; auf dem Stein sitzt ein blasser, fast weißer Falter.
Und du? Was ist bei dir schlechter geworden, je mehr du es wolltest? Und woran erkennst du den Unterschied zwischen „ich sollte lockerlassen“ und „ich habe einfach keine Lust“?

Was gelingt dir besser, wenn du weniger daran ziehst?

Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Daoismus — wu wei, das nicht erzwingende Tun

Didaktische Idee

Wu wei wird als testbare Behauptung behandelt: Es gibt Handlungen, bei denen die Anstrengung selbst das Hindernis ist. Die Klasse sammelt Gegenbeispiele — und findet dabei die Grenze des Prinzips.

Philosophischer Kern

Daodejing 8 und 78: Das höchste Gute gleicht dem Wasser; nichts ist weicher als Wasser, und doch bezwingt es das Harte. Wu wei: wirken, ohne zu erzwingen — die Kunst, nichts Falsches hinzuzufügen.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
Nicht erzwingenLaoziWer drückt, verhindert; das Weiche setzt sich durch Beständigkeit durch.Der Flickflack gelingt, als Merle aufhört, sich zu beobachten.Daoismus
WiederholungTrainerin Yildiz (mit Aristoteles)Können ist Gewohnheit: Man wird, was man wiederholt tut — auch gegen die eigene Lust.Handstand und Rad kann Merle nur, weil sie sie hundertmal geübt hat.Tugendethik / Trainingslehre
Paradoxe AbsichtViktor FranklManche Zustände (Einschlafen, Lockerheit) verschwinden gerade durch den Versuch, sie herzustellen.Die Nacht vor dem Wettkampf.Psychologie

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • An welcher Stelle genau bremst Merles Körper — und warum?
  • Was ändert sich an dem Donnerstag, an dem es klappt?

Zum Vertiefen

  • Was meint Opa Fried mit „Das Wasser drückt nicht, es hört nur nicht auf“?
  • Ist Merles zweite Spalte im Heft ein Widerspruch zum Trainingsplan?

Zum Streiten (ältere)

  • Wu wei oder Wiederholung — wer hat in Merles Fall recht?
  • Kann man Lockerlassen üben, ohne es zu erzwingen?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Sammelt in zwei Spalten: Tätigkeiten, die durch Anstrengung besser werden, und solche, die dadurch schlechter werden. Begründet drei Zuordnungen.

Mittel — Führt eine Woche lang Merles zweite Spalte („wie es sich angefühlt hat“) für eine eigene Übung — Instrument, Sport, Vokabeln. Was fällt auf?

Bonus — Vergleicht Daodejing 78 mit einem Text zur Trainingslehre oder zum Üben (z. B. über deliberate practice). Wo widersprechen sich die beiden, wo ergänzen sie sich?

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Daoismus, Handlungstheorie, östliche und westliche Ethik
  • Sport: Bewegungslernen, Automatisierung, Wettkampfangst
  • Musik: Übemethodik, Lampenfieber
  • Psychologie / Biologie: Aufmerksamkeit, Schlaf, paradoxe Effekte

Hintergrund für Lehrende

Laozi

Ob es ihn gab, ist unsicher; das „Daodejing“ ist vermutlich über Jahrhunderte gewachsen und wurde im 4. bis 3. Jahrhundert v. Chr. zusammengestellt. Seine Bilder sind absichtlich einfach: Wasser, Tal, ungeschnitztes Holz — Zustände, die wirken, ohne sich durchzusetzen.

Aristoteles

„Was wir tun müssen, nachdem wir es gelernt haben, das lernen wir, indem wir es tun.“ Die Nikomachische Ethik begründet Können und Charakter aus Gewohnheit. Trainerin Yildiz argumentiert, ohne es zu wissen, in dieser Tradition.

Viktor Frankl

Beschrieb die „paradoxe Intention“: Wer krampfhaft einschlafen will, bleibt wach; wer das Zittern verhindern will, zittert stärker. Die Beobachtung stützt Merles Erfahrung — und begrenzt sie auf einen bestimmten Typ von Handlungen.