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Die Seinsfrage gegen die logische Analyse der Sprache

Davos 1929: Sein oder Syntax

Im Frühjahr 1929 versammelten sich auf den Davoser Hochschulkursen, hoch über dem Tal in der dünnen Alpenluft, die führenden Köpfe einer Epoche im Umbruch. Die berühmte Disputation wurde zwischen Martin Heidegger und Ernst Cassirer ausgetragen – ein Ringen um Kant, Vernunft und menschliche Endlichkeit. Unter den Zuhörern saß ein junger Logiker des Wiener Kreises: Rudolf Carnap. Was er dort hörte, ließ ihn nicht los und mündete drei Jahre später in seine scharfe Abrechnung „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ (1932). Das folgende Streitgespräch hat so nie stattgefunden – es ist ein erdachtes „was hätte sein können“, ein direktes Aufeinandertreffen zweier Denkstile vor der vereisten Bergkulisse, wo die Luft zu kalt zum Beschönigen ist.

🔊 Anhören — als Streitgespräch mit zwei Stimmen

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Martin Heidegger

Sehen Sie hinaus, Herr Carnap – die Gipfel, der Abgrund, die Stille des Schnees. Hier oben, abgeschnitten von der vertrauten Geschäftigkeit, drängt sich die einzige Frage auf, die zählt: Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Nicht der Berg interessiert mich, sondern dass er ist – und dass ich es bin, der ihm endlich, sterblich, geworfen gegenübersteht.

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Rudolf Carnap

Eine schöne Stimmung, gewiss, und die Höhe macht sie eindringlich. Doch prüfen wir den Satz, nicht das Gefühl. „Warum ist Seiendes und nicht Nichts“ – das klingt wie eine Frage, hat aber keine Form, in der eine Antwort sie je bestätigen oder widerlegen könnte. Ein Satz, der mit keiner möglichen Erfahrung und keiner logischen Ableitung verknüpft ist, sagt nichts aus. Er ist ein Scheinsatz.

M

Martin Heidegger

Sie nennen ihn Schein, weil Ihr Maßstab nur das Seiende kennt, das man zählen, messen, ableiten kann. Aber das Sein ist kein Gegenstand unter Gegenständen, den man im Fernrohr einfängt. In der Angst – nicht der Furcht vor diesem oder jenem, sondern der grundlosen Angst, die uns hier in der Einsamkeit der Höhe überfällt – entgleitet das Seiende im Ganzen. Und in diesem Entgleiten offenbart sich das Nichts. Das Nichts nichtet.

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Rudolf Carnap

Und genau hier, Herr Heidegger, stolpere ich. „Das Nichts“ – Sie machen aus einem logischen Operator einen Namen, als gäbe es ein Etwas namens Nichts, das obendrein eine Tätigkeit ausübt: das Nichten. In einer durchsichtigen Sprache ist „nichts“ nichts weiter als die Verneinung eines Existenzsatzes: „Es gibt kein x, sodass…“. Die Grammatik erlaubt Ihnen den Satz, die Logik entzieht ihm jeden Gehalt. Die Metaphysik verdankt ihre Sätze einer Verführung durch die Oberfläche der Sprache.

M

Martin Heidegger

Dann ist Ihre Logik selbst die Verführung – die Verführung zu glauben, das Rechnen sei das Denken. Die Sprache ist nicht das Rechenbrett des Wissenschaftlers. Sie ist das Haus des Seins. In ihr wohnt der Mensch, und durch sie spricht das Sein sich aus, lange bevor irgendein Kalkül beginnt. Sie wollen die Lichtung ausleuchten – doch Ihre Lampe leuchtet nur, weil sie schon in der Lichtung steht.

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Rudolf Carnap

Ein eindrucksvolles Bild, aber ich frage: Wie entscheiden wir zwischen Ihrem Haus und meinem Brett? Ich erhebe keinen Anspruch auf die eine wahre Sprache. Jeder mag die Sprachform wählen, die ihm dient – das ist mein Toleranzprinzip. In der Logik gibt es keine Moral. Doch wer Erkenntnis beansprucht, muss die Spielregeln offenlegen: die Syntax, die Prüfbarkeit. Sie aber bauen ein Haus ohne Grundriss und nennen jeden, der nach dem Fundament fragt, seinsvergessen.

M

Martin Heidegger

Weil das Fundament, nach dem Sie fragen, selber kein Stein im Bauwerk ist. Ihr Sinnkriterium – dieser Maßstab, der über Sinn und Unsinn richtet – ist er selbst empirisch prüfbar? Ist er analytisch wahr? Er ist beides nicht. Er ist eine Entscheidung, eine Festsetzung, geworfen wie wir alle in eine Lage, die wir nicht gewählt haben. Auch Ihr Denken ruht auf einem Boden, den es nicht selbst gelegt hat. Nur leugnen Sie ihn.

R

Rudolf Carnap

Das gebe ich zu, und es ist keine Schwäche: Ja, das Kriterium ist ein Vorschlag, eine Festsetzung. Aber eine offene, revidierbare, an ihren Früchten messbare. Sie ist ein Werkzeug, das wir verbessern oder verwerfen können, wenn es sich nicht bewährt. Ihr „Sein“ hingegen lässt keinen Einwand an sich heran – gegen es kann nichts sprechen, also sagt es nichts. Die Klarheit, die ich suche, ist bescheiden. Aber sie lügt nicht.

M

Martin Heidegger

Und die Bescheidenheit, die Sie meinen, ist vielleicht die größte Vergessenheit. Sie haben die Welt so eingerichtet, dass nur noch antwortbar ist, was sich messen lässt – und das Unmessbare, das uns angeht, weil wir sterben müssen, erklären Sie zum Geräusch. Hier oben aber, wo der Atem sichtbar wird in der Kälte und der Abgrund nah ist, lässt sich nicht weghören. Die Endlichkeit fragt, ob Sie ihr antworten oder nicht.

R

Rudolf Carnap

Vielleicht, Herr Heidegger, brauchen wir beides – nur nicht in einem Satz vermengt. Was Sie das Angehen der Endlichkeit nennen, gehört zum Leben, zur Kunst, zur Haltung eines Menschen. Ich bestreite es nicht; ich bestreite nur, dass es Erkenntnis sei. Lassen Sie der Logik die Aussage und dem Gedicht das Übrige. Dann muss niemand schweigen – nur jeder am rechten Ort sprechen.

Fazit

Die beiden steigen am Ende denselben Pfad hinab und doch in verschiedene Welten. Davos 1929 wurde zum Sinnbild einer Wasserscheide: Von hier aus rinnt das philosophische Denken in zwei Täler – die analytische Tradition, die Klarheit, Prüfbarkeit und logische Form sucht, und die kontinentale, die nach dem Sein, der Endlichkeit und dem fragt, was aller Klärung vorausliegt. Carnap nahm die Bergluft mit ins Tal und schliff aus ihr seine schärfste Klinge gegen die Metaphysik. Heidegger sah in eben dieser Klinge den Beweis, wie weit die Vergessenheit schon fortgeschritten war. Ein Gespräch, das es nie gab – und das doch das Jahrhundert hindurch weitergeführt wurde.