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Moderne · ca. 1800 – 1950

Martin Heidegger

1889–1976

Stellte die seit der Antike „vergessene“ Frage nach dem Sinn von Sein neu. Mit „Sein und Zeit“ wurde er zum Wegbereiter von Existenzialismus und Hermeneutik.

PhänomenologieExistenzialismusMetaphysikPhilosophische AnthropologieSprachphilosophie
Das Sein zum Tode – Illustration

Bekanntestes Konzept

Das Sein zum Tode

Der Tod ist die eigenste, unüberholbare Möglichkeit des Daseins. Erst im vorlaufenden Annehmen der eigenen Endlichkeit kann der Mensch zu einem eigentlichen, ganzen Selbstsein finden.

Martin Heidegger zählt zu den einflussreichsten und umstrittensten Denkern des 20. Jahrhunderts. Schüler Edmund Husserls, transformierte er dessen Phänomenologie in eine phänomenologische Ontologie. Sein Zentrum ist die Seinsfrage – die Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt –, die die abendländische Philosophie seiner Ansicht nach zugunsten des bloß „Seienden“ vergessen habe. Anders als die Logiker seiner Zeit suchte er die Antwort nicht in formaler Strenge, sondern in der Analyse der menschlichen Existenz, im Hören auf die Sprache und in der Geschichte des Denkens. „Sein und Zeit“ (1927) wurde zur Grundlage des französischen Existenzialismus und prägte Hermeneutik und Poststrukturalismus.

Kernideen

  • 1.Die Seinsfrage: Nicht das Seiende (die Dinge), sondern der Sinn von Sein selbst ist die eigentliche Frage der Philosophie.
  • 2.Ontologische Differenz: der grundlegende Unterschied zwischen dem Sein und dem Seienden.
  • 3.Seinsvergessenheit: Die abendländische Metaphysik hat das Sein vergessen und nur das Seiende untersucht.
  • 4.Dasein: Der Mensch ist das Wesen, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht.
  • 5.In-der-Welt-Sein: Das Dasein ist nicht isoliertes Subjekt vor einer Objektwelt, sondern immer schon in eine Welt verstrickt.
  • 6.Existenzialien wie Sorge und Zeitlichkeit bilden die Grundstruktur des Daseins.
  • 7.Hermeneutischer Zirkel: Es gibt kein voraussetzungsloses Verstehen – jedes Erkennen bewegt sich im Vorverständnis.
  • 8.Sprache als „Haus des Seins“: Etymologien und Neologismen erschließen Zusammenhänge jenseits der überlieferten Begriffe.

Bezug zur Technikphilosophie

Heidegger lieferte mit „Die Frage nach der Technik“ (1953) die einflussreichste philosophische Deutung der modernen Technik. Das Wesen der Technik ist für ihn nichts Technisches, sondern eine Weise der Entbergung: Während die antike téchnē noch ein Hervorbringen (poíēsis) im Einklang mit der Natur war, wird die moderne Technik zum „Ge-stell“, das alles Seiende als verfügbaren „Bestand“ herausfordert – die Natur wird zum bestellbaren Energievorrat (sein Beispiel: das Wasserkraftwerk im Rhein). Diese Diagnose des rechnenden Denkens, das alles auf Berechenbarkeit und Steuerung reduziert, prägt bis heute kritische Reflexionen über Automatisierung, Kybernetik und die datengetriebene Verfügbarmachung der Welt durch Computer und Künstliche Intelligenz.

Wahrheitsbegriff

Heidegger denkt Wahrheit ursprünglicher als die traditionelle Korrespondenztheorie der Übereinstimmung von Aussage und Sache. Im Rückgriff auf das griechische alḗtheia versteht er Wahrheit als „Unverborgenheit“ (a-lḗtheia): ein Entbergen, in dem Seiendes überhaupt erst aus der Verborgenheit ins Offene tritt. In „Vom Wesen der Wahrheit“ (1930/1943) gründet er das Wesen der Wahrheit in der Freiheit als Sein-lassen des Seienden, wobei zur Entbergung immer zugleich eine Verbergung gehört. Die Richtigkeit der Aussage ist damit nur ein abgeleiteter Modus jener vorgängigen Wahrheit als Offenbarkeit (Lichtung) des Seins.

Subjekt & Objekt

Heidegger unterläuft das neuzeitliche Subjekt-Objekt-Schema, das seit Descartes ein weltloses Bewusstsein einer gegenüberstehenden Objektwelt entgegensetzt. An dessen Stelle setzt er das Dasein als „In-der-Welt-Sein“: Der Mensch ist nicht erst isoliertes Subjekt, das nachträglich Brücken zu den Objekten schlagen müsste, sondern immer schon besorgend in eine vertraute Welt verstrickt, in der ihm das Seiende zuerst als zuhandenes Zeug und nicht als bloß vorhandenes Objekt begegnet. Die theoretische Subjekt-Objekt-Spaltung ist damit ein abkünftiger, später Modus, der das ursprünglichere praktische Verstehen voraussetzt. Im Spätwerk tritt an die Stelle der Subjektivität vollends das Sein selbst, dem der Mensch als „Hirt des Seins“ entspricht.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Heidegger liefert keine Methodenlehre der einzelwissenschaftlichen Forschung, sondern eine ontologische Fundierung der Wissenschaft: In „Sein und Zeit“ erscheint Wissenschaft als eine abkünftige Weise des In-der-Welt-Seins, die das ursprünglich besorgend-zuhandene Verstehen in die theoretische Betrachtung des bloß „Vorhandenen“ umschlägt. Jede positive Wissenschaft ruht für ihn auf einem vorgängigen, meist unbefragten Entwurf der Seinsverfassung ihres Gegenstandsbereichs (Regionalontologie), den die Philosophie als Fundamentalontologie erst freilegt. In „Die Frage nach dem Ding“ analysiert er die neuzeitliche Naturwissenschaft als „mathematischen Entwurf der Natur“, der vorab festlegt, was als Naturvorgang überhaupt zählen darf. Provokant fasst er dies in der These „Die Wissenschaft denkt nicht“: Sie operiert erfolgreich innerhalb ihres Bereichs, vermag aber das tragende Sein dieses Bereichs selbst nicht zu erfragen.

Hauptwerke

  • Sein und Zeit(1927)

    Hauptwerk: Fundamentalontologie über die Analyse des Daseins – Grundlage des Existenzialismus.

  • Was ist Metaphysik?(1929)

    Freiburger Antrittsvorlesung; das Nichts und die metaphysische Grundfrage.

  • Einführung in die Metaphysik(1935 / 1953)

    Stellt die Leibniz’sche Grundfrage ins Zentrum: „Warum ist überhaupt Seiendes …?“

  • Brief über den Humanismus(1947)

    Wende des Spätwerks; Sprache als „Haus des Seins“, Abgrenzung von Sartres Existenzialismus.

Zitate

Die Sprache ist das Haus des Seins.

Brief über den Humanismus (1947)

Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?

Einführung in die Metaphysik (nach Leibniz)

Aus dem Leben

Die Hütte in Todtnauberg

1922 ließ sich Heidegger über dem Schwarzwalddorf Todtnauberg eine schlichte Skihütte ohne fließendes Wasser bauen, in die er sich zeit seines Lebens zum Denken und Schreiben zurückzog. Hier entstand ein Großteil von „Sein und Zeit“. Heidegger war überzeugt, dass seine Philosophie aus dieser bäuerlich-alpinen Welt erwuchs: Im Essay „Schöpferische Landschaft“ schrieb er, die Arbeit gehöre in diese Berge wie die Arbeit der Bauern, und einen ehrenvollen Ruf an die Universität Berlin lehnte er 1933 ausdrücklich mit Hinweis auf das einfache Leben dort oben ab. Den großstädtischen Betrieb verachtete er; die Nähe zu Holzfällern und Hirten galt ihm als näher am eigentlichen Denken als die akademischen Salons. So wurde die „Hütte“ zum Sinnbild seines bodenständig-eigenwilligen Selbstverständnisses.

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