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Die eine Verabredung, die dir niemand abnimmt

Heidegger und das Sein zum Tode

Verstellt uns die Angst vor dem Ende das Leben — oder ist sie das Einzige, was es ganz uns gehoeren laesst?

Der Wecker klingelt, und noch ehe du wach bist, lebst du schon im Plural: man steht jetzt auf, man trinkt den Kaffee so, man denkt sich das Seine und behaelt es fuer sich. Den ganzen Tag traegt dich ein leises, gesichtsloses Wir durch die Stunden, und es traegt dich gut — bis zu jenem Punkt, an dem es dich nicht mehr traegt. Martin Heidegger (Messkirch 1889 — Freiburg 1976) hat in „Sein und Zeit“ von 1927 diesen Punkt freigelegt und ihm einen harten Namen gegeben. Geh mit mir durch einen einzigen Tag, wie ihn jeder kennt, und achte nur auf eine Stelle, an der das gesichtslose Wir verstummt. Am Ende wirst du gesehen haben, wie aus der duestersten Gewissheit eine Erlaubnis wird — oder du wirst zweifeln, ob du dir nicht bloss Mut eingeredet hast vor dem, was niemand begreift.

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🔊 Erzählvideo

KI-Erzählstimme, kein Originalton — ein Porträt im Geiste des Denkers.

  1. 1

    Der Tag, den man dir vorlebt

    Steh auf und sieh dich um, ohne zu urteilen. Du greifst zur Tasse, und sie liegt dir schon in der Hand, ehe du an sie denkst; du oeffnest die Tuer, ziehst die Jacke ueber, faehrst die gewohnte Strecke — nichts davon musst du erfinden, alles ist da, vertraut, zuhanden. Heidegger nennt das nicht Subjekt-vor-Objekt, sondern In-der-Welt-Sein: du stehst der Welt nie gegenueber wie ein Auge der Scheibe, du bist immer schon mittendrin, besorgend, verstrickt. Und hoer jetzt genau hin, wie du sprichst und denkst. „Das macht man so.“ „Das sagt man nicht.“ „Man weiss ja, wie es laeuft.“ Ein freundliches, gesichtsloses Wir hat sich vor dich geschoben und nimmt dir die Last des Waehlens ab. Heidegger gibt ihm einen Namen, der wie ein Schulterzucken klingt und doch ein Urteil ist: das Man. Merk dir dieses Wir. Es traegt dich verlaesslich — und es wird gleich an einer einzigen Stelle verstummen.

  2. 2

    Die Todesanzeige in der Zeitung

    Schlag die Zeitung auf, die Seite mit den schwarzen Raendern. Ein Name, den du nicht kennst, ein Datum, ein Spruch. Du liest ihn, wie man so etwas liest: bedauernd, kurz, und schon halb wieder auf dem Weg zur naechsten Seite. So stirbt man, sagt das Man leise mit: irgendwer, irgendwann, statistisch, sicher — aber nicht jetzt, nicht eigentlich du. Genau hier, sagt Heidegger, vollzieht das Man seinen feinsten Trick. Es verwandelt den Tod in einen Vorfall, der den Leuten zustoesst, in ein Ereignis im Terminkalender der Welt. So bleibt er besprechbar, geordnet, fern. Du nickst und blaetterst weiter, und das Wir nickt mit dir. Aber sieh die schwarzen Raender noch einmal an. Etwas an dieser beruhigenden Ordnung stimmt nicht, und du spuerst es, ehe du es sagen kannst: dass ausgerechnet die eine Sache, die voellig sicher ist, als die eine behandelt wird, die dich nichts angeht.

  3. 3

    Die Verabredung, zu der nur du erscheinst

    Jetzt kommt die erste leise Uebelkeit. Frag dich, was im Plural ueberhaupt nicht geht. Den Kaffee trinkt notfalls ein anderer fuer dich aus, die Strecke faehrt ein Freund, die Rede haelt ein Vertreter, sogar den Schmerz teilt mancher, indem er ihn miterleidet. Aber dein Tod? Geh die Reihe der Dinge durch, die sich vertreten lassen, und stoss an die eine Tuer, hinter der keine Vertretung steht. Keiner kann fuer dich sterben. Er kann sich fuer dich opfern, ja — und stirbt dann seinen Tod, nicht deinen. Heidegger sagt es streng: der Tod ist die „eigenste, unbezuegliche, unueberholbare“ Moeglichkeit des Daseins. Eigenste, weil sie restlos deine ist; unbezueglich, weil sie jeden Bezug zu den anderen kappt; unueberholbar, weil hinter ihr keine weitere Moeglichkeit mehr wartet. Spuerst du, wie das gesichtslose Wir an dieser Schwelle wortlos zurueckbleibt? Hier endet der Plural. Es ist die erste Verabredung deines Lebens, zu der ganz allein du erscheinst.

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    Die Angst, die keinen Gegenstand hat

    Treib es weiter, bis dir der Boden weich wird. Wovor genau graut dir, wenn du an diese Schwelle denkst? Such den Gegenstand — und du findest keinen. Furcht hat immer ein Wovor: den Hund, die Pruefung, die Rechnung. Was dich an der Schwelle ueberkommt, hat kein Objekt, vor dem du die Tuer zumachen koenntest. Heidegger trennt darum scharf: nicht Furcht, sondern Angst. In ihr, schreibt er, wird dir das vertraute Zuhause der Dinge mit einem Mal fremd — die Tasse, die Strecke, das ganze besorgte Geschirr des Tages verliert sein selbstverstaendliches Gewicht und sinkt in eine seltsame Bedeutungslosigkeit. „Es ist einem unheimlich“, sagt man dann, und das Wort meint genau das: das Heimliche, das Heim, faellt weg. Du haengst, einen Atemzug lang, ueber dem Nichts deiner eigenen Endlichkeit. Das ist kein Defekt, keine Stimmung, die man wegatmen sollte. Es ist, sagt Heidegger, der einzige Ort, an dem du dich ganz erblickst — herausgehoben aus dem Wir, nackt, vereinzelt, dein.

  5. 5

    Das Vorlaufen, das nichts wegnimmt

    Hier kippt der Schwindel in etwas, das du nicht erwartet hast. Es gibt zwei Weisen, mit dieser Schwelle zu leben. Die eine: du wendest dich ab, schiebst sie ins Man zurueck, in das beruhigende „man stirbt halt irgendwann“, und gewinnst die freundliche Betaeubung des Tages zurueck. Heidegger nennt das die uneigentliche Flucht ins Gerede. Die andere ist seltsamer und schwerer: nicht abwenden, nicht ausmalen, sondern vorlaufen. Halte die Moeglichkeit als Moeglichkeit aus, nimm sie wach in den Blick, ohne sie in einen Termin zu verwandeln. Heidegger nennt das „Vorlaufen in den Tod“ und die wache Bereitschaft dazu, im Ton seiner Zeit, die „Entschlossenheit“. Und nun das Unerwartete: dieses Vorlaufen nimmt dir nichts. Es gibt dir etwas zurueck. Wer das Ende seiner Tage als seines anerkennt, dem fallen mit einem Mal die geborgten Selbstverstaendlichkeiten ab — die tausend „man muss doch“, in denen die Zeit zerrinnt. Was dann bleibt, gehoert wirklich dir. Heidegger nennt diesen ganzen, ungeborgten Zustand die Eigentlichkeit: nicht ein anderes Leben, dasselbe — nur deins.

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    Der ganze Mensch — und sein Preis

    Sieh die Architektur, die sich auftut, und verschweig den Riss in ihr nicht. Der Mensch, das Dasein, ist fuer Heidegger kein fertiges Ding, sondern ein Entwurf, dem es immer um sein eigenes Sein geht; sein Grundzug heisst „Sorge“, sein Stoff ist die Zeit. Erst das vorlaufende Annehmen des Endes macht ihn ganz, rundet die offene Strecke zu einem Eigenen. Das ist die Wende von „Sein und Zeit“: nicht der Tod als Drohung, sondern als die Bedingung, ueberhaupt ein ganzes Selbst sein zu koennen. Und der Preis dieses Denkens? Er liegt nicht nur in der Strenge des Begriffs. Heidegger zog sich zum Schreiben in eine schlichte Huette ueber Todtnauberg im Schwarzwald zurueck, ohne fliessendes Wasser, und war ueberzeugt, sein Denken erwachse aus dieser baeuerlich-alpinen Bodenstaendigkeit; den Ruf nach Berlin lehnte er 1933 mit Hinweis auf das einfache Leben dort oben ab. Eben dieses Pathos vom Eigentlichen, Bodenstaendigen, vom „Volk“ fuehrt geradewegs in den dunkelsten Teil seiner Biografie — und vor dem darf keine schoene Erfahrung die Augen schliessen.

Nachklang

Hast du wirklich eine Erlaubnis gesehen — oder nur ein erhabenes Wort fuer die Angst gefunden, die du ohnehin trugst? Der staerkste Einwand gegen Heidegger kommt nicht aus der Logik, sondern aus der Geschichte. 1933 trat er in die NSDAP ein, uebernahm das Freiburger Rektorat und stellte die Universitaet in den Dienst der „nationalsozialistischen Revolution“; nach 1945 hat er diese Verstrickung nie offen widerrufen, sondern in Schweigen und Ausfluechte gehuellt, bis zu jenem beruechtigten Satz, der die Vernichtungslager mit der „motorisierten Ernaehrungsindustrie“ auf eine Stufe stellte. Seit den „Schwarzen Heften“ laesst sich das nicht mehr als blosser Irrtum eines unpolitischen Geistes abtun: Emmanuel Faye wollte Heidegger ganz aus dem Kanon streichen, Peter Trawny spricht vorsichtiger von einer Kontamination des Werks durch einen „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“. Und genau hier wird die schoene Erfahrung von eben zur Zumutung — denn das Pathos der „Eigentlichkeit“, der „Bodenstaendigkeit“, des „Volkes“, das dich diesen Tag entlanggetragen hat, ist dieselbe Sprache, die in jene Richtung weist. Theodor W. Adorno hat im „Jargon der Eigentlichkeit“ gezeigt, wie diese beschwoerende Sondersprache eine Aura des Echten erzeugt, die mehr suggeriert als ausweist, und Rudolf Carnap fuehrte Saetze wie „das Nichts selbst nichtet“ als grammatisch korrekte, doch sinnleere Scheinsaetze vor. Was die Gegner richtig sehen: Tiefe darf man nicht mit Dunkelheit verwechseln, und ein Denken, das die Vereinzelung ueber das Mitsein stellt, schuldet eine Antwort auf die Frage, warum es so wenig Schutz bot vor dem Schlimmsten. Bleibt die unbequeme Stelle: Kannst du das Vorlaufen in den Tod als deine Erlaubnis annehmen, ohne die Sprache mitzunehmen, die ausgerechnet ihren Erfinder nicht davor bewahrt hat?

Martin Heidegger

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