Natürliche Arten vs. historische Ordnung
Die Ordnung der Tiere
Foucault eröffnet „Die Ordnung der Dinge“ mit Borges' erfundener chinesischer Enzyklopädie, die Tiere grotesk einteilt – „dem Kaiser gehörige“, „einbalsamierte“, „die sich wie Verrückte gebärden“ –, um zu zeigen, dass keine Ordnung natürlich, jede historisch ist. Aristoteles, der große Biologe, widerspricht.
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Aristoteles
Die Tiere haben eine Natur, und man ordnet sie nach dem, was ihnen wesentlich zukommt: ob sie Blut haben, wie sie sich fortpflanzen, ob sie lebendgebärend sind. Diese Einteilung erfinde ich nicht – ich lese sie an den Tieren ab. Es gibt wirkliche Arten.
Michel Foucault
Lesen Sie wirklich ab – oder schreiben Sie ein? Borges' Enzyklopädie ist so absurd, dass wir lachen. Aber unser Lachen verrät nur, dass uns ihr Ordnungsraster fremd ist, nicht falsch. Was als sinnvolle Klassifikation gilt, bestimmt die Episteme einer Zeit, nicht die Natur.

Aristoteles
Doch ein Delphin gebiert lebende Junge und atmet Luft – das ist beobachtbar, kein Hirngespinst. Manche Einteilungen treffen die Sache, andere verfehlen sie. Die Natur schweigt nicht; sie zeigt sich dem, der genau hinsieht.
Michel Foucault
Und doch war Ihr Delphin zwei Jahrtausende lang ein Fisch. Dass Sie gerade Geburt und Atmung für wesentlich halten und nicht Lebensraum oder Gestalt, ist die Entscheidung Ihrer Ordnung. Im klassischen Zeitalter ordnete man nach sichtbaren Merkmalen in Tabellen, in der Moderne nach innerer Funktion – und die Tiere wechselten mit dem Raster.

Aristoteles
Wenn aber jedes Raster gleich gilt, warum irren wir uns dann je? Der Irrtum setzt voraus, dass es ein Richtig gibt, an dem wir uns messen. Ohne natürliche Arten wäre Biologie kein Wissen, sondern bloße Willkür der Wörter.
Michel Foucault
Nicht Willkür – aber Geschichte. Ich leugne nicht, dass Sie etwas sehen; ich frage, was Sie sehen lässt. Die Wissenschaft verliert nicht ihren Halt, wohl aber ihre Unschuld: Sie weiß nun, dass sie ordnet, statt bloß abzubilden. Das ist kein Vorwurf – nur Selbsterkenntnis.

Aristoteles
So gestehe ich: Jede Einteilung trifft eine Wahl. Aber ich behaupte, dass einige Wahlen den Gelenken der Natur folgen und andere sie zerschneiden. Der Metzger, der das Tier an den Gelenken teilt, willkürt nicht.
Michel Foucault
Ein schönes Bild – nur müssen erst wir entscheiden, was als Gelenk gilt. Vielleicht streiten wir am Ende nicht, ob die Tiere geordnet sind, sondern ob die Ordnung in ihnen liegt oder zwischen uns und ihnen.
Fazit
Essentialismus gegen historische Konstruktion: Hat die Natur Gelenke, die wir nur nachzeichnen, oder projizieren wir Raster auf ein stummes Kontinuum? Die moderne Biologie sucht mit der Kladistik eine objektive Ordnung nach Abstammung – und doch bleibt Foucaults Frage wach, nach welchem Raster wir überhaupt „Ähnlichkeit“ erkennen.