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Der Inhalt der Musik: Wille, Form oder Gesellschaft

Was sagt uns die Musik – und sagt sie überhaupt etwas?

Es ist die älteste Verlegenheit der Musikästhetik: Wir werden von einem Adagio erschüttert, ohne sagen zu können, wovon es eigentlich handelt. Arthur Schopenhauer (1788–1860) zog daraus die kühnste Folgerung – die Musik bilde nicht, wie die anderen Künste, bloße Erscheinungen ab, sondern das Wesen der Welt selbst, den „Willen“; sie sei tiefer als jeder Begriff. Eduard Hanslick (1825–1904), gefürchtetste Kritikerfeder Wiens und Verfasser der schmalen, polemischen Schrift „Vom Musikalisch-Schönen“ (1854), hielt dem die Nüchternheit entgegen: Die Musik bedeute überhaupt nichts außer sich, ihr Inhalt seien „tönend bewegte Formen“ und sonst gar nichts. In diese fiktive, aber sachlich grundierte Begegnung tritt als dritte Stimme Theodor W. Adorno (1903–1969), der beiden vorhält, sie überhörten das Eigentliche: dass in keinem Ton die Gesellschaft schweigt. Drei Antworten auf eine Frage, die einander nicht aufgehen lassen.

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer

Sehen Sie, Herr Hanslick, die übrigen Künste reden bloß vom Schatten – die Musik aber redet vom Wesen. Malerei und Dichtkunst bilden Ideen ab, Stufen der Erscheinung; die Musik überspringt diese ganze Welt des Vorgestellten und gibt unmittelbar den Willen selbst, das Innerste der Welt, das auch mein eigener Leib ist. Darum trifft sie tiefer als jeder Begriff: Sie spricht eine allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt übertrifft. Wir verstehen sie vollkommen und übersetzen sie doch in keine Vernunft – weil sie unter der Vernunft liegt, am Grund, wo das blinde Drängen wohnt.

E

Eduard Hanslick

Schön gesagt – und in jeder Silbe unbeweisbar. Sie schildern mir Ihre Ergriffenheit und nennen sie „den Willen“. Ich aber frage nüchtern: Wo, in welcher Tonfolge, soll dieses Weltwesen denn stecken? Zeigen Sie mir den Takt, der „der Wille“ ist. Sie können es nicht, denn der Inhalt der Musik sind tönend bewegte Formen – einzig und allein diese, ich habe es so zugespitzt geschrieben und stehe dazu. Ein Thema, seine Umkehrung, eine Modulation: das ist der Gegenstand, das Schöne liegt objektiv im Werk und nicht in dem Nebel von Gefühlen, den sie im Hörer aufrührt. Was Sie Tiefe nennen, ist nur die Weigerung, genau hinzusehen.

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer

Genau hinsehen – als ob das Auge hier zuständig wäre. Sie verwechseln Ihren Verzicht mit Strenge. Gewiss, ich kann den Willen nicht im Notentext aufspießen wie ein Präparat; aber das ist kein Mangel meiner Lehre, sondern das Wesen der Sache: Das Ding an sich liegt jenseits von Raum, Zeit und Vielheit, es lässt sich nicht zeigen, nur erfahren. Und erfahren tun Sie es selbst, jedesmal. Warum sonst ergreift die Musik den Wilden wie den Weisen, kennt keine Sprache und keine Grenze? Ihre „bewegten Formen“ sind das, was man sieht – ich frage, was sich darin bewegt. Sie beschreiben das Gehäuse und erklären den Geist für unbeweisbar, der darin atmet.

E

Eduard Hanslick

Nein – ich erkläre ihn nicht für unbeweisbar, ich bestreite, dass er ein Geist ist. Dass die Musik ergreift, leugne ich keinen Augenblick; ich leugne nur, dass dieses Ergreifen ihr Inhalt sei. Der Wein macht trunken, doch der Rausch ist nicht der Wein. Die Wirkung eines Werks auf mein Nervensystem ist das Pathologische, das Empfangene – sein Schönes aber ist das Tönende selbst, dieses und kein anderes. Hielten wir es mit Ihnen, so wäre ein trauriges Adagio austauschbar gegen jede andere Trauermelodie, denn beide „bedeuteten“ ja dieselbe Trauer. Es ist aber gerade nicht austauschbar – und das beweist: Was zählt, ist die bestimmte Gestalt, nicht das vage Gefühl dahinter.

Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno

Verzeihen die Herren, wenn ich Ihren wohltemperierten Zweikampf störe – aber Sie streiten wie zwei Männer, die über ein Bild reden und die Wand nicht sehen, an der es hängt. Herr Hanslick, Ihre „rein tönende Form“ ist eine schöne Fiktion: Es gibt sie nicht. Was als bloße Form erscheint, ist sedimentierte Gesellschaft – jede Kadenz hat ihre Geschichte, jede Konsonanz ihren Preis, das Material selbst ist geronnener geschichtlicher Stand. Wo Sie die Form zu reinigen meinen, müsste man sie entziffern. Und Sie, Herr Schopenhauer: Ihr „Wille“ ist die bequemste aller Tröstungen. Sie machen das Geschichtliche zum Zeitlosen und nennen Verklärung Metaphysik. Es ist nicht das Wesen der Welt, das in der Symphonie spricht, sondern der ganz konkrete, ungelöste Widerspruch einer bestimmten Stunde.

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Eduard Hanslick

Eine Geschichte hat die Form gewiss – wer leugnete das? Ich bin Historiker genug, um zu wissen, dass die Sonate nicht vom Himmel fiel. Aber Sie, Herr Adorno, verwechseln die Entstehung mit dem Gehalt. Dass ein Werk in seiner Zeit gewachsen ist, macht diese Zeit noch nicht zu seinem Inhalt. Sonst hätte ich ein Streichquartett verstanden, sobald ich die Sozialgeschichte des Bürgertums kenne – und das ist offenkundig Unsinn. Sie tun nur, was Schopenhauer tut, mit umgekehrtem Vorzeichen: Sie schmuggeln ein Außermusikalisches ins Werk, er den Weltwillen, Sie den Klassenkampf. Beide hören Sie an der Musik vorbei auf etwas, das Sie schon vorher zu wissen meinten.

Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno

Der Hieb sitzt, ich gestehe es – und doch trifft er nicht. Ich behaupte nicht, das Quartett „bedeute“ das Bürgertum wie eine Vokabel; ich sage, sein Bau, die Spannung seiner Stimmen, der Zwang seiner Auflösung sei selbst die verschlüsselte Gestalt eines gesellschaftlichen Konflikts. Das ist kein Programm, das man danebenlegt, sondern eine Wahrheit, die nur im Material steht und nirgends sonst. Was ich Ihnen wirklich vorwerfe, ist anderes: Indem Sie die Musik gegen jede Bedeutung abdichten, liefern Sie sie der Kulturindustrie aus. Die reine Form, ungestört genossen, wird zur Ware, die beruhigt; das regressive Hören liebt nicht mehr das Ganze eines Werks, sondern fetischisiert die hübsche Melodie, die schöne Stimme, den Star. Ihr Formalismus, Herr Hanslick, meint es ernst – und endet doch als Alibi des bloßen Wohlklangs.

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer

Sie beide, Hanslick und Adorno, kämpfen ein Stockwerk zu hoch und ein Stockwerk zu niedrig zugleich. Der eine sperrt die Musik in den Notentext, der andere in die Geschichte – und keiner fragt, warum sie uns überhaupt erlöst. Denn das tut sie: Im reinen Hören wird das Subjekt zum willenlosen Weltauge, das Drängen schweigt einen Augenblick, und eben diese Stillstellung des nimmersatten Willens ist das Glück, das uns die Kunst schenkt. Ihre Gesellschaft, Adorno, mag im Material liegen – aber dass die Musik mich aus aller Gesellschaft heraushebt, in eine Region jenseits von Mangel und Streit, das erklärt mir Ihr Klassenkampf so wenig wie Hanslicks Modulationslehre. Sie analysieren das Gefängnis; ich rede vom einen Fenster, durch das man entkommt.

Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno

Gerade das Fenster, Schopenhauer, ist die gefährlichste Stelle. Eine Kunst, die nur noch erlöst, die uns aus dem Widerspruch heraushebt, statt ihn auszuhalten – das ist die Versöhnungslüge selbst, die kulinarische Beschwichtigung, gegen die ich anschreibe. Wahre Musik versöhnt nicht; sie verweigert sich, sie ist dissonant wie die zerrissene Welt, der sie entstammt. Ihr seliges Weltauge ist mir verdächtig: Es schließt die Augen vor dem, was war. Nach allem, was geschehen ist, kann die Stillstellung des Willens nicht mehr unschuldig sein.

E

Eduard Hanslick

Und doch, meine Herren – bei aller Verschiedenheit – ist es seltsam, dass wir am selben Werk verzweifeln. Sie hören das Wesen der Welt, Sie den Widerspruch der Gesellschaft, und ich höre, hartnäckig, nur die tönende Gestalt, die beide trägt und keinem von Ihnen recht gibt. Vielleicht ist das die einzige Redlichkeit, die uns bleibt: zuzugeben, dass dasselbe Adagio uns dreimal vollkommen verschieden wahr ist – und dass keiner von uns es ganz besitzt. Mir bleibt der Verdacht, dass ich zu wenig sage; Ihnen beiden, dass Sie zu viel hineinlegen. Streiten wir weiter. Die Musik wird uns überleben und schweigt zu allem.

Fazit

Der Streit bleibt offen, und darin liegt seine Wahrheit: Drei unvereinbare Antworten auf die eine Frage, was der Inhalt der Musik sei, und keine widerlegt die andere restlos. Hanslicks Formalismus gewinnt die Strenge und verliert das Beben – er muss die offenkundige Gefühlswirkung ins „Pathologische“ abschieben, statt sie zu erklären. Schopenhauers Metaphysik gewinnt die Tiefe und verliert die Prüfbarkeit – dass eine Tonfolge „der Weltwille“ sei, lässt sich am Werk nicht nachweisen, ohne zirkulär zu werden. Adorno gewinnt das Geschichtliche und verliert das Publikum – sein Maßstab (avancierte Dissonanz als Wahrheit, populäres Hören als Regression) schreibt dem Hörer reflexhaft den Verfall zu. Historisch ist die Lage pikant: Richard Wagner soll mit der Figur des pedantischen Stadtschreibers Beckmesser in den „Meistersingern“ auf Hanslick gezielt haben – in einem Prosaentwurf von 1862 hieß die Figur noch „Veit Hanslich“. So bleibt der nüchternste der drei selbst der Karikatur verfallen, und die Frage, ob die Töne nichts, alles oder die Gesellschaft bedeuten, klingt im nächsten Konzert unentschieden weiter.