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E
Moderne · ca. 1800 – 1950

Eduard Hanslick

1825–1904

Der Begründer der musikalischen Formalismus-Ästhetik: Der Inhalt der Musik sei nicht das Gefühl, das sie weckt, sondern allein die bewegte Tongestalt selbst – „tönend bewegte Formen“. Damit wollte er das Reden über Musik vom Schwärmen aufs Argument umstellen.

Musikalischer FormalismusÄsthetik

Eduard Hanslick ist die seltene Figur eines Philosophen, der nicht in der Studierstube, sondern im Feuilleton zur Macht kam. Geboren 1825 in Prag, Sohn eines Musikbibliothekars, studierte er Jura, promovierte – und wurde dann doch nicht Jurist, sondern das, was es in dieser Schärfe vor ihm kaum gab: der bürgerliche Musikkritiker als geistige Autorität. Ab 1856 lehrte er in Wien Musikästhetik und -geschichte, auf dem ersten Lehrstuhl dieser Art im deutschsprachigen Raum, ab 1870 als ordentlicher Professor; jahrzehntelang schrieb er für die „Neue Freie Presse“ und wurde zur gefürchtetsten Feder der Donaumonarchie. Sein schmales Buch „Vom Musikalisch-Schönen“ (1854) ist eine einzige Provokation: Es greift die romantische Gefühlsästhetik frontal an, die in der Musik vor allem ein Mittel sah, Empfindungen auszudrücken und zu erregen. Hanslick bestreitet nicht, dass Musik uns rührt – er bestreitet, dass dieses Rühren ihr Inhalt, ihr Zweck, ihr ästhetisches Prinzip sei. Gefühle, sagt er, sind wechselnd, subjektiv, an Begriffe und Lebensumstände geknüpft; das Schöne aber liegt objektiv im Tonwerk selbst, in der Bewegung der Töne, ihrer Form. Berühmt und berüchtigt machte ihn der Satz, „tönend bewegte Formen“ seien einzig und allein Inhalt und Gegenstand der Musik. Damit stellte er sich gegen die Programmmusik, gegen die „Neudeutschen“ um Liszt und Wagner, und ins Lager des „Klassischen“ um Brahms. Den Preis dafür zahlte er als Karikatur: Wagner formte aus ihm den pedantischen Stadtschreiber Beckmesser in den „Meistersingern“ – die Strenge des Kritikers, in Spott verwandelt. Hanslick wollte die Schwärmerei aus dem Konzertsaal in die Begründung zwingen; ausgerechnet darüber wurde er selbst zur Streit- und Hassfigur einer ganzen Epoche.

θ · Kernideen
  • 1.Tönend bewegte Formen: Der eigentliche Inhalt der Musik ist nicht das Gefühl, sondern die bewegte Tongestalt selbst – Musik bedeutet nichts außer sich, sie ist ihre Form. Das Schöne der Musik ist „ein spezifisch Musikalisches“, das in den Tönen und ihrer künstlerischen Verbindung liegt und keiner außen liegenden Bedeutung bedarf.
  • 2.Kritik der Gefühlsästhetik: Hanslick bestreitet nicht, dass Musik Gefühle weckt – er bestreitet, dass die Erregung bestimmter Gefühle ihr Zweck, Inhalt oder ästhetisches Prinzip sei. Gefühle sind wechselnd, subjektiv, an Begriffe gebunden; das Schöne liegt objektiv im Tonwerk vor.
  • 3.Gegen die Programmmusik: Musik kann keine bestimmten Begriffe oder außermusikalischen Inhalte (eine „Liebe“, einen „Sturm“, eine Erzählung) darstellen, weil ihr die begriffliche Bestimmtheit fehlt. Programmatik gilt ihm als ästhetischer Fehlgriff.
  • 4.Das „pathologische“ Hören: Das passive Sich-Hinreißen-Lassen, das bloße Baden im Gefühl, nennt Hanslick „pathologisch“ und stellt ihm das eigentlich ästhetische, „reine Anschauen“ der Tongestalt gegenüber – aktives, gebildetes Verfolgen der musikalischen Form.
  • 5.Dynamik statt Inhalt: Was die Musik mit den Gefühlen teilen kann, ist nicht ihr begrifflicher Inhalt, sondern allenfalls deren Bewegungsform – das Steigern, Drängen, Abklingen. Sie bildet nicht die Trauer ab, wohl aber das Dynamische, das Trauer und anderes gemeinsam haben.
  • 6.Verteidigung der „absoluten“ Musik: Gegen die „dramatisch begründete“ Musik der Neudeutschen verteidigt Hanslick die in sich ruhende Instrumentalmusik – Musik, die sich aus sich selbst rechtfertigt und keiner Dichtung, keines Programms, keiner Bühne bedarf.

Die Hauptkritik

Der stärkste Einwand trifft das Herz des Formalismus: Er unterbestimmt die offenkundige Gefühlswirkung der Musik. Dass ein Adagio uns traurig berührt, ein Marsch uns aufrichtet, ist kein nachträgliches Missverständnis des Hörers, sondern gehört zur Erfahrung der Sache selbst – und genau dieses Phänomen erklärt Hanslick nicht, er schiebt es ins bloß „Pathologische“ ab, in das passive Sich-Hinreißen, das er aus der eigentlichen Ästhetik ausgrenzt. Damit muss er die stärkste Intuition über Musik zur Nebensache erklären: Wenn Musik nur tönend bewegte Form ist, warum trifft sie uns dann so verlässlich emotional, oft erstaunlich übereinstimmend (Trauermarsch gegen Jubel)? – wobei offen bleibt, wie weit solche Affektzuschreibungen wirklich kulturübergreifend gelten und wie weit sie kulturell erlernt sind. Hinzu kommt ein Inkonsistenz-Verdacht: Hanslick gesteht selbst zu, dass Musik die Dynamik von Gefühlen – ihr Steigern, Drängen, Abklingen – abbilden kann, womit der Inhalt eben doch nicht mehr „einzig und allein“ die Form ist; nicht zufällig hat er die berühmte Formel in späteren Auflagen entschärft. Gegen ihn stehen schließlich gewichtige Gegenpositionen, die das Ausgegrenzte ins Zentrum rücken: Schopenhauer hört in der Musik unmittelbar das Wesen der Welt, den Willen selbst; Ernst Bloch (Geist der Utopie, 1918/1923) deutet sie als Vorschein des Noch-Nicht; Vladimir Jankélévitch (La musique et l’ineffable, 1961) bestimmt sie als das Unsagbare, das gerade nicht bedeutet, aber bewegt und verzaubert – und dieses Bewegen sei kein Beiwerk, sondern ihr Eigentliches. (Bloch, Jankélévitch und Schopenhauer werden hier als systematische Gegenpole referiert, nicht als namentliche Widerlegungen Hanslicks.) Der Formalist gewinnt die Strenge des Arguments und verliert das Beben der Sache.

θ · Bezug zur Technikphilosophie

Hanslicks Formalismus liest sich als früher Versuch, das ästhetische Urteil zu objektivieren – das Schöne nicht in die schwankende Empfindung des Hörers zu verlegen, sondern in die nachweisbare Struktur des Werks. Damit ist er ein unfreiwilliger Pate jeder formalen, „rechenbaren“ Musikbetrachtung: der Analyse von Tonsätzen nach Bewegungs- und Beziehungsgesetzen und, weitergedacht, der heutigen computergestützten Musikanalyse und algorithmischen Komposition, die Musik als Muster und Form ohne Bedeutungsgehalt behandeln. Wenn ein neuronales Netz Musik erzeugt, die uns ergreift, ohne irgendetwas zu „meinen“, scheint Hanslicks Provokation bestätigt – und zugleich verschärft sich der Einwand gegen ihn: Dass solche reine Form uns überhaupt verlässlich rührt, bleibt das Phänomen, das der Formalismus nicht erklärt, sondern abschiebt.

θ · Wahrheitsbegriff

Hanslick entwickelt keine Wahrheitstheorie, doch sein Projekt ruht auf einer impliziten Objektivitätsforderung: Das ästhetische Urteil über Musik soll nicht beliebig sein, sondern sich am Werk ausweisen lassen. Wahr ist eine Aussage über ein Tonstück, sofern sie dessen tatsächliche Form trifft – die nachprüfbare Bewegung und Verbindung der Töne –, nicht, sofern sie ein subjektives Gefühl des Hörers wiedergibt. Damit verschiebt er den Maßstab vom erlebenden Subjekt auf das vorliegende Objekt: Das Schöne der Musik ist ein objektiver Tatbestand des Werks, kein Effekt im Gemüt. Seine Gegner halten ihm vor, diese Strenge erkaufe sich der Formalismus, indem er gerade das Erfahrungswichtigste – die Wirkung – zur bloßen Begleiterscheinung erklärt.

θ · Subjekt & Objekt

Hanslicks ganzer Streit ist eine Auseinandersetzung um Subjekt und Objekt in der Kunst. Die Gefühlsästhetik verlegt das Wesentliche der Musik ins Subjekt – in die erregte Empfindung des Hörers; Hanslick zieht es entschieden auf die Seite des Objekts zurück: Das Schöne liegt im Tonwerk selbst vor, unabhängig davon, wer es hört und was es in ihm auslöst. Dem entspricht seine Unterscheidung zweier Hörweisen: Dem „pathologischen“ Hören, das sich subjektiv hinreißen lässt, stellt er das „reine Anschauen“ gegenüber, das aktiv und gebildet der objektiven Tongestalt folgt. Genau hier liegt die Angriffsfläche: Indem Hanslick die subjektive Gefühlswirkung als bloß „pathologisch“ ausgrenzt, droht er die Hälfte der musikalischen Erfahrung – das Ergriffensein – aus der Ästhetik hinauszudefinieren.

θ · Logische Beweise & Argumente

Warum das Gefühl nicht der Inhalt der Musik sein kann

Hanslicks Kernargument gegen die Gefühlsästhetik, rekonstruiert als Schluss aus der Natur des begrifflichen Gefühls:

  1. P1Bestimmte Gefühle (Liebe, Trauer, Hoffnung) sind nur durch Begriffe und konkrete Lebensvorstellungen voneinander unterschieden – ohne sie wäre Hoffnung nicht von Furcht zu trennen.
  2. P2Der Musik fehlt das Mittel der begrifflichen Bestimmtheit; sie kann Töne bewegen, aber keine Begriffe setzen.
  3. P3Was ein bestimmtes Gefühl nicht begrifflich bestimmen kann, kann dieses Gefühl auch nicht als seinen Inhalt darstellen.
  4. Also kann die Darstellung bestimmter Gefühle nicht der Inhalt der Musik sein; ihr Inhalt ist allein die tönend bewegte Form.
Inhalt(x, Gefühl) → bestimmt(x, Gefühl);  ¬bestimmt(Musik, Gefühl)  ⊢  ¬Inhalt(Musik, Gefühl)

Der Schluss ist gültig, doch seine zweite Prämisse trägt die Last: Schon Hanslick gesteht zu, dass Musik die Dynamik der Gefühle (Steigern, Abklingen) abbilden kann – womit der Inhalt vielleicht doch nicht „einzig und allein“ die Form ist. Kritiker werfen ein, dass die starke, oft erstaunlich übereinstimmende Gefühlswirkung der Musik (Trauermarsch vs. Jubel) damit ohne Erklärung bleibt – wie weit diese Wirkung kulturübergreifend reicht und wie weit sie erlernt ist, bleibt allerdings selbst umstritten.

θ · Hauptwerke
  • Vom Musikalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst(1854)

    Sein schmales, polemisch zugespitztes Hauptwerk und Gründungstext des musikalischen Formalismus; wurde bis ins 20. Jahrhundert immer wieder neu aufgelegt und teils umgearbeitet.

  • Geschichte des Concertwesens in Wien(1869)

    Materialreiche musikhistorische Darstellung des Wiener Konzertlebens, Frucht seiner Lehrtätigkeit an der Universität.

  • Die moderne Oper(1875)

    Erster Band einer langen Reihe gesammelter Kritiken und Essays, in denen Hanslick das Musikleben seiner Zeit begleitet und beurteilt.

  • Aus meinem Leben(1894)

    Autobiografie; gibt Aufschluss über seine Stellung im Wiener Kulturbetrieb und seine Gegnerschaft zu Wagner und den „Neudeutschen“.

θ · Zitate

Tönend bewegte Formen sind einzig und allein Inhalt und Gegenstand der Musik.

Vom Musikalisch-Schönen (1854), 3. Kapitel – berühmte zugespitzte Frühfassung; Hanslick milderte sie später zu „Der Inhalt der Musik sind tönend bewegte Formen“

Das Schöne der Musik ist ein spezifisch Musikalisches – es liegt in den Tönen und ihrer künstlerischen Verbindung und bedarf keiner von außen herangetragenen Bedeutung.

Vom Musikalisch-Schönen (1854), Kap. 1–3 (sinngemäße Paraphrase der Grundthese)

Die Erregung von Gefühlen ist weder Zweck noch Inhalt der Musik.

Vom Musikalisch-Schönen (1854) (sinngemäß, nach Kap. 1)
θ · Aus dem Leben

Veit Hanslich wird zu Beckmesser

Richard Wagner zielte mit der Figur des pedantischen Stadtschreibers Sixtus Beckmesser in den „Meistersingern von Nürnberg“ auf seinen schärfsten Kritiker. Dokumentiert ist, dass die Figur in Wagners zweitem Prosaentwurf von 1862 noch „Veit Hanslich“ hieß – anspielend auch „Hans Lick“ –, ehe sie zu Beckmesser umbenannt wurde. Bei Wagners Wiener Lesung des Librettos im November 1862 war Hanslick zugegen, erkannte die Karikatur seiner selbst und soll die Runde verstimmt verlassen haben. Die Gleichsetzung „Beckmesser = Hanslick“ ist seither feste Deutungstradition; in der fertigen Oper erklärt Wagner sie nicht offen, doch die belegten Frühfassungs-Namen lassen kaum Zweifel, dass die Figur auf Hanslick gemünzt war. So überdauert der gefürchtetste Kritiker Wiens als der lächerlich-pedantische Merker einer Oper – ein Nachruhm, den er sich gewiss anders gewünscht hätte.

θ · Verwandte Denker

Unklar geblieben? Eduard Hanslick antwortet dir selbst – oben im Live-Gespräch.