Wem gehört eine Entdeckung?
Eine Idee, die geteilt wird, wird nicht weniger, sondern mehr – kann man sie dann überhaupt „besitzen“? Und wenn der Streit ums Zuerst nicht der Wahrheit gilt, sondern dem Ruhm: Was sagt das über die Wissenschaft und über uns?
Im Frühjahr dieses Jahres bestätigte das amerikanische Patentamt ein weiteres Mal, was die Forschung längst wusste: Die lukrativen Rechte an der Gen-Schere CRISPR liegen beim Broad Institute – während den Nobelpreis für Chemie 2020 zwei andere erhielten, Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier. Der Ruhm ging dahin, das Eigentum dorthin; beides ließ sich nicht versöhnen. Und in einem zweiten Streit haben die Gerichte letztinstanzlich entschieden, dass eine künstliche Intelligenz kein „Erfinder“ sein kann – Erfinden bleibe natürlichen Personen vorbehalten. Zwei moderne Urteile, eine sehr alte Frage, die der erste große Wissenschaftskrieg der Neuzeit schon mit aller Bitterkeit ausfocht: der zwischen Leibniz und Newton. Wem gehört eine Entdeckung?
Der Streit, der zwei Nationen entzweite, begann mit einem Schweigen. Isaac Newton hatte seine „Fluxionsrechnung“ schon in den Pestjahren 1665/66 entwickelt – und sie dann jahrzehntelang in der Schublade gelassen. Gottfried Wilhelm Leibniz, der unabhängig zur selben Sache gefunden hatte, veröffentlichte sie 1684 zuerst. Als Newton begriff, was das für seinen Ruhm bedeutete, wurde aus dem Gentleman ein Stratege: Als Präsident der Royal Society setzte er eine „unparteiische“ Kommission ein, deren Bericht – das berühmte Commercium epistolicum von 1712 – er in Wahrheit selbst lenkte; die Namen der Gutachter blieben über ein Jahrhundert geheim. Und die anonyme Rezension, die das Urteil der Welt verkündete, schrieb der Angeklagte und Richter in Personalunion: Newton lobte sich darin in der dritten Person. Leibniz starb 1716 vereinsamt und verbittert. Die bitterste Ironie aber kam später: Leibniz' elegante Schreibweise – das dx, das ∫ – setzte sich überall durch, während die englischen Mathematiker aus Patriotismus an Newtons unbeholfenen Pünktchen festhielten und ihre Wissenschaft ein Jahrhundert lang ins Hintertreffen geriet. Der Sieger des Streits verlor die Sache.
Francis Bacon hätte den Krieg für einen Kategorienfehler gehalten. Für ihn war Wissenschaft kein Turnier einzelner Genies, sondern ein gemeinsames Haus, an dem viele Hände bauen – im „Neuen Atlantis“ entwarf er mit dem „Haus Salomons“ die erste Vision kollektiver, arbeitsteiliger Forschung. Wissen wächst durch Anhäufung; eine Entdeckung „liegt in der Luft“, sobald die Zeit reif ist. Der Soziologe Robert Merton hat daraus später beinahe ein Gesetz gemacht: Die Mehrfachentdeckung sei nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall – immer wieder finden mehrere Köpfe unabhängig dasselbe, weil der Stand des Wissens es nahelegt. Newton selbst hat den schönsten Satz dazu geschrieben, in einem Brief an seinen Rivalen Robert Hooke: Wenn er weiter gesehen habe, dann „weil er auf den Schultern von Riesen stand“. (Manche lesen die Zeile als versteckte Spitze gegen den kleinwüchsigen Hooke – die Demut war bei Newton selten ohne Hintersinn.) Wer auf Schultern steht, dem gehört die Aussicht nicht allein.
Aber gehört sie ihm dann wenigstens zum Teil? John Locke gab die Antwort, die uns bis heute selbstverständlich erscheint: Eigentum entsteht durch Arbeit. Wer seine Mühe in eine Sache mischt, macht sie zur seinen. Auf den Entdecker übertragen: Wer denkt, rechnet, sich plagt, hat sich die Idee verdient. Doch Locke selbst nannte die Bedingung, an der das für Gedanken zerbricht – man dürfe sich nur dort nehmen, wo „genug und ebenso Gutes für die anderen übrigbleibt“. Bei einem Apfel, einem Acker ist diese Bedingung knapp; bei einer Idee ist sie immer erfüllt. Ein Gedanke, den ich teile, wird mir nicht weniger, sondern mehr; ich kann ihn weggeben und behalten zugleich. Genau die Knappheit, die Eigentum überhaupt erst nötig macht, fehlt der Erkenntnis. Die Arbeit ist real – das Eigentum an ihrem Ergebnis ist eine Fiktion, die wir nur deshalb pflegen, weil etwas anderes auf dem Spiel steht.
Was?, fragt Thomas Hobbes – und seine Antwort ist unbequem: der Ruhm. Im „Leviathan“ nennt er drei Quellen allen Streits: Konkurrenz, Misstrauen und „glory“, die Gier nach Geltung. Nicht um die Wahrheit kämpften Newton und Leibniz, die war so oder so dieselbe, sondern darum, als ihr Urheber gesehen zu werden. Und Hobbes sah auch, warum der Streit so hässlich wurde: Wo kein neutraler Schiedsrichter über den Parteien steht, herrscht der Krieg aller gegen alle. Die Royal Society hätte dieser Souverän sein sollen – aber der Souverän war Newton selbst. Niemand kann Richter in eigener Sache sein; das ist die einzige Lehre des Commercium epistolicum, die ganz ohne Streit gilt.
Warum aber wiegt diese Geltung so schwer, dass kluge Männer ihr Leben darüber verbittern? Hier antwortet Hegel. Das Selbstbewusstsein, schreibt er in der „Phänomenologie des Geistes“, wird erst wirklich, indem ein anderes es anerkennt; der Mensch begehrt nicht nur Dinge, er begehrt das Begehrtwerden, das Gesehenwerden. Die Entdeckung ist wahr, ob ich sie mache oder ein anderer – aber dass ich sie gemacht habe, das wird erst durch die Anerkennung der anderen real. Der Prioritätsstreit ist im Grunde ein Kampf um Anerkennung, ein Ringen zweier Selbstbewusstseine darum, wer im Blick der Nachwelt der Schöpfer sein darf. Es geht nicht um die Sache. Es geht darum, durch die Sache jemand zu sein.
Und heute? Bei CRISPR fielen Ruhm und Eigentum auseinander, als wären es zwei verschiedene Beutestücke – der Nobelpreis hierhin, das Patent dorthin. Bei der künstlichen Intelligenz aber bricht das ganze System: Eine Maschine, die etwas hervorbringt, will keinen Ruhm, begehrt keine Anerkennung, kann nicht Richter und nicht Verbitterter sein. Sie entlarvt, dass „Erfinderschaft“ nie nur eine Tatsache war, sondern eine Ehre, die wir vergeben. Vielleicht ist die Frage „Wem gehört eine Entdeckung?“ darum auch falsch gestellt – und doch nicht so leicht zu erledigen. Man kann eine Idee durchaus für einen Gegenstand halten: nicht für einen sinnlichen, wohl aber für einen intelligiblen, den man entdeckt und nicht erfindet – dann hätte der Entdecker sehr wohl etwas in der Hand. Und man kann im Reden vom Besitz einer Idee eine Verhexung der Sprache sehen – dann ist da kein Gegenstand, sondern eine Beziehung, in der viele stehen. Entschieden ist das nicht; nur eines gilt in beiden Fällen: Selbst der intelligible Gegenstand, gäbe es ihn, ließe sich mit allen teilen, ohne dadurch kleiner zu werden. Leibniz, ausgerechnet, hat davon geträumt – von einer „characteristica universalis“, einer Zeichensprache so klar, dass Streitende nur noch sagen müssten: calculemus, „lasst uns rechnen“, und jeder Zwist sich von selbst auflöste. Er hat ein Stück dieser Klarheit erfunden. Und ist dann an dem einen Streit zugrunde gegangen, der sich nicht berechnen ließ: wem sie gehört.
Kernnoten der Denker
Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.
Leibniz träumte von der „characteristica universalis“ und einem „calculus ratiocinator“: einer vollkommenen Zeichensprache, in der sich jeder Streit durch bloßes Rechnen entscheiden ließe – „calculemus“, lasst uns rechnen. Seine Differentialnotation (dx, ∫) verwirklichte dieses Ideal der Klarheit und setzte sich gegen Newtons Schreibweise durch. Die bittere Ironie: Der Philosoph der prästabilierten Harmonie zerbrach selbst an einem Prioritätsstreit, der sich gerade nicht berechnen ließ.
Bacon dachte Wissenschaft als kollektives, kumulatives Werk, nicht als Genietat des Einzelnen – im „Neuen Atlantis“ entwirft das „Haus Salomons“ die erste Utopie arbeitsteiliger Forschung. Wissen wächst, indem einer auf dem anderen aufbaut; eine Entdeckung „liegt in der Luft“, wenn die Zeit reif ist. Diese Sicht (von Merton später als „Mehrfachentdeckung“ bestätigt) entzieht dem Prioritätskrieg den Boden: Wer auf den Schultern von Riesen steht, dem gehört die Aussicht nicht allein.
Lockes Eigentumstheorie begründet Besitz durch Arbeit: Wer seine Mühe in eine Sache mischt, macht sie zur seinen – scheinbar der perfekte Rechtstitel des Entdeckers auf seine Idee. Doch Lockes eigener Vorbehalt („genug und ebenso Gutes für andere“) bricht hier: Ein geteilter Gedanke wird nicht weniger, sondern mehr. Der Erkenntnis fehlt die Knappheit, die Eigentum überhaupt erst nötig macht – die Arbeit ist real, das Eigentum an ihrem Ergebnis eine Fiktion.
Hobbes nennt im „Leviathan“ drei Ursachen allen Streits: Konkurrenz, Misstrauen und „glory“, die Gier nach Geltung. Der Prioritätskampf dreht sich nicht um die Wahrheit (die bleibt dieselbe), sondern um den Ruhm, ihr Urheber zu sein. Und Hobbes erklärt die Eskalation: Wo kein neutraler Schiedsrichter über den Parteien steht, herrscht Krieg aller gegen alle – die Royal Society hätte dieser Souverän sein sollen, war aber Newton selbst. Niemand darf Richter in eigener Sache sein.
Für Hegel wird Selbstbewusstsein erst wirklich, indem ein anderes es anerkennt; der Mensch begehrt das Gesehenwerden. Das erklärt, warum der Streit ums Zuerst so schwer wiegt: Die Entdeckung ist wahr, gleich wer sie macht – aber dass ich ihr Urheber bin, wird erst durch die Anerkennung der anderen real. Der Prioritätsstreit ist im Kern ein „Kampf um Anerkennung“ (Phänomenologie des Geistes): kein Streit um die Sache, sondern darum, durch die Sache jemand zu sein.
Quellen
Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.
- Gottfried Wilhelm Leibniz, Nova Methodus pro Maximis et Minimis (in: Acta Eruditorum) (1684). Erstveröffentlichung des Differential- und Integralkalküls mit der bis heute gebräuchlichen Notation (dx, ∫). Quelle des Prioritäts-Sachverhalts.
- Gottfried Wilhelm Leibniz, Entwürfe zur characteristica universalis / calculus ratiocinator (u. a. „De arte combinatoria“, „Scientia generalis“) (1666 ff.). Die Vision einer universalen Zeichensprache, in der sich jeder Streit durch Rechnen entscheiden ließe – das berühmte „calculemus“ („lasst uns rechnen“).
- Isaac Newton (anonym), An Account of the Book entituled Commercium Epistolicum (Philosophical Transactions); Commercium Epistolicum (Royal Society, 1712) (1715). Newtons anonyme Selbstrezension des von ihm gelenkten „unparteiischen“ Untersuchungsberichts der Royal Society – er lobt sich darin in der dritten Person. Beleg für „Richter in eigener Sache“. (Datierung der Rezension schwankt zwischen 1714 und 1715.)
- Isaac Newton, Brief an Robert Hooke, 5. Februar 1675/76 (1676). „If I have seen further it is by standing on the shoulders of Giants.“ Die Lesart als versteckte Spitze gegen den kleinwüchsigen Hooke ist eine verbreitete, aber umstrittene Forschungsdeutung.
- Francis Bacon, Nova Atlantis (Haus Salomons) und Novum Organum (1620/1627). Wissenschaft als kollektives, arbeitsteiliges und kumulatives Werk; Wissen wächst durch Anhäufung. Grundlage des „in der Luft liegen“-Arguments.
- John Locke, Zwei Abhandlungen über die Regierung, Zweite Abhandlung, Kap. V (Vom Eigentum) (1689). Eigentum entsteht durch Arbeit; zugleich der Vorbehalt, man dürfe sich nur nehmen, wo „genug und ebenso Gutes für andere“ übrigbleibt – der für nicht-rivale Güter (Ideen) zerbricht.
- Thomas Hobbes, Leviathan, Kap. 13 (1651). Die drei Ursachen des Streits – Konkurrenz, Misstrauen und „glory“ (Ruhm/Geltung); der Krieg aller gegen alle, wo kein gemeinsamer Schiedsrichter über den Parteien steht.
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes (Selbstbewusstsein; Herrschaft und Knechtschaft) (1807). Das Selbstbewusstsein wird erst durch Anerkennung wirklich; der „Kampf um Anerkennung“. Grundlage der Deutung des Prioritätsstreits als Anerkennungskampf.
- Robert K. Merton, The Matthew Effect in Science (Science); Singletons and Multiples in Scientific Discovery (1961/1968). Der Matthäus-Effekt (dem Bekannten wird unverhältnismäßig zugeschrieben) und die These, Mehrfachentdeckungen seien der Normalfall der Wissenschaft. Soziologische Stütze des Essays.
- Aktuelle Aufhänger, CRISPR-Patentstreit (Broad Institute vs. UC Berkeley) & Chemie-Nobelpreis 2020 (Doudna/Charpentier); KI-Erfinderschaft (Thaler v. Vidal, 2022) (2012–2026). Ruhm (Nobelpreis) und Eigentum (US-Patente) fielen bei CRISPR auseinander; Gerichte entschieden letztinstanzlich, dass nur natürliche Personen „Erfinder“ sein können. Gegenwartsbezug der Ausgabe.