Zum Inhalt springen
thauma.
← Alle großen Fragen

Problem

Das Leib-Seele-Problem

Wie hängen Geist und Körper zusammen?

Wenn der Geist das Unräumliche schlechthin ist – ein Gedanke hat keine Ausdehnung, kein Gewicht, keinen Ort – und der Körper bloße Materie im Raum, dann fehlt jede gemeinsame Größe, an der eine Wirkung ansetzen könnte. Wie soll ein Wille, der nirgendwo liegt, einen Arm heben, und wie soll ein Lichtreiz auf der Netzhaut sich in das Erlebte eines Rots verwandeln? Genau hier klafft die Lücke: Entweder man hält an der Verschiedenheit beider fest und kann ihre offensichtliche Wechselwirkung nicht mehr denken, oder man rettet die Wechselwirkung, indem man die Verschiedenheit leugnet – und steht dann vor dem Rätsel, wie aus Materie Erleben werden kann. Das Leib-Seele-Problem ist die begriffliche Falle, dass jede Antwort den einen Pol auf Kosten des anderen verschlingt.

Die maßgeblichen Positionen

Cartesischer Dualismus

René Descartes

Geist und Körper sind zwei real verschiedene Substanzen – das denkende Unräumliche und das ausgedehnte Materielle.

Descartes trennt die res cogitans, deren ganzes Wesen das Denken ist, von der res extensa, deren Wesen die Ausdehnung ist, und macht so die Eigenständigkeit des Geistigen unbestreitbar. Doch seine Annahme, beide berührten sich in der Zirbeldrüse, blieb eine Verlegenheitslösung: Wie zwei Substanzen ohne gemeinsame Eigenschaft kausal ineinandergreifen, konnte er nie befriedigend erklären.

Substanzmonismus / Identitätslehre

Baruch de Spinoza

Geist und Körper sind nicht zwei Dinge, sondern zwei Attribute ein und derselben Substanz, betrachtet unter verschiedenen Hinsichten.

Spinoza löst das Wirkungsproblem, indem er es auflöst: Was als Gedanke und was als Bewegung erscheint, ist dieselbe Modifikation der einen Natur, gesehen unter dem Attribut des Denkens beziehungsweise der Ausdehnung. Eine Wechselwirkung muss er gar nicht erklären, weil es keine zwei Partner gibt – um den Preis, dass die scheinbar so klare kausale Erfahrung („ich will, also bewegt sich mein Arm“) zur bloßen Parallelität herabgesetzt wird.

Biologischer Naturalismus

John Searle

Bewusstsein ist ein höherstufiges biologisches Phänomen, das vom Gehirn verursacht und zugleich in ihm realisiert wird.

Searle bestreitet, dass man zwischen Materie und Geist wählen muss: So wie Flüssigkeit eine Systemeigenschaft von H₂O-Molekülen ist, sei Bewusstsein eine Eigenschaft neuronaler Systeme – verursacht durch tiefere Prozesse, ohne darum eine eigene Substanz zu sein. Überzeugend daran ist die Vermeidung beider Extreme; offen bleibt aber, wie aus rein physikalischen Vorgängen überhaupt qualitatives Erleben entspringt – die eigentliche Erklärungslücke verschiebt sich, statt zu verschwinden.

Warum es offen bleibt

Die Frage bleibt strittig, weil keine Position beide Intuitionen zugleich wahren kann: die Unbezweifelbarkeit des eigenen Erlebens und die kausale Geschlossenheit der physischen Welt. Wer das Bewusstsein für eine bloße Hirnfunktion erklärt, schuldet uns immer noch, warum es sich überhaupt irgendwie anfühlt, dieses Gehirn zu sein – die sogenannte Erklärungslücke. Solange dieser Übergang vom Physischen zum Erlebten begrifflich nicht überbrückt ist, kehrt das Leib-Seele-Problem in jeder neuen Theorie verwandelt wieder.

Denker, die an dieser Frage rangen

Lust, selbst zu streiten? Diskutier die Frage im Live-Gespräch mit einem der Denker.