Paradoxon
Das Sorites-Paradox
Ab welchem Korn wird aus Körnern ein Haufen?
Ein einzelnes Weizenkorn ist gewiss kein Haufen, und es scheint unbestreitbar, dass das Hinzufügen eines einzigen Korns aus einem Nicht-Haufen niemals einen Haufen machen kann – der Unterschied von einem Korn ist schlicht zu winzig, um eine solche Schwelle zu überspringen. Doch wendet man diese harmlose Regel immer wieder an, gelangt man von einem Korn über zwei, drei, tausend Körner zu einer offenkundigen Schüttung – und behauptet zugleich, sie sei noch immer kein Haufen. Die Falle liegt nicht in einer falschen Beobachtung, sondern in einer Kette scheinbar einwandfreier Schritte, die in einen offensichtlich falschen Schluss münden: Jede einzelne Prämisse leuchtet ein, die Konklusion ist absurd. Damit zwingt das Paradox eine quälende Wahl auf – entweder es gibt doch ein präzises, aber unauffindbares Korn, das die Grenze markiert, oder unsere logischen Grundgesetze, allen voran der Satz vom ausgeschlossenen Dritten, gelten für vage Begriffe nicht uneingeschränkt.
Die maßgeblichen Positionen
Logische Tugend der scharfen Grenze
Gottlob Frege →Ein Begriff ohne scharfe Grenze ist gar kein vollwertiger Begriff – die Vagheit ist ein Mangel der Sprache, nicht der Logik.
Frege verlangte, dass ein wohldefinierter Begriff für jeden Gegenstand eindeutig entscheidet, ob er unter ihn fällt oder nicht; ein „Haufen“ ohne klare Grenze ist für ihn ein logisch defektes Gebilde, das in einer strengen Begriffsschrift keinen Platz hat. Diese Haltung rettet die klassische Logik, indem sie das Problem aus ihr verbannt – sie überzeugt durch Konsequenz, scheitert aber daran, dass nahezu alle Wörter der natürlichen Sprache vage sind und sich nicht einfach als „defekt“ abtun lassen.
Bivalenz und die unbestimmte Mitte
Aristoteles →Zwischen klarem Ja und klarem Nein liegt ein Bereich, in dem keiner der beiden Sätze schon wahr ist – die Logik des Bestimmten greift hier nicht voll.
Aristoteles erörterte am berühmten Beispiel der morgigen Seeschlacht, ob über zukünftige, noch unentschiedene Sachverhalte schon jetzt eine der beiden Aussagen wahr sein muss, und ließ damit Raum für Fälle, in denen die strikte Zweiwertigkeit ausgesetzt scheint. Übertragen auf die Vagheit liefert dies den Keim der Idee einer unbestimmten Grenzzone, in der weder „Haufen“ noch „kein Haufen“ schlicht wahr ist; ob man die Bivalenz für vage Prädikate jedoch tatsächlich preisgeben darf, ohne die ganze Logik ins Wanken zu bringen, bleibt der wunde Punkt dieses Wegs.
Epistemizismus
Es gibt ein exaktes Korn, ab dem ein Haufen vorliegt – wir können diese Grenze nur prinzipiell nicht erkennen.
Der von Timothy Williamson und Roy Sorensen ausgearbeitete Epistemizismus hält klassische Logik und Bivalenz vollständig aufrecht und deutet Vagheit als bloße Unwissenheit: Die scharfe Grenze existiert, ist uns aber aufgrund der Natur unseres Sprachgebrauchs grundsätzlich unzugänglich. Das ist logisch erstaunlich sparsam, mutet uns aber die schwer erträgliche Annahme zu, dass ein einziges Korn objektiv über „Haufen“ oder „kein Haufen“ entscheidet, ohne dass irgendetwas in der Welt diese Grenze festlegt.
Supervaluationismus
„Es gibt eine Grenze“ ist wahr, aber kein bestimmtes Korn ist die Grenze – die Vagheit ist semantische Unentschiedenheit.
Der von Kit Fine und Bas van Fraassen entwickelte Supervaluationismus erklärt einen Satz für wahr, wenn er unter allen zulässigen Präzisierungen der vagen Sprache wahr ist, und für unbestimmt, wo die Präzisierungen auseinandergehen. So bleibt der Satz „irgendwo liegt die Grenze“ wahr, während kein konkretes Korn als die Grenze ausgezeichnet wird – ein eleganter Ausweg, der jedoch klassische Schlussregeln nur um den Preis subtiler logischer Sonderfälle bewahren kann.
Warum es offen bleibt
Jeder Lösungsweg verlangt ein Opfer, das viele für zu hoch halten – entweder eine unerkennbare exakte Grenze, eine Preisgabe der Zweiwertigkeit oder feinkörnige Eingriffe in die klassische Logik –, und keiner dieser Preise hat sich als allgemein akzeptabel durchgesetzt. Die Vagheit durchzieht zudem fast unsere gesamte Sprache, vom „Haufen“ über „kahl“ bis zu „Person“, sodass das Paradox kein Randphänomen, sondern eine Grundfrage darüber ist, wie Begriffe überhaupt auf eine kontinuierliche Welt zugreifen. Solange unklar bleibt, ob Vagheit in der Sprache, in unserem Wissen oder in der Wirklichkeit selbst wurzelt, bleibt auch das Sorites-Paradox lebendig.
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