Problem
Das Universalienproblem
Gibt es „die Röte" oder nur rote Dinge?
Wenn zwei Tomaten, ein Sonnenuntergang und eine Fahne dieselbe Farbe „teilen“, scheint etwas Eines in Vielem zugleich gegenwärtig zu sein – doch was ist dieses Eine? Entweder „die Röte“ existiert wirklich, dann müsste eine einzige Entität ungeteilt an unzählig vielen Orten gegenwärtig sein, was an gewöhnlichen Dingen unerhört wäre; oder es gibt nur die einzelnen roten Dinge, dann bleibt rätselhaft, kraft wessen wir sie wahrhaft als gleichartig erkennen und nicht bloß willkürlich zusammenfassen. Die Falle liegt darin, dass beide Auswege ihren Preis fordern: Der Realist überfüllt die Welt mit geisterhaften Allgemeinheiten, der Nominalist droht jede objektive Ähnlichkeit und damit das Fundament allgemeingültigen Wissens zu verlieren. Das Universalienproblem fragt also nicht nach Farben, sondern nach dem ontologischen Ort des Allgemeinen selbst – und damit danach, ob die Ordnung, die wir in den Dingen zu finden glauben, dort wirklich liegt oder erst von uns hineingelegt wird.
Die maßgeblichen Positionen
Überweltlicher Realismus (Ideenlehre)
Platon →Die Röte ist wirklicher als jedes rote Ding – die Idee existiert für sich, ewig und unkörperlich.
Platon trennt die unwandelbare Idee von ihren vergänglichen Abbildern: Das einzelne Rote ist nur rot, insofern es an der für sich bestehenden Idee der Röte teilhat. Das erklärt überzeugend, warum Erkenntnis allgemein und notwendig sein kann; es scheitert aber am ‚Dritten Menschen‘ – an der Frage, wie das Trennbare und das Getrennte je wieder zueinanderfinden und ob nicht endlos neue Ideen nötig würden.
Immanenter Realismus (Form in der Sache)
Aristoteles →Das Allgemeine existiert nicht abgetrennt, sondern nur als Form im einzelnen Ding und im abstrahierenden Verstand.
Aristoteles holt Platons Ideen in die Dinge zurück: Die Wesensform ist real, aber sie kommt nur an den Einzeldingen vor, aus denen der Verstand sie durch Abstraktion gewinnt. Das vermeidet eine zweite Welt und bleibt erfahrungsnah, lässt aber offen, was genau die numerisch verschiedenen Formen in vielen Dingen zu einer einzigen Art macht.
Konzeptualismus (Begriff im Geist)
Petrus Abaelard →Universalien sind weder Dinge noch bloße Laute, sondern bedeutungstragende Begriffe, die einen gemeinsamen ‚Status‘ der Dinge erfassen.
Abaelard bestreitet, dass ein Allgemeines ein Ding sein kann – nur Einzelnes existiert –, hält aber den Allgemeinbegriff für mehr als einen leeren Namen: Das Wort bedeutet einen gemeinsamen Zustand, in dem die Dinge übereinkommen. Das vermittelt elegant zwischen den Extremen, bleibt jedoch heikel, weil dieser ‚Status‘ weder als Ding noch als Nichts recht fassbar wird.
Nominalismus (nur Namen)
Wilhelm von Ockham →Es gibt ausschließlich Einzeldinge; ‚die Röte‘ ist ein Zeichen des Geistes, kein zweites Seiendes neben den roten Dingen.
Ockham streicht mit seinem Sparsamkeitsgebot alle überflüssigen Allgemeinheiten: Allgemein ist nur das Zeichen, das viele Einzeldinge natürlich vertritt, nicht eine Sache in ihnen. Das entlastet die Ontologie radikal, steht aber unter dem Verdacht, die objektive Grundlage der Gleichartigkeit zu verlieren – warum vertritt ein Zeichen gerade diese Dinge und nicht beliebige andere?
Warum es offen bleibt
Die Frage bleibt strittig, weil jede Lösung einen anderen Preis verlangt: Wer das Allgemeine als real ansetzt, muss erklären, wie ein Eines ungeteilt in Vielem sein kann; wer es leugnet, muss erklären, woher objektive Ähnlichkeit und allgemeingültiges Wissen dann ihren Halt nehmen. In der Gegenwartsphilosophie kehrt der Streit kaum verändert wieder – als Debatte zwischen Realismus über Eigenschaften, Tropentheorien und einem strengen Nominalismus. Solange Sprache und Erkenntnis notwendig im Allgemeinen operieren, die Welt aber nur Einzelnes zu enthalten scheint, bleibt die Kluft zwischen dem, was wir denken, und dem, was ist, ungeschlossen.
Denker, die an dieser Frage rangen
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