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Neuzeit & Aufklärung · ca. 1600 – 1800

Denis Diderot

1713–1784

Der Kopf der französischen Aufklärung und Herausgeber der „Encyclopédie“. Diderot machte das gesammelte Wissen der Welt zur Waffe gegen Vorurteil und Aberglaube – und dachte die Natur konsequent materialistisch: als ein einziges, lebendiges, sich selbst bewegendes Ganzes.

AufklärungErkenntnistheorie
Die Encyclopédie als Baum des menschlichen Wissens – Illustration

Bekanntestes Konzept

Die Encyclopédie – der Wissensbaum der Aufklärung

Diderots großes Werk ist kein bloßes Nachschlagewerk, sondern ein Manifest: Das gesamte Wissen der Welt – von der höchsten Philosophie bis zum Handgriff des Handwerkers – wird in einem „raisonnierten“, also vernünftig geordneten Zusammenhang dargestellt. Ein berühmtes System verweisender Querverweise erlaubt es, scheinbar harmlose Artikel mit ketzerischen Gedanken zu verknüpfen und so die Zensur zu unterlaufen. Das Programm dahinter: Die Vernunft ordnet das Wissen, das Wissen befreit den Menschen. Indem das Können der Werkstätten – Glasbläser, Schlosser, Drucker – mit gleicher Würde dargestellt wird wie die Theologie, vollzieht die Encyclopédie zugleich eine stille Revolution der Werte.

Denis Diderot war Schriftsteller, Kunstkritiker, Romancier und Philosoph – vor allem aber war er der unermüdliche Motor jenes Jahrhundertwerks, das die Aufklärung wie kein zweites verkörpert: der „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“ (1751–1772). Über zwanzig Jahre, gegen Zensur, Verbote und die Drohung des Kerkers, trieb er gemeinsam mit d’Alembert das Unternehmen voran, das gesamte Wissen seiner Zeit zu sammeln, zu ordnen und allgemein zugänglich zu machen. Aufklärung hieß für Diderot nicht zuerst System, sondern Verbreitung: Wissen sollte aus den Händen weniger Gelehrter und Geistlicher in die Köpfe vieler wandern und so die Denkungsart des Menschengeschlechts verändern. Zugleich entwickelte er – kühner als die meisten Zeitgenossen – einen radikalen Materialismus: Es gibt nur die eine Natur, die Materie ist von sich aus empfindungsfähig und in beständiger Bewegung, und alles, auch das Leben und das Denken, geht aus ihr hervor. „Vergrößern und erleuchten Sie das Gebäude des menschlichen Wissens“, schrieb er – und meinte damit ein Programm, das Theologie und Metaphysik durch Beobachtung, Experiment und Vernunft ersetzen wollte.

Kernideen

  • 1.Aufklärung als Verbreitung des Wissens: Nicht das einsame System, sondern die allgemeine Zugänglichkeit des Wissens verändert die Denkungsart eines ganzen Volkes.
  • 2.Die Encyclopédie als raisonniertes Gesamtbild aller Wissenschaften, Künste und Handwerke – das Wissen wird geordnet, vernetzt und der Vernunft unterstellt.
  • 3.Würde der „mechanischen Künste“: Das praktische Können der Handwerker wird gleichberechtigt neben die hohen Wissenschaften gestellt – eine Aufwertung der nützlichen Arbeit.
  • 4.Radikaler Materialismus: Es gibt nur die eine Natur; die Materie ist von sich aus empfindungs- und bewegungsfähig, ein zweiter, geistiger Stoff ist nicht nötig.
  • 5.Naturalismus: Leben, Empfindung und Denken sind keine übernatürlichen Zusätze, sondern gehen stufenweise aus der organisierten Materie hervor.
  • 6.Antiklerikalismus und Kritik der Offenbarungsreligion: Aberglaube und kirchliche Autorität gelten als Hauptfeinde der freien Vernunft.
  • 7.Eine Ethik diesseits der Religion: Moral gründet im Mitgefühl, im Nutzen und in der Natur des Menschen, nicht im göttlichen Gebot.
  • 8.Dialogisches, bewegliches Denken: Diderot denkt lieber im Gespräch, im Widerspruch und im offenen Versuch als im geschlossenen Lehrgebäude.

Bezug zur Technikphilosophie

Wie kaum ein Philosoph vor ihm interessierte sich Diderot für die Technik im konkreten Sinn: Für die Encyclopédie stieg er selbst in Werkstätten hinab, ließ sich Handgriffe erklären und Maschinen zeichnen. Die berühmten Kupfertafeln dokumentieren mit nie gesehener Genauigkeit, wie Strümpfe gewirkt, Stecknadeln gefertigt, Bücher gedruckt werden. Damit verschob Diderot die Würde des Wissens: Nicht nur die kontemplative Theorie, auch das praktische, technische Können der „mechanischen Künste“ wurde wissenswert und überlieferungswürdig. Diese Allianz von Wissen und Technik – die Idee, dass dokumentiertes, geteiltes Können den Fortschritt der Gattung trägt – nimmt das moderne Verständnis von Technologie als kumulativem, offen zugänglichem Wissen vorweg. In ihr steckt zudem ein früher Gedanke offener Wissensteilung, der heute oft als Ahnherr von Wikipedia und der Open-Knowledge-Bewegung genannt wird.

Wahrheitsbegriff

Diderots Wahrheitsbegriff ist sensualistisch und empirisch grundiert: Alle Erkenntnis stammt aus den Sinnen, und Wahrheit erweist sich an der Beobachtung der Natur, nicht an der Autorität der Schrift oder der Tradition. Im „Brief über die Blinden“ zeigt er, wie sehr unsere Begriffe von der Beschaffenheit unserer Sinne abhängen – ein Blinder hat eine andere Geometrie der Welt. Wahrheit ist für Diderot daher nichts fertig Gegebenes, sondern etwas, das man im Experiment, im Vergleich und im offenen Gespräch herantastend gewinnt. Dieser bewegliche, dialogische Wahrheitsbegriff erklärt, warum er seine kühnsten Gedanken so oft in Dialoge und Romane kleidet statt in geschlossene Traktate: Die Wahrheit zeigt sich eher im Widerstreit der Stimmen als im Lehrsatz.

Subjekt & Objekt

Im Materialismus Diderots löst sich die scharfe Grenze zwischen erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt auf: Der Mensch ist nicht ein Geist, der einer fremden Natur gegenübersteht, sondern selbst ein Stück organisierter, empfindender Natur. Das Subjekt ist Teil des einen großen Zusammenhangs der Materie, der es hervorbringt und in dem es vergeht. In „D’Alemberts Traum“ denkt Diderot dies bis zur Auflösung fester Individuen: Alles fließt, tauscht Stoff aus und verwandelt sich, ein einziger riesiger Organismus, in dem das Ich nur eine vorübergehende Verknotung ist. So wird das Verhältnis von Subjekt und Objekt nicht als Gegenüberstehen gedacht, sondern als Zusammenhang innerhalb einer einzigen Natur.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Diderot mischt sich aktiv in die Wissenschaft seiner Zeit ein und plädiert – etwa in den „Gedanken zur Interpretation der Natur“ (1753) – für eine erfahrungsgesättigte Naturforschung, die der bloßen mathematischen Abstraktion misstraut und die experimentelle, beobachtende Methode betont. Vor allem aber ist sein eigentlicher wissenschaftstheoretischer Akt die Encyclopédie selbst: der Versuch, das gesamte Wissen zu klassifizieren, in einen vernünftigen „Stammbaum“ zu bringen und durch Querverweise als Einheit sichtbar zu machen. Wissen ist hier nicht mehr ein Schatz weniger, sondern ein gemeinschaftliches, vernetztes, fortschreitendes Unternehmen – eine frühe Vision der Wissenschaft als kollektivem, kumulativem Prozess.

Logische Beweise & Argumente

Das Argument der empfindenden Materie – warum es keinen zweiten Stoff braucht

Gegen den Dualismus von Körper und Geist will Diderot zeigen, dass Empfindung und Denken aus der Materie selbst hervorgehen können, ohne dass man eine immaterielle Seele annehmen muss.

  1. P1Es gibt nur eine einzige Substanz im Universum, die Materie, die in unendlich vielen Formen organisiert ist.
  2. P2Die Materie besitzt von sich aus, wenigstens der Anlage nach, eine elementare Empfindungsfähigkeit; in unbelebten Körpern ist sie träge, in lebendigen wird sie wirksam.
  3. P3Erfahrung zeigt einen lückenlosen Übergang vom scheinbar Toten zum Lebendigen: Pflanze ernährt sich, Tier empfindet, Mensch denkt – ohne dass irgendwo ein neuer, fremder Stoff hinzutreten müsste (Diderots Bild vom Marmor, der über Pflanzen und Nahrung zu empfindendem Fleisch wird).
  4. P4Eine zweite, geistige Substanz neben der Materie anzunehmen, erklärt nichts zusätzlich, sondern verdoppelt nur das Rätsel und widerspricht der beobachteten Stufenfolge der Natur.
  5. Also lassen sich Leben, Empfindung und Denken als Eigenschaften hinreichend organisierter Materie verstehen; eine immaterielle Seele ist überflüssig.

Diderot ersetzt die metaphysische Frage „Wie kommt der Geist in den Körper?“ durch die naturalistische Frage „Wie organisiert sich die Materie bis zur Empfindung?“. Damit nimmt er Grundgedanken einer evolutionären und neurowissenschaftlichen Sicht vorweg – freilich spekulativ, da ihm jede empirische Stütze der modernen Biologie noch fehlte. Der Beweis ist daher weniger ein zwingender Schluss als ein Programm: Er verschiebt die Beweislast auf den Dualismus, der seinen zweiten Stoff rechtfertigen müsste.

Hauptwerke

  • Encyclopédie (1751–1772)

    Das Jahrhundertwerk, von Diderot und d’Alembert herausgegeben: 17 Text- und 11 Tafelbände, die das gesamte Wissen der Zeit sammeln und ordnen. Programmschrift und Sammelbecken der Aufklärung zugleich, getragen von hunderten Mitarbeitern und verfolgt von der Zensur.

  • Brief über die Blinden, zum Gebrauch für die Sehenden (Lettre sur les aveugles, 1749)

    Anhand der Wahrnehmung eines Blinden entwickelt Diderot eine sensualistische Erkenntnislehre und streift offen den Materialismus und Atheismus – der Text brachte ihm eine Haft im Kerker von Vincennes ein.

  • D’Alemberts Traum (Le Rêve de d’Alembert, 1769)

    Ein kühner philosophischer Dialog, in dem Diderot seinen Materialismus am weitesten treibt: Die empfindende Materie, der Übergang vom Toten zum Lebendigen und die Einheit der ganzen Natur als ein einziger, sich verwandelnder Organismus. Zu Lebzeiten nicht veröffentlicht.

  • Jacques der Fatalist und sein Herr (Jacques le fataliste, entst. ab 1765)

    Ein experimenteller, ironisch-philosophischer Roman, der Determinismus, Freiheit und Zufall im Plauderton verhandelt und die Form des Erzählens selbst ins Spiel bringt.

  • Rameaus Neffe (Le Neveu de Rameau, entst. ab 1761)

    Ein satirischer Dialog über Moral, Genie, Gesellschaft und Selbstwiderspruch – von Hegel und Goethe als Meisterstück der Selbstentzweiung des Geistes gerühmt.

Zitate

Das Ziel einer Enzyklopädie ist es, das auf der Erde verstreute Wissen zu sammeln, seinen allgemeinen Aufbau den Menschen darzulegen, mit denen wir leben, und es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern.

Artikel „Encyclopédie“, Encyclopédie (1755)

Man wird nie das Gebäude des menschlichen Wissens vergrößern und erleuchten, ohne zugleich die Köpfe gegen das Vorurteil zu wappnen.

sinngemäß, Encyclopédie

Der Mensch wird erst frei sein, wenn der letzte König mit den Eingeweiden des letzten Priesters erdrosselt ist.

Diderot zugeschrieben (Dithyrambe nach den „Eleutheromanes“)

Aus dem Leben

Der Kaiser kauft die Bibliothek

Diderot war zeitlebens nicht reich. Als er für seine Tochter eine Mitgift brauchte, wollte er seine kostbare Bibliothek verkaufen. Davon hörte Katharina die Große von Russland – und kaufte die Sammlung, ließ sie aber bei Diderot in Paris, ernannte ihn zu ihrem Bibliothekar und zahlte ihm dafür ein Gehalt, sogar Jahre im Voraus. So besaß die Zarin die Bücher, und der Philosoph behielt sie. 1773 reiste der alternde Diderot nach Sankt Petersburg, um sich erkenntlich zu zeigen, und führte mit der Herrscherin lange, freimütige Gespräche – er soll sie im Eifer der Debatte am Arm gepackt und auf die Knie getrommelt haben, bis sie sich einen Tisch zwischen sich und ihn stellte. Reformer wurde Katharina dadurch nicht; aber die Episode zeigt, wie sehr die Aufklärung selbst an die Höfe Europas drang.

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