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Moderne · ca. 1800 – 1950

Friedrich Engels

1820–1895

Mitbegründer des Marxismus, Fabrikantensohn und lebenslanger Weggefährte von Karl Marx. Er gab dem historischen und dialektischen Materialismus seine populäre Gestalt und übertrug die Dialektik auf die Natur selbst.

MarxismusPolitische Philosophie
Der historische Materialismus – Illustration

Bekanntestes Konzept

Der historische Materialismus

Engels’ Grundgedanke kehrt das idealistische Denken Hegels um: Nicht das Bewusstsein bestimmt das Sein, sondern das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Die materielle Produktion – wie eine Gesellschaft ihre Lebensmittel herstellt und wem die Produktionsmittel gehören – bildet die „Basis“, auf der sich Recht, Staat, Religion und Philosophie als „Überbau“ erheben. Geschichte ist demnach kein Gang der Ideen, sondern eine Abfolge von Produktionsweisen, getrieben von Klassenkämpfen. „Die ökonomische Struktur der Gesellschaft bildet jedesmal die reale Grundlage, aus der […] der gesamte Überbau […] zu erklären ist.“

Friedrich Engels war Fabrikantensohn aus dem Wuppertal, erfolgreicher Geschäftsmann in Manchester – und zugleich der bedeutendste Mitbegründer und Vermittler des Marxismus. Ohne ihn wäre Karl Marx’ Werk nicht denkbar: Engels finanzierte den mittellosen Freund über Jahrzehnte, gab nach dessen Tod die unvollendeten Bände des „Kapital“ aus dem Nachlass heraus und brachte die gemeinsame Lehre in eine verständliche, weithin wirksame Form. Schon als junger Mann hatte er in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) das Elend der frühindustriellen Proletarier aus eigener Anschauung beschrieben. Gemeinsam mit Marx verfasste er 1848 das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Engels prägte die Begriffe vom „historischen Materialismus“ und vom „wissenschaftlichen Sozialismus“ und versuchte in der unvollendeten „Dialektik der Natur“, die dialektische Methode auch auf die Naturwissenschaften auszudehnen: „Die Freiheit besteht in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur.“

Kernideen

  • 1.Historischer Materialismus: Nicht Ideen, sondern die materielle Produktion und die Eigentumsverhältnisse treiben die Geschichte – das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.
  • 2.Basis und Überbau: Die ökonomische Struktur (Produktionsweise) bildet die Basis, auf der sich Recht, Staat, Religion und Ideologie als Überbau erheben.
  • 3.Klassenkampf als Motor: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ – sie endet erst mit der klassenlosen Gesellschaft.
  • 4.Dialektischer Materialismus: Die Dialektik (Widerspruch, Umschlag von Quantität in Qualität, Negation der Negation) wirkt nicht nur im Denken, sondern in der Wirklichkeit selbst.
  • 5.Dialektik der Natur: Engels überträgt die dialektischen Gesetze auf die Naturprozesse – Bewegung, Entwicklung und Umschlag seien dem Stoff selbst eigen.
  • 6.Ursprung von Familie, Privateigentum und Staat: Familienform, Privateigentum und Staat sind keine ewigen Größen, sondern historisch entstanden und mit Klassenherrschaft und der Unterdrückung der Frau verknüpft.
  • 7.Wissenschaftlicher Sozialismus: Der Sozialismus soll nicht moralisch erträumt („utopisch“), sondern aus den realen ökonomischen Bewegungsgesetzen begründet werden.
  • 8.Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit: Frei ist nicht, wer die Naturgesetze ignoriert, sondern wer sie erkennt und sie planmäßig zum eigenen Zweck nutzt.

Bezug zur Technikphilosophie

Engels denkt Technik und Produktivkräfte als die treibende Kraft der Geschichte: Die Art, wie eine Gesellschaft produziert – mit der Handmühle oder der Dampfmühle –, prägt ihre gesamte Ordnung. In der „Dialektik der Natur“ macht er sogar die Arbeit, das werkzeuggebrauchende Hervorbringen, zum Movens der Menschwerdung selbst: Die Hand, die das Werkzeug führt, formt das Gehirn, das den Menschen vom Tier scheidet. Zugleich sieht er die Ambivalenz der Technik unter dem Kapitalismus scharf: Dieselben Maschinen, die die Produktivkräfte ins Ungeheure steigern, verelenden im Privateigentum die Arbeiter, die sie bedienen. Erst eine gesellschaftliche Aneignung der Produktionsmittel könne die technische Macht zum Mittel allgemeiner Befreiung statt zum Werkzeug der Ausbeutung machen – eine Denkfigur, die in heutigen Debatten um Automatisierung, Plattformökonomie und die Verteilung des technischen Reichtums fortwirkt.

Wahrheitsbegriff

Wahrheit ist für Engels keine Sache reiner Spekulation, sondern erweist sich in der Praxis. Gegen den Agnostizismus, der mit Kants „Ding an sich“ eine prinzipiell unerkennbare Wirklichkeit annimmt, setzt er ein materialistisches Kriterium: „Die schlagendste Widerlegung dieser wie aller andern philosophischen Schrullen ist die Praxis, nämlich das Experiment und die Industrie.“ Können wir einen Naturvorgang reproduzieren, einen Stoff künstlich herstellen, eine Vorhersage technisch bestätigen, so haben wir die zugrundeliegende Gesetzmäßigkeit richtig erkannt. Zugleich denkt Engels Wahrheit dialektisch und geschichtlich: Es gibt nur wenige ewige Wahrheiten; das menschliche Wissen schreitet als unendlicher Prozess von relativen, sich vertiefenden Erkenntnissen voran, in dem das absolute Wissen sich nur asymptotisch annähern, nie abschließend einholen lässt.

Subjekt & Objekt

Engels vertritt einen entschiedenen Materialismus: Die objektive, materielle Welt existiert unabhängig vom erkennenden Subjekt, und das Bewusstsein ist nichts dem Stoff Vorausgehendes, sondern dessen höchstes Produkt – „nichts anderes als das im menschlichen Gehirn umgesetzte und übersetzte Materielle“. Damit kehrt er Hegels Idealismus um, ohne dessen dialektische Methode preiszugeben: Das Subjekt ist Teil der objektiven Natur und erkennt sie, indem es praktisch in sie eingreift. Erkenntnis ist für Engels kein passives Spiegeln, sondern bewährt sich in der Praxis, im Experiment und in der Industrie: Was wir herstellen und gebrauchen können, beweist, dass wir das Objekt richtig erkannt haben. Subjekt und Objekt sind also nicht getrennte Welten, sondern durch die tätige, arbeitende Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur vermittelt.

Gerechtigkeit

Engels misstraut der abstrakten Rede von „Gerechtigkeit“ und „ewigen Rechten“ – für ihn sind solche Begriffe Teil des ideologischen Überbaus und spiegeln stets die Interessen der herrschenden Klasse wider. Was in einer Epoche als gerecht gilt, ist nur die ins Sittliche übersetzte Eigentumsordnung ihrer Zeit. Nicht durch moralischen Appell, sondern durch die reale Umwälzung der Produktionsverhältnisse soll das Unrecht der Ausbeutung verschwinden. Das Ziel ist die klassenlose Gesellschaft, in der die berühmte Formel gilt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Gerechtigkeit ist für Engels also kein zeitloses Prinzip, an dem man die Gesellschaft misst, sondern ein historisches Ergebnis, das erst mit der Aufhebung von Klassen und Privateigentum an den Produktionsmitteln Wirklichkeit werden kann.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Engels wollte den Sozialismus von einer moralischen Hoffnung in eine Wissenschaft verwandeln: Statt eine bessere Welt bloß zu erträumen („utopischer Sozialismus“), solle man die realen ökonomischen Bewegungsgesetze der Gesellschaft erkennen und daraus den notwendigen Gang der Geschichte ableiten („wissenschaftlicher Sozialismus“). In der „Dialektik der Natur“ ging er weiter und behauptete, die dialektischen Gesetze – der Umschlag von Quantität in Qualität, die Durchdringung der Gegensätze, die Negation der Negation – seien objektive Gesetze nicht nur des Denkens, sondern der Natur selbst, die die Einzelwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) bestätigten. Dieser Anspruch, die Naturwissenschaft dialektisch zu fundieren, wurde später heftig umstritten: Kritiker sahen darin eine spekulative Überdehnung, die der empirischen Methode der Naturwissenschaft eine philosophische Schematik überstülpe.

Logische Beweise & Argumente

Das Argument vom Absterben des Staates – warum der Staat historisch ist und nicht ewig

Gegen die Vorstellung, der Staat sei eine natürliche oder ewige Ordnung, führt Engels ihn auf seine historischen Entstehungsbedingungen zurück und folgert daraus seine Vergänglichkeit.

  1. P1Der Staat ist nicht von Natur aus gegeben, sondern entstand an einem bestimmten Punkt der Geschichte, als die Spaltung der Gesellschaft in Klassen mit gegensätzlichen ökonomischen Interessen begann.
  2. P2Seine Funktion ist es, diese Klassengegensätze in Schranken zu halten – er ist das Werkzeug, mit dem die jeweils herrschende Klasse ihre Herrschaft sichert.
  3. P3Was aus einer bestimmten historischen Bedingung (der Klassenspaltung) hervorgeht, fällt mit dem Wegfall dieser Bedingung wieder weg.
  4. P4Mit der Aufhebung der Klassen entfällt die Klassenspaltung, die den Staat überhaupt erst notwendig machte.
  5. Also ist der Staat keine ewige Institution, sondern wird in einer klassenlosen Gesellschaft überflüssig: Er wird nicht „abgeschafft“, sondern „stirbt ab“.

Engels verwandelt eine scheinbar metaphysische Frage („Was ist der Staat?“) in eine historische: Der Staat erscheint als zeitgebundenes Produkt der Klassengesellschaft, nicht als Naturkonstante. Kritiker hielten dagegen, dass gerade die marxistischen Regime den Staatsapparat enorm ausbauten, statt ihn absterben zu lassen – die Kluft zwischen der Theorie vom verschwindenden Staat und der realen Staatsmacht des 20. Jahrhunderts wurde zum bleibenden Einwand.

Hauptwerke

  • Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845)

    Die schonungslose Reportage über das Elend der frühindustriellen Proletarier in Manchester – aus eigener Anschauung. Ein Gründungsdokument der Sozialanalyse, das die menschlichen Kosten des Industriekapitalismus dokumentiert.

  • Manifest der Kommunistischen Partei (1848, mit Karl Marx)

    Die gemeinsam mit Marx verfasste Kampfschrift, die den historischen Materialismus, den Klassenkampf und das Programm der Arbeiterbewegung in glühende Prosa fasst – eines der wirkungsmächtigsten politischen Texte der Geschichte.

  • Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft / Anti-Dühring (1878)

    Engels’ systematische Gesamtdarstellung des Marxismus in Philosophie, Ökonomie und Sozialismus. Aus ihm ging die populäre Schrift „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ hervor.

  • Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats (1884)

    Eine materialistische Geschichte der Gesellschaftsformen: Familie, Eigentum und Staat erscheinen als historisch gewordene Institutionen, eng verknüpft mit dem Aufkommen des Privateigentums und der Unterdrückung der Frau.

  • Dialektik der Natur (1873–1883, postum 1925)

    Das unvollendete Manuskript, in dem Engels die dialektische Methode auf die Naturwissenschaften ausdehnt und den Menschen aus der Arbeit hervorgehen lässt („Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“).

Zitate

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Manifest der Kommunistischen Partei (1848, mit Karl Marx)

Die Freiheit besteht in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur.

Anti-Dühring (1878)

Der Staat ist also nicht von Ewigkeit her. Es hat Gesellschaften gegeben, die ohne ihn fertig wurden.

Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats (1884)

Aus dem Leben

Der Doppelgänger: Fabrikant am Tag, Revolutionär in der Nacht

Engels führte ein erstaunliches Doppelleben. Über zwanzig Jahre arbeitete er als Teilhaber der Textilfirma „Ermen & Engels“ in Manchester, ritt zur Fuchsjagd, hielt sich Pferde und verkehrte in der bürgerlichen Gesellschaft – und finanzierte mit dem Profit dieser kapitalistischen Fabrik den mittellosen Karl Marx, damit dieser in Ruhe „Das Kapital“ schreiben konnte, das eben jenen Kapitalismus zu Grabe tragen sollte. Erst 1869 kaufte er sich aus dem Geschäft frei und feierte seinen letzten Arbeitstag mit den Worten „Hurra! Heute süßen Doppelgänger zu Ende.“ Nach Marx’ Tod 1883 ordnete er dessen chaotischen Nachlass und gab aus tausenden Seiten Manuskript die Bände II und III des „Kapital“ heraus – ein Akt der Freundschaft, ohne den das marxistische Hauptwerk Fragment geblieben wäre.

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