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D
Moderne · ca. 1800 – 1950

David Hilbert

1862–1943

Einer der größten Mathematiker der Moderne. Sein „Hilbert-Programm“ wollte die gesamte Mathematik formal sichern – bis Gödel zeigte, dass dies prinzipiell unmöglich ist.

FormalismusLogikWissenschaftstheorie
Hilberts Hotel – Illustration

Bekanntestes Konzept

Hilberts Hotel

Ein Gedankenexperiment über das Unendliche: In einem Hotel mit unendlich vielen, allesamt belegten Zimmern kann dennoch immer ein neuer Gast – ja sogar unendlich viele – untergebracht werden, indem alle Gäste weiterrücken. Es veranschaulicht die paradoxen Eigenschaften aktual unendlicher Mengen.

David Hilbert prägte die Mathematik und Logik an der Wende zum 20. Jahrhundert wie kaum ein anderer. Als Antwort auf die Grundlagenkrise – ausgelöst unter anderem durch die Russellsche Antinomie – formulierte er das Hilbert-Programm: Die gesamte Mathematik sollte vollständig axiomatisiert und ihre Widerspruchsfreiheit mit rein finiten Mitteln bewiesen werden. Dafür entwickelte er die formale Beweistheorie und die Metamathematik. Sein methodischer Ansatz, formale Systeme als uninterpretierte Strukturen zu untersuchen, prägt die mathematische Logik bis heute – auch wenn Gödels Unvollständigkeitssätze seine ursprüngliche Hoffnung zerstörten. Über die Logik hinaus trug er mit der Einstein-Hilbert-Wirkung zur allgemeinen Relativitätstheorie bei.

Kernideen

  • 1.Hilbert-Programm: vollständige Axiomatisierung der Mathematik und ein finiter Beweis ihrer Widerspruchsfreiheit.
  • 2.Reaktion auf die Grundlagenkrise: Antwort auf die Antinomien der naiven Mengenlehre.
  • 3.Finitismus: Sicherung der „transfiniten“ Mathematik durch elementare, anschaulich gewisse Mittel.
  • 4.Formalismus: Mathematik als regelgeleitetes Operieren mit uninterpretierten Symbolen.
  • 5.Metamathematik: formale Beweise selbst werden zum Gegenstand mathematischer Untersuchung.
  • 6.Konsistenz durch Modell (Grundlagen der Geometrie) – eine Vorwegnahme der Modelltheorie.
  • 7.Hilbert-Kalkül: axiomatische Systeme als Grundlage des logischen Schließens.

Bezug zur Technikphilosophie

Hilberts Forderung nach einem rein mechanischen, regelgeleiteten Operieren mit uninterpretierten Symbolen verwandelt das Beweisen in ein berechenbares Verfahren und macht ihn zu einem Urvater der theoretischen Informatik. Sein „Entscheidungsproblem“ – die Frage nach einem allgemeinen Verfahren, das für jede Formel ihre Beweisbarkeit entscheidet – zwang Turing und Church 1936 dazu, den Begriff der „mechanischen Berechenbarkeit“ überhaupt erst präzise zu definieren; aus dieser negativen Antwort ging die Turing-Maschine und damit das mathematische Modell des Computers hervor. Indem Hilbert die Metamathematik als finites Symbolspiel fasste, lieferte er den philosophischen Boden, auf dem Maschine, Algorithmus und Berechenbarkeit als Grenzbegriffe der Technik denkbar wurden – einschließlich der prinzipiellen Schranken (Gödel, Halteproblem), an die jede heutige Künstliche Intelligenz stößt.

Wahrheitsbegriff

Hilberts Formalismus löst mathematische Wahrheit von jeder inhaltlichen Bedeutung ab: Ein Satz ist „wahr“, sofern er sich nach festgelegten Regeln aus den Axiomen eines formalen Systems ableiten lässt – Wahrheit fällt damit mit beweisbarer Widerspruchsfreiheit zusammen. Sein berühmtes Diktum „Wenn sich die willkürlich gesetzten Axiome nicht einander widersprechen, so existieren die definierten Dinge“ macht Konsistenz zum eigentlichen Kriterium von Existenz und Geltung. Diese rein syntaktische Auffassung kontrastiert scharf mit Freges inhaltlicher und mit jeder korrespondenztheoretischen Wahrheit; Gödel zeigte zugleich, dass Beweisbarkeit und Wahrheit in hinreichend starken Systemen notwendig auseinanderfallen.

Subjekt & Objekt

Hilberts Formalismus entkoppelt mathematische Objektivität von jedem erkennenden Subjekt: Die Geltung eines Satzes hängt nicht an Anschauung, Intuition oder psychischem Vollzug, sondern allein an der widerspruchsfreien Ableitbarkeit aus Axiomen – das mathematische „Objekt“ ist als uninterpretierte Symbolstruktur rein durch Regeln bestimmt. Damit wendet er sich gegen jeden Psychologismus und gegen die intuitionistische Bindung der Mathematik an die konstruierende Subjekttätigkeit (Brouwer). Zugleich verschiebt seine Metamathematik die Grenze, indem das formale System selbst zum untersuchten Objekt wird, während das finit operierende Subjekt nur noch anschaulich gewisse Zeichenoperationen vollzieht. Subjektivität bleibt so auf das regelgeleitete Hantieren mit Symbolen reduziert, ohne den objektiven Gehalt der formalen Strukturen zu begründen.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Hilbert gilt als der maßgebliche Vertreter der axiomatischen Methode: Eine Theorie wird durch ein widerspruchsfreies, unabhängiges und vollständiges System von Axiomen begründet, deren Grundbegriffe rein implizit durch ihre wechselseitigen Beziehungen definiert sind. In den „Grundlagen der Geometrie“ (1899) führte er den relativen Konsistenzbeweis ein und sicherte die Widerspruchsfreiheit einer Theorie über ein Modell in einer anderen – ein Vorläufer der modernen Modelltheorie. Mit Metamathematik und Beweistheorie machte er die formalen Systeme der Wissenschaft selbst zum exakten Gegenstand der Untersuchung. Sein „Entscheidungsproblem“ zwang zur Präzisierung des Berechenbarkeitsbegriffs (Turing, Church), während Gödels Unvollständigkeitssätze die prinzipiellen Grenzen seines Programms aufzeigten.

Logische Beweise & Argumente

Das Hilbert-Programm

Hilberts Strategie, die Mathematik ein für alle Mal auf ein widerspruchsfreies Fundament zu stellen.

  1. P1Die gesamte Mathematik lässt sich in einem formalen System vollständig axiomatisieren (Symbole, Axiome, Schlussregeln).
  2. P2Über dieses System lässt sich „metamathematisch“ mit rein finiten, anschaulich sicheren Mitteln sprechen.
  3. P3Gelingt mit solchen finiten Mitteln ein Beweis, dass aus den Axiomen niemals „0 = 1“ ableitbar ist, so ist das System nachweislich widerspruchsfrei.
  4. Dann wäre die gesamte – auch die transfinite – Mathematik auf einem sicheren, widerspruchsfreien Fundament gegründet und die Grundlagenkrise überwunden.
Ziel:  Finiter Beweis von  Kons(F) ≡ ¬⊢_F (0 = 1)

Genau diese Hoffnung zerstörte Gödels zweiter Unvollständigkeitssatz (1931): Ein hinreichend starkes, widerspruchsfreies System kann seine eigene Konsistenz nicht beweisen. Gentzen gelang 1936 ein Konsistenzbeweis der Arithmetik – allerdings mit transfiniten, nicht-finiten Mitteln.

Konsistenz durch Modell (Grundlagen der Geometrie)

Hilberts Methode des relativen Konsistenzbeweises (1899) – ein Keim der modernen Modelltheorie.

  1. P1Die Widerspruchsfreiheit der euklidischen Geometrie lässt sich nicht voraussetzungslos zeigen.
  2. P2Man interpretiert die geometrischen Grundbegriffe (Punkt, Gerade) durch Objekte der reellen Zahlen – ein arithmetisches Modell.
  3. P3Jeder geometrische Widerspruch würde sich dabei in einen arithmetischen Widerspruch übersetzen.
  4. Also ist die Geometrie widerspruchsfrei, sofern es die Arithmetik der reellen Zahlen ist: Konsistenz wird relativ auf ein Modell zurückgeführt.
Kons(Geometrie)  ⟸  Kons(Arithmetik)

Die Idee, Widerspruchsfreiheit über ein Modell in einer anderen Theorie zu sichern, wurde zur Grundlage der modernen Modelltheorie.

Hauptwerke

  • Grundlagen der Geometrie(1899)

    Strenge Axiomatisierung der euklidischen Geometrie; Konsistenzbeweis über ein arithmetisches Modell.

  • Mathematische Probleme(1900)

    Die berühmten 23 Probleme (Pariser Vortrag) – das zweite fordert den Konsistenzbeweis der Arithmetik.

  • Über das Unendliche(1925)

    Programmatische Darstellung des Finitismus und des Umgangs mit dem Unendlichen.

  • Grundlagen der Mathematik (mit Paul Bernays)(1934 / 1939)

    Systematische Ausarbeitung der Beweistheorie nach Gödels Resultaten.

Zitate

Wir müssen wissen. Wir werden wissen.

Königsberg 1930 (Grabinschrift)

Aus dem Paradies, das Cantor uns geschaffen hat, soll uns niemand vertreiben können.

Über das Unendliche (1925)

Aus dem Leben

„Dafür hatte er zu wenig Fantasie“

Der Überlieferung nach erfuhr Hilbert eines Tages, dass einer seiner Studenten das Mathematikstudium aufgegeben habe, um Dichter zu werden. Hilbert soll darauf trocken bemerkt haben: „Das war auch gut so – für die Mathematik hatte er zu wenig Fantasie.“ Die Pointe verrät Hilberts tiefe Überzeugung, dass Mathematik keine bloße Rechnerei, sondern eine zutiefst schöpferische, ja künstlerische Tätigkeit ist. Für ihn verlangte das Auffinden neuer Axiome und Beweise mehr Vorstellungskraft als das Schmieden von Versen.

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