Saul Kripke
1940–2022
Das vielleicht größte logische Genie der analytischen Philosophie. Mit „Name und Notwendigkeit“ stürzte er die herrschende Theorie der Bedeutung von Namen, erfand die „starren Designatoren“ und zeigte, dass es notwendige Wahrheiten gibt, die wir nur a posteriori erkennen.

Bekanntestes Konzept
Starre Designatoren (rigid designators)
Ein „starrer Designator“ ist ein Ausdruck, der in jeder möglichen Welt, in der der bezeichnete Gegenstand existiert, denselben Gegenstand bezeichnet. Eigennamen wie „Aristoteles“ sind starr: In jeder denkbaren Welt meint „Aristoteles“ ebendiese Person – auch wenn sie dort nie Philosophie getrieben hätte. Beschreibungen wie „der Lehrer Alexanders“ sind dagegen nicht starr, denn in einer anderen Welt hätte jemand anderes Alexander unterrichten können. Mit dieser einfachen Unterscheidung kippt Kripke die ganze Beschreibungstheorie des Namens – und öffnet die Tür zum notwendigen a posteriori.
Saul Kripke gilt vielen als der scharfsinnigste Logiker und Sprachphilosoph der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – ein Wunderkind, das schon als Teenager bahnbrechende Sätze über die Semantik der Modallogik bewies. Seine drei in Princeton gehaltenen Vorträge, 1972 als „Naming and Necessity“ („Name und Notwendigkeit“) veröffentlicht, gehören zu den einflussreichsten Texten der modernen Philosophie. Kripke wandte sich gegen die seit Frege und Russell herrschende „Beschreibungstheorie“ der Eigennamen, der zufolge ein Name nur die Abkürzung für eine Bündel von Beschreibungen ist. Stattdessen entwickelte er die Idee des „starren Designators“: Ein Name bezeichnet in jeder möglichen Welt denselben Gegenstand. Daraus zog er eine zutiefst überraschende Folgerung – dass die seit Kant für deckungsgleich gehaltenen Begriffspaare „notwendig/zufällig“ und „a priori/a posteriori“ auseinandertreten: Es gibt notwendige Wahrheiten, die wir nur durch Erfahrung entdecken.
Kernideen
- 1.Starre Designatoren (rigid designators): Eigennamen bezeichnen in jeder möglichen Welt denselben Gegenstand, anders als bloße Kennzeichnungen.
- 2.Kritik der Beschreibungstheorie: Ein Name ist nicht die Abkürzung eines Bündels von Beschreibungen, die der Sprecher mit ihm verbindet (gegen Frege und Russell).
- 3.Kausale bzw. historische Theorie der Referenz: Ein Name verweist über eine Kette der Weitergabe von einer ursprünglichen „Taufe“ bis zum heutigen Gebrauch auf seinen Träger.
- 4.Das notwendige a posteriori: Es gibt notwendig wahre Sätze, die wir nur durch Erfahrung erkennen können (z. B. „Wasser ist H₂O“, „Hesperus ist Phosphorus“).
- 5.Das zufällige a priori: Umgekehrt kann es a priori erkennbare, aber bloß zufällig wahre Sätze geben (etwa eine Festlegung des Urmeters).
- 6.Trennung der Begriffspaare: „notwendig/zufällig“ ist eine metaphysische, „a priori/a posteriori“ eine erkenntnistheoretische Unterscheidung – sie fallen nicht zusammen.
- 7.Semantik möglicher Welten: Modale Aussagen über Notwendigkeit und Möglichkeit werden über Quantifikation über mögliche Welten und Identität durch die Welten hindurch gedeutet.
- 8.Identität ist notwendig: Wenn a mit b identisch ist, dann notwendigerweise – Identitätsaussagen zwischen starren Designatoren gelten in allen möglichen Welten.
Bezug zur Technikphilosophie
Kripkes Theorie der Referenz ist in der Künstlichen Intelligenz und Computerlinguistik überraschend aktuell geworden: Wie „verankert“ ein System die Namen, die es verwendet, an realen Gegenständen in der Welt – das sogenannte „symbol grounding problem“? Die kausale Referenztheorie liefert ein Modell: Bedeutung entsteht nicht durch im Kopf gespeicherte Definitionen, sondern durch eine historische Kausalkette von der ursprünglichen Benennung bis zum aktuellen Gebrauch. Große Sprachmodelle, die Wörter nur über deren statistische Umgebung „kennen“, ohne je in einer Tauf-Situation mit dem bezeichneten Ding in Kontakt gekommen zu sein, illustrieren genau Kripkes Pointe: Referenz ist mehr als die mit einem Namen assoziierte Beschreibung. Auch seine Semantik möglicher Welten ist als formales Werkzeug in der theoretischen Informatik (Modallogiken für Wissen, Zeit und Programme) allgegenwärtig.
Wahrheitsbegriff
Kripke hat den Wahrheitsbegriff selbst zum Gegenstand eines berühmten Aufsatzes gemacht: In „Outline of a Theory of Truth“ (1975) entwirft er eine Lösung für die Lügner-Paradoxie („Dieser Satz ist falsch“). Statt Tarskis strenger Trennung von Objekt- und Metasprache lässt Kripke „Wahrheit“ schrittweise wachsen: Man beginnt damit, dass kein Satz einen Wahrheitswert hat, und ordnet in immer neuen Stufen nur den Sätzen Wahrheit oder Falschheit zu, deren Bestandteile bereits bewertet sind, bis ein stabiler „Fixpunkt“ erreicht ist. Selbstbezügliche Sätze wie der Lügner bleiben dabei „ungegründet“ (ungrounded) und erhalten schlicht keinen Wahrheitswert – sie fallen in eine Wahrheitslücke. So zeigt Kripke, dass eine Sprache in gewissem Maße über ihre eigene Wahrheit sprechen kann, ohne in den Widerspruch zu stürzen.
Subjekt & Objekt
Kripkes Denken markiert eine Wende vom Subjekt zum Objekt in der Bedeutungstheorie. Bei Frege und Russell war die Referenz eines Namens durch das vermittelt, was im Kopf des Sprechers steckt – die Beschreibungen, die er mit dem Namen verbindet. Kripke verlagert die Bestimmung der Referenz nach außen, in die objektive Welt und ihre Geschichte: Worauf „Aristoteles“ sich bezieht, hängt nicht davon ab, was ich über Aristoteles glaube (vielleicht alles falsch), sondern an der realen Kausalkette, die meinen Wortgebrauch mit der getauften Person verbindet. Diese „Externalisierung“ der Bedeutung – die Bedeutung steckt nicht allein im Subjekt – wurde von Hilary Putnam („Bedeutungen sind nicht im Kopf“) weitergeführt und prägt die Debatte um Geist und Sprache bis heute.
Logische Beweise & Argumente
Warum „Hesperus ist Phosphorus“ notwendig, aber nur a posteriori wahr ist
Die Antike kannte den „Abendstern“ (Hesperus) und den „Morgenstern“ (Phosphorus) als zwei Sterne – bis sich herausstellte, dass beide der Planet Venus sind. Kripke zeigt an diesem Fall, dass eine notwendige Wahrheit eine empirische Entdeckung sein kann.
- P1„Hesperus“ und „Phosphorus“ sind Eigennamen und damit starre Designatoren: Jeder bezeichnet in jeder möglichen Welt denselben Himmelskörper.
- P2Tatsächlich bezeichnen beide Namen ein und denselben Gegenstand, nämlich den Planeten Venus (Hesperus = Phosphorus).
- P3Ist eine Identität zwischen zwei starren Designatoren wahr, so gilt sie in jeder möglichen Welt – denn in keiner Welt könnte ein Gegenstand von sich selbst verschieden sein (Notwendigkeit der Identität).
- ∴Also ist „Hesperus ist Phosphorus“ notwendig wahr – in keiner möglichen Welt sind Hesperus und Phosphorus verschiedene Dinge –, obwohl diese Wahrheit nur a posteriori, durch astronomische Beobachtung, erkannt werden konnte.
Damit fällt das seit Kant geltende Dogma, alles Notwendige sei a priori und alles a posteriori Erkannte zufällig. Der Eindruck, „Hesperus hätte auch verschieden von Phosphorus sein können“, beruht laut Kripke auf einer Verwechslung: Wir stellen uns nicht eine Welt vor, in der Venus nicht Venus ist, sondern eine Welt, in der wir die Namen anders, an verschiedene Sterne, vergeben hätten – ein erkenntnistheoretischer, kein metaphysischer Spielraum.
Hauptwerke
Name und Notwendigkeit (Naming and Necessity, 1972/1980)
Kripkes berühmteste Schrift, hervorgegangen aus drei Vorträgen von 1970: Entfaltung der starren Designatoren, der kausalen Referenztheorie und des notwendigen a posteriori. Eines der meistdiskutierten Bücher der modernen Philosophie.
Semantische Überlegungen zur Modallogik (Semantical Considerations on Modal Logic, 1963)
Schon als Student begründet Kripke hier mit die formale „Kripke-Semantik“ möglicher Welten für die Modallogik – ein Beweis von technischer Eleganz, der die moderne Modaltheorie prägte.
Wittgenstein über Regeln und Privatsprache (Wittgenstein on Rules and Private Language, 1982)
Kripkes einflussreiche, eigenwillige Deutung des Regelfolgen-Problems bei Wittgenstein: das skeptische Paradox, dass nichts an unserer Vergangenheit festlegt, welche Regel wir eigentlich befolgen („Kripkenstein“).
Zitate
„Nennen wir einen Ausdruck einen starren Designator, wenn er in jeder möglichen Welt denselben Gegenstand bezeichnet.“
— Name und Notwendigkeit (1972)
„Identitätsaussagen zwischen Namen sind, wenn sie wahr sind, notwendig wahr, auch wenn man dies nur a posteriori wissen kann.“
— sinngemäß, Name und Notwendigkeit (1972)
„Es ist gerade eine philosophische Aufgabe, zu zeigen, dass das Notwendige und das Apriorische nicht dasselbe sind.“
— sinngemäß, Name und Notwendigkeit (1972)
Aus dem Leben
Der Junge, der die Modallogik erfand
Kripke galt schon als Kind als mathematisches Wunderkind. Den entscheidenden Satz seiner Semantik der Modallogik soll er als Sechzehnjähriger bewiesen haben – noch während er die Highschool in Omaha, Nebraska, besuchte. Eine berühmte Anekdote erzählt, dass ihm später als jungem Mann eine Professur an der renommierten Harvard-Universität angeboten worden sei, er aber abgelehnt habe mit den Worten, er müsse erst noch die Highschool beenden. Ob wörtlich wahr oder nicht – die Geschichte fängt das Bild des frühreifen Genies ein, das die Logik umpflügte, lange bevor es ein akademisches Amt innehatte. Kripke veröffentlichte vergleichsweise wenig und entwickelte vieles in mündlichen Vorträgen, von denen „Name und Notwendigkeit“ nur das berühmteste Beispiel ist.
Verwandte Denker
Hauptgegner in der Sache: Russells Kennzeichnungstheorie deutet Namen als verkappte Beschreibungen – genau das, was Kripke mit den starren Designatoren widerlegt.
Kripkes Buch „Wittgenstein über Regeln und Privatsprache“ macht aus dem Regelfolgen-Problem das berühmte skeptische Paradox („Kripkenstein“) – eine der wirkmächtigsten Wittgenstein-Deutungen.
Bezugspunkt und Gegner zugleich: Kripke trennt die von Kant für deckungsgleich gehaltenen Paare notwendig/zufällig und a priori/a posteriori und zeigt das notwendige a posteriori.