
Protagoras
Der berühmteste der Sophisten und der erste große Relativist der abendländischen Philosophie. Sein Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ machte den Menschen zum Bezugspunkt aller Wahrheit – und stellte die Frage, ob es überhaupt eine vom Menschen unabhängige Erkenntnis gibt.

Der Homo-mensura-Satz: Der Mensch als Maß aller Dinge
„Aller Dinge Maß ist der Mensch: der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind.“ Dieser eine Satz verschiebt den Grund der Wahrheit. Nicht die Götter, nicht ein objektiver Kosmos, nicht das unwandelbare Sein der frühen Naturphilosophen entscheidet darüber, was ist – sondern der wahrnehmende, urteilende Mensch. Was dem einen warm erscheint, ist warm für ihn; was dem anderen kalt erscheint, ist kalt für ihn. Beide haben recht, denn es gibt kein neutrales Maß über ihnen. Wahrheit wird relativ – auf den Menschen, vielleicht auf jeden einzelnen Menschen, bezogen.
Über die Götter, schrieb Protagoras von Abdera, könne er nichts wissen – weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind; zu dunkel sei die Sache, zu kurz das Menschenleben. Athen, so berichtet eine späte und nicht unumstrittene Überlieferung, ließ sein Buch dafür öffentlich verbrennen. Es traf einen jener reisenden Lehrer der Redekunst und der politischen Tüchtigkeit (areté), die das demokratische Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. prägten. Er war der Erste, der sich selbst „Sophist“ nannte und für seinen Unterricht hohe Honorare verlangte. Sein berühmtester Satz, der „Homo-mensura-Satz“, eröffnet sein verlorenes Werk „Über die Wahrheit“: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind.“ Damit verlegt Protagoras den Maßstab des Wahren vom Kosmos in den Menschen selbst – jede Wahrnehmung ist für den Wahrnehmenden gültig, ein objektives Sein hinter den Erscheinungen wird fraglich. Platon hat ihn in seinem gleichnamigen Dialog mit Respekt, im „Theaitetos“ als großen Gegner porträtiert und seine Lehre zugleich zu widerlegen versucht. So wurde Protagoras zum Urvater des erkenntnistheoretischen Relativismus.
θ · Kernideen
- 1.Homo-mensura-Satz: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ – der wahrnehmende Mensch, nicht ein objektiver Kosmos, ist der Maßstab dessen, was ist und nicht ist.
- 2.Erkenntnistheoretischer Relativismus: Wahrheit ist immer Wahrheit für jemanden; was einem so erscheint, ist für ihn so – es gibt kein neutrales, übergeordnetes Maß.
- 3.Wahrnehmung und Erscheinung: Erkenntnis gründet in der subjektiven Wahrnehmung; das Gleiche kann für den einen warm, für den anderen kalt sein, und beide haben recht.
- 4.Die Sophistik als Beruf: Protagoras war der erste bezahlte Lehrer der areté – der politischen und rednerischen Tüchtigkeit – und machte Bildung zum Marktgut der Demokratie.
- 5.Dissoi logoi – die doppelten Reden: Über jede Sache lassen sich zwei entgegengesetzte Reden führen; zu jedem Argument gibt es ein Gegenargument.
- 6.Den schwächeren Logos zum stärkeren machen: Die rhetorische Kunst, auch die unterlegene Position überzeugend zu vertreten – Kern sophistischer Bildung und Stein des Anstoßes.
- 7.Agnostizismus gegenüber den Göttern: „Über die Götter kann ich nichts wissen, weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind“ – die Grenzen menschlicher Erkenntnis.
- 8.Lehrbarkeit der Tugend: Die areté ist nicht angeboren, sondern durch Erziehung und Übung erlernbar – Grundlage des Anspruchs, sie gegen Honorar zu vermitteln.
Die Hauptkritik
Der entscheidende Einwand trifft nicht eine Nebenthese, sondern das Herzstück selbst: den Homo-mensura-Satz. Schon Platon führt im „Theaitetos" die berühmte peritropé, die „Selbstumwendung", vor – wenn jede Auffassung wahr ist für den, der sie hat, dann ist auch die Auffassung der Mehrheit, der Relativismus sei falsch, wahr, und Protagoras' Lehre erklärt damit ihre eigene Verneinung für gültig und hebt sich auf. Dieses Argument der Selbstwiderlegung, später von Aristoteles im vierten Buch der „Metaphysik" zur generellen Waffe gegen jeden, der den Satz vom Widerspruch leugnet, geschärft, gilt bis in die analytische Gegenwart (Burnyeat, Myles F.) als der härteste Stein im Weg jedes konsequenten Relativismus: Wer behauptet, es gebe keine vom Menschen unabhängige Wahrheit, beansprucht für genau diese Behauptung stillschweigend eine solche Wahrheit. Die übliche Rettung, der Satz sei eben nur „wahr für Protagoras", kauft die Konsistenz mit dem Preis der Belanglosigkeit – eine Lehre, die nur noch für ihren Urheber gilt und keinen anderen mehr binden kann, hat aufgehört, eine Lehre zu sein, und wird zum bloßen Geständnis. Hinzu kommt das hermeneutische Elend, das jede Würdigung untergräbt: Wir kennen Protagoras fast nur durch Platon, also durch die Feder seines schärfsten Gegners, der den Relativismus erst zu jener radikalen, an Heraklits Flusslehre angelehnten Gestalt zuspitzt, an der er ihn dann bequem scheitern lässt – ob der historische Protagoras überhaupt so dachte, bleibt das ungelöste Grunddilemma der Forschung.
θ · Bezug zur Technikphilosophie
Protagoras steht am Ursprung der „technologischen“ Wende des Denkens: Die Sophisten verstanden ihr Können – Rhetorik, Argumentation, Überzeugung – als téchne, als erlern- und lehrbare Kunstfertigkeit, nicht als göttliche Gabe. Im sogenannten „Protagoras-Mythos“ (in Platons Dialog) erzählt er, wie Prometheus den Menschen das technische Feuer und die Künste brachte, weil sie von Natur schutzlos waren; erst Zeus aber gab ihnen zusätzlich die politische Kunst – Scham und Recht –, ohne die keine Gemeinschaft bestehen kann. Damit deutet Protagoras Zivilisation als kulturelle Leistung, als selbst erworbene Technik des Zusammenlebens. In der modernen Diskussion über Information, Meinungsmacht und die Manipulierbarkeit von Wahrnehmung wirkt die sophistische Einsicht fort, dass derselbe Sachverhalt durch die Kunst der Darstellung ganz verschieden erscheinen kann.
θ · Wahrheitsbegriff
Protagoras' Wahrheitsbegriff ist radikal relativistisch: Wahrheit ist nicht die Übereinstimmung eines Urteils mit einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit, sondern immer Wahrheit-für-jemanden. Was dem einen erscheint, ist für ihn wahr; ein objektives Maß, an dem sich konkurrierende Erscheinungen messen ließen, gibt es nicht. Damit wird der Gegensatz von „wahr“ und „falsch“ ersetzt durch den von „nützlich/besser“ und „schädlicher“: Der weise Lehrer kann nicht falsche Meinungen in wahre verwandeln, wohl aber schlechtere Zustände in bessere – wie der Arzt den kranken Geschmack in einen gesunden. Dieser Begriff von Wahrheit als perspektivischer, an Wahrnehmung und Lebensförderlichkeit gebundener Geltung ist der erste große Gegenentwurf zu der bei Parmenides und später bei Platon entwickelten Idee einer einen, objektiven, vom Menschen unabhängigen Wahrheit.
θ · Subjekt & Objekt
Mit dem Homo-mensura-Satz rückt erstmals das erkennende Subjekt ins Zentrum der Erkenntnistheorie. Während die frühen Naturphilosophen nach dem objektiven Urgrund des Kosmos fragten, verlegt Protagoras den Maßstab des Seienden in den wahrnehmenden Menschen: Das Objekt „an sich“ – warm oder kalt, süß oder bitter – verliert seinen festen Status und wird zur Relation zwischen Ding und Wahrnehmendem. Es gibt streng genommen keine Eigenschaft ohne jemanden, dem sie erscheint. Damit nimmt Protagoras eine Grundfrage der neuzeitlichen Erkenntnistheorie vorweg, die von Descartes über Kant bis zum Konstruktivismus reicht: Inwieweit ist das, was wir erkennen, durch das erkennende Subjekt mitbestimmt? Platon hat diese Subjektivierung als Bedrohung der Wissenschaft verstanden und ihr die objektive Welt der Ideen entgegengesetzt.
θ · Beitrag zur Wissenschaftstheorie
Für die Wissenschaftstheorie ist Protagoras eine bleibende Provokation: Wenn jede Wahrnehmung für den Wahrnehmenden wahr ist, scheint der Begriff einer objektiven, allgemeingültigen Erkenntnis zu zerfallen – und damit die Grundlage jeder Wissenschaft, die mehr sein will als Meinung. Genau diesen Einwand entwickelte Platon: Ohne ein vom subjektiven Erscheinen unabhängiges Wissen (epistéme) gäbe es nur wechselnde Meinung (dóxa). Zugleich enthält die sophistische Position einen produktiven Kern, der in modernen wissenschaftstheoretischen Debatten wiederkehrt: die Einsicht, dass Beobachtung immer perspektivisch, theorie- und standortgebunden ist, und dass zu jeder These plausible Gegenthesen formulierbar sind (dissoi logoi). Der Streit zwischen objektivistischem Wahrheitsanspruch und relativistischer Standpunktgebundenheit, den Protagoras und Platon eröffneten, durchzieht die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie bis in die Gegenwart.
θ · Logische Beweise & Argumente
Das Selbstwiderlegungsargument gegen den Relativismus (Platons Einwand im „Theaitetos“)
Schon Platon hat im „Theaitetos“ versucht, den Homo-mensura-Satz mit seinen eigenen Mitteln zu widerlegen: Wenn jede Meinung für den wahr ist, der sie hat, dann muss Protagoras auch die Meinung seiner Gegner als wahr anerkennen – einschließlich der Meinung, dass sein eigener Satz falsch sei.
- P1Nach Protagoras ist jede Auffassung wahr für den, der sie vertritt, denn der Mensch ist das Maß aller Dinge (es gibt kein Maß über den Einzelnen hinaus).
- P2Die meisten Menschen aber sind der Auffassung, dass es eine objektive Wahrheit gibt und dass der Relativismus des Protagoras falsch ist.
- P3Nach Protagoras' eigenem Grundsatz ist diese verbreitete Auffassung wahr für die, die sie haben – Protagoras muss also zugeben, dass sie wahr ist.
- ∴Also muss Protagoras zugeben, dass die Auffassung, sein Relativismus sei falsch, wahr ist – seine eigene Lehre erklärt damit ihre eigene Verneinung für wahr und hebt sich selbst auf.
Dieses Argument der „peritropé“ (Umwendung) gilt als der klassische Einwand gegen jeden uneingeschränkten Relativismus: Wer behauptet, es gebe keine objektive Wahrheit, erhebt mit dieser Behauptung selbst einen Anspruch auf objektive Wahrheit und widerspricht sich. Verteidiger des Protagoras wenden ein, der Satz sei nur als Aussage „für Protagoras“ gemeint und entgehe so der Falle – der Streit, ob der Relativismus sich selbst widerlegt, ist bis heute lebendig.
θ · Hauptwerke
Über die Wahrheit (Alétheia)
Das Hauptwerk, auch „Niederwerfende Reden“ genannt, nur in Fragmenten und Bezeugungen erhalten. Es begann mit dem Homo-mensura-Satz und entfaltete den erkenntnistheoretischen Relativismus. Platon setzt sich im „Theaitetos“ ausführlich mit dieser Schrift auseinander.
bei genialokal.de ansehen ↗Über die Götter (Peri theon)
Die Schrift, deren erhaltener Eröffnungssatz den berühmten Agnostizismus formuliert: Über die Götter sei nichts zu wissen, weder ob sie sind noch ob sie nicht sind. Der Überlieferung nach soll das Werk in Athen öffentlich verbrannt worden sein.
bei genialokal.de ansehen ↗Antilogien / Über die Wissenschaften
Zugeschriebene Schriften zur Technik der „doppelten Reden“ (dissoi logoi) und zur Argumentationskunst, die das Verfahren lehrten, jede These und ihre Gegenthese gleichermaßen zu begründen. Erhalten sind nur Titel und vereinzelte Zeugnisse.
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θ · Zitate
„Aller Dinge Maß ist der Mensch: der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind.“
— Über die Wahrheit, Fragment (überliefert bei Sextus Empiricus und Platon, Theaitetos)
„Über die Götter kann ich nichts wissen, weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind, noch wie sie an Gestalt beschaffen sind; denn vieles hindert das Wissen: die Dunkelheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens.“
— Über die Götter, Fragment (überliefert bei Diogenes Laertios)
„Über jede Sache gibt es zwei einander entgegengesetzte Reden.“
— sinngemäß zugeschrieben (Diogenes Laertios, IX 51)
θ · Aus dem Leben
Der Prozess um das Lehrgeld
Die Überlieferung erzählt eine berühmte Streitfrage zwischen Protagoras und seinem Schüler Euathlos. Dieser sollte das Honorar für den Unterricht in der Rechtskunst erst zahlen, wenn er seinen ersten Prozess gewonnen hätte. Euathlos übernahm jedoch keinen Fall, und Protagoras verklagte ihn schließlich auf Zahlung. Vor Gericht argumentierte Protagoras: „Gewinne ich diesen Prozess, musst du nach dem Richterspruch zahlen; verlierst du ihn aber, so hast du deinen ersten Prozess gewonnen und musst nach unserem Vertrag zahlen – in jedem Fall musst du zahlen.“ Euathlos, der gut gelernt hatte, kehrte das Argument um: „Gewinne ich, muss ich nach dem Richterspruch nicht zahlen; verliere ich aber, so habe ich meinen ersten Prozess noch nicht gewonnen und muss nach dem Vertrag nicht zahlen – in keinem Fall muss ich zahlen.“ Die Geschichte zeigt anschaulich die sophistische Kunst der „doppelten Reden“: Aus denselben Tatsachen lassen sich zwei vollständig entgegengesetzte, gleich schlüssige Argumente bauen.
θ · Verwandte Denker
Platon ist Protagoras' großer Gegenspieler: Im Dialog „Protagoras“ ringt Sokrates mit ihm um die Lehrbarkeit der Tugend, im „Theaitetos“ widerlegt er den Homo-mensura-Satz und stellt der relativen Wahrnehmung die objektive Wahrheit der Ideen entgegen.
Nietzsches Perspektivismus – „es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen“ – nimmt den sophistischen Relativismus des Protagoras auf; Nietzsche schätzte die Sophisten als nüchterne Realisten gegenüber dem moralisierenden Platonismus.
Kants Frage, inwiefern das erkennende Subjekt seine Erfahrungswelt mitkonstituiert, führt den von Protagoras eröffneten Gedanken weiter, dass der Mensch das Maß der erscheinenden Dinge ist – wenn auch auf streng allgemeingültiger statt relativistischer Grundlage.
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