kursiert: rechtes Milieu
Kursiert im rechten und im biologistisch aufgeladenen Teil der Netzdebatte, meist mit Zwillings- und Adoptionsstudien im Rücken und gerichtet gegen die Gegenthese, Kriminalität sei ein reines Armutsphänomen.
Zwei Wörter tragen die Last, und beide sind im Alltag anders belegt als in der Sache. „Erblich“ meint am Küchentisch: weitergegeben wie die Augenfarbe, festgelegt, unabänderlich. In der Verhaltensgenetik meint Heritabilität etwas ganz anderes, nämlich einen Anteil an der Streuung: Wie viel der Unterschiede zwischen den Menschen einer bestimmten Bevölkerung zu einer bestimmten Zeit geht mit genetischen Unterschieden einher? Das ist eine Aussage über eine Gruppe, nie über eine Person. Wie weit die beiden Bedeutungen auseinanderliegen, zeigt ein Standardbeispiel: Die Zahl der Finger an einer Hand ist vollständig genetisch angelegt — ihre Heritabilität ist dennoch nahe null, weil die Unterschiede zwischen Menschen fast ausschließlich von Unfällen herrühren. Das zweite Wort ist „Kriminalität“. Es benennt kein Verhalten, sondern eine Rechtskategorie, und gemessen wird es an Verurteilungen. Damit misst jede dieser Studien immer auch das, was zwischen Tat und Akte liegt: Anzeigebereitschaft, Polizeipräsenz, Beweislage, Verteidiger. Und die Kategorie selbst wandert — was strafbar ist, hat sich in hundert Jahren mehrfach verschoben, ohne dass sich ein Gen bewegt hätte.
Die Befunde sind real und sollten nicht kleingeredet werden. Die größte Zusammenschau, eine Meta-Analyse von 51 Zwillings- und Adoptionsstudien zu antisozialem Verhalten, kommt auf rund 41 Prozent genetischen Anteil an der Streuung, etwa 16 Prozent geteilte Umwelt und gut 40 Prozent nicht geteilte Umwelt. Die dänische Adoptionskohorte von 1984 — über vierzehntausend Adoptionen — fand einen Zusammenhang zwischen den Verurteilungen leiblicher Väter und denen ihrer weggegebenen Söhne, und zwar bei Eigentumsdelikten, nicht bei Gewaltdelikten. So weit trägt die Zahl. Drei Dinge trägt sie nicht. Erstens: Heritabilität ist keine Konstante, sondern hängt an den Verhältnissen. Eine vielzitierte Untersuchung fand die Heritabilität des IQ bei Kindern aus den ärmsten Familien nahe null und bei wohlhabenden hoch — je knapper die Verhältnisse, desto mehr erklären sie, und desto weniger bleibt für die Anlage. Die Replikationslage dazu ist uneinheitlich; eine internationale Nachprüfung fand den Effekt in US-Stichproben, in europäischen dagegen nicht, was am ehesten auf die dichteren Sozialsysteme zurückgeführt wird. Zweitens: Heritabilität erklärt Unterschiede innerhalb einer Bevölkerung zu einem Zeitpunkt — niemals Unterschiede zwischen Zeiten oder Gruppen. Die registrierte Kriminalität stieg in Deutschland von den 1960ern bis in die 1990er stark an und fällt seither deutlich; derselbe Verlauf zeigt sich in vielen westlichen Ländern. Der Genpool hat in diesen sechzig Jahren nichts dergleichen getan. Was sich so bewegt, kann von dem, was sich nicht bewegt, nicht erklärt werden. Drittens gibt es die Vorgeschichte: Cesare Lombroso hat 1876 den geborenen Verbrecher ausgerufen und wollte ihn an Schädelmaßen ablesen. Charles Goring hat 1913 an dreitausend englischen Sträflingen nachgemessen und keinen Verbrechertypus gefunden. Der Satz ist nicht neu; neu sind nur die Zwillinge an der Stelle der Schädel.
Die starke Fassung ist unbequem, und zwar für die andere Seite. Sie lautet: Dispositionen sind erblich, auch die unangenehmen. Impulskontrolle, Reizsuche, geringe Furchtreaktion, die Fähigkeit, eine Belohnung aufzuschieben — all das streut zwischen Menschen und streut zu einem erheblichen Teil entlang der Anlagen. Wer das leugnet, betreibt seine eigene Ideologie und zahlt dafür mit Programmen, die nichts bewirken, weil sie an einer Formbarkeit ansetzen, die es so nicht gibt. Dazu kommt ein Befund, der beide Lager irritiert: Anlagen erzeugen Umwelten. Wer Reize sucht, sucht sich die Milieus, in denen es Reize gibt — die vermeintlich reine Umwelterklärung misst also oft die Anlage noch einmal, nur unter anderem Namen. Und die eleganteste Wendung zum Schluss: Je gleicher die Verhältnisse, desto höher die Heritabilität. Wer Chancengleichheit tatsächlich herstellt, treibt die Erblichkeitszahlen nach oben, weil er die Umweltunterschiede wegnimmt, die vorher die Streuung erklärt haben. Eine hohe Heritabilität ist damit ebenso gut ein Zeugnis gelungener Sozialpolitik wie ein Argument gegen sie.
Der schwerste Einwand ist nicht empirisch, sondern logisch, und er stammt von Hume: Aus dem, was ist, folgt nichts über das, was sein soll. Selbst wenn die Zahl exakt stimmte, ergäbe sich daraus keine einzige Maßnahme — weder eine härtere Strafe noch eine mildere, weder Auslese noch Nachsicht. Wer aus 41 Prozent eine Politik ableitet, hat den Schritt nicht bemerkt, den er getan hat. Kant setzt nach: Das ganze Strafrecht beruht darauf, dass dem Täter die Tat zugerechnet werden kann. Wäre Kriminalität Anlage, wäre der Schuldspruch eine Verwechslung und die Strafe nichts als Quarantäne — was einige durchaus wollen, aber dann bitte offen. Rawls zieht die Konsequenz für die Gegenseite: Anlagen sind moralisch willkürlich, niemand hat sich seine Impulskontrolle verdient; wer aus Anlagen Ansprüche ableitet, tut es in beide Richtungen oder in keine. Und Foucault dreht schließlich die Frage um: In „Überwachen und Strafen“ ist der Delinquent nicht das, was der Apparat vorfindet, sondern das, was er hervorbringt — eine Figur, die Gefängnis, Akte und Gutachten erst erzeugen und dann wiederfinden. Wer Verurteilungen zählt, zählt am Ende womöglich die Institution.
Hält halb, und zwar an der unbequemen Stelle. Die Befunde sind da, sie sind robust, und wer sie wegwischt, weil ihm nicht gefällt, wer sie zitiert, macht sich unglaubwürdig. Was der Satz behauptet, steht aber in keiner dieser Studien: dass Kriminalität weitergegeben werde wie eine Augenfarbe, dass sie also Schicksal sei. Heritabilität ist ein Maß für Streuung in einer Gruppe unter gegebenen Verhältnissen — sie sagt nichts über eine Person, nichts über Unabänderlichkeit und nichts über den Vergleich zweier Gruppen. Der Satz nimmt eine Zahl aus dem einen Sprachspiel und trägt sie in ein anderes, wo sie ungleich mehr behauptet. Genau das ist die Überdehnung. Brauchbar wäre der Satz nur in seiner mühsamen Fassung: Ein erheblicher Teil der Unterschiede im antisozialen Verhalten innerhalb heutiger westlicher Bevölkerungen geht mit genetischen Unterschieden einher — was weder eine Entschuldigung noch ein Urteil ist, sondern eine Aufgabe.
Anderer Meinung? Trag die Behauptung im Live-Gespräch einem der Denker vor — und sieh, was er davon übrig lässt.