Behauptungen auf dem Prüfstand
Sätze, die in der Debatte als gesichert durchgehen, weil sie oft genug gesagt wurden. Hier steht zuerst, welches Wort im Satz die Last trägt, dann was die Belege hergeben, dann die stärkste Fassung der Behauptung — und erst danach das Urteil. Geprüft wird der Satz, nie die Person.
Geprüft wird, was weit verbreitet, empirisch überhaupt prüfbar und öffentlich folgenreich ist — gleich, aus welchem Milieu es kommt. Eine Rubrik, die nur eine Seite prüft, ist keine Rubrik, sondern ein Parteiorgan; gegen diesen Verdacht hilft aber keine ausgeglichene Strichliste, sondern nur dieselbe Methode für jeden Satz.
überdehnt
„Kriminalität ist weitgehend erblich.“
kursiert: rechtes Milieu
Die Studien gibt es, die Zahlen stimmen ungefähr — und der Satz sagt trotzdem etwas anderes als sie. „Erblich“ heißt in der Genetik nicht, was es am Küchentisch heißt.
widerlegt
„Experten können die Zukunft vorhersagen.“
kursiert: beide Lager
Zwanzig Jahre lang nachgezählt: Der durchschnittliche Experte lag kaum besser als der Zufall — und je bekannter er war, desto schlechter.
Begriffsfrage
„Wer kein Antifaschist ist, ist Faschist.“
kursiert: linkes Milieu
Klingt nach Ernstfall, ist aber eine Rechenaufgabe. Der Satz stimmt nur, wenn „Faschist“ alles heißt, was nicht mitmarschiert — und dann sagt er nichts mehr.
Verwandte Rubrik: Sprüche auf dem Prüfstand — dort geht es um geflügelte Worte und die Frage, wer sie wirklich gesagt hat. Hier um Sätze, die niemand gesagt haben will und trotzdem alle wiederholen.