kursiert: linkes Milieu
Parole in linken Milieus: auf Transparenten, in Profilzeilen, unter jedem zweiten Streitvideo. Ein Urheber ist nicht greifbar; der Satz kursiert seit den 2010er-Jahren als Netzformel und hat keine Fundstelle, die ihn trüge.
Die Last trägt ein einziges Wort: „Faschist“. Historisch ist es scharf. Roger Griffin hat den Kern in einer Minimaldefinition gefasst — palingenetischer Ultranationalismus, also der Glaube an die Wiedergeburt der Nation aus dem Verfall, mit allem, was daran hängt: Führerprinzip, Vernichtung der Opposition, Krieg als Lebensform. Hannah Arendt hat sogar innerhalb dieses Feldes noch einmal getrennt und den italienischen Faschismus ausdrücklich nicht zu den totalen Herrschaften gerechnet, weil ihm der Terror gegen die eigene, längst unterworfene Bevölkerung fehlte. Im Umlauf des Satzes ist von dieser Schärfe nichts übrig; „Faschist“ heißt dort: Gegner. Umberto Eco hat 1995 vierzehn Merkmale des „Ur-Faschismus“ aufgeschrieben — Traditionskult, Angst vor dem Anderen, Verachtung des Schwachen, Denken in Verrat und Verschwörung — und dazu den Satz, es genüge, dass eines von ihnen vorhanden sei, damit sich Faschismus um es herum verdichten könne. Eco liefert damit beides: die eindringlichste Warnung vor der Sache und zugleich die Formel, mit der sich der Name auf fast jeden legen lässt. Wer ein Merkmal findet, hat den Vorwurf.
Hier ist nichts nachzuzählen; der Satz ist keine Tatsachenbehauptung, sondern eine Definition im Gewand einer Feststellung. Seine Form ist ein Schluss: Wer nicht A ist, ist F. Ein solcher Schluss gilt nur, wenn A und F das Feld vollständig aufteilen — wenn es also niemanden gibt, der weder das eine noch das andere ist. Genau das ist falsch. Zwischen Antifaschist und Faschist steht der Gleichgültige, der Erschöpfte, der Liberale, der Konservative, der Anarchist, die dreiundneunzigjährige Nachbarin, die von beidem noch nie gehört hat. Wer die Aufteilung dennoch retten will, hat nur einen Weg: „Antifaschist“ so weit zu fassen, dass es schlicht heißt „kein Faschist“. Dann stimmt der Satz — und ist leer, weil er nur noch sagt, dass ein Nichtfaschist kein Faschist ist. Der Satz hat also keine dritte Möglichkeit: Entweder er behauptet etwas und ist falsch, oder er ist wahr und behauptet nichts.
Die starke Fassung steht nicht in der Logik, sondern in der Politik, und sie ist ernst zu nehmen. Sie lautet: Im Ernstfall ist Neutralität keine Position, sondern eine Wirkung. Wer sich heraushält, während eine Seite die Regeln zerlegt, kostet den Angreifer nichts und die Angegriffenen alles — Abwesenheit rechnet sich in dieser Lage wie Zustimmung. Adorno hat 1966 die härteste Fassung dieses Gedankens formuliert: Die erste Forderung an alle Erziehung sei, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, und diese Forderung richte sich nicht an die Täter, sondern an die vielen, die zusahen. Karl Popper hat den Gedanken sogar in eine Erlaubnis übersetzt: Unbegrenzte Toleranz führt zum Verschwinden der Toleranz, also darf eine offene Gesellschaft das Recht beanspruchen, die Intoleranten nicht zu tolerieren. Wer die Parole ruft, meint diese Linie — und trifft damit etwas Wirkliches.
Zwei Einwände, und beide zielen auf das Urteil, nicht auf die Parole. Erstens: Man prüft hier womöglich die falsche Sache. Eine Kampfparole ist keine Behauptung, sondern ein Aufruf; sie soll niemanden über die Welt belehren, sondern jemanden in Bewegung setzen. Sie mit Aussagenlogik zu vermessen, ist ungefähr so aufschlussreich, wie einem Alarmton vorzurechnen, dass er unpräzise sei. Zweitens, und schwerer: 1933 hat die Gleichgültigkeit tatsächlich mitgewirkt, und wer im Rückblick die Sortierung der Beteiligten in feine Grade verlangt, verlangt sie von der bequemsten Position aus, die es gibt. Der Satz übertreibt — aber er übertreibt in Richtung einer Erfahrung, die es gab. Dagegen steht allerdings Poppers eigener Nachsatz, den fast alle weglassen, die sich auf ihn berufen: Er wolle keineswegs, dass man intolerante Auffassungen immer unterdrücke; solange man ihnen mit vernünftigen Argumenten begegnen und sie durch die öffentliche Meinung in Schach halten könne, wäre Unterdrückung höchst unklug. Die Erlaubnis greift erst, wo die andere Seite das Argument verweigert. Die Parole dreht das um: Sie stellt die Verweigerung im Voraus fest — und erspart sich damit genau das Gespräch, das Popper zur Bedingung gemacht hat.
Der Satz bricht, und er bricht nicht an seiner Härte, sondern an seiner Bequemlichkeit. Was er behauptet, ist entweder falsch oder leer; was er leistet, ist die Abschaffung der Prüfung: Wer jeden, der nicht mitgeht, schon eingeordnet hat, muss nie mehr fragen, warum er nicht mitgeht. Was übrig bleibt, ist ein anderer, schwächerer, brauchbarer Satz: Im Ernstfall ist Neutralität eine Parteinahme. Der sagt weniger, ist aber wahr und lässt sich verteidigen. Und ein Preis kommt dazu, den vor allem die zahlen, die den Satz rufen: Wer alle Gegner Faschisten nennt, hat kein Wort mehr für den Faschisten. Die Inflation eines Warnbegriffs entwertet die Warnung. Wer die Sache wirklich fürchtet, muss den Namen sparsam führen — nicht aus Höflichkeit, sondern damit er noch trifft, wenn es so weit ist.
Anderer Meinung? Trag die Behauptung im Live-Gespräch einem der Denker vor — und sieh, was er davon übrig lässt.