kursiert: beide Lager
Die stillschweigende Voraussetzung fast jeder Talkshow, jedes Leitartikels, jeder Marktprognose — und quer durch alle Lager. Wer den passenden Fachmann zitiert, hält die Zukunft für abgeräumt.
„Vorhersagen“ bezeichnet zwei völlig verschiedene Tätigkeiten, die im Satz zu einer verschmelzen. Die erste ist die überprüfbare: ein datierter, präziser, mit einer Wahrscheinlichkeit versehener Satz — bis zum 31. Dezember, mit 70 Prozent, dieses Ereignis. Ein solcher Satz kann falsch werden, und deshalb kann man ihn nachhalten. Die zweite ist die Einschätzung: die Lage bleibt angespannt, es wird zu Verwerfungen kommen, mittelfristig sind Korrekturen zu erwarten. Sie kostet nichts, weil sie nie eintrifft und nie ausbleibt. Fast alles, was öffentlich als Prognose auftritt, ist von der zweiten Art und leiht sich das Ansehen der ersten. Der Satz behauptet die Leistung der ersten Sorte für Leute, die die zweite liefern.
Es gibt dazu die seltene Lage, dass jemand nachgezählt hat. Philip Tetlock hat über zwanzig Jahre rund 284 Fachleute — Politikwissenschaftler, Regionalexperten, Analysten — insgesamt etwa 28.000 datierte Prognosen abgeben lassen und sie ausgewertet. Ergebnis: Der Durchschnitt lag kaum über dem Zufall und wurde von simplen Fortschreibungsregeln geschlagen. Zwei Nebenbefunde sind schärfer als der Hauptbefund. Erstens die Sortierung nach Isaiah Berlins Bild vom Igel und vom Fuchs: Wer eine große Idee hatte und alles durch sie hindurch sah, schnitt schlechter ab als der, der viele kleine Modelle nebeneinander laufen ließ und sie fortwährend korrigierte. Zweitens der Zusammenhang mit der Bekanntheit — je häufiger jemand in den Medien auftrat, desto schlechter war seine Trefferquote. Was gefragt ist, ist die klare Ansage; was trifft, ist die vorsichtige. Die Fortsetzung ist freundlicher: Im Prognoseturnier der US-Geheimdienstforschung zwischen 2011 und 2015 fand sich eine kleine Gruppe von Freiwilligen, die „Superforecaster“, deren Treffsicherheit deutlich über allem lag — nach Darstellung des Projekts auch über der von Analysten mit Zugang zu Verschlusssachen. Diese oft zitierte Zahl stammt aus der Veröffentlichung der Beteiligten selbst und nicht aus einer unabhängigen Wiederholung; sie steht hier deshalb als Angabe, nicht als Befund. Übertragbar ist ohnehin nicht die Zahl, sondern das Verfahren: die Frage in Teilfragen zerlegen, mit Basisraten beginnen, in kleinen Schritten nachjustieren, Zahlen statt Adjektive verwenden und die eigene Bilanz führen. Das ist erlernbar, und im Turnier war der Trainingseffekt messbar.
Was den Satz rettet, ist stärker als der Satz. Prognose ist keine Gabe, sondern eine Fertigkeit — messbar, trainierbar, und ihre Bedingung ist die Form. Nur was datiert, präzise und mit einer Zahl versehen ist, kann falsch werden; und nur was falsch werden kann, kann besser werden. Das ist Poppers Gedanke, angewandt auf den Alltag: Die Falsifizierbarkeit eines Satzes ist nicht seine Schwäche, sondern die einzige Bedingung, unter der aus Irrtum Wissen wird. Wer eine Prognose so formuliert, dass er später nicht beschämt werden kann, hat sich um genau das gebracht, was ihn hätte besser machen können. Die brauchbare Fassung des Satzes lautet deshalb nicht „Experten sehen die Zukunft“, sondern: Wer sich datiert, quantifiziert und nachhält, sieht ein Stück weiter als der Zufall — und wer es nicht tut, sieht nicht weiter, ganz gleich, wie viel er weiß.
Der Einwand richtet sich gegen die Messung selbst. Turnierfragen sind kurzfristig und geschlossen: Tritt X bis zum Stichtag ein? Genau die Fragen, auf die es politisch ankommt, sind das nicht — ob eine Demokratie hält, ob ein Krieg kommt, was eine Technologie mit einer Gesellschaft macht. Diese Fragen sind offen, langfristig und rückwirkend: Die Prognose verändert, was sie vorhersagt, was Popper den Ödipus-Effekt genannt hat. Ein Turnier misst also Disziplin, nicht Reichweite, und wer nur noch schätzt, was sich zählen lässt, verlernt womöglich das Urteil über das, worauf es ankommt. Popper selbst liefert dazu allerdings den härteren Grund, und er trifft den Satz noch tiefer: Der Lauf der Geschichte hängt vom Wachstum unseres Wissens ab, und was wir morgen wissen werden, können wir heute nicht wissen — sonst wüssten wir es schon. Der große historische Verlauf ist damit nicht schwer vorherzusagen, sondern grundsätzlich nicht vorherzusagen. Und die älteste Fassung des Problems steht bei Aristoteles: Ist der Satz „Morgen wird eine Seeschlacht stattfinden“ schon heute wahr oder falsch? Steht sein Wahrheitswert bereits fest, dann ist auch das Künftige entschieden und alle Beratung überflüssig. Wie Aristoteles selbst die Frage beantwortet, ist bis heute umstritten; dass sie sich stellt, ist es nicht.
In der Form, in der der Satz kursiert — der Fachmann sieht kommen, was wir nicht sehen —, ist er gemessen und gescheitert. Was an seine Stelle tritt, ist enger und nützlicher: Es gibt keine Experten der Zukunft, aber es gibt gute und schlechte Prognostiker, und der Unterschied liegt nicht im Wissen, sondern in der Buchführung. Für den Leser folgt daraus eine einfache Prüffrage, die jede Talkshow überlebt: Ist die Aussage datiert? Steht eine Zahl darin? Und führt der, der sie ausspricht, eine Bilanz seiner früheren Aussagen? Dreimal nein heißt: Hier wird nichts vorhergesagt. Hier wird über die Gegenwart geredet, mit Blick auf den Beifall. Der Satz taugt also nicht als Erlaubnis, sich auf Experten zu verlassen — sondern als Aufforderung, sie nachzuhalten.
Anderer Meinung? Trag die Behauptung im Live-Gespräch einem der Denker vor — und sieh, was er davon übrig lässt.